Elisabeth Wiese in Hamburg 1902–05

»Sie war eine mittelgroße, schlanke Frau. Sie hatte ein speckgelbes Gesicht, eingefallene Wangen, eine lange Habichtsnase und kleine stechende Augen. Sie machte ganz den Eindruck einer Hexe, mit der man Kinder graulich machen konnte.«

Das Porträt eines »entmenschten Weibes« zeichnet der bedeutendste Gerichtsreporter des Kaiserreichs Hugo Friedländer zum Prozess in Hamburg im Oktober 1904.

Fünf Säuglinge soll die 54 Jahre alte Elisabeth Wiese in ihrer Wohnung in der heutigen Hein-Hoyer-Straße umgebracht haben. Leichen gibt es nicht. Bertha, Wilhelm, Peter, Franz und ein namenloses Neugeborenes, kombiniert die Staatsanwaltschaft, wurden vergiftet und verbrannt.

Vergiftet mit Morphium, über das die Angeklagte zur vermuteten Tatzeit 1903 verfügte. Verbrannt im Küchenofen, bis die Herdplatte zersprang.

»Das Fehlen von Findelhäusern in Deutschland hat schon so manchem kleinen Wesen das Leben gekostet«, notierte Hugo Friedländer über den sozialen Hintergrund des Verbrechens. Uneheliche Kinder und ihre Mütter waren stigmatisiert. Manche Magd, für die Mutterschaft Entlassung bedeutet, gebiert heimlich und tötet das Kind. (→ Die gerissene Nabelschnur)

100 bis 300 Mark Vermittlungsgebühr und monatliches Kostgeld von 20 Mark lässt sich Elisabeth Wiese für Pflegekinder zahlen. Ein neuer Erwerbszweig, nachdem sie als Hebamme Berufsverbot hat, weil sie als »Engelmacherin« erwischt wurde.

Den Müttern erzählt sie Märchen: Die Kinder kämen nach Wien oder London, um von Fürsten oder Grafen adoptiert zu werden. »Die Kinder werden in Seide gebettet«, sie leben in einem Schloss, und »es fehle ihnen nichts weiter als das Himmelreich«. Das hatten sie schon, meint die Anklage.

Wie viele Kinder bei Elisabeth Wiese »eingezahlt« wurden, ist ungeklärt. Vier, von denen die Behörden wissen, bleiben verschwunden.

Erst will die Angeklagte nie etwas von den Kindern gehört haben. Nach und nach gibt sie zu, sie zu kennen. Drei seien wohl auch tot, behauptet sie schließlich. Zwei habe sie einer Frau zur Pflege anvertraut, die sie beseitigt habe. Ein Kind habe ihr Ehemann ermordet, nachdem er sich an ihm vergangen habe.

»Angeklagte«, fällt ihr der Vorsitzende Richter ins Wort, »ich habe schon viel gehört, dass aber ein erwachsener Mensch ein zwei Monate altes Kind sittlich missbraucht, habe ich noch nicht gehört.«

»Es ist aber wahr. Mit mir hat er ja dieselben Unsittlichkeiten vornehmen wollen.«

Sie habe vielmehr ihn umbringen wollen, beschuldigt Kesselschmied Heinrich Wiese seine Gattin. Mit Gift und Rasiermesser! Dem Tod mit durchschnittener Kehle sei er nur entgangen, indem er die ganze Nacht wach blieb. Das glauben die Geschworenen doch nicht und sprechen seine Frau von der Anklage des Mordversuchs frei.

Der fünfte Mord betrifft ihr eigenes Enkelkind.

Elisabeth Wiese hat ihre uneheliche Tochter Paula zur Prostitution gezwungen, auf der Straße wie im »Inseratenstrich« per Zeitungsannonce: »Eine junge Dame bittet einen edel denkenden Herrn um 30 Mark Unterstützung gegen dankbare Rückzahlung.«

Im Sommer 1902 entbindet die Mutter die Tochter und lässt das Kind verschwinden.

Kurz nach der Geburt beobachtet ihre Untermieterin Elisabeth Wiese am Herd. »Ich verbrenne die Nachgeburt von Paulas Kind«, erklärt sie.

Die Kohlenreste bringen Glück, ebenso wie Rinderblut und Blut von weißen Tauben. Glück in der Lotterie, für das sie betet und opfert. Elisabeth Wiese behauptet auch, mit Geistern zu verkehren.

Ob Gier nach Geld ihr einziges Motiv war oder die Kinder noch anderen Zwecken dienten, wurde nicht ausgeforscht. Kein Psychologe befragte die Serienmörderin.

Frauen morden seltener in Serie als Männer, aber nicht weniger scheußlich. Bei den Blutorgien der Gräfin Erzébet Báthory in den Karpaten wurden bis 1610 ungezählte junge Frauen geschlachtet. Die fürchterlichste Serienmörderin der deutschen Kriminalgeschichte wütete in Bremen: 1813 bis 1828 vergiftete → Gesche Gottfried 15 Menschen mit Arsen, darunter ihre Eltern und Kinder. Fünf Kindsmorde durch Erwürgen 1905 und 1907 konnten der Französin Jeanne Weber nicht bewiesen werden. Erst der 6. Mord brachte sie in eine geschlossene Anstalt – wo sie sich selbst erwürgte.

Zum Prozess gegen Elisabeth Wiese debattiert Hamburg, ob man eine Frau hinrichten dürfe. Die Mehrheit ist dafür. »Ich habe keine Kinder umgebracht«, beteuert die Verurteilte noch unter der Guillotine am 2. Februar 1905.

Elisabeth Wiese (Zeichnung: urian)

© Uwe Ruprecht

Siehe im Menü »Gerichtsgeschichten« oder → Pitavalgeschichten. Eine Übersicht

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