Heinrich Himmlers Flucht in den Tod vom 20. April bis 23. Mai 1945 von Berlin über Flensburg nach Lüneburg

Graphic Essay

240.000 Zeichen Text (120 S. Taschenbuchformat) mit 860 Bildern auf 170 Blatt DIN/A 5. Im Anhang: Zeittafel, Kurzbiografien der Gehilfen und Personen der letzten Tage, Anmerkungen und Quellennachweise.

Himmlers Ende (1)

Himmlers Ende (3)

Himmlers Ende (4)

Heinrich Himmlers Ende (Zeichnungen: urian)

5800 Tage auf der Fährte von Himmlers Heimgang in meiner Heimat. Ich muss mir nicht einreden, dass meine Gespensterjagd kein Hirngespinst ist, das allein den fesselt, der es entwickelt – es wird mir vorgesagt. Ich höre Stimmen. Sie sind keine Metapher für Eingebungen und kein Symptom von Schizophrenie. Die Sprecher im Radio berichten Ereignisse, zu denen in aller Öffentlichkeit die Fragen aufgeworfen werden, die ich mir still am Schreibtisch stelle. Sätze aus Dokumenten und Büchern hallen wieder, wenn gegen Asylbewerber als »Volksschädlinge« gehetzt wird.

Als ich mich in den vergangenen Schatten versenke, fällt er auf die Gegenwart. Während ich dies aufzeichne, steht das Land im Zentrum der größten Fluchtbewegung seit 1945, als in erster Linie Millionen Deutsche umherirrten. Ich habe mir einen Flüchtling von damals vorgenommen, der nichts sehnlicher wünschte, als in einem fremden Land günstige Aufnahme zu finden. Der nicht nach sondern aus Deutschland fort wollte, dessen Verwüstung er an oberster Stelle betrieben hatte. Er floh nicht vor fremden Taten, sondern den Folgen der eigenen und hoffte, dem Zugriff der Gerechtigkeit zu entkommen. Er war ein Verursacher der Fluchtwelle.

Als ich meine Nachforschungen aufnahm, sagte Ignatz Bubis einen Satz, den ich erst jetzt lese. Er bringt auf den Punkt, was mich nicht los lässt: »Jeder in Deutschland fühlt sich verantwortlich für Schiller, für Goethe und für Beethoven, aber keiner für Himmler.« Zu seiner Klage hatten den deutschen Juden die Erben des Reichsführers-SS aufgeregt: wieder einmal entlud sich in dem Sommer 1999 ein mörderischer Fremdenhass, für den ebenfalls niemand verantwortlich sein wollte.

November 2015: In Fredenbeck brennen zwei Unterkünfte für Flüchtlinge aus Syrien. Als zuletzt eine Fluchtwelle die Gegend erreichte, überfiel im Mai 1999 eine Neonazi-Bande vier junge Männer, die vor dem Krieg aus Sierra Leone entkommen waren, in ihrer Fredenbecker Wohnung. Polizei, Presse und Politik verschleierten. Damals wurde den Tätern ein weltanschauliches Motiv abgesprochen. Sie konnten ihren erwogenen Plan für den Überfall hinter einer »Bierlaune« verstecken. Andere Taten wurden ganz verschwiegen, nicht in Zusammenhang gebracht und nicht verfolgt. »Natürlich waren es keine Neonazis! Die gibt es nicht!«

Der Tod greift in meinen Text ein. Als ich begann, den letzten Schritten des Ungeheuers zu folgen, begegnete mit einer, der in seinem Geist weiter marschierte: der Anführer des Überfalls von 1999. In diesem November 2015 erreicht mich die Nachricht von seinem Tod mit 38 Jahren. »Es ist geil, ein Arschloch zu sein. Ich bin viel schlimmer, als alle anderen behaupten.« Er meinte vor allem mich; ich war für eine Weile sein publizistischer Schlagschatten.

Der Sohn eines Bürgermeisters aus Bremervörde trat als »Zog Sux« auf. Wie »sucks« und »Zionist Occupied Government« = »Juden-Regiment«. Ein Fluch als Name. Das Spinnennetz-Tattoo auf den Unterarm ließ er vor Gericht demonstrativ sehen; das Hakenkreuz auf dem Rücken wurde bei anderer Gelegenheit aktenkundig. Er leitete den Angriff auf einen Jugendtreffpunkt und schändete Mahnmale. Durch eine Kontaktanzeige im Internet lockte er einen Türken als »Überraschungsgast« auf eine Skinhead-Party.

Er begründete an mehreren Orten Gangs, die sich »Bomber« nannten. Eine Bande in Nordrhein-Westfalen, der er zeitweilig angehörte, wurde 2012 förmlich verboten. Zuletzt hörte ich von ihm, als er am 1. Mai 2012 in seiner Nachbarschaft im schleswig-holsteinischen Neumünster an einer Kundgebung der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands NPD teilnahm. Er machte »Weisse Musik« (»Viva La Muerte«, »Weisse Brüder«, »Knast«) und war Vater von mindestens sechs Kindern.

Im Prozess zum Überfall von Fredenbeck erklärte er: »Ich habe mich zurückgezogen.« »Mitläufer« nannte sich ein anderer Angeklagter. Ein dritter war vor vielen Jahren dabei, aber schon lange nicht mehr. Zwei wollen nie etwas mit der braunen Szene zu tun gehabt haben. Der Verfassungsschutz steckte mir, was die Staatsanwaltschaft nicht wissen wollte: »Zog Sux« und drei Angeklagte waren NPD-Mitglieder. Später höre ich aus erster Hand, dass sie zum Überfall von einer Parteiversammlung in der »NPD-Scheune« in Bargstedt aufgebrochen waren. »Wir müssen dann mal weg! Wir haben noch was vor!«

»Wenn Sie so weitermachen, wird das einmal ein böses Ende mit Ihnen nehmen.« Das gab ihm ein Richter mit auf den Weg. Bei seinem nächsten Kontakt mit der Justiz log er im »Lonsdale«-T-Shirt erfolgreich vor, ein Aussteiger zu sein und erhielt einen Strafnachlass.

Die Schändung eines Friedhofs durch eine seiner Banden wurde nicht verfolgt. Die Aktion traf einen ehemaligen Lehrer, der sich um ihn bemüht ebenso bemühte hatte wie um die Erinnerung an das Lager, aus dem Toten stammten. Eine Million Gefangene aus 46 Nationen waren durch das Mannschaftsstammlager B im Wehrkreis X in Sandbostel bei Bremervörde geschleust worden. Darunter Giovannino Guareschi, Autor von »Don Camillo und Peppone«, und Leo Malet (»Nestor Burma«). Bis zu 50.000 waren gleichzeitig in den 150 Gebäuden eingesperrt. Etwa so viele starben insgesamt durch Hunger, Seuchen, Misshandlungen und willkürliche Erschießungen.

Stalag X B / Immenhain (Zeichnung: urian)

Mit der Beseitigung von Gräbern und Denkmälern auf dem Lager-Friedhof wurde bereits 1949 begonnen. Gemeinde, Landkreis und niedersächsisches Innenministerium gingen bei der Schändung Hand in Hand. Geschichte und Gegenwart hakenkreuzten sich auch auf dem Lager-Gelände. Die erhaltenen Baracken waren im Gewerbegebiet »Immenhain« untergegangen. Die ehrenwerten Herrschaften von Bremervörde wehrten sich mit wütender Entschlossenheit gegen jede Mahnung an die Geschichte. Bei Besuchen von Überlebenden, Angehörigen und Neugierigen schlugen Hunde an hinterm Jägerzaun. Überlebende von Stalag X B waren Himmlers Häscher in Meinstedt.

»Zwar müsse der Hintergrund des Anschlags auf die Asylbewerberunterkunft noch näher erforscht werden, eine rechtsextreme Motivation sei aber nicht erkennbar«, teilte die Polizei im Januar 2000 mit. Journalisten, die solche Verlautbarungen verbreiteten, störten sich nicht daran, dass das Motiv zwar noch offen sei, keinesfalls aber politisch wäre. Zur selben Zeit wurde der »Nationalsozialistische Untergrund« NSU aktiv, die Bande aus dem thüringischen Zwickau, der zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge und 15 Banküberfälle zur Last gelegt werden, und die bis zum Tod der beiden mutmaßlichen Haupttäter 2011 sämtlichen Sicherheitsbehörden unbekannt gewesen sein soll, die vergeblich über die Motive gerätselt haben wollen.

»Ich bin kein Nazi, ich bin eine Deutsche!« Sie war Anfang 2014 einem Aufruf der NPD zum Protest gegen Eindringlinge gefolgt, wollte aber mit der Neonazi-Organisation so wenig zu tun haben wie mit den gemeinsamen Ahnen und war ehrlich überzeugt, das eine habe nichts mit dem anderen zu tun und beides nichts mit ihrer Haltung gegenüber Flüchtlingen. »Nazis gibt es nicht«, behauptete Ende 2015 jemand, der seine Hasstiraden als gewöhnliche Meinungsäußerungen verstanden wissen wollte.

»Kann mir nicht vorstellen, was in ihm vorging«, sagte ein Historiker, der eine Biografie über Rudolf Höß geschrieben hatte, der den Lager-Komplex von Auschwitz aufbaute und drei Jahre lang leitete. Das entspricht der vorherrschenden Haltung: Nazis sind immer andere: rätselhafte Gestalten von einem anderen Stern. Sie zu verstehen macht moralisch verdächtig.

»Er lebte nicht auf diesem Planeten«, sagte ein General der Wehrmacht und legte eine kosmische Distanz zwischen Himmler und sich. Vor allem wollte er nicht mit dessen Verbrechen in Verbindung gebracht werden. »Du bist hier auf einem fremden Planeten«, erklärte Höß einem Besucher in Auschwitz. Was daran wahr war, kann im Nachhinein leicht als unvorstellbar ausgegeben werden. »Er lebte nicht auf dieser Seite der Welt. Er gehörte einer völlig anderen Ordnung der Dinge und des Geistes an«, heißt es über Himmler in einem Buch, das die Grundlagen für die esoterische Deutung des Dritten Reichs legte, die im Internet dominiert und von Neonazis gepflegt wird.

Ein Rätsel, ein Geheimnis, ein Mysterium. Alle Angaben können bezweifelt werden; die meisten sind Unfug. In der gängigen Geschichtsschreibung fällt Himmler übergangslos aus der Rolle und alle historische Bedeutung von ihm ab. Hitler und Goebbels treten zum Sterben nicht aus der Geschichte aus, Himmler hingegen wird zur Unperson, verwandelt sich in einen Flüchtling mit Decknamen und wird mit einem Satz erledigt, der nicht einmal richtig sein muss.

Die Ausblendung von Himmlers Ende ist weder ein beiläufiges Versäumnis noch ein bewusster Verzicht. Die Fehlleistungen, mit denen die Wissenslücke übersprungen wird, verweisen auf Verdrängtes. Historiker nennen Orte und Daten für die Begegnung des Schwarzen Mannes mit seiner Nemesis, als würden sie etwas bedeuten, wissen aber nicht, was sie bezeichnen. Den Unterschied zwischen dem 21., 22. und 23. Mai, zwischen dem »Rand von Barnstedt«, der »Nähe von Fallingbostel« und Meinstedt macht eine Wahrheit, an der nie das geringste akademische Interesse bestand.

Korrekte Sätze können eine falsche Geschichte erzählen. »Festnahme durch die britische Armee« heißt nicht, dass die Gestalt, in der das Verhängnis Himmler handgreiflich in den Weg trat und seine Laufbahn stoppte, Soldaten des »Vetternvolks« waren. Vielmehr waren es Leidtragende der Verbrechen, mit deren Begehung er fortfuhr, als er aus dem Blick der Historiker bereits verschwunden ist. Der Inbegriff des »ugly German« unterliegt nicht Feinden, die zu Freunden wurden. Die wirklichen Häscher blieben feindlich und fremd. Erst zum 70. Jahrestag des Untergangs wurde die Gruppe von Menschen, der jene angehörten, die Himmlers Schicksal besiegelten, förmlich als Opfer des Dritten Reichs anerkannt. »Russian soldiers attached to a British security control«, sowjetische Kriegsgefangene aus dem Stalag X B, in dem es zu Kannibalismus kam als Folge seiner übergangenen letzten Taten, hielten Himmler auf.

Himmler sei sein »Vorbild« und sein »Traum, Deutschland unter der Herrschaft von Schutzstaffeln zu sehen«, ließ sich ein Unterstützer des NSU ein. Bemerkenswert an dem Bekenntnis ist seine Unverblümtheit. Die längste Zeit posaunten die Verehrer den Namen nicht hinaus. Standardauflage der Polizei für Aufmärsche ist, »Meine Ehre heißt Treue« nicht zu skandieren. Dem RFSS nicht zu huldigen muss nicht eigens verboten werden.

