Carl Einstein: »Bebuquin oder Die Dilettanten des Wunders« und »Die Fabrikation der Fiktionen«

Mit Carl Einstein beschäftigt, fällt dieser Riss auf, an dem sein Werk zum Fragment wird. Aber das ist ungenau. Handelt es sich bei dem vermeintlichen Widerspruch von Einsteins letztem, unvollendeten Buch, der Fabrikation der Fiktionen (Anfang der 1930er entstanden) gegen sein übriges Werk tatsächlich um eine Unterbrechung, einen Einschnitt? Und hatte Einstein es überhaupt je auf ein Werk abgesehen?

Das seine, wenn man seine literarische Produktion so bezeichnen will, scheint jedenfalls nicht wie dasjenige Walter Benjamins, wie dessen Summa, die Passagen, unter der Last einer Idee zusammengebrochen zu sein, die von keinem einzelnen Werk zu ertragen ist: einer Idee, der gegenüber »alles nur Textliche und Bildliehe das Unwahre« ist – wie Hans Joachim Dethlefs in seiner superben Monografie (C. E. Konstruktion und Zerschlagung einer ästhetischen Theorie, Qumran 1985) bemerkt.

Carl Einstein: Bebuquin (Zeichnung: urian)

Eher sieht es danach aus, als leide Einsteins Werk unter der Abwesenheit einer tragenden Idee, an Unterernährung, die das Werk erschöpft, ehe noch seine Ausführung begonnen ist. Früher als Benjamin hat Einstein die Mangelhaftigkeit des Werks gegenüber der Idee verspürt, nämlich bevor er sich zu einer literarischen Laufbahn entschloss, und sein Werk erweckt den Eindruck, aus lauter Widerwillen entstanden zu sein, aus Selbsttäuschung womöglich, der sich Einstein offenbar jedoch ständig inne war.

Denn obwohl mit einem Werk befasst, mit dem Bebuquin zuerst, den er als knapp 20-Jähriger entwarf, und anschließend über Jahre hinweg mit dessen Fortsetzung, BEB II, ekelt dieses Werk Einstein eben sowohl. Allem bis dahin Geschriebenen und Gedachten, sich selbst kehrt er den Rücken zu, nicht jedoch, um nunmehr die Idee, die »Grundverwandlung«, die unabhängige Tat, das Wunder, nach dem die »Dilettanten« im Bebuquin suchen, direkt anzugehen.

Vielmehr setzt er an zu einem anderen Buch, das sein bisheriges Werk negieren wird. Dieses, Die Fabrikation der Fiktionen, ist eine einigermaßen beispiellose, gehässige und gequälte Attacke gegen die Intellektuellen in Bausch und Bogen, gegen die moderne Kunst, schlechthin gegen alles, womit Einstein bis dahin, als Literat und Kunstkritiker, sein Leben gefüllt hatte. Mit diesem Buch macht er sich selbst ungeschehen.

Carl Einstein: Bebuquin (Illustration: urian)

Dieser Prozess der »Selbstaufzehrung« (Dethlefs) ist ohne Parallele. Zwar gibt es in der Geschichte der modernen Kunst und Literatur einige Fälle derartiger Selbstauflösung: Franz Kafka gab Anweisung, seine Manuskripte nach seinem Tode zu vernichten, Lautréamont verschwand als Person hinter und in seinem Werk, Rimbaud und Mallarmé gaben irgendwann das Schreiben ganz auf. Wie Einstein wurden auch sie gequält von der verlorenen Zeit und zerfleischten sich über der Schneide zwischen Imagination und Aktion.

Ein Sonderfall ist Einstein durch die Art, wie er sich verschwinden lässt. Er gibt sein Schreiben nicht einfach auf, wie er es immer wieder ankündigt; Einstein legt die Feder nicht aus der Hand, um sogleich zum Gewehr zu greifen, indem er sich der hochverehrten Aktion durch seine Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Anarcho-Syndikalisten verschreibt.

