Tod eines Dienstmädchens in Hamburg 1934

Vermisstenanzeige: Else Kleist, 27 Jahre alt, 1,60 bis 1,65 Meter klein, blond, braune Augen, Bubikopf; besonderes Kennzeichen: schlechter Gang durch Senkfuß sowie X-Beine. Zuletzt gesehen wurde Fräulein Kleist in der Villa der Eigentümer von »Reemtsma Cigarettenfabriken« an der Flottbeker Chaussee in Altona.

Am 14. Oktober 1934 gegen 21.30 Uhr hatte Alwin Reemtsma, 39, dem Dienstmädchen gestattet, sich zur Ruhe zu begeben. Wer kennt Else näher?, fragt die Polizei. Ihr »Verhältnis«. Vom Umgang seiner Dienstboten weiß Reemtsma gemeinhin nichts, aber dieser Mann hat ihm einen Bettelbrief geschrieben.

»Durch meine Kriegsverletzung bin ich 1917 operiert worden, so dass ich stets arbeitslos wurde«, teilt er dem hohen Herrn mit. »Durch die fortwährenden Operationen in den letzten Jahren hatte ich finanziell schwer zu leiden, so dass ich ohne Wollen einige Schulden gemacht habe. Diese sind Miete- und Lebensmittelschulden, die ich als Ehrenverpflichtung ansehe.«

Er bittet um ein »Darlehen« von 100 Reichsmark, verbleibt mit »Heil Hitler« und unterzeichnet den Zettel als »Schwerkriegsbeschädigter«. Der Fabrikant lässt durch sein Vorstandssekretariat staatstragend abwimmeln: »Mit der Festigung der Macht der nationalen Regierung wird ohne Zweifel eine Gesundung und Besserung der Wirtschaftslage eintreten, durch die auch die materielle Lage eines jeden Einzelnen eine Erleichterung erfahren wird.«

»Sie war in der letzten Zeit sehr bedrückt«, erzählt Fridolin Becker der Polizei über seine Braut. Er ist 1,74, schmächtig, mit »stark hervortretender Nase« im blassen Gesicht, gekleidet ganz in Schwarz, Wintermantel mit Samtkragen und Melone.

Er habe Else seit dem 13. Oktober, zur Feier seines 38. Geburtstags bei seiner Mutter in Poppenbüttel, nicht mehr gesehen.

»Ich glaube nicht, dass sie Selbstmord verübt hat, vielmehr muss ich annehmen, dass sie sich verborgen hält.« Warum sollte Else sich verstecken? Becker kann seinen Eindruck nicht begründen.

Karl Kleist, Elses Bruder, reist nach Hamburg und stellt eigene Nachforschungen an. Er konzentriert sich auf das Verhältnis der Schwester, verfolgt den Mann und zieht Erkundigungen in den Kneipen ein, in denen Becker verkehrt.

In einer Wirtschaft am Mittelweg soll er drei Mark geliehen haben; um seine Braut besuchen zu können, sagte er – an jenem Tag, an dem Else verschwand und er sie nicht gesehen haben wollte. Anderen Kneipenbekanntschaften erzählt er, er glaube, Else sei ins Wasser gegangen.

Karl Kleist und ein Kamerad von der SA konfrontieren Becker an seinem Arbeitsplatz in einer Spedition. Becker hat auf alles eine Antwort.

Wenige Tage, nachdem der Bruder mit seinen Ermittlungsergebnissen bei der Polizei vorstellig geworden ist, am 1. November, meldet ein Wachtmeister, dass in seinem Schrebergarten unweit der Reemtsma-Villa ein Spaten fehlt: »Es ist mir der Verdacht gekommen, dass die verschwundene Hausangestellte vielleicht mittels dieses Spatens beiseite gebracht worden ist.« Eine Inspektion des Geländes erbringt jedoch nichts.

Aber am 18. November stößt ein anderer Laubenpieper auf die Leiche, als er, knapp 200 Meter von der Villa entfernt, auf seinem Acker stochert. In einer 1,60 langen, 80 Zentimeter breiten und 50 Zentimeter tiefen Grube liegt verkrümmt die Ermordete. Auf einer nahen Wiese wird auch der vermisste Spaten entdeckt.

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Leichengrube (Polizeifoto aus der Akte im Staatsarchiv Hamburg)

Else Kleist kam 1931 aus Mecklenburg in die Großstadt. Eine »treue Seele«. Ruhig, ordentlich, fleißig. Arbeitgeber und Kollegen stellen ihr das beste Zeugnis aus.