2005 verbiss sich ein junger Mann aus Hamburg, laut zu sagen, wem er nacheiferte, als er Samstag für Samstag bei Kundgebungen auftrat und kein Blatt vor den Mund nahm. In Dessau wünschte er seinen Gegnern, dass sie »gegrillt werden im Feuersturm« wie einst die Bombenopfer. Sein Idol verriet er durch die Maske, hinter der er im Cyberspace auftrat. Am Wahlkampfstand der NPD in Buxtehude sprach ich ihn auf eine Legende um seinen Helden an. In Bargstedt, wo der Jüngling in der »NPD-Scheune« zum Volkstribun ausgebildet wurde, soll Himmler verhaftet worden sein. Der Neonazi verleugnete seinen Heiland nicht, tat aber, als ginge er ihn nichts an und ließ mich stehen.

Währenddessen berief sich ein Kamerad ungeniert auf Himmler, ohne ihn zu nennen oder Sanktionen fürchten zu müssen. Er ließ mich das Tattoo auf seinem Unterarm fotografieren. Nicht der 20-Jährige mit den Initialen S. S. musste von Himmler schweigen, sondern ich biss mir auf die Zunge, um ihn nicht auf Ideen zu bringen zu dem Signet, das er kaum begriff. Es steht nicht auf der von den Siegermächten erstellten Verbotsliste, an der sich die Strafverfolger bis heute orientieren. 1945 gab es keine Abbildungen, es wurde nicht auf Plakaten oder Fahnen gezeigt. Der Kreis aus zwölf »Sigrunen« war ein okkultes Emblem in doppeltem Sinn: eine Geisterbeschwörung, die sich an Eingeweihte richtete.

Obergruppenführersaal Wewelsburg (Zeichnung: urian)

Es gibt ein Original im »Obergruppenführersaal« der Wewelsburg bei Paderborn, die nach dem Abschluss des Umbaus in den 1960ern als »Mittelpunkt der Welt« vorgesehen war. Beim einzigen verbürgten Konklave, als über den Beginn der »Endlösung der Judenfrage« durch die Massenerschießungen der »Einsatzgruppen« beraten wurde, haben die Ritter von Himmlers Tafelrunde das Symbol nicht gesehen; der Saal war noch nicht fertig. Seit 2003 rollt das Runenrad als »Schwarze Sonne« durch das Web. Sie versinnbildlicht das »nie genannte und nie zu nennende Ruhmesblatt« der SS, die Shoah.

Der »braune Spuk« ist an das deutsche Haus gekettet. Morgen für Morgen steigen die Bewohner in die Halle hinunter, und auf dem Teppich prangt erneut der Blutfleck. Das Patentreinigungsmittel wirkt nur bis zur nächsten Nacht. Dann rasselt das Gespenst wieder mit den Ketten wie im Märchen von Oscar Wilde.

Den »Spuk« beschwören die Medien, wenn sie den Neonazismus fallweise wahrnehmen. Über ihn wird »entweder hysterisch oder gar nicht geredet«, vermerkte einer der wenigen, die genauer hinsehen. Ein anderer: »kurze konvulsivische Zuckungen der politischen Kultur, dann wieder Vergessen der ganzen Problematik bis zum nächsten Vorfall.« Erregte Debatten entzünden sich an Vorurteilen und enden in Verdrängung.

»Brauner Spuk« ist die Formel eines Abwehrzaubers. Die Verbrechen, die das Gespenst nicht zur Ruhe kommen lassen und an das Diesseits fesseln, sind alles andere als märchenhaft. Insofern ist der Spuk eine Verharmlosung.

»Wieder zu viel geredet. Ich elender Schwätzer.« Als Student von einer Geselligkeit heimgekehrt ging er mit sich ins Gericht: »Wann werde ich das viele Reden verlieren?« Klagen über seine Redseligkeit sind ein Leitmotiv der aus seiner Jugend erhaltenen Tagebücher: »Sprüchemacher« – »Ich kann mein Maul nicht halten« – »wieder zu viel gesprochen u. von sich reden gemacht«. Bei seinem Ringen um Haltung ging es um Fassung statt um Verfassung, um die Auffassung durch andere mehr als um die eigene. Wenn seine Worte sprudelten, ließ er sich mehr anmerken, als er wollte.

Das »törichte und im Grunde gegenstandslose Geschwätz, mit dem er ununterbrochen auf mich eindrang«, als sie 1929 im Zug nach Norden saßen, beklagte sein Mitfahrer, der Gauleiter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei NSDAP in Hamburg. Er habe »niemals wieder so viel politischen Unsinn in so konzentrierter Form von einem Mann mit höherer Schulbildung aufgetischt erhalten: eine merkwürdige Mischung von martialischer Großsprecherei, kleinbürgerlichem Stammtischgeschwätz und eifernder Prophetie eines Sektenpredigers.«

Die Ansprachen des Anführers der Zugpassagiere waren Hasstiraden; ihre Genossen traten alltäglich in den Straßen großmäulig auf; ihre Partei war eine Sekte aus dem Bierhaus – das Eigenartige am lästigen Geschwafel versteckt sich in dem, was dem Mitfahrer daran »merkwürdig« vorkam.

Der Spott über das Plappermaul wird vielfach zitiert, um das Ungeheuer vorzustellen. Doch bei diesem Porträt konnte außer Acht bleiben, was die Worte in der Wirklichkeit anrichteten, weil es noch nicht geschehen war. Himmler war fünf Jahre von seiner ersten Bluttat entfernt. Im Zug saß der 28-Jährige, der sich noch mit Reden begnügen musste, der Beschwörung von Auslöschungsfantasien, die er mit den meisten Parteigängern Hitlers teilte. Vielleicht nicht mit diesem Zeugen, der ihre Begegnung als Dissident der nationalsozialistischen Bewegung in seiner Abrechnung beschrieb. Das Großmaul aus dem Zug würde Wort halten.

Das Zitat besagt nichts darüber, dass es eine besondere Ursache für Himmlers Überschwang gab. Er platzte vor Stolz, war ganz außer sich und zu sich gekommen. Er hatte die Stellung in Gesellschaft, Politik und Religion eingenommen, die er für sich geschaffen hatte: soeben war er zum Reichsführer-SS ernannt worden.

Es war womöglich seine erste Reise im neuen Amt, auf der er sich der Unterstützung der zahlenstärksten »Stürme« im Norden versicherte. Unterwegs glaubte er am Zug zu sein und war bereits angekommen. Er redete wie 16 Jahre später, als er sein Ende dort fand, wohin ihn der Zug brachte. Seine Überzeugungen änderten sich nicht, sondern sie versteinerten, indem er ihnen die Umstände anverwandelte, bis seine Vorstellungen sich in der Realität spiegelten. Ab seinem 30. Jahr verwirklichte er sein Selbstbild und schuf sein Exo-Skelett und Gehäuse, die Unterdrückungs-, Verfolgungs- und Tötungsmaschine der Schutzstaffel.

Himmler im Zug (Zeichnung: urian)

Aus den »Space Sellers«, die Anzeigen der Parteizeitung »Völkischer Beobachter« und Uniformteile an die Männer der Parteiarmee SA verkauften, formierte Himmler eine Mörderschaft, die Gewehr bei Fuß bereit stand zu Diensten ihres Führers. Seine Feuerprobe als Massenvernichter bestand der RFSS, nachdem er als Kommandeur der bayerischen Politischen Polizei Dachau als erstes »Schutzhaftlager« in Betrieb genommen hatte, die Politischen Polizeien der Länder und mit dem preußischen Geheimen Staatspolizeiamt den größten und erfahrensten Unterdrückungsapparat des Reichs kontrollierte.

Als Präventivschlag gegen erfundene Putschpläne, eine »Nacht der langen Messer«, und hilfsweise als »Säuberung von der Sodomie« begründet, wurde ab dem 30. Juni 1934 die SA von der untergeordneten SS geköpft. Mit Ernst Röhm und Gregor Strasser wurden Hitlers stärkste Widersacher aus den eigenen Reihen ausgeschaltet; zugleich befreite Himmler sich von seinen früheren Anführern.

Himmler Röhm Strasser Hitler (Zeichnung: urian)
Himmler, Röhm, Strasser, Hitler

Röhm war er seit Anfang der 1920er gefolgt, bis dieser, entnervt vom Streit in der NSDAP und als Homosexueller von der Justiz mit dem Paragrafen 175 bedroht, als Militärberater der Regierung nach Bolivien ging. Himmler sich schloss sich Strasser an, dem Propagandaleiter der Partei. Als dessen Sekretär kam er Hitler näher: »Er ist ein wirklicher großer Mann u. vor allem ein Echter u. Reiner«, notierte der Jünger im Tagebuch.

Der Leitspruch »Deine Ehre heißt Treue« soll von Hitler ausgegeben worden sein, nachdem die SS ihn 1930/31 gegen Angriffe aus der SA verteidigt hatte. Das war keine moralische Maßgabe, keine »Tugend«, als die seine Gehilfen Himmlers Verhaltensvorschriften ausgaben und worin ihnen mancher Gelehrte folgte. Neben der Unterwerfung unter Hitlers Willen gab es weder Loyalität und noch Ehre unter den Schwarzen Schlächtern.

Sie begannen ihren Aufstieg mit Hinrichtungen von ihresgleichen. Ein SS-Mann zeichnete sich nicht dadurch aus, dass er Gegner besiegte, sondern durch die Bereitschaft, die eigenen Kameraden umzubringen. Sie bewährten sich nicht im Kampf, sondern als Meuchelmörder in der Familie. Theodor Eicke, der Röhm erschoss, übertrug Himmler die Ausbildung der Lagerwachleute.

Indem er seine Mentoren Röhm und Strasser beseitigte, wurde Himmler sein eigener Herr. Über seine ersten Leichen hinweg betrat er die Gefilde, in denen er bis zum Ende sein konnte, wer er wollte. Hitlers Belohnung bestand darin, die SS zu einer von Partei und Staat unabhängigen Organisation zu erklären, die nur ihm verantwortlich sei.

Er ließ Himmler weitgehend freie Hand. Der RFSS regierte seinen Staat im Staat elf Jahre lang ohne nennenswerte Einschränkungen und Einsprüche. Ungeachtet der eigenen Ausreden und verschleiernden Geredes der Nachwelt über ihn setzte er die Verbrechen als seine eigenen ins Werk.

Gemeinhin berücksichtigt die Geschichtswissenschaft die Nachwirkung ihrer Gegenstände nicht. Ausnahmsweise hält sie eine Wortmeldung für nötig. 1963 hieß es: »Es gibt keine Legende«; und 45 Jahre später: »Eine Himmler-Legende sollte in den Nachkriegsjahren nicht aufkommen.«

Als Funktionär wird er zwar in zahllosen Büchern genannt, und sein Name lastet wie ein Fluch auf Gedenkstätten, aber um das Individuum haben deutsche Publizisten sechs Jahrzehnte lang einen weiten Bogen geschlagen. Von drei in Großbritannien veröffentlichten Biografien erschien eine 1965 in Übersetzung. Die erste wissenschaftliche Lebensbeschreibung wurde 2008 vorgelegt, von einem Professor in London.

Historiker waren zum Wettlauf nicht angetreten, haben sechs Jahrzehnte lang weg gesehen und nicht gemerkt, dass der Mythos an ihnen vorbeigerauscht ist. Ihnen zufolge fantasiere ich, gibt es weder die Storys vom Double noch die Mordtheorie oder die regionalen Märchen meiner Sammlung.

Das Wissen über das Monstrum als Mensch passt in eine Vokabel, die auch seine Spießgesellen benutzten. Er gab »offenbar unlösbare Rätsel« auf, schrieb ein Historiker, und ein anderer: »Dieses Ungeheuer hatte manche seltsamen Qualitäten, die es zu einer irgendwie unglaublichen, rätselhaften Gestalt machten.«

Hermann Göring sagte: »Nach außen hin wirkte Himmler wie ein undurchdringliches Rätsel.« Die Prophezeiung von Albert Speer: »Er wird immer eine rätselhafte Erscheinung bleiben«, bestätigte der US-amerikanische Wissenschaftler, der ihn am genauesten unter die Lupe nahm: für ihn war er ein »schreckliches Rätsel«.

Für »unerklärlich« hielt Speer, »wie dieser Mann zu dieser Macht kommen und sie halten konnte«; nicht er selbst sei dafür verantwortlich, sondern »eine historische Laune«. Dito heben Historiker auf Himmlers »Ungeschichtlichkeit und Ungeschicklichkeit« ab; seine Karriere sei »irgendwie ein historischer Zufall«.

Kein »kleiner Mann mit Hut« wie in einem Regionalmärchen. Das populärste Buch über ihn vermerkt extra, dass er die eigene Latte von 1,70 Meter für den Zugang zum SS-Orden unterlaufen haben soll. Seine Leiche wurde vermessen: mit 1,75 für damalige Verhältnisse mittelgroß.

