Der Räuber als Poet

Im April 1928 wird es eng für Ernst Hannack (27). Bei seiner Geliebten Anny (24) werden sieben Koffer mit Beute aus seinen Einbrüchen beschlagnahmt.

Hannacks Gewerbe ist armselig. Er stiehlt Unterröcke, Socken und Gardinen, seltener goldene Ringe oder ein Perlmutt-Opernglas. Ein großes Ding und dann weg aus Hamburg, träumt er.

Kurz bevor er mit Anny die bereits gebuchte Schiffspassage nach Südamerika nutzen kann, wird sie als Hehlerin verhaftet.

Anny ist noch verheiratet, nennt Ernst aber ihren „Verlobten“. Er über sie: „Sie weiß von nichts, sie folgt einem inneren Trieb, sie folgt mir bis ans Ende der Welt.“

Weil sie verspricht, Hannack zu verpfeifen, wird Anny entlassen. Sie trifft ihn sofort am Bahnhof Sternschanze, wo in der Gepäckabgabe die Aktentasche mit seinem Werkzeug deponiert ist, und taucht mit ihm unter.

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Einbruchswerkzeuge und »aufgeknabberte« Tresortür

Er malt sich den befreienden Coup aus. Und dann zu seiner Mutter in Argentinien. Ein Bankraub soll es sein. Ein „Bravourstück“, wie die Zeitungen sagen. Mit Waffen rein und mit Geldsäcken raus.

Zur Verstärkung nimmt Hannack seinen Knastkumpan Ernst Külsen (26) mit. Beim ersten Versuch in einer Sparkasse in Winterhude hauen sie ohne Beute ab.

Bei der Bank in Barmbek-Nord stecken sie am 27. Juni 4500 Mark ein, lassen aber einen Haufen Scheine liegen. Und beim Weglaufen ballert Hannack herum – ein 49-jähriger Angestellter wird tödlich getroffen.

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Aus dem großen Coup wird eine lange Flucht, finanziert mit Einbrüchen. Berlin, dann 14 Tage Seeluft auf Rügen, bis das Geld alle ist, wieder Berlin und durchs ganze Land. Halle, Leipzig, München, Nürnberg, Stuttgart, Dresden, Düsseldorf, Köln, Frankfurt am Main: 99 nachweisbare Straftaten.

Hannack und Külsen brechen ein, Anny versetzt die Sore im Pfandhaus. Nachdem sie eine Konfiserie geplündert haben, leben sie eine Woche lang von Schokolade.

Von unterwegs schickt Hannack Briefe an den heimischen Staatsanwalt; „Furchtbarer Hass umkrallte meine Seele.“ Er unterstreicht: „Aber den Mann habe ich nicht getötet.“

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Hannacks falscher Pass

Im Herbst ist das Trio wieder in Hamburg, füllt das Konto mit 62 Einbrüchen. Und sie besorgen sich Pässe. Die bringen die Polizei auf ihre Spur.

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Annys echter Ausweis

Am 9. Dezember werden sie in einem Hotel in Amsterdam verhaftet. Sie haben Tickets für Montevideo.

Aus der Zelle teilt Hannack dem Staatsanwalt mit: „Ich will mich ganz und gar der Poesie widmen.“ Das Gericht gibt ihm 15 Jahre Muße. Külsen bekommt 12 Jahre, Anny 15 Monate.

„Gewissensbisse“, „Alsterfluten“ oder „Himmelsfunk“ betitelt Hannack die Lyrik für seinen Ankläger: „Der Tag des Gerichts wird entschieden durch das Erdenlebenführungspfand, das aus der Radioregistratur wird zu Gott gesandt.“

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Brief Hannacks an den Staatsanwalt

Poesie allein genügt ihm doch nicht. Im Dezember 1932 startet Hannack eine Serie von Fluchten. Zunächst haut er aus dem Zuchthaus Rendsburg ab.

Im Februar 1933 wird er in Hamburg erwischt. Auf der Wache lässt er sich die Handschellen abnehmen, um zu essen. Er schlägt einen Wächter nieder, hechtet aus einem nicht ganz vergitterten Fenster im 1. Stock – und ist weg.

Sechs Wochen später wird er auf dem Heiligengeistfeld erkannt und zieht zwei Revolver. Unter Beschuss entkommt Hannack in ein Haus an der Budapester Straße und verschwindet über die Dächer.

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Im Sommer tritt er der Petersen-Bande bei. Adolf Petersen (51), „König der Einbrecher“ und „Lord von Barmbeck“, müsste eigentlich sitzen. Vermutlich hat er einen Deal mit der Justiz.

24. Oktober 1933, 17 Uhr: Hannack ist mit dem „Lord“ bei der Kirche am Mittelweg verabredet. Die Polizei hat den Platz umstellt. Hannack riecht die Falle und flieht schießend. Petersen wird am Arm verletzt.

„Hannack-Hysterie“ erfasst Hamburg. Überall wird der schießwütige Desperado gesichtet. Auch am 26. Oktober im Bahnhof Bergedorf. Um sich feuernd rennt er in den Schlosspark. Trotz Streifschuss am Kopf und einer Kugel in der Schulter gibt er erst auf, als er direkt vor die Polizeiwache läuft.

Adolf Petersen wird ebenfalls verhaftet und erhängt sich in der Zelle. „Hülle dich in Tand nur und spiele diesen furchtbaren Roman zu Ende bis alles vorbei“, dichtet Hannack für den Staatsanwalt.

Ein neues Gesetz der Nazis kostet ihn den Kopf: Wer Polizisten angreift, ist des Todes. Am 3. März 1934 endet die schauerliche Ballade.

„Der Beilhieb des Scharfrichters im Falle Hannack war ein Schnitt durch die Zeitgeschichte“, schrieb eine Zeitung über die Hinrichtung. „In Hannack ist nicht nur ein unverbesserlicher hochexplosiver Schwerverbrecher geköpft worden, sondern eine ganze juristische Weltanschauung.“

Seit 1917 war die Todesstrafe in Hamburg nicht vollstreckt worden. Die NS-Regierung änderte das sofort. Bis 1945 wurden mindestens 475 „Volksschädlinge“ gehenkt. Nur zwölf Prozent waren Mörder und Totschläger. Eine abfällige Bemerkung über das Regime reichte.

© Uwe Ruprecht

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