1932, sie bedient beim Schriftsteller Hans Leip, widmet sie einem fernen Geliebten ein Tagebuch. Dem 30 Jahre älteren Handelsreisenden ist sie nur einmal im Zug begegnet. Sie schreibt ihm, und er antwortet mit freundlichen Postkarten aus fremden Städten.

Die Polizei spürt ihn auf. Er weiß von nichts. Nettes Mädchen. Hat sie nie wieder gesehen.

»Wenn ich so nachdenke«, notiert Else im Tagebuch, »habe ich in der ganzen Zeit in Hamburg herzlich wenig von meinem Leben gehabt, nur Arbeit. Meine ganze schöne Jugend geht so dahin.«

Alle haben ihr geraten, ihrem »Fredy« den Laufpass zu geben. Der ist »ein Renommist«. Stand vor der Villa und pfiff, wenn er was von ihr wollte. Er hat sie »schamlos ausgenutzt«.

Sie lernt Fridolin Becker im Herbst 1933 kennen. Bei ihrer Stellung in Blankenese steht er als Bettler an der Haustür. Betteln ist strafbar, zur Tarnung als Vertreter hat er eine Dose Bohnerwachs dabei. 60 Prozent kriegsbeschädigt, sagt er und klopft mit dem Stock an sein steifes rechtes Bein.

»Durch eine feindliche Kugel wurde ich getroffen und sank auf dem Felde der Ehre darnieder.« Er streicht ihr über die Wange und öffnet so leicht ihr Herz.

»Sie haben sich dort regelrecht durchgegessen«, hält die Polizei Becker vor.

»Nein. Ich habe nur drei oder vier Mal dort warm gegessen.«

»Warum lassen Sie sich von der Kleist Geld geben?«

»Nicht immer, aber meistens für Fahrgeld.«

Einmal habe er sie für acht Tage nach Cuxhaven eingeladen, trumpft Becker auf; er hatte gerade seine Rente bekommen.

»Ein Hochstapler«, warnt ihr Blankeneser Dienstherr und stellt Else vor die Wahl: die Arbeit oder der Kerl. Die »treue Seele« hält zu Fredy.

Sie nennt ihn den »kleinen Lebemann«. Sie hat sich vorgenommen, ihn zu bessern, vor allem vom Trunk zu heilen. Sie bekommt gleich wieder eine Stellung, die bei Reemtsma.

Der Bräutigam säuft weiter, macht Schulden, »borgt« sich von ihr. Seine Kriegsversehrtenrente von 52 Mark reicht vorne und hinten nicht. Else hilft aus – obwohl sie selbst nur 65 Mark brutto im Monat verdient.

»Mein liebes kleines Elschen«, schreibt er ihr, »wir beide werden die Herrlichkeit des Lebens noch näher kennenlernen. Liebes Mäuschen, es wird auch für uns bald Sonnenschein sein.«

Ein Schnitt in den Hals, der die Luftröhre durchtrennte, hat Else getötet. In der Tasche ihres Mantels steckt ein Brief ihrer Familie für Fredy mit Geburtstagsgrüßen. Das Blatt ist illustriert mit dem Bild eines Mädchens, das mit einer Schaufel im Sand gräbt.

»Die ist ja mächtig zerhackt und zerschnitten!«, entfährt es Becker, als er ins Leichenschauhaus bestellt ist.

Else Kleist (Zeichnung: urian)

Becker ist vorbestraft: Betrug, Bettelei, Exhibitionismus. Oft hat sein Vater ihm aus der Patsche geholfen. Erwin Becker war im Reichsernährungsministerium tätig gewesen und Geschäftsführer der Deutschnationalen Volkspartei. Seit seinem Tod 1933 beruft der Sohn sich in seinen Bettelbriefen auf ihn.

Die Polizei sammelt etliche ein. Ungefähr gleiches Format, Abweichungen in den Formulierungen nur geringfügig, nach Adressaten variierend, und alle unterzeichnet mit der Formel »Fridolin Becker, Schwerkriegsbeschädigter«. Er hat sie reihenweise produziert.

Ein alter Freund des Vaters, Bürgermeister Krogmann, lässt sich überreden und verschafft Becker die aktuelle Stellung als Kontorgehilfe in einer Spedition. Stellungen hatte schon er viele – jeweils so lange, bis die Vorschüsse verbraucht waren oder er in die Portokasse griff. Wohnungen hatte er noch mehr: 65 Meldeadressen in 12 Jahren Hamburg – meist ohne Miete.