Ein »Schreibtischtäter« wie im Hollywood-Film? Er hat nirgendwo residiert und von unterwegs regiert. Seine Beziehung zu den Gewaltakten war enger als die eines Aktenschiebers.

Es sei belanglos für seine Motive, ob er geraucht oder Tabak geschnupft hat, wiegelte ein Professor das Interesse an der Person ab. Einschätzen könnte das nur, wer beides betrachtet hätte. Deutsche Historiker haben sich um Motive so wenig gekümmert wie um den Nikotinkonsum, bei dem eine der zahlreichen Legendenfalltüren aufschnappt. In einem verfilmten und nachgeahmten Roman, der mehr zu seinem Image beitragen als alle Abhandlungen, tritt Himmler als militanter Tabakhasser auf. In Wahrheit gewöhnte er sich das Rauchen mit 17 Jahren an, paffte Zigarren und soll eine Zeitlang Kettenraucher gewesen sein.

Weder ein Gimpel noch »Hühnerzüchter«. Nicht der Diplom-Landwirt, der seinen Beruf nie ausübte, sondern seine Ehefrau betrieb die 1928 mit ihrem Geld eingerichtete Tierfarm in Waltrudering, während er seine Laufbahn als Berufspolitiker fortsetzte, binnen eines halben Jahres die Leitung der SS übernahm und sich ausschließlich seiner Dienstpflicht widmete. Das Geflügel sollte Eier legen; der Züchter einer Herrenrasse übte nicht an Tieren, sondern begann gleich mit dem Humanversuch.

Himmlers Nachbild stützt sich auf seine Gehilfen, die mit verächtlichen Verkleinerungen den Abstand zu ihm und den gemeinsamen Taten zu vergrößern suchten. »Himmler wurde von uns nicht ernst genommen, der war absolut farblos.« – »Mein persönlicher Eindruck von ihm war grauenhaft. Die Leute hatten innerlich zu ihrem höchsten Führer keinen Bezug, sondern sie sahen eine bürokratische Gestalt, die die Organisation leitete.«

»Eine Null hätte niemals zu einem der gefürchtetsten Männer in der modernen Geschichte werden können«, hielten britische Biografen den Verleumdungen entgegen. Ein »mythologisierendes Bild« hat sich verfestigt und verhindert, Himmlers »Weltanschauung ernstzunehmen und ihre mörderische Gefährlichkeit zu erklären.«

Ein Widerwort gegen die Geheimniskrämerei von Genossen und Gelehrten kommt dem schwedischen Diplomaten Graf Folke Bernadotte, der Himmler am Ende kennen lernte. Zwar sah er ihn als »eine der kompliziertesten Naturen […], die ich je getroffen habe.« Dennoch wurde er schlau aus ihm und erhielt, wonach er in ihren Verhandlungen verlangte. Ein verzwickter Charakter, aber nicht unentschlüsselbar.

In hundert historischen und aberhundert aktuellen Kriminalfällen, die ich als Polizei- und Gerichtsreporter beobachtet habe, lag der Schlüssel zum Geschehen darin, wie sich jemand, weit überwiegend ein Mann, in einem Straftäter, Verbrecher oder »Teufel in Menschengestalt« verwandelt. Der Prozess, den die Mitwelt Himmler nicht machen konnte, hat die Nachwelt nie angestrengt.

Um ein »Tat und Schuld angemessenes« Urteil zu fällen, wie es die Strafprozessordnung vorsieht, lotet das Gericht aus, wie sich die verwerflichen Handlungen zur Person verhalten. Das Ungeheuerliche von Tat und Schuld ist unbezweifelbar; insofern trifft »Teufel« zu. Aber der Angeklagte hatte sich nicht »als Mensch verkleidet«. Kein Dämon war in ihn gefahren, kein Körperfresser aus dem All hatte von ihm Besitz ergriffen. Wie sich die Menschengestalt zu den Verbrechen verhält ist so wenig untersucht und wurde oftmals so nachlässig dargestellt wie sein Ende.

Hannah Arendt aus dem New Yorker Exil im Januar 1945: »Wenn sein Beruf ihn zwingt, Menschen zu morden, so hält er sich nicht für einen Mörder, gerade weil er es nicht aus Neigung, sondern beruflich getan hat.« Und sie wählte das selbe Wort wie ein Mitschüler Himmlers, um ihn zu charakterisieren: »Aus Leidenschaft würde er nicht einer Fliege etwas zuleide tun.«

Er »benahm sich betont derb und geradeaus […] protzte mit Landsknechtsmanieren und antibürgerlicher Gesinnung«, bemerkte der Genosse im Zugabteil nach Hamburg, »obwohl er damit offensichtlich nur eine angeborene Unsicherheit und Linkischkeit überdecken wollte«. Darin kam noch die Schule von Ernst Röhm durch, der sich unter betrunkenen Männern am wohlsten fühlte. Das Gehabe als Bandit im Braunhemd behagte Himmler so wenig wie er das Biersaufen in der Burschenschaft vertragen hatte.

Er würde sich nicht mehr in Verlegenheit bringen lassen. Er glich die Verhaltensweisen in seiner Umgebung den eigenen an, so weit wie möglich, weltweit. Bestimmte, was angemessenes Betragen war. Die Verwandlung des braunen Pöbels zum Vornehmeren, zu Priestern und Bestattern in Schwarz, besiegelte er durch den Tod seines Ziehvaters Röhm.

15 Jahre nach der Zugfahrt mit dem Genossen Gauleiter fand Wilhelm Wulff Himmlers Umgangsformen bei »von natürlicher Liebenswürdigkeit«. Die Gestapo hatte den Astrologen aus Hamburg vorgeführt, und er hatte nichts weniger erwartet als einen leutseligen Empfang.

»Begrüßung mit Handkuss, eine leise Stimme mit leicht bayerischem Dialekt, immer ein Lächeln um Augen- und Mundwinkel und eine verbindliche fast herzliche Höflichkeit.« (Sekretärin Hitlers) »[…] liebenswürdig, sehr freundlich und gütig«. (Frau, deren Ehe er stiftete)

Heinrich Himmler (Zeichnung: urian)

Zwar wird Himmler allenthalben »Verbrecher« genannt, aber das ist lediglich eine moralische Zuschreibung und ein Verdammungsurteil. Seine Handlungen werden aufgefasst als die eines Reichsführers, Reichsministers und Reichskommissars, eines Staatsmannes, Beamten und Soldaten. Mit seinen Taten wird er in personam kaum anders in Verbindung gebracht als durch die Befehle, die er erteilt hat. Als sein Motiv werden allenfalls machtstrategische Erwägungen angeführt, die das Erreichte als angestrebtes Ziel unterstellen.

Keine Zeile über seine kriminelle Energie. Was damit bezeichnet wäre, blitzt höchstens in Nebensätzen als Übersetzung aus dem Englischen auf. Statt als Verbrecher aus eigenem Antrieb und nach eigenem Vermögen wird er als Befehlsempfänger eines Höheren dargestellt.

»Er hätte Beamter werden können und wäre gewiss ein wertvolles Glied in der deutschen Finanzbürokratie geworden. Ein alltägliches Leben wäre es geworden, ein banales fast – wenn ihn nicht die Zeitläufte einen ganz anderen Weg hätten einschlagen lassen.« Ein Wesen mit reinem Gewissen – hätte nicht das Verhängnis ihn auf die schiefe Bahn gebracht, wäre der Verführer Hitler gewesen.

Die Ausrede, der sich seine Gehilfen stereotyp bedienten, wird für den Meister selbst in Anschlag gebracht. Sie schoben alle Schuld dem System zu, das sie des freien Willens beraubt habe, gerierten sich als austauschbare Werkzeuge und bewusstlose Räder im Getriebe, die wie unter einem Bann taten, wofür sie keine eigenen Gründe gehabt zu haben vorgaben. Eine Maschine mordet, keine Menschen. Niemand da, der persönlich haftbar gemacht werden kann. Keine Wahl, keine Entscheidung, keine Schuld. Nichts Böses weit und breit.

Himmler war zu keinem Zeitpunkt seines Lebens ein »banaler Beamter« und hat nie einer werden wollen. Als er seine Karriere in der NSDAP antrat war er wie Hitler ein Outcast ohne die bürgerlichen Aus- oder Absichten, die ihm von der Nachwelt begütigend zugeschrieben werden.

Schon bevor er ab 1926 näheren Umgang mit seinem Führer hatte, war er zum Umsturz entschlossen. Den stellte er sich nicht als bürgerliche Umwälzung vor, sondern wie den gewaltsamen Putschversuch, an dem er 1923 im Gefolge Hitlers teilgenommen hatte, ohne diesem zu begegnen. Gewiss hatten wie bei jedermann die Zeitläufte Einfluss auf seinen Weg. Aber an Himmlers Horizont stand weder subjektiv noch objektiv eine Stellung in der »Finanzbürokratie«.

Die Rolle des RFSS hatte Himmler als Stellvertreter seines Vorgängers ab 1927 geformt; ihr Entwurf entstand spätestens 1924. Er sei recht umgänglich, ließ er damals von sich wissen, »ich werde aber ganz anders werden, wenn mich jemand dazu zwingt, und werde dann auch aus keinem falsch angewandten Mitleid nicht aufhören, bis der betreffende Gegner bürgerlich und moralisch aus den Reihen jeder Gesellschaft gestrichen ist.«

Die Drohung mit der sozialen Auslöschung ging ins Leere. Statt Kontrahenten in Verruf bringen zu können musste er sich selbst bedeckt halten. Als Leiter der Geschäftsstelle Niederbayern einer Organisation, die der verbotenen Hitler-Partei als Tarnung diente, operierte er im Untergrund.

Sollte er von einer leiblichen Vernichtung fantasiert haben, schwieg er davon. Er galt als harmlos, als »das sanfteste Lamm, das sich denken ließ«, wie sich ein Mitschüler erinnerte an den »Jungen, der keiner Fliege ein Leid antun konnte«. Auf dem Paukboden der Burschenschaft hatte er seine Männlichkeit pflichtgemäß unter Beweis gestellt und eine Mensur gefochten, bei der er mit einem gerade ausreichend blutigen Hieb und einem unauffälligen Schmiss davon kam.

Der Musterschüler seines Vaters, des Direktors des hoch angesehenen Wittelsbacher Gymnasiums in München, fühlte sich zum Erzieher berufen. Er nahm jeden, mit dem er umging, in patriarchalische Obhut. Er wartete nicht, bis er andere von seinen Ansichten überzeugt hatte, sondern stellte sie vor vollendete Tatsachen.

Sein Ideal war eine Gemeinschaft, in der gar nicht auftrat, was beseitigt werden müsste. Die Säuberung von Sitten, Gebräuchen und Gedanken trieb ihn um, bevor er daran ging, zur Einhaltung seiner Reinheitsgebote Mord einzusetzen. Er wusste immer, wo es lang ging. »Heini wird es schon machen«, hieß es in seiner Familie. Der Kümmerer tat sein Bestes anderen zum Besten, ob diese es anerkannten oder nicht; er wusste es besser.

Wie »ganz anders« er werden konnte, wenn man sich ihm nicht fügte, ließ er 1924 die Verlobte seines älteren Bruders spüren. Aus unbekannten Gründen passte Paula ihm nicht als Schwägerin. Er brachte sie bei Familie und Freunden in Verruf und ließ eine Detektei ihren Lebenswandel ausforschen. Er hörte auch nicht auf, nachdem er seinen Willen bekommen hatte und die Verlobung gelöst war, sondern wollte noch die Erinnerung an frühere Beziehungen verwischen und organisierte die Rückgabe der zwischen den Familien gemachten Geschenke.

Es war sein erster bekannter Versuch, jemanden aus dem Weg zu schaffen, rund 80 Jahre, bevor Nachstellung als Stalking in Deutschland strafbar und durch das Internet epidemisch wurde. Er zog sich erst zurück, als Paula ihm mit der Polizei drohte. Mit dieser Polizei würde er aufräumen und eine eigene schaffen, die ausführte, was man ihm schon seinerzeit untersagt hätte.