Erst wird die Feder zum Gewehr, das er gegen sich selbst richtet. Mit der Fabrikation der Fiktionen löscht er seine literarischen und intellektuellen Spuren, indem er neue darüberlegt Er holt sich selbst am Anfang ein, beim Bebuquin, in dem er schon systematisch alle Lebensmöglichkeiten durchspielt hatte, um am Ende nur dem Tod eine Chance zu lassen.

Diese beiden Texte, der Roman und die Hasstirade, sind wie die beiden Teile einer Schachtel, die sich ineinanderschieben und den Schriftsteller Einstein verschließen, der so frei wird für die ersehnte »Grundverwandlung«, die im Bebuquin Tod hieß und nun als Aktion auftritt.

So sehr diese beiden Texte in ihrer Haltung gegenüber der modernen Kunst differieren: hier eines ihrer frühesten literarischen Exempel, dort ihre restlose Verdammung – so sind beide dennoch demselben Mythos gewidmet, der Erlösung von der Zeit. Soll im Bebuquin die einsame und absolute Tat das Selbst zu sich bringen, ist es in der Fabrikation der Fiktionen das Kollektiv, das dem Einzelnen volle Wirklichkeit zuteil werden lässt. Aber auch sprachlich, und das ist das Faszinierendste, verhalten die Texte sich komplementär.

Carl Einstein: Bebuquin (Illustration: urian)

So »dicht wie ein Kreis« hatte Einstein sich den Bebuquin vorgestellt und eine literarische Analogie zu den vexierenden Räumen der kubistischen Gemälde angestrebt. Alle Teile des Romans hätten sich gleich gewichtet zueinander verhalten sollen; herkömmliche Erzählstrategien, die auf der Entfaltung eines Textes, seiner Figuren und Themen in der Zeit seiner Lektüre basieren, sollten aufgehoben werden. Das war nur zu haben um den Preis der Schemenhaftigkeit des Personals, das kaum mehr agiert, sondern Monologe austauscht; Monologe, in denen Einstein in komprimierter und dadurch oft satirisch verzogener Form seine gesammelten Ansichten zu Kunst, Philosophie, Musik, Wissenschaft etc. kundtut. Der Bebuquin ist in diesem Sinne ein Romanessay oder eigentlich: ein Gedichtessay.

Was die Lektüre der Fabrikation der Fiktionen so zermürbend macht: das wiederholte Ansetzen ähnlicher oder identischer Argumente in lediglich grammatischer Variation; die Kreisläufe, die von den Gedankengängen beschrieben werden; deren Verkürzung, so dass nahezu jeder einzelne Satz für sich allein stehen und aus dem Kontext herausgebrochen werden kann umd, ohne dass der Eindruck von Willkür entstünde, a. beliebiger anderer Stelle wieder verwandt werden kann, dieser »hämmernde Duktus«, den H. J. Dethlefs am Bebuquin feststellt, zeichnet dem theoretischen Projekt der Fabrikation der Fiktionen literarische Züge ein, so wie umgekehrt der Bebuquin sich als Literarisierung theoretischer Einsichten lesen lässt.

Es ist allerdings dieselbe Sprache, die Einstein in beiden Texten spricht. Nur die Gewichte haben sich verschoben: von der Literatur zur Theorie, von der Fantasie zu ihrer Abwehr.

aus: Spuren – Zeitschrift für Kunst und Gesellschaft, Hg. Karola Bloch, Hochschule für bildende Künste Hamburg, Nr. 11–12/Mai–Aug. 1985

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Nachdem ich wie oft in der Reclam-Ausgabe des Bebuquin von 1985 geblättert hatte, fiel mir ein, bei google nach Bildern zum Text zu suchen – und fand außer Buchcovern keine. Sollte noch niemand daran gegangen sein, den Text zu illustrieren? Das ergab den Anlass, meinen verjährten Text hervorzukramen und mit den frischen Bildern zu versehen.

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»Man gebe konzentrierte Resultate – keine Wege«.

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