Harburgs sonderbarster Bürgermeister 1778–83

Im August 1778 starb der Erste Bürgermeister von Harburg, Nicolaus Meyer. Seine Nachfolge trat der bisherige Zweite Bürgermeister an: Joachim Hieronymus Röhrs, von Beruf Brauer, Weinhändler, Pächter des Ratskellers und Postmeister, gehörte dem Rat seit 20 Jahren an. Als Kandidat für Röhrs’ bisheriges Amt stand der Advokat Dr. Müller bereit.

Doch die Königliche Regierung in Hannover hegte andere Pläne. Sie präsentierte einen eigenen Kandidaten: Conrad Carl Christian Deneke, vormals Regierungsrat beim Fürsten von Löwenstein in Wertheim bei Würzburg. Bedenken von Bürgermeister Röhrs, dass der auswärtige Neue von seinem kargen Gehalt schwerlich würde leben können, erwiderte die Regierung mit der Aussicht auf gelegentliche Aufbesserung der Bezüge.

Es lässt sich nur spekulieren, was den zuständigen Beamten in Hannover, den Geheimen Rat von Bremer, bewog, den Harburgern Deneke aufzuzwingen und vier Jahre lang, trotz heftigster Widerstände, an ihm festzuhalten. Den Harburgern musste es jedenfalls vorkommen, als habe man ihnen Deneke geschickt, um sie zu piesacken.

Von Anfang an war C. C. C. Deneke alles andere als willkommen in seinem neuen Amt. Er musste gewahr sein, dass jeder seiner Schritte argwöhnisch beäugt und die kleinste Verfehlung genauestens protokolliert werden würde.

Wäre er der geschickte und ehrliche Mann gewesen, als den Geheimrat von Bremer ihn gepriesen hatte, er hätte die misstrauischen Harburger wohl von sich überzeugen können. Doch Deneke war ein Hallodri ersten Ranges. Und hätten die Harburger seine Vorgeschichte gekannt, sie hätten ihn gar nicht erst in die Stadt gelassen.

Denekes Lebenslauf weist große Lücken auf. Angefangen mit Geburtsdatum und -ort. Die erste sichere Spur von ihm ist ein Eintrag von 1739 als Student der Theologie im Hamburger Akademischen Gymnasium. Er wird dort als »Kedingensis« bezeichnet, also aus dem Lande Kehdingen stammend. Sein Vater war möglicherweise Steuereinnehmer in Horneburg und Drochtersen.

Deneke wird etwa zwischen 1720 und 1725 geboren worden sein. Sicher hat er Jura studiert, fraglich wo. Er sei als Hofmeister tätig und viel auf Reisen gewesen, behauptete er selbst. Nähere Angaben ersparte er sich, aus nahe liegenden Gründen.

Typisch für seine Engagements dürfte sein Gastspiel als württembergischer Hofrat von 1761 bis 1763 gewesen sein. Er verschwand aus Stuttgart offenbar in Eile und hinterließ allerhand Schulden, die er nie beglich.

Ausgestattet mit glänzenden Zeugnissen wurde Deneke 1764 Regierungsrat in Wertheim. Und erhielt zunächst einmal einen Vorschuss, um sich mit Büchern und Hausrat auszustatten, die er in Stuttgart hatte zurücklassen müssen.

Auch in Wertheim bekam er alsbald Ärger mit Gläubigern. Die Gunst seines Dienstherrn verscherzte er sich, indem er ungenehmigte Dienstreisen unternahm und von Urlaubsreisen erheblich verspätet zurückkehrte. 1767 war die erste Kündigung fällig, die jedoch wieder zurückgezogen wurde.

Kaum gerettet, erregte Deneke den Zorn des sittenstrengen Fürsten durch »ärgerliche Aufführung mit seiner Haushälterin«, die ein Kind von ihm bekam. Zwischenzeitlich sollte Deneke seine Dienstwohnung räumen und Akten herausgeben, die er daheim lagerte.

Auf einer seiner vielen unerlaubten Reisen heiratete Deneke 1770 in Fürth. Doch seine Gattin hielt es nur ein paar Wochen mit ihm aus. Zwei Jahre zog sich die Scheidung hin, gewürzt mit gegenseitigen Schmähungen.

Dem Löwensteinschen Fürsten war es inzwischen genug. Mit einem Handgeld schickte er Deneke im Mai 1771 fort. Dessen zurückgelassene Habe wurde versteigert. Ein im Inventar aufgeführter Nachtstuhl fehlte – den hatte Deneke offenbar mitgenommen.