Himmelreich Hirn (Zeichnung: urian)Himmelreich Hirn (Zeichnung: urian)

Einer seiner ständigen Begleiter charakterisierte ihn als »offene Natur«, sah aber auch ein zweites Gesicht. Himmler war »freundlich, höflich gegen jedermann – solange er nicht davon überzeugt war, dass Freundlichkeit nicht am Platz war.« So abfällig seine Gehilfen sich nachher über ihn einließen und in keinem Punkt mit ihm übereingestimmt haben wollten, beklagte keiner sein Benehmen. Wahrte Haltung. Verlor nicht die Fassung. »Mann der stillen, unpathetischen Gesten, Mann ohne Nerven.« Hörte mit unbewegter Miene zu, als ein Gehilfe die Grenzen dessen austestete, was er laut denken durfte, »klopfte zwischendurch nur ein paar Mal mit einem Bleistift auf den Tisch.«

Ob ein SS-Mann ihm seine Verlobung anzeigte und er nach »erbbiologischer Prüfung« das Paar zur Zeugung zueinander kommen ließ, oder »artfremde« Familien vernichtete – zeigte sich an einem Bleistift- oder Daumennagelklopfen. Zehn Jahre, nachdem er Paula bedroht hatte, erhielt er die Macht, jemanden aus der Welt zu schaffen. Persönliche Gewalt keine dabei wesentliche Rolle. Er strich mit der Feder aus den »Reihen der Gesellschaft«. Namen von einer Liste, nicht von Menschen sondern von Gruppen, die er erfunden hatte oder erfinden ließ.

Sein Gesicht sollte ein Maske sein, die ungerührte Miene war wie eine Uniform. »Heute habe ich wieder einmal einen Tag Uniform an. Sie ist halt immer wieder mir das liebste Kleid«, seufzte der 19-Jährige. Als RFSS würde er sie gar nicht mehr ausziehen müssen.

»Mehr sein als scheinen«: die preußische Maxime stand auf seinem Panier und verbarg das Gegenteil. Der Anschein war das Sein. Er war, diagnostizierte Erich Fromm nach einer posthumen Psychoanalyse, »ein unverbesserlicher Lügner, [….] nicht nur anderen, sondern auch sich selbst gegenüber«.

Er wahrte den Anschein bis zum Schluss. Der Kommandant von Camp Kolkhagen erinnerte sich: »Er war sehr gesprächsbereit und schien in der Tat zeitweilig geradezu jovial. Ich fand es unmöglich zu glauben, dass er der hochmütige Mann sein sollte, als der er von der Presse vor und während des Krieges porträtiert worden war.«

Ein »halb verlegenes, halb hämisches« Lächeln lag stets auf seinen Lippen, erinnerte sich sein Mitschüler. Als Sohn des Direktors war der leicht beleidigte Klassenprimus unberührbar. Seine Verlegenheit zeigte an, dass der Respekt nur geborgt war. Das Lächeln blieb, wie der Schutz und Schatten eines Übervaters. Der einzige, der ihm überlegen war, ließ es ihn die längste Zeit nicht spüren. Als er ihm am Schluss regelmäßig sein Versagen vorhielt, war der Getreue schon auf Abwegen und hörte nicht hin. Hitler hatte verspielt; Himmler sammelte Hinweise auf seine Geisteskrankheit. Vor diesem Mord schreckte er zurück, bis es zu spät war.

»Er war unheimlich durch den Grad von konzentrierter Subalternität, durch etwas engstirnig Gewissenhaftes, unmenschlich Methodisches mit einem Element von Automatentum.« (C. J. Burckhardt vom »Völkerbund«)

Die grausamen Taten wurzelten nicht in sadistischer Leidenschaft, sondern einer Gewissen und Gefühl ausschließenden Gewissenhaftigkeit. Die Feme gegen Paula verstand Himmler ebenso als Pflicht wie die Massenmorde.

»Bitter hart u. dornenvoll ist dieser Dienst am Volk«, schrieb er im Februar 1924 ins Tagebuch, nachdem er seine Parteilaufbahn gestartet hatte. Klingt wie eine Klage, drückt aber tiefe Befriedigung aus. Im Dienst für eine »höhere Sache« zu vergehen war sein Ideal seit Jugendtagen. »Dulce et decorum est pro patria mori« war ihm auf der Schulbank eingepaukt worden. »Morituri te salutant«: die Reverenz der Gladiatoren an den Kaiser in der Arena war die Lebensformel der Generationen, die den Ersten Weltkrieg auslösten.

»Der Selbsterhaltungstrieb hat bei ihm [dem Arier] die edelste Form erreicht, indem er das eigene Ich dem Leben der Gesamtheit willig unterordnet und, wenn die Stunde es erfordert, auch zum Opfer bringt.« (Hitler in »Mein Kampf«)

Während Himmler in der »Organisationsarbeit« für die NSDAP aufging, empfand er sich als durch Entsagung geadelt: »Es ist ein selbstloses Dienen an einer großen Idee und einer großen Sache, für das wir ganz selbstverständlich niemals eine Anerkennung erlangen werden und auch niemals eine solche erwarten.«

Dem Selbstaufopferungswilligen genügten als Ziele Formeln wie die Sätze, die Himmler wie Denk-Uniformen als Antrieb für sich selbst angab und an andere ausgab. In der »Volksgemeinschaft« sollte der Einzelne nicht zu sich kommen. »Du bist nichts, Dein Volk ist alles.« Ihre Entmündigung teilte das von Blockwarten und Gestapo überwachte Volk mit den Insassen der Lager. Was sie für sich selbst gewählt hatten, wollten sie dem Rest der Welt antun: Unterwerfung bis in den Tod.

Mit dem »Schwertwort« gelobte der Nachwuchs: »Wer auf die Fahne des Führers schwört, hat nichts mehr, was ihm selbst gehört!« Nachdem Hitler die Organisationen aufgezählt hatte, mit denen seine Partei die Volksgenossen von der Wiege an kontrollierte, trumpfte er auf: »Und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben!«

In der Selbstaufgabe fand Himmler zu sich und sah seinen Verdienst nicht im Vernichtungswerk, sondern in der Selbstüberwindung, die es gekostet haben sollte: »dies durchgehalten zu haben« und dabei »anständig geblieben zu sein«, rühmte er sich und seine Mannen im Oktober 1943 im Rathaus von Posen/Posznan. Zu »ganz später Zeit« könne man erwägen, »ob man dem deutschen Volk etwas mehr darüber sagt. Ich glaube, es ist besser, wir – wir insgesamt – haben das für unser Volk getragen, haben die Verantwortung auf uns genommen und nehmen dann das Geheimnis mit in unser Grab.«

Verschwiegenheitsvorschriften zum Trotz waren die Massenmorde ein offenes Geheimnis. »Davon haben wir nichts gewusst« logen die Deutschen nach 1945. Bis auf wenige Tausend, die vor Gericht gestellt wurden, entkam die halbe Million Vollstrecker ihrer Geschichte. Himmlers Gehilfen starben als ehrenwerte Bürger.

Das »nie genannte und nie zu nennende Ruhmesblatt«, das Himmler in Posen ausnahmsweise entfaltete, zu bestreiten oder zu verkleinern, vollstreckt sein Testament. Als okkulte Mission wollte er seine Verbrechen verstanden wissen, im Auftrag höherer Mächte als Opfer vollbracht, menschlichem Recht und Urteil entzogen. Sie blieben nicht verborgen. Rätselraten herrscht indes über das, worüber die Massenmörder sich ausschwiegen: ihre Motive. Nicht weniger als 42 Theorien über den Sinn von Auschwitz wurden gezählt – die von Verschwörern und Neonazis nicht gerechnet.

»Man muss im Leben immer anständig und tapfer sein – und gütig«, schrieb Himmler seiner Tochter Gudrun ins Poesiealbum. Anständig war sein Lieblingswort. Den Polizisten, deren Vorgesetzter er gerade geworden war und die er zu kriminellem Verhalten auffordern wollte, erläuterte er, es müsse »bestimmte Dinge geben, die man nur so und nicht anders ansehen kann, bei denen es für jeden, für den Hütejungen wie für den Minister unanständig wäre, anders darüber zu denken.« Die Nationalsozialisten hätten sich »nicht ohne Recht, das wir in uns trugen, wohl aber ohne Gesetz an die Arbeit gemacht.«

Worüber es keine zwei Meinungen geben konnte, verstand sich von selbst. Wer es durch »jüdische« Analyse zersetzen wollte, konnte es nicht begreifen und stand automatisch außerhalb der »Volksgemeinschaft«.

Anständiges Betragen, wie es in der Schule benotet wird, deckte alles. Das Scheußlichste konnte durch bürokratisches Prozedere legitimiert werden. Folter konnte eine achtbare Tätigkeit sein, sofern das Dekorum gewahrt wurde. Fatal war nicht der Mordbefehl, sondern wenn die zugehörige Akte fehlerhaft ausgefertigt wurde.

Untergebenen begegnete Himmler mit der Strenge des Lehrers gegenüber seinen Schülern, wie diese sie gegenüber den Gefangenen zeigen sollten. Er tarnte die Lager nicht als »Umerziehungsanstalten«, sondern machte sie sich als solche vor. »Ordnung und Disziplin« erzeugten im Lager ein Chaos aus Kot, Blut und Leichen. Die Insassen wurden als Menschen vernichtet wie die Menschlichkeit der Mörder, die sich als Automaten ausgaben, die ebenso rührungslos gehandelt hätten wie ihr Meister befohlen habe.

Für seine Schwatzhaftigkeit verurteilte er sich 1922 mit einem Satz, der als Vorsatz gelesen werden kann für das Grauen, das er bereitete: »Es ist zwar menschlich, aber es darf nicht sein.« Er strich Humanität endgültig aus seinem Kalkül durch den Tod, den er millionenfach verfügte.

Den Selbstvorwürfen zum Trotz nahm seine Logorrhöe zu. Er trug nicht sein Herz auf der Zunge, aber seinen Verstand, verfertigte die Gedanken beim Reden und gab sie als Instruktionen an seine Gehilfen weiter.

Er diktierte abertausende von Texten und zeichnete sie mit seiner Paraphe ab, täglich, stündlich, unaufhörlich. Ein freier Fluss der Assoziationen, den er nie mit Besinnung überblickte und den niemand laut zu kommentieren wagte, bis Historiker aus der aufgeklappten Hirnschale zitierten.

Er hatte auf Geheiß seines Vaters begonnen, sein Leben aufzuzeichnen, und tat es bis zum Ende mit der Sorgfalt, zu der er angehalten worden war, indem der Lehrer die Einträge im Tagebuch kontrollierte und korrigierte.

Der Knabe lernte kategorisieren und katalogisieren. Zählte Vorkommnisse auf und versah sie mit einer eindeutigen Wertung: Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse, Daumen oben oder unten. Urteile, die knapp genug ausfielen, um in die Spalte einer Tabelle zu passen.

Er legte leidenschaftlich gern Listen an. Im Verzeichnis ist alles gleich: Bücher, vergebene und erhaltene Geschenke, Menschenleben. Listen sind die einfachste Form, den Anschein von Ordnung zu erzeugen.

Im Geist las der Vater mit, wenn der Sohn am Stand seiner Selbstzucht verzweifelte: »An mir selber will ich täglich arbeiten u. erziehen [,] es fehlt noch so furchtbar viel.« Erzkatholisch aufgewachsen sah er überall Sünden und sich selbst ständig in Versuchung. Er fühlte sich überwacht: vom Vater wie von dessen Vater, der eine Zeitlang Polizeiwachtmeister war. Darauf stieß er bei genealogischen Forschungen, die er allen zur Vorschrift machte, die sich ihm ergaben. Er verstand sich als Ordnungshüter; seine Verbrechen verübte er als Reichspolizeichef.

»Die toten Ahnen erleben alles mit und vor ihnen musste alles verantwortet werden.« Felix Kersten, der ihn sechs Jahre lang massierte und seinen Sermonen lauschte, Physio- und Psychotherapeut in Einem, notierte: Er hatte »stets eine innere Angst vor einer unsichtbaren Macht, vor der er einmal Rechenschaft ablegen müsse. Was hätten die Ahnen in diesem Fall getan?«

Als den »Geist und das Urbild des tiefsten Verbrechens« erkannte Edgar Allan Poe den »Man of the crowd«, den Mann der Menge oder Massenmenschen: »Er flieht vor dem Alleinsein.« Das beschreibt Himmler, der nie ohne Gefolge war und wenigstens ein halbes Dutzend Männer ständig um sich hatte. Er bedurfte nicht der Ermahnung des Leiters der »Deutschen Arbeitsfront«: »Der einzige Mensch, der in Deutschland noch ein Privatleben führt, ist jemand, der schläft.« Himmler war nur allein, wenn er schlief.

Auf den Straßen, in Kasernen und Lagern war das Auge eines strafwütigen Gottes allgegenwärtig. Keine Rückzugsmöglichkeit, kein Fluchtweg. Wer die Augen schloss, entkam nur im Traum.

Hohenlychen lag zufällig günstig, in einem der letzten Winkel, der nicht in den nächsten Stunden von Feinden blockiert oder besetzt werden würde. Im Osten standen die Sowjets, von Süden marschierten zwei US-Armeen heran. Über Lüneburg stieß die Zweite Britische Armee zur Ostseeküste vor. An der Wasserkante drängten sich die Flüchtlinge oder strömten weiter nach Nordwesten, über Lübeck in die allerletzte Ecke an der Flensburger Förde.

