Eine falsche Fürstenhochzeit im Hamburger Michel 1919

»Seine Durchlaucht Siegfried Egor von Schliewen befindet sich auf einer Dienstreise von Libau nach Berlin, Steele, Hamburg, Kolberg und Eiberfeld. Alle Behörden werden gebeten, seine Durchlaucht ungehindert reisen zu lassen und nötigenfalls Schutz und Hilfe zu gewähren.«

Diesen Ausweis legt der junge Oberleutnant der Baltischen Landeswehr beim Standesamt vor, als er das Aufgebot bestellt. Obzwar dienstlich an der Elbe, hat Amor ihn angeschossen. Am 15. Mai 1919 bei einer Aufführung von Undine in der Volksoper am Millerntorplatz hat der Fürst sich in die Hauptdarstellerin verguckt.

Noch am selben Abend macht er mit ihr eine Segelpartie auf der Alster. Er überschüttet sie mit Geschenken, und die 20-jährige Regina Rabeler, die unter dem Namen ihrer Pflegemutter Harre auftritt, lässt sich nicht lange bitten. Am 26. Mai soll Hochzeit sein, standesgemäß: in der Vorzeigekirche, dem Michel.

Am 21. Mai jedoch visitieren zwei Kriminalwachtmeister den Hochadligen in seinem Logis im Hotel Europa an der Kirchenallee. Auf Plakaten wird gerade mit 10 000 Mark Belohnung nach einem Kommunistenführer gefahndet, und ein Hoteldiener glaubt, der tarne sich als Fürst von Schliewen. Eine Ähnlichkeit besteht, aber bei der Gegenüberstellung in der Volksoper räumt die Verlobte fast alle Zweifel aus.

Der Mann bleibt den Kriminalwachtmeistern suspekt. Ein baltischer Fürst, der kein Russisch, aber rheinischen Dialekt spricht? Sie wälzen Steckbriefe. Und da ist er: Unteroffizier Jentsch. Hat 50 000 Mark aus einer Militärkasse erschwindelt.

Die Fürstenhochzeit mit Opern-Touch im Michel findet noch statt. Die Hamburger Acht schließt sich bei der Feier im Europa um die Handgelenke des Bräutigams.

Der Fürst war Jentsch und war es auch nicht. Als Jentsch hatte er das Betriebskapital ergaunert, um die Schauspielerin zu verwöhnen. Seine Kasse war allerdings schon erschöpft. Auf der Rechnung von 2934 Mark inklusive Brautkutsche blieb das Europa sitzen.

Unter seinem Geburtsnamen war der Kölner Otto Merkel, 27 Jahre alt, wegen Unterschlagung und Betrug vorbestraft und wurde als Deserteur gesucht.

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Otto Merkel auf Polizeifotos 1919

Die kriminelle Laufbahn hat er dort eingeschlagen, woher sein falscher Adel stammt, im Baltikum. Als Soldat beklaute er die Truppe und war abgehauen.

Von wegen, die Hamburger geben nichts auf Orden. Merkel reichte eine schäbige Verkleidung, um elf Tage lang die Sängerin, ihren Anhang und einige Kaufleute zu narren: Der Hausorden derer von Schliewen war der Stern eines gewöhnlichen Kürassierhelms.

Während Merkel mit dem Geldadel in der Oper schwelgt, leidet die Mehrheit im Nachkriegs-Hamburg Hunger. Zu Neujahr 1919 werden die Alsterschwäne gegessen. Plünderungen sind an der Tagesordnung. Für Butter fließt Blut. Am 23. Juni läuft das Fass buchstäblich über.

In der Kleinen Reichenstraße kippt eine Tonne von einem Pferdewagen. Eklige Brühe ergießt sich aufs Pflaster. Darin schwimmen Kalbsköpfe und Kuhschwänze. Die Ingredienzen der zur Wucherpreisen verhökerten Heil’schen Delikatesssülze.

Ein Lynchmob stürmt die nahegelegene Fabrik von Jacob Heil. Der »Volksbetrüger« wird zur Kleinen Alster gezerrt und hinein geworfen. Polizisten retten ihn – ins Rathaus. »Die Regierung schützt Heil!«, brüllt die Menge, belagert das Rathaus und besetzt es nach zwei Tagen.

Gleichzeitig werden die Gefangenen aus der Untersuchungshaftanstalt am Holstenglacis befreit. Unter ihnen Otto Merkel. Der ergaunert noch 20 Mark von den Aufständischen und taucht als »Oberleutnant Petzel« bei der Reichswehr unter, als diese einmarschiert und die Unruhen niederschlägt. Die blutige Bilanz der »Sülze-Revolution«: 62 Tote, über 600 Verletzte.

Bereits im Juli tritt Merkel wieder als »Fürst von Schliewen« auf. Das muss schief gehen. Er ist am Ende: Bei seiner Verhaftung in einem Gasthof in Bergedorf fuchtelt er mit einem Revolver.

Zum Prozess amüsieren sich die Zeitungsleser noch einmal über den Hochstapler. Eine heikle Beschuldigung der verratenen Braut wird dagegen unter Ausschluss der Öffentlichkeit erörtert. Kann gar nicht sein, widerspricht Merkel, »ich habe nie Tripper gehabt«.

Seine vorzeitige Haftentlassung wegen guter Führung zum 31. Dezember 1927 ist das letzte Lebenszeichen, das die Hamburger Justiz unter dem Namen Otto Merkel registriert und dem Archiv überliefert.

© Uwe Ruprecht

Siehe im Menü »Gerichtsgeschichten« oder → Pitavalgeschichten. Eine Übersicht

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