350 Jahre Rathaus Stade als politische Demonstration

Bratwurstbuden. Das wird es geben, wenn am 15. September das 350-jährige Bestehen des Rathauses im Hanselstädtchen Stade gefeiert wird. Aufgesetzt fröhliche Leute, die Feiern spielen, und andere, die sich animieren lassen.

Bratwurstbuden und Bier, das versteht der Niederdeutsche unter Feiern. Das war in meiner Kindheit so und hat sich in einem halben Jahrhundert nicht geändert. Das ist »Heimat«.

Was man sich in Stade unter »Bürgerschaft« vorzustellen hat, wird nicht laut und deutlich gesagt. Man nennt sich »Demokrat« und »Demokratin« und hält ein Exemplar des Grundgesetzes in die Kamera, wenn die Haltung abgefragt wird; das geht so automatisch wie das Lächeln beim »cheese«. In Wahrheit denkt man ganz anders und zeigt es unverschämt vor aller Welt.

Als ich den Flyer zu → »350 Jahre Rathaus« durchblätterte, berührte mich etwas peinlich. Nachdem ich die 12 Seiten durchgesehen hatte, erkannte ich die Fehlleistung.

Auf dem Titelblatt wird ein »königliches Fest für alle Bürgerinnen und Bürger« angekündigt. Der Freiherr von Knigge würde sich im Grabe umdrehen, täte er das in Hinblick auf Stade nicht ohnehin: »königlich« und »Bürger« in einem Satz! Wenn es nach den Königen und Königinnen ginge, gäbe es keine »Bürger«, und »Bürgerinnen« schon gar nicht.

Als Formel für irgendeinen kommerziellen Event mag das durchgehen; so ist die freiheitlich-demokratische Grundordnung: Blödsinn darf sein. Als Leitsatz bei einer staatlichen und »historischen« Veranstaltung offenbart es das Geschichtsverständnis der Verantwortlichen: man klittert, was das Zeug hält.

Die Feier wird verknüpft mit einem Besuch der schwedischen Königin Christina (bekannt durch Hollywood-Verfilmungen und anderen Kitsch) im September 1668, dem Jahr der Fertigstellung des nach dem Stadtbrand von 1659 neu gebauten Rathauses.

Dabei darf die Heilige der lokalen Frauenrechtlerinnen nicht fehlen, Aurora von Königsmarck, damals sechs Jahre alt. Ein Wettbewerb wurde veranstaltet, um möglichst viele Kinder an die Monarchie heranzuführen, und eines wird nun die Mätresse des Herrschers von Sachsen August des Starken verkörpern und diese sich und dem Publikum wie eine Märchengestalt vorstellen.

In Stade sei sie, schrieb Christina, und der Flyer wiederholt es stolz, »nicht wie eine Königin, sondern wie eine Göttin empfangen« worden. So haben sich die Monarchen ohnehin selbst ausgegeben, als von Gott gesandt. 350 Jahre später werden die Vertreter des demokratischen Gemeinwesens dazu angehalten, ihnen erneut vor die Füße zu fallen.

Was das »gemeine Volk«, wie ehedem die genannt wurden, die heute »Bürgerinnen und Bürger« heißen, erlebte, dachte und fühlte ist so gut wie unbekannt; mangelnder Quellen wegen und des Desinteresses der Geschichtsschreiberinnen.

Ob das »Volk« der Königin freiwillig zujubelte? Die inzwischen verklärte »Schwedenzeit« war geprägt durch Unterdrückung und Ausbeutung, unter Mitwirkung der verehrten Christina (Räuber auf zwei und vier Beinen). Was würde ein Bauer von 1668 dazu sagen, dass 2018 seine Epoche der Entbehrungen mit einem »Bürgerfrühstück« begangen wird?

»Es wird erzählt, gelacht und zu barocken Klängen gemeinsam gefrühstückt.« Besagter Bauer hätte keine Ahnung, was »barocke Klänge« sein sollen, und ich bezweifle, dass ein gewöhnlicher Bewohner Stades im 17. Jahrhundert je Vivaldi gehört hat. Der wurde an Fürstenhöfen gespielt, die es im Niederdeutschen nie gab.

Es wird nicht die eigene Geschichte gefeiert, sondern die Vorfahren werden mit den über ihre Wirklichkeit wie süße Soße gekippten Fantasien verhöhnt.

Monarchie, Obrigkeitsstaat, Besatzung – daran sich zu orientieren wird die Bevölkerung angehalten. Und mit der Anhimmelung der schwedischen Fremdherrschaft soll es nicht genug sein. Im Rathausfoyer wird eine »Königlich Deutsche Legion«, von der ich nie gehört habe und die gar nicht sympathisch klingt, »historische Szenen aus der napoleonischen Zeit« zeigen.

Dass »Bürgerinnen und Bürger« sich einbilden, gegenwärtig wie »Könige und Königinnen« zu leben – das hätte man im Rathaus gern. Die Übersetzung für Königinnenbürger oder Bürgerinnenkönige [bei denen die Rechtschreibprüfung nicht anschlägt] lautet Untertan.

(Während ich den Text formatiere, höre ich im Radio eine polnische Pressestimme zu Chemnitz und dem Wiedererwachen des »Neonazismus«. Zu dessen Angriffen auf ein demokratisches Bewusstsein gehört ebenfalls schamlose Geschichtsklitterung. Polen ist selbst ein Beispiel, wie derartige Geschichtspolitik funktioniert.)

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