Den Krieg, den er mit anzettelte, hatte Himmler bis dahin als engagierter aber distanzierter Beobachter verfolgt. Er rückte den Truppen nach, wenn die Schüsse verhallt waren. Er inspizierte nicht die Leichen von Zivilisten, die seine Leute angehäuft hatten, sondern ob sie ihre Spuren beseitigt hatten.

Erst ab Januar 1945 stand er als Befehlshaber der Heeresgruppe Weichsel an der Front. Den Offizieren der Wehrmacht entging seine militärische Ahnungslosigkeit nicht und dass er das Feuer scheute. Er lernte die Truppen in ihren Stellungen nicht kennen, bevor er sie in die aussichtslose Schlacht schickte.

Er beließ es bei Beschwörungen der »jüdisch-bolschewistischen Gefahr« und verlangte einen »fanatischen Willen zum Sieg und den lodernden Hass gegen diese bolschewistischen Untiere« nach der Devise: »Starke Herzen siegen über Masse und Material.« Man muss nur wollen. Eiserner Wille überwindet alle Widerstände, Unbeugsamkeit macht unbesiegbar; die Überzeugungen sind den Umständen überlegen.

Als General blieb er Polizist und behandelte die Soldaten wie Delinquenten. Zur Aufmunterung ließ er die Landser im Schützengraben wissen: er werde nichts und niemanden schonen; für Pflichtvergessenheit habe er unlängst einen Polizeichef erschießen lassen. »Wir müssen am meisten leisten, doch nie darüber reden, was wir geleistet haben, denn ein altes Sprichwort sagt: wer viel redet, leistet nichts«, schrieb er seinen Untergebenen ins Stammbuch.

Seine Leistung bestand im Reden. Er sprach in Kommandos, als würden seine Worte in magischer Weise auf die Realität einwirken. Sie taten es die längste Zeit durch die Hände der Gehilfen.

Wo nichts Besseres zu erwarten war als der Tod zeigten sich »Auflösungserscheinungen übelster Art«, wurde bei der Inspektion der Heeresgruppe festgestellt. »Es sind keine Einzelerscheinungen, dass Soldaten ihre Uniformen ausziehen und sich mit allen möglichen Mitteln Zivilkleider zu verschaffen suchen, um wegzukommen.«

Sogar in der SS wurde die Stimmung schlechter. »Ich weiß, dass die Truppe von schweren Sorgen geplagt ist«, hielt ihr Herr seinem Lautsprecher von der »Kriegsberichterstatter-Abteilung« vor, »habe aber den Eindruck, dass Sie selbst die meisten Bedrückungen haben.«

»Ich hoffe, Sie wissen, dass man nur dann am Ende ist, wenn man im Herzen geschlagen ist.« Am Herzen lag ihm viel. Als Antrieb für sein Handeln berief er sich neben »Weisheit und Logik« auf »das menschliche Herz und das Wollen zum Helfen«.

Was Goebbels in seiner obligatorischen Geburtstagsansprache im Rundfunk prophezeite, wurde anders herum wahr, als er meinte. »Gott wird Luzifer, wie so oft schon, wenn er vor den Toren der Macht über alle Völker stand, wieder in den Abgrund zurückschleudern, aus dem er gekommen ist. Nicht die Unterwelt wird diesen Erdteil beherrschen, sondern Ordnung, Frieden und Wohlstand.«

Eine Berlinerin bemerkte über den Reichsfeiertag in ihrem Tagebuch: »Man atmet Geschützlärm ein. […] Wir leben in einem Ring von Rohren, der sich stündlich verengt.«

Die Inlandsspione der SS sondierten die Stimmung und zeichneten zuletzt im März auf: »In den vom Bombenterror getroffenen Städten machen sich Zehntausende auf den Weg zur Arbeitsstätte, obwohl sie ihre Wohnung verloren haben, trotz Schlaflosigkeit und aller Hemmnisse, die der Kriegsalltag mit sich bringt, nur um die Aufgabe nicht zu versäumen, von deren Erfüllung ein glimpflicher Ausgang des Krieges mit abhängen könnte.«

Wie Goebbels verweigerte sich die gesamte Staatsführung der Realität. Das Ende war mit Händen zu greifen, aber das »öffentliche Gesicht des Regimes verzog noch immer keine Miene«. Hitler rollte Geisterpanzer über Landkarten, und sein Sekretär Martin Bormann stemmte sich dem Untergang mit Anordnungen entgegen. Die Fülle der Anweisungen, die er am Schluss absonderte, brachte seiner Parteikanzlei den Namen »Papierkanzlei« ein.

Als die totale Kontrolle entglitt, steigerte sich das Bedürfnis nach ihr ins Manische, und die Führerschaft nahm zu magischen Mitteln Zuflucht. Bormann schrieb Wunschzettel an Untergebene, die seine Befehle so wenig zu befolgen vermochten wie der Generalstab Hitlers Angriffsfantasien verwirklichen konnte.

Goebbels entwarf Zukunftspläne mit sich selbst als Reichskanzler und Außenminister. Ausgerechnet Himmler, der kurz zuvor als Befehlshaber der Heeresgruppe Weichsel versagt hatte und dafür von Hitler eine in Goebbels’ Worten »außerordentlich energische Standpauke« einsteckte, war als Kriegsminister und Oberkommandierender der Wehrmacht vorgesehen. Dieser verschob notgedrungen immer mehr Vorhaben zur »Wiedervorlage nach dem Krieg«.

Aber als die Alliierten Anfang 1944 die Invasionstruppen sammelten, konnte er sich eine Anregung für die Wetterforschung, die »wir ja nach dem Krieg systematisch durch die Organisation ungezählter Einzelbeobachtungen aufbauen wollen«, nicht versagen. Er schrieb dem Kurator der SS-Kultur- und Wissenschaftssektion »Ahnenerbe«: »Die Wurzeln, bzw. die Zwiebel der Herbstzeitlose sind in den verschiedenen Jahren in unterschiedlicher Tiefe im Boden. Je tiefer sie wachsen desto stärker der Winter; je näher sie der Oberfläche sind, umso milder der Winter. Auf diese Tatsache machte mich der Führer aufmerksam.«

Noch im April erträumten seine Gehilfen eine Säuberung der NSDAP »von einer verrotteten Parteibürokratie und einem mancherorts eingerissenen korrupten Bonzentum«. Planten den Ersatz des absoluten Führerprinzips durch ein Zwei-Kammern-System wie dem britischen Unter- und Oberhaus aus einem gewählten »Volksthing« und dem »Ordensrat« aus NS-Adel. An der Spitze Hitler als Kaiser und Himmler als Kanzler.

Bis auf die Ebene, der Bormann Anweisungen erteilte, den Gauleitern als »Reichsverteidigungskommissare«, brach das Machtgefüge zusammen. Darunter hielt es bis zum Ende. Die Sowjets rückten an, aber die »Goldfasane« der östlichen Provinzen verboten der auf gepackten Koffern sitzenden Bevölkerung die Flucht. Noch nachdem sie sich selbst abgesetzt hatten, wurden ihre Befehle ausgeführt und das Entkommen unterbunden, bis es unmöglich war.

Während sich SS-1 durch die Ruinen schlängelte, wurden nicht nur in der Reichshauptstadt Volksgenossen erschossen oder erhängt. Seit dem 9. März ermordete ein Hitler direkt unterstelltes »fliegendes Standgericht Deserteure« und »Verräter«. Ein abfälliges Wort, eine Geste genügten; im falschen Moment zu schweigen konnte das Leben kosten.

Am 19. März erging die Anweisung, die in Hitlers Augen den Untergang der Deutschen besiegeln sollte: »Alle« Verkehrs – und Nachrichtenverbindungen-, Industrie- und Versorgungsanlagen, »die sich der Feind […] nutzbar machen kann, sind zu zerstören.«

Himmelreich Hirn (Zeichnung: urian)

Himmler streckte Friedensfühler aus und versuchte, mit den Feinden zu handeln, als er am 3. April anordnete: »Aus einem Haus, aus dem eine weiße Fahne erscheint, sind alle männlichen Personen zu erschießen. Es darf bei diesen Maßnahmen in keinem Augenblick gezögert werden.« Die Frauen forderte er auf, »hartnäckige Feiglinge mit dem Scheuerlappen zur Front zu hauen«.

Zu seinem Vertreter im Führerhauptquartier, dem seit den Massakern der SS-Kavallerie in den ukrainischen Pripjet-Sümpfen 1941 geübtem Mörder Hermann Fegelein, sprach er von »Auffangkommandos aus brutalsten Kommandeuren«, die alles erschießen sollten, »was das Maul aufmacht.«

Die Wehrmacht machte mit beim Vernichtungskrieg gegen das eigene Volk. Seitens des Oberkommandos unterzeichnete Wilhelm Keitel am 12. April zusammen mit Bormann und Himmler den Befehl, jede Stadt bis zum letzten Mann zu verteidigen. Um als fahnenflüchtig zu gelten, musste man sich nicht von der Truppe entfernen. Eine falsche Bewegung konnte als Feigheit vor dem Feind ausgelegt werden. Jedes mürrische Wort war Wehrkraftzersetzung. 500 Todesurteile monatlich sollen es am Ende gewesen sein; im gesamtem Ersten Weltkrieg waren es rund 150.

Ein Fall ist von der bundesdeutschen Justiz aufgearbeitet worden, drei Mal sogar. In der Nacht nach dem Standgericht kehrten die Auslöser des Unheils zurück, fassten die Erhängten an den Füßen und ließen sie »gautschen«, immer im Kreis herum.

Vier »Hitlerjungen«, 15 und 16, waren am Morgen des 7. April mit Panzerfäusten in Brettheim nahe Rothenburg ob der Tauber erschienen und behaupteten, sie hätten Befehl, das Dorf zu verteidigen. Beim einem Gerangel wurden den Jungen die Waffen abgenommen und im Feuerlöschteich versenkt. Die Bengel petzten bei der SS, die in der Nacht einmarschierte.

Als Rädelsführer wurde der Bauer Hanselmann ausgeguckt. Er sollte einen der »Hitlerjungen« geohrfeigt haben. Mitgehängt wurden Bürgermeister Gackstatter und der »Ortsgruppenleiter« der Partei, Hauptlehrer Wolfmeyer, weil sie sich geweigert hatten, das Todesurteil abzuzeichnen.

SS-Brigadeführer Max Simon ließ Plakate aufhängen: »Das deutsche Volk ist entschlossen, mit zunehmender Schärfe solche feigen, selbstsüchtigen und pflichtvergessenen Verräter auszumerzen und wird nicht davor zurückschrecken, auch deren Familien aus der Gemeinschaft des in Ehren kämpfenden deutschen Volkes zu streichen.« Simon selbst kämpfte nicht bis zum befohlenen Ende, gab rechtzeitig auf und gelangte lebend in Feindeshand. Für die Erschießung von italienischen Geiseln wurde er von den Briten zwar zum Tode verurteilt, aber begnadigt und saß von 1947 bis 1952 im Zuchthaus Werl.

Simon war Anhänger des »Bundes für Gotterkenntnis« unter der Ägide von Mathilde Ludendorff. Die Grundgedanken der Glaubensgemeinschaft waren enthalten in einem Vortrag ihres Gatten, des Generalfeldmarschalls außer Dienst Erich Ludendorff. 1924 entwickelte er den »göttlichen Sinn der völkischen Bewegung« aus der Anwendung von Darwins Theorie der »natürlichen Auslese« auf die Menschheit. »Ausnahmemenschen«, in denen »die Erbseele noch lebendig ist«, stünden »Juda« und sein »Verwesungsamt« entgegen.

»In Scharen strömten die also Erweckten ihm zu. Das war der erste gewaltige Schritt zur Erlösung des Gottesbewusstseins in der Menschheit aus ihrer Todesnot.« Der Erlöser war im Vorjahr Ludendorffs Partner beim Putschversuch in München.

»Wehrwolf« hatte Himmler seinen Stützpunkt in »volksdeutschem Siedlungsgebiet« der Ukraine bei Shitomir getauft, als er sich im Widerstand gegen »Mongolenhorden« glaubte. Drei Jahre später, als eine Welt von Widersachern in das Deutsche Reich eindrang, drohte er im Radio den Alliierten mit seinen Assassinen. »Auch in dem Gebiet, das sie glauben erobert zu haben, wird immer wieder in ihrem Rücken der deutsche Widerstandswille auflodern, und wie die Werwölfe werden todesmutige Freiwillige dem Feinde schaden und seine Lebensfäden abschneiden.«

Name und Konzept des »Werwolfs« waren ebenso literarischen Ursprungs wie das Diensthandbuch. Es stammte von Karl May, erinnerte sich der Schriftsteller Erich Loest. Dem 19-Jährigen empfahl sein Vorgesetzter die Romane als Leitfaden. Sich »als Trapper unter skalpgierigen Indianern in den Wäldern des Wilden Westens zu verhalten […] entsprach ziemlich genau ihrer Situation im besetzten Böhmen. Nie irgendwelche Spuren zurücklassen […] Vor allem aber sollten sie still sein. Sonst würden sie vom Feind zum Schweigen gebracht für immer.«

Loest zählte sich zu »Hitlers letztem Aufgebot«. Der hatte mit den »Werwölfen« nicht zu tun. Sie setzte einer ein, der nicht aufgeben konnte; sie waren Himmlers letzte Horde. Die Erfahrungen für seine Fiktionen sammelte May als Vigilant auf der Flucht vor der Polizei. Himmler und seine Gehilfen waren in ähnlicher Lage als von der Weltpolizei gejagte Menschheitsverbrecher.