Geboren in Australien wurde Becker bei Kriegsausbruch naturalisiert, eingezogen, verwundet. An höheren Schulen gescheitert, mit Not eine kaufmännische Ausbildung absolviert, ein Sohn aus besseren Kreisen, dem davon nichts als Manieren und Dünkel geblieben sind – und der Ruhmschatten des Vaters.

Ein hohler Schwätzer, der sich mit Phrasen, Formeln und Ausflüchten durchschlägt. »Er ist unstet umhergeirrt«, vermerkt die Polizei. »Becker selbst gibt an, keinen Freund zu haben. Die bisherigen Feststellungen in dieser Richtung deuten darauf hin, dass Becker ein so genannter Einzelgänger ist.«

Die Kriminalen sparen sich die Mühe, seine Mietschulden zu addieren. Für Else hat er zuletzt eine Aufstellung seiner akuten Verbindlichkeiten gemacht: 28 Einträge, hier eine Mark, dort 20, Schulden in Kneipen und Tabakgeschäften vor allem. Insgesamt hat Else ihm in den eineinhalb Jahren ihrer Beziehung um die 800 Mark zugesteckt.

»Ich selbst stehe vor einem Rätsel«, sagt Becker bei seiner Festnahme. »Ich habe bis gestern noch gedacht, dass sie am Leben ist. Ich hatte die Hoffnung, dass sie wieder zurückkehrt. Ich habe sie jeden Abend gesucht, und zwar in Wirtschaften.«

Tatsächlich hat er bei Hans Leip angerufen und sich auch bei anderen ehemaligen Dienstherrn nach ihr erkundigt. Von seiner Firma hat er über 200 Mark Vorschuss erschwindelt mit der Behauptung, er habe von der Polizei den Auftrag erhalten, Sachen seiner Braut im Pfandhaus auszulösen und bei den Verwandten abzuliefern.

In den Wirtschaften, in denen er nach Else gesucht haben will, hat er auch angegeben, die Firma habe ihm 50 Mark Vorschuss ausgezahlt, um eigene Nachforschungen anzustellen, und mit der Polizei sei er auch unterwegs gewesen.

Am 22. November ist er allerdings mit den Beamten auf Tour. Ortstermin am Fundort der Leiche. Kriminaldirektor Kleinschmidt, der die Untersuchung leitet, ist ein Kriminalist auf der Höhe der Zeit und darüber hinaus. Was selbst Jahrzehnte später trotz technisch avancierter Möglichkeiten oft unterbleibt, hat er praktiziert und Beckers Vernehmungen wortwörtlich stenografieren und abtippen lassen. Der Stenograf ist außerdem Kriminalist und angewiesen, Reaktionen des Beschuldigten zu registrieren.

Fridolin Becker (Zeichnung: urian)
Man geht mit Becker aufs Geratewohl in die Schrebergartenkolonie hinein. Plötzlich hält Becker inne – vor der Tür zu der Laube, die der Leichengrube am nächsten ist.

»Waren Sie schon einmal hier?«, fragt Kleinschmidt.

»Nein, ich bin hier noch nie gewesen.«

»Warum bleiben Sie hier denn stehen?«

»Weil Sie stehen bleiben. Ich weiß ja nicht, wo sie hinwollen. Ich dachte, Sie wollten zum Tatort.«

Becker hat auf alles eine Antwort.
Die Polizei rekonstruiert seine Tour durch diverse Kneipen. Sie testen, ob er die Zeit gehabt hätte, zwischen den bezeugten Kneipenaufenthalten mit der Straßenbahn nach Flottbek zu fahren, Else umzubringen und zu vergraben und rechtzeitig zurückzukehren.

Im Verhör will Kriminaldirektor Kleinschmidt den bei der Leiche gefundenen Geburtstagsgruß an ihn Becker in die Hand drücken.

»Becker steht auf und nimmt abwehrende Haltung ein«, hält das Protokoll fest. »Den Brief fasse ich nicht an«, sagt er.

»Fasse ich nicht an? Warum nicht?«, fragt Kleinschmidt.

Becker »in Erregung«: »Der Brief geht mich nichts an. Ich nehme ihn auch nicht.«

Kleinschmidt: »Es ist doch auffallend, das Sie den Brief nicht anfassen wollen.«

Becker »sträubt sich noch eine Weile«: »Na, ich kann ihn ja mal in die Hand nehmen.« Er liest ihn. »Eine Veränderung in der Miene des Becker war nicht zu bemerken«, heißt es im Protokoll.

»Diesen Brief«, erklärt Becker, »sehe und lese ich jetzt zum ersten Mal. Ich habe ihn nie in meinem Leben gesehen.«

Der Verdächtige bestreitet, die Mordakte bleibt offen. Nur für Unterschlagung von Elses Geld reichen die Beweise und für eine Verurteilung zu acht Monaten Haft.

