Mord auf Hamburg-St. Pauli 1921

„Ich kann nicht alles sagen und habe früher einen Eid geleistet. Man kann sich nur schwer darüber äußern.“

Ein Knast-Kassiber mit chinesischen Schriftzeichen des Hauptverdächtigen ist eines der vielen zweifelhaften Indizien eines ungeklärten Falls. Ungelenke Bleistiftkritzeleien in lokalem Dialekt, schwer zu übersetzen. „Mitglieder der San-Ho-Hui sind die Mörder“, schreibt der 26 Jahre alte Ah Yuk Loh. Eine Geheimgesellschaft, wie der Übersetzer vermutet?

Ermittlungen in verschlossenen Kreisen. Etliche Zeugenaussagen sind wertlos, weil ein Dolmetscher bestochen wurde. Die deutschen Zeugen sind nicht besser, verschweigen ihren Teil oder erfinden etwas. „Man kann sich nur schwer darüber äußern“: So ergeht es den Ermittlern, Journalisten und Historikern, für die der Ermordete mal Chen You (39), mal Chin-Yau (42) heißt.

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Tatortskizze aus der Akte im Staatsarchiv Hamburg

Am Morgen des 13. März 1921 wird Chen You im Keller seiner Wäscherei in der Hamburger Bernhard-Nocht-Straße gefunden.
Am Tatort sieht die Polizei „mehrere Schüsse in den Oberkörper und Hieb- und Stichwunden auf dem Schädeldach“. Der Gerichtsmediziner korrigiert: Keine Schüsse, sondern Einstiche mit Stockdegen oder Stilett. Das meiste Blut auf den Dielen neben dem Kopf stammt von Hammer-Schlägen.

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Rund um die Schmuckstraße ist Chinatown. Wie der Tote betreiben ansässige Chinesen buchstäblich unterhalb ihren ehrenwerten Geschäfte Opiumhöhlen und Spielhöllen für ihre seefahrenden Landsleute.

Ein „Schlepper“ lotste ihn „im Zickzack durch mehrere Querstraßen, beschreibt der Berliner Kriminalist Ernst Engelbrecht den Besuch einer Opiumhöhle auf St. Pauli. „An der Tür des versteckt liegenden Chinesenkellers wurde vorsichtig ‚gekaspert‘, das heißt, durch bestimmt Klopf- oder Kratzsignale unser Kommen gemeldet. […] Dann nahm mich ein mit dinkelroten Teppichen ausgeschlagenes Zimmer auf. Rotes, abgedämpftes Licht ließ mich bald mehrere Ruhebetten erkennen, auf denen sich schon einige Gäste in schweren Träumen unruhig umherwälzten.“

Bis zur Währungsreform 1923 erlebt das illegale Glücksspiel eine Hochkonjunktur. „Fliegende Spielbanken“ heißen die damaligen Hütchenspieler, die mit Karten operierten. Das „Spielhöllenkommando“ nimmt regelmäßig Razzien vor.

1928 wird reihenweise bei der lizensierten Pferdewette betrogen. Per Telefon erhalten die Gauner die Ergebnisse von Rennen in Paris früher als die Hamburger Wettbüros, denen sie telegrafisch übermittelt werden. Von der Straße aus wird dem Komplizen im Wettbüro die Ziffer des Siegerpferdes mitgeteilt, auf das er setzen soll.

In der Dampfschifffahrt arbeiten Chinesen unter Deck, vor der Höllenhitze der Kessel. Gehen sie in Hamburg an Land, tauchen sie gleich wieder unter: in die Untergeschosse von Wäschereien, Gemüsehandlungen oder Garküchen. Der ermordete Chen You nutzte seinen Keller für Spiel, das eigene Opiumrauchen und vielleicht Waffenhandel.

Zuletzt wurde das Opfer mit Landsleuten in ein Café gesehen. Nachts sollen aber auch drei Männer, die keine Chinesen waren, an der Haustür gerüttelt haben. Ein Glied des rechten Mittelfingers der Leiche ist fast abgetrennt. Hat Chen You um sein Leben gekämpft – oder bedeutet es etwas anderes?

Raubmord, meint die Polizei zunächst. Eine Brieftasche mit angeblich 11 000 Mark, ein Goldstück, Ring und Uhr fehlen an der Leiche. Neben ihr ist jedoch deutsches und englisches Papiergeld verstreut.

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Polizeifoto des Tatorts

Ein am Tatort gefundener Schiffspass bringt die Polizei in den Hafen, auf die Banka. Bei Ah Yuk Loh werden Geldscheine mit Flecken sichergestellt. Demnach hätte der Heizer Blutgeld von der Leiche mitgenommen, die unbefleckten Scheine jedoch verschmäht? Wahrscheinlich Blut, lautet die Analyse der Flecken, aber zu klein, um als menschlich bestimmt zu werden.

Zeugen beschreiben Ah Yuk Loh als „harmlos und bescheiden“, „immer sehr anständig und ehrlich“. Dass der 1,55 Meter kleine Verdächtige den kräftigen Wäschereibesitzer allein getötet hat, glauben die Ermittler nicht.

Ein Deutscher, der mit Ah Yuk Loh und dem Opfer in der Tatnacht gesehen wurde, wird festgenommen. Durch eine Kommunikationspanne kommt er frei und ward nie mehr gesehen.
„Tsch’en Siang wird an mir Rache nehmen“, schreibt Ah Yuk Loh in seinem abgefangenem Kassiber, „Landsleute, ihr müsst darauf achten.“ Wäschereibesitzer Chen Chiang (33) zahlt die Kaution für ihn.

Ermittlungen in verschlossenen Kreisen. Zu wenig für eine Anklage gegen irgendwen. Lange noch geht die Polizei Hinweisen nach. März 1922: Ein V-Mann beschuldigt einen gewissen Hong als Mittäter. November 1924: Kautionsbürge Chen Chiang ist Bigamist, seine Ehe mit Grete ist ungültig, angeblich hat ihn das Mordopfer erpresst.

Auch ein zweiter Mord in Chinatown in der Silvesternacht 1924/25 bleibt mysteriös. In einem Gewinkel aus zwölf Räumen für Opium und Spiel unter einem Zigarrenladen wird ein Shipsman von sieben Schüssen niedergestreckt. Ein chinesischer Heizer wird verhaftet, erhängt sich aber in der Zelle, bevor er Aussagen macht.

Die letzte Spur im Fall Chen You kommt von dessen Sohn. Er bringt im September 1926 vermeintliche Beweise für die Täterschaft von Ah Yuk Loh und Chen Chiang als Anstifter.

Motiv des Auftragmords: Chen Chiang verwahrte einen Koffer des Ermordeten mit Glücksspieleinnahmen, 3400 englische Pfund. Chen Chiang bediente sich aus dem Koffer und ließ Chen You beseitigen, als der den Diebstahl bemerkte. Oder auch nicht.

Hamburger Morgenpost 6.7.2008; Elses Lachen, Bremen 2009

© Uwe Ruprecht

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