Die Alliierten nahmen die Drohung mit »todesmutigen Freiwilligen« ernst. Zur Erstürmung reichten ihre Streitkräfte, nicht aber für eine flächendeckende Besatzung. Der australische Journalist Osmar White: »Gegen eine feindselige Zivilbevölkerung hätten sie zahlenmäßig nichts ausrichten können. Nach dem Scheitern der Gegenoffensive in den Ardennen im Dezember [1944] befand sich Deutschland militärisch in einer aussichtslosen Lage. Aber der Widerstand hielt an, weil die deutschen Soldaten und das deutsche Volk, so erschöpft sie auch sein mochten, sich klaglos der Zuchtrute des Polizeistaates beugten.«

Bei Interviews mit jungen Gefangenen erkannte White in der Enge ihres geistigen Horizonts den Ursprung ihrer Fügsamkeit. Die Zöglinge des Nationalsozialismus verstanden den Reporter aus Übersee nicht, als er sie nach ihren höchsteigenen Vorstellungen fragte. »Sie wussten nicht, wie sie sich ergeben sollten.«

»Du bist nichts, Dein Volk ist alles!« Kadavergehorsam: folgsam im Töten wie im Sterben. Kampf war kein Mittel sondern Selbstzweck.

»Die Deutschen hörten nicht auf zu gehorchen«, bis ihr Anführer tot war, »und vielleicht noch eine ganze Zeit darüber hinaus.« Der Soziologe Norbert Elias war frühzeitig ins Exil gegangen und hatte anders als die Mehrheit keinen Grund, die eigene Beigeisterung für das Regime zu leugnen.

»Er wies besonders darauf hin, dass er vor seinem ›Verschwinden‹ alle Widerstandskräfte, darunter auch den Wehrwolf, aufgelöst und überhaupt noch früher auf einem Friedenschluss mit den westlichen Alliierten bestanden habe.«

Major Rice wusste es besser. Er kannte die Aufrufe von Karl Dönitz, »jede illegale Kampftätigkeit im Wehrwolf oder anderen Organisationen«, zumindest »gegenüber dem anglo-amerikanischen Gegner sofort und gründlich zu unterbinden.« Dönitz bemühte sich, Anordnungen Himmlers außer Kraft zu setzen. Beschlüsse und Verlautbarungen der Geschäftsführenden Reichsregierung waren dem Flüchtigen entgangen.

Spätestens seit er die Elbe überquert hatte, waren seine Nachrichtenverbindungen gekappt. Er war zu Fuß unterwegs, schlief im Wald und in Scheunen oder kroch in einem Ahnengrab unter. Beim Weltgeschehen war er angewiesen auf Gerede, das seine Begleiter aufschnappten. Himmler trieb im Strom der über zehn Millionen, die aus Schlesien, Pommern und Ostpreußen vor der Roten Armee geflohen waren.

»Flüchtling« lernte ich in den 1960ern als Schimpfwort kennen, ohne zu ahnen, dass es die Familie meines Vaters betraf. Sehr viel später begriff ich, wie das Stigma meine soziale Reichweite auf dem Dorf eingrenzte. Meine Großmutter sprach nie von der Zäsur ihres Leben. Dass ihr als »Einquartierter« die Benutzung der Toilette nur beschränkt gestattet worden war, erfuhr ich durch ein Schreiben in ihrem Nachlass, mit dem sie dagegen protestiert hatte.

Mit 13 Jahren war mein Vater ein Nazi, so gut er konnte. Gegen den Willen seiner Mutter war er vorzeitig mit falschen Angaben ins »Jungvolk« eingetreten. Um den 10. April 1945 entkam er mit seinen Großeltern knapp den sowjetischen Panzern.

»Hoffentlich dauert der Krieg noch so lange, dass ich meine Rechnung fertigmachen kann.« (Hugo Scholz, »Landsturm« [1940]) »Wer nicht im Felde steht, der ist entweder ein Krüppel oder ein ›grünes Bürschel‹, einer, der für das Leben nichts taugt.«

Um den 17. April erreichten sie seine Heimatstadt Stettin. Er machte sich auf den Weg zu seiner Einheit. Wie Hunderte »Pimpfe« ging Vater auf Rügen mit der Panzerfaust in Stellung. Am 20. April wurde die Insel zur Festung erklärt. Der »Reichsjugendführer« schenkte Hitler den Nachwuchs zum Verheizen im »Endkampf«. Am 1. Mai besetzten die Sowjets Stralsund und schnitten Rügen vom Festland ab.

Am 5. Mai streckte der Inselkommandant die Waffen. Ein Bataillon der »Hitler-Jugend« bei Stralsund missachtete den Befehl, kämpfte und wurde aufgerieben. Da war mein Vater schon fort. Unterdessen war seine Mutter nach Niederdeutschland gelangt und hatte ein Quartier in Buxtehude erhalten. Mit ihrer Schwester machte sie sich auf den Rückweg und die Suche nach dem Sohn. Sie ahnte richtig und holte ihn von der Insel.

Die »Ludendorffer« wurden als »Keimgebiet antisemitischer Gruppengesinnung« 1961 verboten, 1976 wieder legalisiert. Esoterische Zirkel sind klein, aber zäh und langlebig und wirken im Verborgenen. Ein Schlaglicht fiel 1957 auf die Sekte. In einer in Stade gedruckten Broschüre stellte ein Hamburger Holzhändler »unwiderlegbar fest, dass nicht Deutsche die Organisatoren dieser Massenvernichtung von Juden waren, sondern Juden selbst«. Was später Holocaust heißen wird, sei »eine der teuflischsten Gemeinheiten« einer Loge von 300 bis 700 Juden, »um ihre Verbrechen an Deutschland zu tarnen«. Das an Minister und Parlamentarier von Bund und Ländern verschickte Pamphlet gab den Anstoß zum Strafrechtsparagrafen gegen die »Auschwitz-Lüge«.

Die Ausstrahlung der US-TV-Serie »Holocaust« bildete 1979 in der Heimat der Henker den Begriff. Sie »bescherte den Deutschen ein kollektives Erwachen, einen kollektiven Schock über die Geschehnisse im Dritten Reich, von dem sie sich bis heute nicht mehr so richtig erholt haben«, hieß es aus gegebenem Anlass, nach dem Streit um den »eliminatorischen Antisemitismus«, den ein US-Historiker 1996 den Deutschen zuschrieb.

Der TV-Film überragt die von Soziologen und Politologen bevorzugt dargestellten Marken der Erinnerungskultur: den Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 in Israel, das Verfahren gegen Auschwitz-Wärter 1963 in Frankfurt am Main; die Formel vom »Tag der Befreiung«, die der Bundespräsident zum 40. Jahrestag des Kriegsendes prägte; der »Historikerstreit« 1986; die Ausstellung über die Beteiligung der Wehrmacht am Vernichtungskrieg im Osten; Martin Walsers Rede über die »Auschwitz-Keule« 1998; die Planungen für das Shoah-Mahnmal in der Hauptstadt. Kein Buch und keine Bundestagsdebatte, nicht das Scheitern des NPD-Verbotsverfahrens 2003 oder die Entdeckung des NSU 2011 machten vergleichbaren Eindruck auf das kollektive Bewusstsein. Von ihrer Schuld als »Volk« überzeugte die Deutschen nicht die Realität sondern ein Hollywood-Drehbuch in den drei Akten Exposition – Konfrontation – Auflösung.

In den 1970ern war der Nationalsozialismus als Faszinosum entdeckt worden. Ein aus Propagandamaterial montierter Hitler-Film von Joachim Fest machte Schule im Fernsehen. Das Abziehbild vom alleinverantwortlichen Genie wurde 2004 mit dem Spielfilm »Der Untergang« aktualisiert.

Auf »Holocaust« reagierten alte und nachgewachsene Nazis mit Radikalisierung in Ansagen und Auftreten. Ihr Terror startete mit der Sprengung von Sendemasten im Januar 1979, um die Ausstrahlung des Films zu sabotieren, und setzte sich im folgenden Jahr mit Mordanschlägen fort.

»Terror muss sein, damit es endlich anders wird.« Der Rechtsanwalt und »Neuheide« Manfred Roeder schritt mit den »Deutschen Aktionsgruppen« in Lörrach, Zirndorf und Esslingen zur Tat. Zwei Männer und eine Frau, gesetzte Bürger, keine Jugendlichen, halfen ihm bei Brandanschlägen an seinem Wohnort Hamburg: im April 1980 auf eine jüdische Schule und am 22. August auf eine Flüchtlingsunterkunft, bei dem zwei vietnamnesische »Boat People« starben.

Einen Monat später wurden durch einen Sprengsatz am Eingang zum Oktoberfest in München 13 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt. Die Vernebelung von Deutschlands Elftem September, dem bis dato blutigsten Terror-Akt, ist so gelungen, dass das Datum nicht geläufig ist: 26. September. Wie drei Jahrzehnte nachher bei der Mordserie des NSU wurde der neonazistische Hintergrund von Behörden und Politik verleugnet. In dem Jahr 1980 setzten die amtlichen Zählungen »rechtsextremer« Aktivitäten ein, wobei lange noch Gewaltakte gegen Menschen mit anderen Delikten vermengt wurden.

Ihre Friedhöfe zeigen die Verankerung der »Ludendorffer« im Gemeinwesen an: seit 1932 in Hilligenloh bei Hude und seit 1958 in Conneforde im ostfriesischen Ammerland. Kreuze sind verboten. Erlaubt sind die linksdrehende Swastika und die »Wolfsangel« als Symbol der Wehrhaftigkeit. Vor allem aber die von Himmlers »Ahnenerbe« als Zeichen für Leben und Tod etablierten Runen, die vor Geburts- und Sterbedaten auf den Findlingen prangen. Von einem Gericht in Stade ließ sich ein »Neuheide« und führender Neonazi bestätigen, dass sie nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun hätten.

Die »Ahnenstätte« von Hilligenloh wird als Sehenswürdigkeit beworben. Ein Pastor, der Kritik anmeldete, erhielt Morddrohungen. Zu Ostern versammeln sich die »Ludendorffer« in Dorfmark bei Fallingbostel zum »Volkstumsabend«. Der Vorsitzende ihres »Ahnenstättenvereins« war Gründungsmitglied der NPD. Dem Sektierer und Konrektor einer Realschule in Westerstede, in dessen Umfeld schlagkräftige Neonazis umgingen, verlieh der niedersächsische Ministerpräsident 1988 für seine ehrenamtliche Heimatpflege einen Orden.

Für das Standgericht von Brettheim standen Max Simon sowie ein früherer SS-Sturmbannführer und ein Major des Heeres zuerst 1953 vor Gericht. Die Verteidiger: Die Schilder auf der Brust der Opfer »waren keine Beschimpfungen der Toten. Auch am Kreuz Christi stand ›Jesus Nazaren Rex Judaeorum‹.«

»Ein Zentrum der Meuterei und des Aufstandes« sei das schwäbische Dorf gewesen. »Es war Simons Schuld, dass er glaubte, bis zum letzten Augenblick dienen zu müssen. Wehe dem Volk, das solche Männer nicht mehr hat!« Dem stimmte das Gericht zu und erkannte auf Freispruch. Die Hingerichteten hätten sich der Wehrkraftzersetzung und Wehrmittelbeschädigung schuldig gemacht, das Todesurteil war rechtmäßig.

»Aber auch dieser Fall erregte nur vorübergehend die Gemüter«, stellte ein Historiker 1956 voreilig fest. Zwei Jahre später wurde der Prozess unter noch größerem Aufsehen wiederholt.

Zu Entlastung sagte Albert Kesselring aus. Der Generalfeldmarschall, dem Hitler am 20. April 1945 den Oberbefehl im Süden übertragen hatte, war wie Simon in Italien zum Tode verurteilt und zu lebenslanger Haft begnadigt worden. Nach ein paar Jahren in Werl wurde er »auf Ehrenwort« entlassen.