Hannover, Göttingen, Wien, vielleicht auch London waren die nächsten Stationen des Taugenichts, ehe er Einzug in Harburg hielt. Als er am 24. Oktober 1778 eintraf, war er krank und konnte erst am 10. November in sein Amt eingeführt werden. Kurz nach der Ankunft hatte er Streit mit dem Fuhrmann, der ihm seine Sachen aus Kassel transportiert hatte: Deneke wollte den vereinbarten Lohn nicht zahlen.

Bald war denn auch die erste von unzähligen »Resolutionen« des Rats fällig, in denen die Regierung in Hannover beschworen wurde, Harburg endlich von dem ungebetenen Gast zu befreien. In den ersten acht Monaten seiner Amtstätigkeit, klagten seine Ratskollegen, ließ sich Deneke nur 18 Mal im Rathaus blicken. Vor 11 Uhr war er nie zu sprechen, weil er noch im Bett lag.

»Sobald er aber vom Tisch kam, lief er in der Stadt, von einem Hause zum anderen herum, ohne Nachricht zurückzulassen, wo er anzutreffen sei«, schrieb Bürgermeister Röhrs. Er urteilte, das Deneke »durch seine widersinnige und wüste Lebensart sich selbst und das Amt, so er unwürdig bekleide, prostituiere«, dass er sich »zum Ekel und Abscheu der Bürgerschaft gemacht« habe.

Eine Akte zum Beispiel ließ Deneke 58 Tage bei sich liegen und gab sie zurück, ohne sie auch nur abgezeichnet zu haben. Als in der Nacht vom 22. zum 23. April 1779 eine Feuersbrunst in der Stadt wütete, die durch einen gleichzeitigen Sturm höchst gefährlich zu werden drohte, blieb Deneke einfach auf seiner Stube.

Meist war er außerhalb, vorzugsweise in Hamburg und dort in den einschlägigen Etablissements von Altona und St. Pauli. Einmal wurde der Betrunkene gar von der Polizei aufgegriffen und verbrachte die Nacht in einer Zelle.

Freilich war Deneke nie um eine Ausrede verlegen und hatte immer einen Arzt zur Hand, der ihm für eine Augen- oder Brustkrankheit ein Attest ausstellte. Dabei lebte er meist auf Kredit, den man ihm, dem Bürgermeister, gern gab.

Ein ums andere Mal verschaffte Amtskollege Röhrs seiner Empörung über Deneke Luft: »Er lebte überaus schmutzig und unflätig, selbst in den heißesten Sommertagen kam der Nachtstuhl nie von seiner Wohnung, und wie er einst sieben bis acht Wochen davonreiste, und solchen gefüllt stehen ließ, so ward der Wirt des Hauses, der nebst seiner Familie vor Gestank nicht bleiben konnte, in die Notwendigkeit gesetzt, dass er das Gericht anrufen musste, die Stube öffnen zu lassen, um solches wegschaffen zu können. Er schämte sich sogar nicht, selbst die zu ihm kommenden und ihn zu sprechen habenden Leute, auf solchem (dem Nachtstuhl) sitzend vor sich kommen zu lassen, so dass solche beinahe ohnmächtig wieder von ihm kamen«.

Und Läuse hatte er auch, bezeugte Röhrs. Als Deneke ausnahmsweise an einer Ratssitzung teilnahm und neben ihm saß, fing Röhrs sich das Ungeziefer von seinem Stuhlnachbarn ein. Schließlich gab der Rat es auf, Deneke zur Einhaltung seiner Dienstpflichten vergattern zu wollen – denn wenn er da war, stiftete er nur Unfug.

Hannover jedoch wollte einer Abdankung partout nicht zustimmen. Erst im Januar 1783 kam es zu einem Kompromiss: Deneke verließ den Rat, allerdings bei vollen Bezügen, die die Ratsherren aus der eigenen Tasche bestritten.

Tatsächlich waren Denekes Krankheiten nicht alle erfunden: Am 15. Dezember 1783 starb er an Brustwassersucht. Der Eintrag ins Sterberegister erfolgte unter falschen Vornamen, sein Alter wurde als »unbekannt« angegeben.

Harburgs sonderbarster Bürgermeister 1778–83 (Zeichnung: urian

© Uwe Ruprecht