Medizinmänner in Hamburg und umzu vor 100 Jahren

Sonderzüge halten im Dorf. Täglich drängen sich hunderte Menschen um den Hof des 46-jährigen Schäfers Heinrich Ast. Ausländische Korrespondenten berichten über den Rummel in Radbruch. Hamburger Theater spielen die Ereignisse am Wallfahrtsort nach. Ein Stück von 1894 heißt: »Die Dummen werden nicht alle«.

Schäfer Ast betätigt sich als Heiler. Was ihm bei Tieren mittels Handauflegen gelingt, funktioniert bei Menschen ebenso gut. Mit einer Lupe liest er aus den Nackenhaaren die Krankheit und verordnet Tinkturen, die er vom Apotheker in Winsen an der Luhe bezieht. Honorar fordert er nicht, lässt sich aber beschenken.

Wegen unerlaubter Abgabe von Medikamenten wird der Wunderheiler 1895 zu einer geringen Geldstrafe verurteilt. Fortan verteilt Ast den »Jerusalembalsam« (nach einem Geheimrezept seiner Ahnen) nicht mehr selbst, sondern beteiligt den Apotheker von Winsen am Profit, der sich gleich ein neues Haus baut.

Wer Nummernziehen und Anstehen auf der Heide vor dem Hof scheut, kann den Medizinmann trotzdem konsultieren. Ein Botendienst sammelt Haare für die Ferndiagnose ein. Mit einer Jahreseinnahme von 120.000 Reichsmark ist Ast nach heutigen Maßstäben Millionär.

In unsicheren Zeiten wird nach allem gegriffen, was Halt verspricht. Und sei es das Rundstück. Je älter, desto gesünder. Zur Abrundung der Brötchen-Kur die Dosis »Kieperol«: ein Elixier, das ein Apotheker für eine Mark herstellt und Herr Kiep für zehn verkauft. Kein Betrug, urteilt das Gericht, denn Kiep glaubt an das Rundstück.

Sechs Monate Gefängnis kassiert dagegen die Dame vom »Institut für Od-Behandlung« am Schwanenwik. Das »Od« hat sie in Indien entdeckt. Die Ärzte, so die Geistheilerin im Prozess, »das ist doch nur so eine Schweinebande, die auf das Geld aus ist«.

Bis zum seinem Tod 1921 praktiziert Schäfer Ast ungestört weiter. In Selsingen oder Sottrum siedeln Adepten der »Haardiagnose«. Einer wagt den Sprung in die Großstadt. Ernst Julius Buchholz sorgt in Hamburg für Aufsehen wie 30 Jahre vorher der Schäfer auf dem Dorf.

Bis zu 400 Kranke täglich strömen zwischen 1923 und 1927 in die Praxis des noch nicht 30-Jährigen in St. Georg. Am Fließband nimmt Buchholz Nackenhaare unter die Lupe und verkündet: »Schärfe im Blut«, »Dickdarmschwellung, dadurch Blutleere im Gehirn«.

Um dem Gesetz zu genügen, verweist der Heilkünstler für Medikamente an die Apotheke und fordert kein Honorar. Freilich drücken die dankbaren Gläubigen Buchholz reichlich Geld in die Hand.

Anders als beim Radbrucher Original gehen Gesundheitsbehörde und Polizei den Klagen über Fehldiagnosen nach. Ein Arzt der Uni-Klinik Eppendorf testet den »Haardiagnosesteller« und lässt ihn die Haare einer an Lungentuberkulose gestorbenen Frau zu vier verschiedenen Malen begutachten. Buchholz tippt immer daneben.

In einem Fall fahrlässiger Körperverletzung strengt die Staatsanwaltschaft den Prozess an: Eine von Buchholz verordnete Salbe hat eine Geschwulst erzeugt. Im Januar 1925 wird er zu 2000 Mark verurteilt.

Buchholz macht weiter, und im Oktober 1926 wird er wegen Betrugs angeklagt. Ein »bauernschlauer Kopf mit wohlhabenden Falten in Kinn und Nacken«, spotten die Reporter über den Wunderdoktor mit dem affektierten Gebaren.

Seinen Fehleinschätzungen stehen Lobeshymnen der Geheilten entgegen. Der Erfolg gibt dem Angeklagten Recht, findet das Gericht. Weil Tausende ihm zuliefen, konnte Buchholz selbst »zu dem Glauben kommen, er verfüge über die von ihm behaupteten Fähigkeiten«, es sei keine »bewusste Böswilligkeit« zu erkennen.

Seinen Zulauf verdankt der Heilkünstler auch der »Vertrauenskrise zur ärztlichen Wissenschaft«, meinen die Richter. Über die »Haardiagnose« urteilen sie ausdrücklich nicht in ihrem Freispruch.

Eine willkommene Reklame für Ernst Buchholz. Aber die Staatsanwaltschaft geht in Berufung. Und diesmal fragt sich das Gericht: Was taugt die Diagnostik »nach Schäfer Ast« des Schülers, der seinem Meister nie begegnet ist?

Probe aufs Exempel im November 1927 im Krankenhaus St. Georg: Zwei Stunden lang inspiziert Buchholz die Nackenhaare von 63 Patienten, über deren Zustand die Ärzte nicht im Zweifel sind.

Er erkennt weder eine Schwangerschaft im fünften Monat noch eine Syphilis im Endstadium. »Unterleibsleiden« sieht er, wo die Mediziner einen »schweren Nabelbruch« behandeln. Statt eines Herzklappenfehlers stellt er »Lungenverschleimung« fest.

Nicht eine Diagnose stimmt überein. Buchholz und die Ärzteschaft sprächen zwei verschiedene Sprachen, argumentiert sein Verteidiger.

Das Gericht hat genug gehört. Buchholz hat keine Ahnung von Anatomie oder Physiologie, »nur eine einfache Lupe mit ganz schwacher Vergrößerung«, und keine Spur der Kenntnisse, »derer er sich rühmt«: 30.000 Mark Geldstrafe.

In Hamburg ist das Geschäft gelaufen, der Heiler geht nach Berlin. Vorsichtshalber tut er sich mit einem Arzt zusammen, der einen Beinbruch ohne Haare und Tinkturen kurieren kann.

© Uwe Ruprecht

Advertisements