Drei Jahre vor seinem Zeugenauftritt war er als »Bundesführer« des »Stahlhelm« in Goslar stürmisch gefeiert worden. Im 1951 wieder gegründeten Frontkämpferbund des Ersten Weltkriegs sammelten sich Veteranen der Waffen-SS und schwenkten in alten Uniformen verbotene Fahnen. Gegen Demonstranten ging die von ehemaligen Orpo-, Sipo-, Kripo- und Gestapo-Männern dominierte Polizei vor. Pfeifchöre bestrafte die zu 94 Prozent personell unveränderte Justiz.

Der Bundesinnenminister täuschte sich 1955, »dass die Begünstigung des Schrumpfungs- und Austrocknungsprozesses […] wesentlich wirkungsvoller« wäre als »geräuschvoll organisierte Gegendemonstration«. Der »Stahlhelm« starb nicht mit den Erlebnisgenerationen. Aus dem »Jungstahlhelm« ging die in das Oktoberfest-Attentat verwickelte »Wehrsportgruppe Hoffmann« hervor. Nach deren Verbot kehrten viele zum »Stahlhelm« zurück und trafen auf Kameraden von NPD, »Wiking-Jugend« und der Hamburger »Aktionsfront Nationaler Sozialisten«, der 1978/79 als Terror-Bande der Prozess gemacht worden war.

»Die Zivilbevölkerung kommt erst an zweiter Stelle. Erst kommt das Instrument Truppe.« Sagten vor Gericht nicht Simon oder Kesselring, sondern ein Sachverständiger aus dem Bundesverteidigungsministerium. So sei halt die Auffassung damals gewesen. Dröhnendes Schweigen im Gerichtsaal. »Aber vielleicht können wir aus diesen Dingen lernen.«

Gegen den erneuten Freispruch wallte wieder Protest auf. Ein Publizist hob auf den »Kinderfeldzug« ab, und wie Simon und seinesgleichen Knaben in den »Krieg als Indianerspiel« getrieben hatten. »Da jagte ein Fähnleinführer eine Panzerfaust gegen die anrückenden amerikanischen Panzer, und rauchende Trümmer waren alles, was vom Dorf übrig blieb.«

»Panzerfaust ist Panzertod« wurde zwar verlautet. Um zu treffen musste das Ziel möglichst nah sein, Feuerstrahl und Rauchwolke verrieten die Position: Panzerfaust war meist auch des Schützen Tod.

1960 der dritte Freispruch. Über eine Revision wurde nicht mehr entschieden. Simons Tod schloss den Fall 1961 ab.

Himmelreich Hirn (Zeichnung: urian)

