Raubmord auf der Chaussee 1929

Aus Rahmstorf ist ein Bahnarbeiter mit dem Fahrrad unterwegs nach Goldbeck. Ein bitterkalter Morgen, Freitag, der 20. Dezember 1929.

An der Grenze der heutigen Landkreise Stade und Harburg, bei einem Tannenwäldchen nahe der Goldbecker Mühle sieht der Radfahrer auf einem Feldweg einen Handwagen stehen. Der gehört doch Steffens, denkt er und hält an.

Hermann Steffens aus Moisburg ist lokale Prominenz. Seit zehn Jahren zieht der 41-Jährige mit dem Handwagen über die Dörfer und tauscht bei den Bauern Eier gegen »Kolonialwaren«, also Tabak, Kaffee, Seife. Außerdem kassiert er die Beiträge für die Volksfürsorge.

Und Steffens ist Politiker, SPD-Abgeordneter im Harburger Kreistag. Gerade heute soll die konstituierende Sitzung nach den Neuwahlen stattfinden.

Steffens liegt blutüberströmt im Chausseegraben. Auf Schütteln und Zurufe reagiert er nicht.

Der Bahnarbeiter schwingt sich wieder auf sein Rad. Er alarmiert die Gemeindevorsteher von Rahmstorf und Goldbeck; die Ortschaften sind je einen knappen Kilometer vom Tannenwäldchen entfernt.

Während der Arzt aus Hollenstedt geholt wird, sind zwei Landwirte eingetroffen, einer davon ist der Vetter des Eierhändlers. Sie versuchen, Steffens mit einem Sack gegen die Kälte zu schützen. Der kommt kurz zu Bewusstsein und schimpft schwach auf irgendwelche »Halunken«.

Steffens hat zwei klaffende Wunden am Kopf, einen Bluterguss über dem linken Auge und eine Schwellung an der Hand, eine Abwehrverletzung.

Derweil er im Buxtehuder Krankenhaus versorgt wird, sichern die Landjäger aus Horneburg, Apensen, Altkloster, Neukloster und Immenbeck den Tatort. Mittags kommen der Staatsanwalt aus Stade und Sekretärin dazu, später Kriminalkommissar Jessen und Kriminalsekretär Blome aus Bremerhaven.

Außer mehreren Blutlachen, die sich auf dem hart gefrorenen Boden gut erhalten haben, wird die Tatwaffe entdeckt, ein 1,82 Meter langes rostiges Eisenrohr. Am Tor einer Viehweide spüren die Polizisten ein gleichartiges Rohr auf. Die Bruchstellen passen; hier also hat der Täter sich bedient.

Von den Waren auf dem Handwagen scheint nichts zu fehlen, aber die Brieftasche ist weg. Mit 100 Mark hatte der Kleinunternehmer am Vortag sein Haus verlassen.

Nachdem er in Sauensiek gewesen war, machte Steffens Station an einer Gastwirtschaft in Goldbeck. Weil er dort gegen 20.10 Uhr aufbrach, wird die Zeit des Überfalls auf 20.30 Uhr geschätzt.

Ein Knecht meldet sich, der eine Stunde vorher einen Mann mit Schlapphut bei dem Tannenwäldchen gesehen hatte. Ein Melker hat um 21.30 Uhr den Handwagen bemerkt, war aber zu ängstlich gewesen, um nachzuschauen. Sonst hätte Steffens wohl nicht die Nacht im Straßengraben verbringen müssen.

Eine aufwändige Fahndung lief an. Die Vermutungen überschlugen sich, immer neue Verdächtige gerieten ins Visier, die Kriminalen Jessen und Blome rotierten: nahmen reihenweise Vernehmungen vor, überprüften Alibis, mussten jeder Denunziation nachgehen.

Zwei Jahre zuvor war Steffens schon einmal überfallen worden; er bezog Prügel für eine Entscheidung des Kreistags zum Bodenrecht. Der damalige Angreifer kam diesmal nicht in Frage.

Eine Händlerin aus Apensen war unlängst an fast derselben Stelle beraubt worden – auch daraus ergab sich keine Spur. Bestand etwa ein Zusammenhang mit dem Mord an der 18-jährigen Martha, deren Leiche im Juli in einem Fichtenholz bei Altkloster gefunden worden war?

Zu Heiligabend bekam Steffens’ Frau eine anonyme Postkarte aus Hamburg: »In der kirchenfeindlichen Republik können sich nur Gauner glücklich fühlen – Juden, die durch ihre internationale Verbrecherpolitik das darbende deutsche Volk um Millionen betrügen! Die sogenannte Demokratie liegt in jüdischen Händen – Israel, Cohn, Levy und Cie., darf man niemals vertrauen!« Unterschrift: »Vox populi«, Stimme des Volkes.

