»Holocaust-Gedenktag« 2019

Zum »Holocaust-Gedenktag« am 27. Januar warnt Außenminister Heiko Maas: »Unsere Erinnerungskultur bröckelt, sie steht unter Druck von extremen Rechten.«

Wer wollte ihm nicht zustimmen? Doch was soll das eigentlich sein: »unsere Erinnerungskultur«? Mein Eingedenken des Nationalsozialismus wird nicht angefochten durch das Gefasel etwelcher »extremer Rechter«, die ich Neonazis nennen würde, um an der Stelle Klarheit zu schaffen.

Als Sohn in den 1930ern geborener Deutscher ist mein Andenken jedenfalls ein anderes als das jenes Freundes, der als Kurde im Libanon geboren wurde. Wie sich die aktuellen »extremen Rechten« – wenn damit die AfD gemeint sein soll – zur Erinnerungskultur stellen, lässt sich für das Bodenpersonal in meinem Betrachtungsgebiet um die Städte Stade und Buxtehude kurz fassen: geht sie nichts an. Wie weit sie sich damit auskennen, muss offen bleiben.

Von ganz anderer Art, als Maas gemeint haben wollte, ist der Umgang mit der Erinnerung durch den Magistrat von Stade. Dieser hat nicht nur unlängst noch ein kleinliches und unsachgemäßes Gezerre um das Gedenken veranstaltet (siehe → hier und → hier).

2002, als »extreme Rechte« ebenso wie heute, aber nicht vom Bundestag aus und mit weniger Medienecho, die Erinnerung an den Nationalsozialismus umzuwerten versuchten, kurz nachdem man sich nach langjährigem Gezerre zu einem Mahnmal für die Opfer entschieden hatte, wie zum Ausgleich für das ihm Abgerungene, hat der Magistrat einen der Täter auf unbürokratischem Weg mit einer Ehrung bedacht und bis heute keinen Abstand davon genommen. (Ein ehrenwerter SS-Mann | Braune Heimatkunde | Zog Sux und das Rowdytum (8) | SS-Mann 92901)

Diese Art »Erinnerungskultur« kann schwerlich von »extremen Rechten« bedroht werden. Und was ist von Repräsentanten ehrbarer Parteien (um nicht etabliert zu sagen) zu halten, die sich vor 16 Jahren, als sie zu ihrer Ehrerbietung für einen NS-Massenmörder Stellung nehmen sollten, für einen Schlussstrich unter die Geschichte aussprachen, und heute, wenn es im Ringen um Wählerstimmen opportun ist, an Führungen zu Gedenkorten teilzunehmen und keines der Gedenkrituale versäumen?

»Was wir jetzt brauchen«, sagt Heiko Maas, »sind neue Ansätze, um historische Erfahrungen für die Gegenwart zu nutzen. Unsere Geschichte muss von einem Erinnerungs- noch stärker zu einem Erkenntnisprojekt werden.«

Die Erinnerungskultur war nie ein fester Block, der erst jetzt, durch die AfD angegriffen wird. Eben wurde an die im Januar 1979 beginnende Ausstrahlung der Hollywood-TV-Serie Holocaust erinnert. Sie »bescherte den Deutschen ein kollektives Erwachen, einen kollektiven Schock über die Geschehnisse im Dritten Reich, von dem sie sich bis heute nicht mehr so richtig erholt haben […] Als ob ein eitriges Geschwür plötzlich aufgeplatzt sei, so wirkte diese kollektive Trauerreaktion.« (R. C. Schneider 1997)

Damals, wurde auch erinnert, fanden ein Drittel derer, die man nach ihrer Meinung fragte (und die sie nicht selbst in den Netzwerken heraus ließen), die Geschichte sei ganz anders und nicht so schlimm gewesen. Auf 15 bis 25 Prozent wurde seither von Soziologen und Politologen der Anteil der Bevölkerung veranschlagt, der für einen neuen Nationalsozialismus anfechtbar sei. Insofern hat die AfD ihr Stimmenpotenzial nicht ausgeschöpft.

Gegen den Zusammenhang zwischen Geschichte und Gegenwart hat sich die eingeübte NS-Gedenkkultur abgeschottet und Ritule gepflegt statt an der Er-Innerung zu arbeiten. Eines ihrer Produkte sind AfDler, die wie Neonazis denken und reden, aber zum Teil ehrlich überzeugt nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun haben wollen und lange gar nicht und bis dato nur zaghaft damit in Verbindung gebracht werden, als »extreme Rechte«.

Auch der Leichenberge wegen und der Vorstellungen, die man sich von den Leiden der Opfer machen kann, ist die Erinnerung grauenhaft. Immerhin wurde sie an diesem Punkt unternommen, solange noch Zeugen zu befragen waren.

In Bloodlands, einer Untersuchung der nationalsozialistischen und stalinistischen Massenmorde, schätzte Timothy Snyder es als »moralisch dringlicher« ein, »die Handlungen der Täter zu verstehen«. Denn die »moralische Gefahr, alles in allem, ist niemals, dass jemand Opfer, sondern Täter oder Zuschauer werden könnte.«

An dieser Stelle klafft in der Erinnerungskultur eine Lücke. Oder sie ist so gefüllt worden wie in Stade mit der Ehrerbietung für einen Täter. Eine Frucht der Ausblendung benennt Snyder in Black Earth, einer Abhandlung zur Wiederholbarkeit des Holocaust: »Unsere Vergesslichkeit lässt uns glauben, wir seien anders als die Nazis, denn sie verschleiert, worin wir uns gleichen.«

Wenn ich diese oder jene Stimme vernehme, die AfDler als »Nazis« beschimpfen, kann ich mir nicht immer sicher sein, jemand zu hören, der sich der Geschichte wirklich erinnert hat. So schwer es fallen mag, aber über jeder Politik der Ausgrenzung liegt der Schatten des Nationalsozialismus. Wenn ich die AfD als Neonazi-Partei bezeichne, ist das eine Begrifflichkeit. Mitglieder und Funktionäre mit den Nationalsozialisten zu identifizieren, verharmlost diese und tut jenen Unrecht.

Noch haben sie nichts von dem getan, das ihren Vorgängern zur Last gelegt wird. Die vorzeitige Gleichsetzung erleichtert ihnen die Verteidigung. Und solange sich die Erinnerung auf Leichenberge und die Shoah, den Judenmord, verengt, geraten nicht nur die Ähnlichkeiten der AfD kaum in den Blick.

Als genüge es, kein Antisemit zu sein, um mit seinen klaren Ansichten über »Asoziale« nichts mit, sagen wir, Himmler gemein zu haben, dessen erste konzertierte »Aktion« 1938 keineswegs den Juden galt, sondern »Arbeitsscheuen« und »Zigeunern«. Juden erwischte es dabei freilich auch, wenn sie etwa Hausierer waren. Mit den »Asozialen« wollten die Kommunisten, die bis dahin als Gruppe bevorzugt in die Konzentrationslager gesperrt worden waren, so wenig zu schaffen wie die Nazis.

Die Wirklichkeit kann nicht nur grauenhaft sein, im Allgemeinen ist sie grau oder bunt, aber kaum je schwarz-weiß. Echte Erinnerung ist kein Eiapopeia, und eine Geschichte in Täter-Opfer-Holzschnitten trägt zum Verständnis der Gegenwart überhaupt nichts bei.

Es wäre schon ein Gewinn für »unsere Erinnerungskultur«, wenn die, die sich politisch auf Geschichte beziehen, davon mehr zur Kenntnis nehmen würden als nur die jeweils populären, um nicht zu sagen modischen, also vor allem die bebilderbaren Partien.