Anmerkungen

Bubis zit. n. J. Klotz / G. Wiegel (Hg.), Geistige Brandstiftung, Berlin 2001, 7.
Zog Sux: U. R. in Hamburger Abendblatt 30.5., 31.5., 21.9., 26.9., 10.11.00, 13.3.01, 19.2.02; blick nach rechts 13/00, 7/01, 1, 5/02; Neues Deutschland 3.5., 21.12.01, 19.2.02.
Sandbostel: W. Borgsen / K. Volland, Stalag X B Sandbostel, Bremen 1991; D. Kohlrausch in Zwischen Elbe und Weser 1/02; U. R. in Neues Deutschland 2.4.02, blick nach rechts 10/04; div. Berichte u. a. in Bremervörder Zeitung, die tageszeitung, Die Welt, Hamburger Abendblatt, jungle world, Weser Kurier 2003/04; J. Bohmbach / H.-H. Kahrs (Hg:), Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in der NS-Zeit an der Niederelbe, Stade 2009.
Rätsel NSU: Laut J. Käppner, Profiler, München 2013, 257 ff., gaben profilierte Kriminalisten 2006 Hinweise auf das rassistische Motiv der Mordserie, denen nachzugehen die Polizeiführung sich weigerte. Aus mehreren Parlamentarischen Untersuchungsausschüssen und dem zum Zeitpunkt dieser Aufzeichnung noch nicht beendeten Prozess gegen die überlebende mutmaßliche Mittäterin ergab sich nichts über die Motive für das vielfältige Versagen von Behörden, Politik und Medien. Scheinbar schierer Zufall. Zumal das Versagen der Medien wird von diesen selbstverständlich unterschlagen. Sie hinterfragten die polizeilichen Verlautbarungen in keinem Fall. Durchschnittliche Journalisten wissen nicht, wie sich die Sätze, die sie dem Polizeibericht entnehmen, zu irgendeiner Wirklichkeit verhalten. Unabhängige Berichterstattung über Kriminalität ist eine rare Ausnahme. Die Verzerrungen zeigen sich bei den beliebten Aufzählungen »rechtsextremistischer und rassistischer Morde« seit 1990 (als hätte es vorher nichts gegeben). »Tötungsdelikte« wäre korrekter, aber auf Unterschiede wie Mord, Totschlag und Körperverletzung mit Todesfolge kommt es denen nicht an, die Gesinnung am Blutzoll messen zu können. Eine der verlässlichsten Listen zählt 137 Tote von 1990 bis 2010; der Polizei zufolge waren es lediglich 47 (zeit.de/themen/gesellschaft/todesopfer-rechter-gewalt/index). Zahlen anhand von Gerichtsurteilen (in dem aus dem angeklagten Mord eine KV mit Todesfolge werden kann) gibt es gar nicht (und kann es nach geltender Rechtslage und Amtspraxis nicht geben). — Ein Fall aus den Anfangszeiten des Internet, der inzwischen weitgehend aussortiert wurde: »31. Dezember 1998 in Stade wurde ein Libanese von einem Unbekannten erschossen.« Dem anonymen Autor und denen, die den Satz wiederholen, ist die Wirklichkeit nicht gefährlich genug, kann die Liste nicht lang genug sein. Wenn unbekannt ist, wer den Libanesen getötet hat – wie kann man wissen, dass sein Motiv den Ausländerstatus betraf? Oder soll das »unbekannt« nur heißen: der Polizei nicht namentlich bekannt, weil der Eintrag wie andere in den Listen auf der ersten Polizeimeldung beruht? Es gibt keinen Unbekannten. Der 45-Jährige, der Mohamad C., 31, Kurde aus dem Libanon, um ganz genau zu sein, in den Kopf schoss, wurde vor Gericht gestellt (U. R. in Hamburger Abendblatt 28.7.99). Er hatte sich für »fahrlässige Tötung in Tateinheit mit unerlaubtem Waffenbesitz« zu verantworten. Eine erste Mordanklage war vom Oberlandesgericht im April 1998 aufgehoben und geändert worden. So ist es: der Fall lag bereits neun Monate vor der angeblichen Tatzeit bei der Justiz. Der tödliche Schuss fiel zu Silvester, aber nicht 1998/99, sondern im Vorjahr, 15 Minuten nach Mitternacht am 1.1.98. Der Schütze begrüßte das neue Jahr mit Geballer aus seiner Pistole. Auch das Opfer schoss damit – Mohamad C. war der Schwager des Besitzers. Das Magazin war raus, aber noch eine Patrone in der Kammer, als Berthold G. die Waffe »zum Scherz«, wie er sagte, dem Verwandten an den Kopf hielt. Der Täter ist Deutscher, allerdings, heißt aber eigentlich anders. Seinen deutschen Namen verwendet er nur gegenüber Behörden. Unter Verwandten und Freunden kennt man ihn unter einem Namen, der sonst keinen angeht, seinen Familien- oder Stammesnamen. Die Eindeutschung der Namen war das Wenigste, was seiner Volksgruppe angetan wurde. Er gehört zu der neben den Juden im Dritten Reich bevorzugt verfolgten Minderheit. Ich spreche von Zigeunern statt von Sinti oder Roma, weil die, die ich kenne, sich selbst so nennen. Von »Zigeunern« muss ohnehin nur die Rede sein, wenn einer für alle anderen mitverantwortlich gemacht wird, weil er zu den »ziehenden Gaunern« gezählt wird, die freilich seit je ansässig waren und nicht erst seit 1945. Sie sind keineswegs gegen Fremdenhass immun. Aber die offenen Fragen, die nach der Beweisaufnahme blieben und inzwischen von Legenden zum »Silvestermord« beantwortet werden, haben nichts mit Rassismus oder Rechtsextremismus zu tun. — Das bei wikipedia »58. Todesopfer rechtsextremer Gewalt«, Bakary Singhateh, hat mit den Morden von Mölln und Solingen nur auf eine Weise zu tun, die durch die gleichgültige Einordnung geradezu verwischt wird. Drei Mal arbeitete die Justiz den Tod des Flüchtlings aus Gambia am 7.12.93 im Zug von Hamburg nach Buchholz/Nordheide auf, ohne dass die Medien die Differenzen zur Kenntnis nahmen. Der erste Strafprozess endete mit einem Urteil, das Empörung auslöste: »Rechtsradikaler ersticht Farbigen und wird freigesprochen«. Obwohl das Gericht Notwehr nicht ausschließen wollte, stellte es eine »bedingte Tötungsabsicht« fest und beging damit den Formfehler, der die Aufhebung durch den Bundesgerichtshof ermöglichte. Im erneuten Prozess wurde auf Totschlag in einem minderschweren Fall erkannt. Für den 54-jährigen Ersttäter in bürgerlichen Verhältnissen kam Bewährung in Frage: zwei Jahre Haft, auf drei Jahre ausgesetzt. Das Internet verewigt: »Die Richter schließen Ausländerhass als Motiv aus«. Sie haben sich dazu nicht geäußert. Für den Ingenieur und seine Kollegen in der Hamburger Umweltbehörde, die als Zeugen auftraten, war ein Ausländer nicht wie der andere: ein Türke nicht wie ein Schwarzafrikaner oder die Südkoreanerin, die der Angeklagte geheiratet hatte. Nach dem zweiten Urteil wurde ihm gekündigt. Dagegen klagte er bis zum Bundesarbeitsgericht, das die Beweismittel nach Aktenlage anders als die Strafkammern würdigte. Der Ingenieur habe »aus Wut, Ärger und Rechthaberei einen Streit provoziert und dabei, ohne dass eine Notwehrsituation vorgelegen hätte, einen Ausländer niedergestochen und getötet«; eine Zusammenarbeit mit ihm sei unzumutbar. Ein Wutbürger, lange bevor der Begriff aufkam. Diese sammeln sich gegenwärtig in der »Alternative für Deutschland«. Unter ihnen der inzwischen pensionierte Vorsitzende Richter des zweiten Prozesses, der im Sept. 2016 als Abgeordneter in Kreistag und Gemeinderat gewählt wurde. (→ Schumann und der Schwarze Mann)
General H. Guderian zit. n. H. Fraenkel / R. Manvell, Himmler, Berlin-Frankfurt/M.-Wien 1965, 201. — Esoterisches Basis-Buch: L. Pauwels / J. Bergier, Aufbruch ins dritte Jahrtausend, Bern 1967, 628.
NSU-Helfer zit. n. M. Baumgärtner / M. Böttcher, Das Zwickauer Terror-Trio, Berlin 2012, 235. — Bargstedt: Legende auf dieterwunderlich.de/Heinrich_Himmler.htm. Ausbildung: U. R. in Neues Deutschland 1.2.01, blick nach rechts 22/05; U. R. / A. Röpke in blick nach rechts 17/04.
Wewelsburger Konklave im Juni 1941. Im Juni 1942 studierte Heinrich Himmler (= HH) Umbaupläne für den Nordturm, wo das Runenrad prangen sollte (K. Hüser, Wewelsburg 1933–1945, 2. überarb. Aufl. Paderborn 1987, 289 ff., 298; P. Witte et. al. (Hg.): Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1941/42, Hamburg 1999, 461 ff.). Romanciers imaginieren regelmäßige Treffen auf der Burg, so P. Kerr, Im Sog der dunklen Mächte [1989], Reinbek 1998. — Schwarze Sonne: Auch »Odin statt Jesus« oder »Odin statt Allah« auf dem T-Shirt ist legal. Broschüren der Verfassungsschutzämter, die vorgeblich über die Szene aufklären, zeigen lediglich die verbotenen der rund 120 von Neonazis verwendeten Symbole. Wer das Runenrad entworfen hat und welche Bedeutung HH ihm beilegte, ist anscheinend nicht dokumentiert. Um als Symbol zu überdauern, musste sich das Zeichen mit neuem Sinn aufladen. Was immer HH sich dazu gedacht haben mag, hat er es durch Taten geprägt. Ob S. S. mit seinem Tattoo Leichenberge verbindet oder nicht, sind sie darin ausgedrückt. Das Datum zur Verbreitung im Web (vor Etablierung der Bildersuchmaschinen) kann ich angeben, weil ich unabsichtlich selbst dazu beigetragen habe. Ein GIF-Bild mit Copyrightvermerk, das ich auf einer von mir erstellten Site über neonazistische Aktivitäten verwendet hatte, wurde von Neonazis und Gothics kopiert. — Posener Rede nach dem im Internet umlaufenden Tonmitschnitt vom 4.10.43. Historiker zitieren meist die schriftliche Fassung: »Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte«. Die Differenz könnte eine andere Stufe der Geheimhaltung bedeuten: es nicht nur nicht aufschreiben, sondern auch nicht aussprechen. Ein vertieftes Schweigen, das HH selbst gebrochen hat, indem er alles unternahm, um das Geheimnis zu überliefern: es vor großem Publikum sagte, aufnehmen und aufschreiben ließ. — Umgang mit Neonazismus: T. Staud, Moderne Nazis, Köln 2005, 9; W. Gessenharter, Kippt die Republik?, München 1994, 40.
Keine Legende: Eine Legende sei nicht entstanden, weil »selbst unter seinen ehemaligen Anhängern der posthume Ruf des Reichsführers-SS vorwiegend negativ« gewesen sei, wird behauptet; HH soll mit seinem Abtritt gegen die »von ihm stets gepredigten Tugenden« verstoßen und kein »Einstehen für das eigene Handeln« bezeigt zu haben. (P. Longerich, Heinrich Himmler, München 2008, 9) Das setzt voraus, dass die »Grundwerte der SS« mehr gewesen wären als Deckmäntel für Herrschsucht oder Unterwerfungslust und Rechtfertigungen für Massenmord. Im Gegensatz zu dieser Ansicht des Nachgeborenen steht die Beobachtung eines Zeitgenossen: »die Verehrung seiner Untergebenen folgte ihm sogar in sein schmutziges Grab« (H. R. Trevor-Roper, Hitlers letzte Tage, 2. Aufl. Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1995, 47). Der Autor, der HHs anhänglichste Begleiter Grothmann und Macher als Letzter befragte, führte die Unergiebigkeit ihrer Auskünfte auf die überragende »SS-Tugend« zurück: sie verharrten bis zu ihrem Tod in ihrer Treue (Mitteilungen Peter Witte, Hemer; P. Witte / S. Tyas, Himmlers’s Diary 1945, o. O. 2014, 7). Tatsächlich gibt es keine expliziten Stellungnahmen von Gehilfen zu HHs Ende. Ihre Haltung lässt sich allenfalls herauslesen bei E. G. Schenck, Sterben ohne Würde, München 1995 (zuständig für Ernährungsversuche im KL Mauthausen) oder W. Krause, Das letzte Schiff und andere Erzählungen, Heide/Holst. 1980 (Leiter Sonderkommando 4b der SD-Einsatzgruppe C, ab 1960 Bezirkskriminalpolizeileitstelle Flensburg; siehe S. 156). Für HHs angeblich ramponierten Ruf spricht vor allem das Zeugnis von R. Höß über ihre Begegnungen Anfang Mai 1945. Von dem, »was er jahrelang der SS gepredigt hatte: Selbsthingabe für die Idee«, habe HH nicht mehr gesprochen, klagte Höß. Gleichwohl befolgte er, was ihm und den anderen Getreuen zum Abschied befohlen wurde: »Taucht unter in der Wehrmacht!« Höß stand nicht für sein Handeln ein, versteckte sich und kam damit fast ein Jahr länger durch als sein Chef. Die Formulierung von P. Longerich, Heinrich Himmler, München 2008, ist in diesem Zusammenhang doppeldeutig: eine Legende »sollte« nicht aufgekommen sein, weil die Geschichtswissenschaft sonst ihr Versäumnis zu erklären hätte. Obwohl ihm das Verdienst der ersten wissenschaftlichen Biografie zukommt, geht er selbst mit keinem Wort darauf ein. Vielmehr schreibt er in einem Kommentar zur Bibliografie (972): »Über Himmler gibt es eine Reihe von älteren Biographien insbesondere …« – worauf er W. Frischauer, Himmler. The Evil Genius of the Third Reich, London 1953, H. Fraenkel / R. Manvell, Himmler. Kleinbürger und Massenmörder, Berlin-Frankfurt/M.-Wien 1965 und P. Padfield, Himmler. Reichsführer-SS, London 1990 aufzählt. Seine Formulierung unterstellt, es gäbe mehr, während doch gerade diese vergleichsweise kümmerliche Ausbeute bemerkenswert wäre. Zwischen dem Österreicher Frischauer und dem deutsch-brit. Duo Fraenkel/Manvell skizzierte J. Wulf, Heinrich Himmler, Berlin 1960, Eckpunkte für das, was von der deutschen biografischen Forschung bis heute nicht aufgearbeitet ist. Der Überlebende der Shoah und akademische Außenseiter starb 1974 von eigener Hand. — Rätsel: H. Heiber (Hg.), Reichsführer! … Briefe an und von Himmler, Stuttgart 1968, 8; H. R. Trevor-Roper, Hitlers letzte Tage, 2. Aufl. Frankfurt/M.-Berlin-Wien 1995, 53; Göring 24.5.46 in L. Goldensohn, Die Nürnberger Interviews, Düsseldorf-Zürich 2005, 175; Speer zit. n. G. Knopp, Die SS, München 2002, 128; B. F. Smith, Heinrich Himmler 1900–1926, München 1979, 9, 16; Große Geschichte des Dritten Reichs und des Zweiten Weltkriegs: Heimatkrieg und Bombenkrieg, München-Köln 1989, 171.
Stimmen der Gehilfen zit. n. G. Knopp, Die SS, München 2002, 95, 277; »V.D.O.« in Geschichte und Gegenwart, Harsefeld 1999. Obwohl von einem promovierten Historiker aufgezeichnet, sind die anonymisierten »Erinnerungen« von »V.D.O.« wissenschaftlich wertlos. Man erfährt nicht einmal einen Dienstgrad des Mannes oder eine nachprüfbare Stellung. »Sieben Leben« ist das Elaborat ohne nähere Erläuterung betitelt und enthält mehr als sieben Lebenslügen. Stimmen die Angaben, wen er gekannt und mit wem er Umgang hatte – von Hitler abwärts die gesamte Führungselite –, müsste er in Fachliteratur vorkommen; ich kenne seinen Namen und habe ihn nie gelesen. »Fegelein war ein netter Kerl, der nur Pferde im Kopf hatte, Heydrich war brillant«, plaudert der »Zeitzeuge« aus und erwähnt nebenbei, dass er für das Massaker, bei dem die »Kampfgruppe Peiper« an Weihnachten 1944 beim belgischen Malmédy US-Soldaten, die sich ergeben hatten, vor Gericht stand. Darüber weiß er nicht mehr zu sagen, als dass er einen »jüdischen Pflichtverteidiger« hatte. Die 12 Seiten sind das erste und bisher einzige, das je zu SS und Harsefeld veröffentlicht wurde und wird sein, was den Nachfolgern des Verfassers, eines Lehrers, als Material zur »Volksbildung« zur Verfügung steht: vor Ort war nichts weiter los; nur ein SS-Mann, der nach bestandenen Abenteuern auf unklare Weise hier gelandet seine Altersruhe genoss. — Rauchen: W. Benz im Deutschlandfunk 24.2.14. Roman: J. Higgins, The Eagle Has Landed, 1975, verfilmt 1976. HH als Raucher: B. F. Smith, Heinrich Himmler 1900–1926, München 1979, 79, 267, 269 f.; W. Schellenberg, Aufzeichnungen, Wiesbaden-München 1979, 278; F. Kersten, Totenkopf und Treue, Hamburg o. J. [1952], 402; W. T. H. Wulff, Tierkreis und Hakenkreuz, Gütersloh 1968, 151, 223; R. Rhodes, Die deutschen Mörder, Bergisch Gladbach 2004, 113; Fotos mit Zigarre in K. Hüser, Wewelsburg 1933–1945, 2. überarb. Aufl. Paderborn 1987, 219; A. Burger, Des Teufels Werkstatt, München 2007, 66; M. Kloft, SS-Chef Heinrich Himmler, Spiegel-TV DVD 16/08; P. Witte / S. Tyas, Himmlers’s Diary 1945, o. O. 2014. — Gimpel: Unter den Namen Erich Gimpel veröffentlichte W. Berthold die Erinnerungen eines Spion für Deutschland, Gütersloh 1960, eine der vergessenen deutschen Kolportagen über die NS-Zeit, in der HH nur einmal in typisch verächtlicher Weise erwähnt wird (85): »Außerdem wollte Himmler die Frauen am Kochtopf sehen und nicht im Agentenkrieg eingesetzt wissen. Er konnte mit seiner spießigen Fantasie nicht begreifen, wie wichtig Frauen an der gemeinsten Front, die es gibt, im Krieg der Agenten, waren.«
Arendt zit. n. E. Kuby, Das Ende des Schreckens, Hamburg 1984, 30. — Frauenstimmen: T. Junge, Bis zur letzten Stunde, 3. Aufl. Berlin 2004, 107; E. Pohl zit. n. D. Schmitz-Köster, Kind L 364, Berlin 2007, 134.
Dem Beobachter K. Heiden kam HHs Gebaren wie eine »Karikatur«, eine »Maske« vor. Biedermann, braver Beamter und Hühnerzüchter mögen der Physiognomie entsprechen, bilden aber nicht den Charakter ab, sondern verbergen ihn wie eine Maske das Gesicht.
Burckhardt, C. J., Meine Danziger Mission 1937–1939. 2. Aufl. München 1960, 123.
Zahl der Vollstrecker: In Teheran sprachen Stalin, Roosevelt und Churchill 1943 über 50.000, die sofort hingerichtet werden sollten. D. J. Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, Berlin 1996, veranschlagte 300.000, die von deutschen Historikern zurückgewiesen wurden. Bekannt waren zu der Zeit außer rund 20.000 von Alliierten und bundesdeutscher Justiz geführten Prozessen über 84.000 bei den Staatsanwaltschaften überwiegend unter Ausschluss der Öffentlichkeit eingestellte Verfahren, deren Auswertung erst nach der Jahrtausendwende begann, als zahlreiche Akten bereits vernichtet waren. Inzwischen gelten 400.000 Täter als historisch gesichert. Der Prozess gegen einen Wachmann im Vernichtungslager Sobibór (H. Wefing, Der Fall Demjanjuk, München 2011) hat den Blickwinkel nochmals erweitert: als Täter wird nicht nur angesehen, wer Blut an den Händen hatte, sondern jeder, der zum Funktionieren der Massenmordmaschine beitrug. Auf dieser Grundlage wurde O. Gröning verurteilt (→ Himmlers Ende (1) / → Ehrenmänner) — Auschwitz-Theorien: G. Heinsohn, Warum Auschwitz?, Reinbek 1995, 35–128. — Poesiealbum zit. n. V. Lapa, Der Anständige, Film 2014.
Geschichte Hohenlychen: H. Waltrich in Ökostadt-Nachrichten 27–29/99.
Heeresgruppe Weichsel: I. Kershaw: Das Ende, München 2011
Tagebuch 20.4.: Anonyma, Eine Frau in Berlin, Augsburg 2007, 9. (Dass die Aufzeichnungen als authentisches Tagebuch zweifelhaft sind, entwertet nicht die Beobachtungen, die sie enthalten.)
Inlandsspione: H. Boberach (Hg.): Meldungen aus dem Reich Bd. 17, Herrsching 1984
Brettheim-Prozesse: G. Reitlinger, Die SS, München-Wien-Basel 1956, 437 f.; P. Noack / B. Naumann, Wer waren sie wirklich?, Bad Homburg 1961, 79–103.
Ludendorff zit. n. H. Strohm, Die Gnosis und der Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 1997, 37 ff.
Loest in M. Jürgs, Der Tag danach, 2. Aufl. München 2005, 229 f.
Vaters Flucht: U. R. in Die Zeit 9/93; Geschichte und Gegenwart, Harsefeld 1998 (→ Fluchtpunkt Harsefeld)
Broschüre: F. Nieland, Wieviel Welt (Geld)-Kriege müssen die Völker noch verlieren; R. Hering auf fachpublikationen.de (1999), Vortrag Stade 14.1.14, Stader Jahrbuch 2015.
Kollektiver Schock: R. C. Schneider, Fetisch Holocaust, München 1997, 11.
Roeder zit. n. Stern (Febr.) 1978.
Ludendorffer: der rechte rand 14/51, 31/94; Der Spiegel 46/97; P. Kratz, Die Götter des New Age, home.snafu.de.
Das Runen-Urteil (Verwaltungsgericht Stade 22.4.94 Az. 1 A 73/93) bezog sich auf das Grab von E. Geiss in Hechthausen. (→ Braune Biografien)
Bundesinnenminister zit. n. Rechtsextremismus in der jungen Bundesrepublik, DeutschlandRadio 25.6.04

Literaturverzeichnis

Siehe mehr auf diesem Blog

Himmlers Ende (1)
Himmlers Ende (3)
Himmlers Ende (4)

Himmlers Höllenfahrt
Himmlers Ende und Nachleben
Reise im inneren Reich
Himmlers Sterndeuter
Der letzte Mordbefehl
Tod im Erkerzimmer