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Tatort Schrebergarten (Polizeifoto)

Fridolin Becker ist aus dem Gefängnis in Wolfenbüttel von der Polizei nach Hamburg geholt und wiederholt in Sachen Else Kleist vernommen worden.

Er hat gerade zwei Jahre abgesessen, weil er von einem anderen Dienstmädchen »geborgt« hat. Seine Überstellung als »gefährlicher Gewohnheitsverbrecher« und »Volksschädling« ins Konzentrationslager steht an. Was ihn davor bewahren kann, ist ein neues Verfahren, ein Prozess, vielleicht eine Verurteilung wegen Totschlags, wieder Zuchthaus …

In einer Unterbrechung des Verhörs am 10. August 1938 redet ein Kriminalbeamter außerhalb des Protokolls auf ihn ein. Danach gesteht Becker, weinend und schluchzend; jedenfalls grundsätzlich.

Er traf Else gegen 22 Uhr am 14. Oktober vor vier Jahren auf der Straße vor der Villa Reemtsma. Sie küssen sich.

»Du hast getrunken!«, schilt sie ihn.

»Nur ein bisschen.«

»Und Geld willst du auch haben?«, schimpft sie weiter.

»Nein.«

»Aber ich will was von meinem Geld wiedersehen!«

»Sie stampfte wiederholt, wie es überhaupt im Ärger ihre Gewohnheit war, mit dem Fuß auf den Boden«, beschreibt Becker die Szene.

Es regnet stark. Der Schirm, den Else dabei hat, nutzt nicht viel. Sie stellen sich in einer Schrebergartenlaube unter.

Sie will mit ihm abrechnen, verlangt eine Liste seiner Schulden. Sie setzt ihm zu, er geht ihr an den Hals. Mit den Händen.

Nein, nicht mit dem Messer, bestreitet Becker. Möglich, dass sie am Hals verletzt wurde, als er die Leiche mit dem Spaten in das zu kleine Loch im Boden drückte. Das Protokoll: »Becker bricht jetzt erneut in einen Strom Tränen aus und erklärt: ›Sie war tot.‹«

Erst beim erneuten Lokaltermin am Tatort gibt Becker zu: Während er Else würgte, zog er sein Klappmesser aus der Tasche und stach auf sie ein.

Auf 60 Seiten Lebenslauf, den er vor seinem Prozess abfasst, gibt Becker alle Schuld den Umständen, dem Krieg, Else. Im 7. Kapitel, »Schluss-Bericht über Fräulein Else Kleist«, geht es in erster Linie um Geld. »Ich habe gern Bier getrunken und vor allem sind mir die Weiber zum Verhängnis geworden.«

Die Eloquenz und Leichtigkeit, mit der er Seite um Seite voll schreibt, verhüllen nur dürftig seine Gedankenlosigkeit. Die Autobiografie ist »ein Spiegelbild der auch sonst festgestellten heuchlerischen Scheinheiligkeit des Becker«, kommentiert ein Kommissar. Hinter Formeln und Phrasen steckt nur die Selbstsucht, die schließlich auch Else durchschaute.

99 Zeugen und zwei Gutachter werden beim Prozess im Juli und August 1939 angehört. Der Angeklagte sei ein »renommistischer, lügnerischer und gemütloser Geltungsbedürftiger«, ein »asozialer Parasit«, urteilt der Psychiater: »Er hat immer etwas Theatralisches, Unechtes in seinem Gehabe und nimmt mal diese, mal jene Pose ein, wie sie die Situation erfordert.«

Fridolin Becker nimmt eine letzte Ausflucht und widerruft das Geständnis; die Polizei habe »hypnotischen Zwang und Suggestion« angewendet. Das Gericht erkennt auf Totschlag und 15 Jahre Zuchthaus.

Becker muss nicht ins KZ, noch nicht. Aber er gerät zum »Zuchthausbombenbergungskommando«, das nach Fliegerangriffen in Hamburg mit Blindgängern aufräumt. Im März 1941 wird er schwer verletzt und liegt über ein Jahr lang im Lazarett: Fleischwunden, Arm- und Gelenkbruch, rechter Arm versteift.

Nachdem im Oktober 1942 die Vorgaben zur Deportation von Strafgefangenen erweitert wurden, gelangt Becker am 5. Dezember 1942 nach Mauthausen. Dort stirbt er am 7. Januar 1943. Als Todesursache wird eingetragen: »Herzschlag«.

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aus: Elses Lachen, Wahre Kriminalfälle, Bremen 2009

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