War Steffens einem Attentat zum Opfer gefallen? Fehlanzeige. Der Schreiber, 30 Jahre, arbeitslos und NSDAP-Mitglied, war mehrfach wegen ähnlicher Postkarten aufgefallen. Den SPD-Deputierten kannte er lediglich aus Zeitungsmeldungen.

Am ersten Weihnachtstag erlag Hermann Steffens seinen Verletzungen. Nur momentweise war er noch zu Bewusstsein gekommen. Eine Krankenschwester hatte gehört, wie er »de ut Sauensiek« oder »de Sauensieker Kerl« beschuldigt hatte.

Für die Aufklärung des Verbrechens setzte der Regierungspräsident eine Prämie von 1000 Mark aus. Nun gab es überhaupt kein Halten mehr.

Alle meldeten Verdächtige, wollten diese oder jene zwielichtige Gestalt in der Gegend gesehen haben; ein Onkel verklagte seinen Neffen. Zwischen Weihnachten und Neujahr erregte der Raubmord, genauer gesagt die reiche Belohnung, die Bewohner der Unterelbe.

Der Hinweis auf Sauensiek brachte den Erfolg. Offensichtlich war der Täter mit Steffens’ Routine, den Touren an bestimmten Tagen, vertraut gewesen. Am Donnerstag war er unter anderem in Sauensiek bei der Familie des Chausseewärters Müller gewesen. Müllers ältester Sohn Wilhelm war einschlägig vorbestraft.

Wilhelm Müller (Zeichnung: urian)
Der inzwischen 24-Jährige hatte im März 1927 in einem Waldstück bei Wense zwischen Harsefeld und Heeslingen zwei jungen Mädchen aufgelauert. Er ging mit dem Holzknüppel auf sie los und beraubte sie; Beute: eine Mark. Dafür hatte er 19 Monate abgesessen.

Die Ähnlichkeiten waren unverkennbar. Auch im aktuellen Fall hatte der Täter seine Waffe zufällig gefunden und aus einem Versteck am Straßenrand heraus zugeschlagen.

Der Gelegenheitsarbeiter Wilhelm Müller war als Logisgast einer Kellerwirtschaft in Hamburg-Flottbek gemeldet. Vorsichtige Erkundigungen verstärkten den Verdacht.

Am 30. Dezember wurde Müller verhaftet. Erst leugnete er, aber am 7. Januar 1930 nahm Kriminalsekretär Blome sein Geständnis auf.

Am Nachmittag des 19. Dezember hatte Müller sich mit dem Fahrrad auf den Weg gemacht. Gegen 19.30 Uhr erreichte er das Tannenwäldchen. Fast eine Stunde lag er im Hinterhalt, bis er das Rattern von Steffens’ Handwagen hörte.

»Es war mit ihm nicht viel los«, sagte einer der Landwirte, bei denen Müller gearbeitet hatte. Beckdorf, Harsefeld, Issendorf, Sittensen – der »stumpfsinnige und dickfellige« Junge musste die Stellung oft wechseln.

Wilhelm Müller (Zeichnung: urian)
Seinen ersten Diebstahl hatte er mit 16 Jahren verübt und die Amtsgerichte von Stade und Buxtehude kennengelernt. Im Zuge des Mordgeständnisses bekannte Müller auch, im Sommer 1929 bei einem Obsthändler in Rübke eingebrochen zu sein.

»Primitiv« nannten die Leute ihn, »egoistisch«. Sein ehemaliger Lehrer aus Sauensiek schrieb gar, »dass es sich bei dem Beschuldigten um einen ausgesprochen asozialen Menschen handelt, der auf niedrigster intellektueller und menschlicher Stufe steht und somit in eminentem Sinn eine soziale Gefahr bildet«. Aber, setzte der Lehrer hinzu, er möchte damit nicht zitiert werden.

80 Mark hatte Müller bei Steffens erbeutet. Das Geld verprasste er mit seiner Freundin, der »Sittendirne« Anni.

Er habe Steffens nicht töten wollen, beteuerte Müller – aber man glaubte ihm nicht. Er habe aus dem Überfall auf die Mädchen gelernt und diesmal sicher gehen wollen, dass sein Opfer nicht gegen ihn aussagen könne.

Wilhelm Müller (Zeichnung: urian)
Im März 1930 fällte das Stader Schwurgericht sein Todesurteil. Wie seit Kriegsende üblich geworden wandelte es das Justizministerium in lebenslange Haft um.

Bei der »kriminalbiologischen Untersuchung« durch die Hygieniker der SS fiel Müller 1940 durch; kam nicht in Frage, dass einer wie er als Soldat auf ein Schlachtfeld des Zweiten Weltkrieges entlassen wurde.

Wilhelm Müller wurde Objekt der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik und gemäß einer Verfügung vom 29. Oktober 1942 über die »Abgabe asozialer Gefangener« im November 1944 in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar verbracht. Bei der Staatsanwaltschaft hat man danach nichts mehr von ihm gehört.

© Uwe Ruprecht

Advertisements