Tod eines Dienstmädchens

Vermisstenanzeige: Else Kleist, 27, 1,60 Meter, blond, Bubikopf. Zuletzt gesehen in der Villa der Eigentümer von „Reemtsma Cigarettenfabriken“ in Hamburg-Flottbek. An 14. Oktober 1934 gegen 21.30 Uhr hatte Alwin Reemtsma (39) dem Dienstmädchen gestattet, sich zur Ruhe zu begeben.

Wer kennt Else näher? Ihr „Verhältnis“. Von dem weiß Reemtsma, weil der Mann ihm einen Bettelbrief geschrieben hat. Wollte ihn als „Schwerkriegsbeschädigter“ um 100 Mark anpumpen.

„Sie war in der letzten Zeit sehr bedrückt“, sagt Fridolin Becker. Er hat sie seit dem 13. Oktober, zur Feier seines 38. Geburtstags, nicht mehr gesehen.

1. November: Ein Wachtmeister meldet, dass in seinem Schrebergarten unweit der Reemtsma-Villa ein Spaten fehlt. Eine Inspektion des Geländes erbringt nichts. Doch am 18. November stößt ein anderer Laubenpieper auf die Leiche.

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Leichengrube (Polizeifoto aus der Akte im Staatsarchiv Hamburg)

Else Kleist kam 1931 aus Mecklenburg in die Großstadt. Eine „treue Seele“. Arbeitgeber und Kollegen stellen ihr das beste Zeugnis aus.

1932, sie bedient beim Schriftsteller Hans Leip, widmet Else einem fernen Geliebten ein Tagebuch. Dem 30 Jahre älteren Handelsreisenden ist sie nur ein Mal im Zug begegnet. Sie schreibt ihm, und er antwortet mit freundlichen Postkarten aus fremden Städten.

Die Polizei spürt ihn auf. Er weiß von nichts. Nettes Mädchen. „Habe sie nie wiedergesehen.“

Else Kleist (Zeichnung: urian)

„Wenn ich so nachdenke“, notiert Else, „habe ich in der ganzen Zeit in Hamburg herzlich wenig von meinem Leben gehabt, nur Arbeit. Meine ganze schöne Jugend geht so dahin.“

Alle haben ihr geraten, ihrem „Fredy“ den Laufpass zu geben. Fridolin Becker ist „ein Renommist“. Stand vor der Villa und pfiff, wenn er was von ihr wollte. Er hat sie „schamlos ausgenutzt“.

Sie lernt ihn im Herbst 1933 kennen. Als Bettler an der Haustür. Zur Tarnung als Vertreter hat er eine Dose Bohnerwachs dabei. 60 Prozent kriegsbeschädigt, sagt er und klopft mit dem Stock an sein steifes rechtes Bein.

Fridolin Becker (Zeichnung: urian)

„Ein Hochstapler“, warnt ihr damaliger Dienstherr und stellt Else vor die Wahl: die Arbeit oder der Kerl. Die „treue Seele“ hält zu Fridolin.

Sie bekommt gleich wieder eine Stellung, die bei Reemtsma. Der Bräutigam säuft weiter, macht Schulden, „borgt“ sich von ihr. „Mein liebes kleines Elschen“, schreibt er ihr, „liebes Mäuschen, es wird auch für uns bald Sonnenschein sein.“

Ein Schnitt in den Hals, der die Luftröhre durchtrennte, hat Else getötet. In der Tasche ihres Mantels steckt ein Brief ihrer Familie mit Geburtstagsgrüßen für Fridolin Becker.

„Die ist ja mächtig zerhackt und zerschnitten!“, kommentiert Becker, als er ins Leichenschauhaus bestellt wird.

Er ist vorbestraft: Betrug, Bettelei, Exhibitionismus. Oft hat sein Vater ihm aus der Patsche geholfen. Der war Geschäftsführer der Deutschnationalen Volkspartei. Seit seinem Tod 1933 beruft der Sohn sich in Bettelbriefen auf ihn.

Bürgermeister Krogmann geht darauf ein und verschafft Becker die aktuelle Stellung als Kontorgehilfe in einer Spedition. Stellungen hatte Becker schon viele – so lange, bis die Vorschüsse verbraucht waren. Wohnungen hatte er noch mehr: 65 Meldeadressen in 12 Jahren Hamburg – meist ohne Miete.

Becker bestreitet hartnäckig, die Mordakte bleibt offen. Nur für Unterschlagung reichen die Beweise: acht Monate Haft.

August 1938: Becker hat zwei Jahre abgesessen, weil er von einem anderen Dienstmädchen „geborgt“ hat. Letztes Verhör, bevor seine Überstellung als „Volksschädling“ ins KZ ansteht. Und er gesteht.

Er traf Else auf der Straße vor der Villa Reemtsma. Sie küssen sich.

„Du hast getrunken!“
„Nur ein bisschen.“
„Und Geld willst du auch haben?“
„Nein.“
„Aber ich will was von meinem Geld wiedersehen!“

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Tatort Schrebergarten (Polizeifoto)

Es regnet, sie stellen sich in einer Schrebergartenlaube unter.

Sie setzt ihm weiter zu, er geht ihr an den Hals. Erst mit den Händen, dann zieht er sein Taschenmesser.

„Ich habe gern Bier getrunken und vor allem sind mir die Weiber zum Verhängnis geworden.“ Auf 60 Seiten Lebenslauf gibt Becker alle Schuld den Umständen, dem Krieg, Else.

Im Prozess widerruft er das Geständnis; die Polizei habe „hypnotischen Zwang und Suggestion“ angewendet. Das Gericht erkennt auf Totschlag: 15 Jahre Zuchthaus.

Beim „Zuchthausbombenbergungskommando“ wird Becker im Mai 1941 schwer verletzt. Im Dezember 1942 kommt er ins KZ Mauthausen. Einen Monat später ist er tot – „Herzschlag“.

Fassung aus der Hamburger Morgenpost 17.8.2008; Langfassung in Elses Lachen, Bremen 2009

© Uwe Ruprecht

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