Heinrich Himmlers Flucht in den Tod vom 20. April bis 23. Mai 1945 von Berlin über Flensburg nach Lüneburg

Graphic Essay

240.000 Zeichen Text (120 S. Taschenbuchformat) mit 860 Bildern auf 170 Blatt DIN/A 5. Im Anhang: Zeittafel, → Kurzbiografien der Gehilfen und Personen der letzten Tage, Anmerkungen und Quellennachweise.

Himmlers Ende (1)

Himmlers Ende (2)

Himmlers Ende (3)

Ein Romancier meint: »Ohne einen weiteren Gedanken darauf zu verschwenden, brachte er es fertig, Millionen Menschen in Todeslager zu schicken.« Himmler die Überlegungen abzusprechen oder sie mit einem Bann zu belegen, weil es seine waren, verschließt die Augen vor dem, wodurch er präsent ist: Ideen.

Ein Klassiker des New Age ist das von ihm hoch geschätzte »Luzifers Hofgesind«, erhältlich in einer Ausgabe des »Verlags für ganzheitliche Forschung und Kultur« aus dem Umfeld der 1995 verbotenen »Freiheitlichen Arbeiterpartei Deutschlands«. Darin beschrieb SS-Mann Otto Rahn seine Suche nach dem Heiligen Gral in Südfrankreich. US-Bestseller halten diese Sehnsucht für ein Millionenpublikum wach und zetteln eine Verschwörung an um Jesus als Ehemann und Vater. Der Angriff auf die Grundfesten der Kirche erfreut Neuheiden.

Ein »Sachbuch« zum Gral, von dem Romanciers sich inspirieren lassen, stützt seine Beweisführung auf »Die Protokolle der Weisen von Zion«. In Hinblick auf die »jüdische Weltverschwörung« sei die Erfindung der russischen Geheimpolizei zwar gefälscht, sonst aber wahr. Die NSDAP besaß das Urheberrecht der deutschen Übersetzung.

Ein Exemplar steckte in der Tasche eines der Männer, die 1922 Walter Rathenau ermordeten. Der Außenminister, Intellektuelle und Jude gilt als erstes Opfer des Nationalsozialismus. Himmler im Tagebuch: »Rathenau ist erschossen. Ich bin froh. Er war ein Schurke, aber ein fähiger Kopf, anders hätten wir ihn nie weg gebracht. Ich bin überzeugt, was er tat, tat er nicht für Deutschland.«

Antisemiten berufen sich bis heute auf die »Protokolle«. Für ihre Verbreitung sorgte die »Thule-Gesellschaft«. Ihr Kopf, der selbsternannte Freiherr Rudolf von Sebottendorf, kommentierte die Ausrufung der Republik am 9. November 1918: »Wir erlebten gestern den Zusammenbruch alles dessen, was uns vertraut, was uns lieb und wert war. Anstelle unseres blutsverwandten Fürsten herrscht unser Todfeind: Juda.«

Heinrich Himmler schreibt Tagebuch (Zeichnung: urian)

Einer aus der Runde, Graf Arco-Valley, ermordete Kurt Eisner, den Sprecher der Münchner Revolutionsräte. Für den bewaffneten Kampf gegen die »Sendlinge des jüdischen Bolschewismus« gründete Sebottendorf das Freikorps »Oberland«, dem Himmler und Karl Gebhardt angehörten.

Als Arco-Valley zum Tod verurteilt wurde, plante »Oberland« seine Befreiung. Himmler im Tagebuch: »Die Herren Minister haben schon gewusst, warum sie Arco begnadigt haben. Denn sonst wäre es ihnen an den Kragen gegangen. Wir waren alle bereit und haben es eigentlich bedauert, dass die Sache so glatt abging. Nun dann eben ein andermal.«

Mitglied der »Thule-Gesellschaft« war Rudolf Steiner. In sein Weltbild wird heute der Nachwuchs der sozialen Elite in »Waldorfschulen« eingeweiht. »Ultima Thule« steht auf Kleidung von Neonazis. Thule ist ein Synonym für Atlantis, das Germanophile in den Norden verlegen. Für Theosophen, Ariosophen und Anthroposophen ist es die Heimat einer »edler gebildeten Menschenart«, die durch »Rassenmischung« verdorben wurde, den Sex mit »Tiermenschen«, die »Sodomie«.

Steiners »Wurzelrassen« und neuheidnische Naturmystik stehen am Ursprung der ökologischen Bewegung. In der Hamburger Zeitschrift »Junges Forum« wurden in den 1960ern die »geistigen Grundlagen eines neuen Nationalismus und Sozialismus« als »organische Weltordnung« entworfen. Ihr Herausgeber unterstützte erst die NPD, dann wirkte er mit an der Gründung der »Grünen Liste Umweltschutz«, aus der die »Grün-Alternative Liste« wurde, die in »Bündnis 90/Die Grünen« aufging.

In den 1970ern gingen Umweltschützer und Neonazis Hand in Hand. Die »grünbraune Schwippschwägerschaft« bekräftigte die Öko-Vaterfigur aus Schleswig-Holstein Baldur Springmann, der Thies Christophersen, Autor des Pamphlets »Die Auschwitz-Lüge« (Kiel 1973), als »aufrechten Menschen« schätzte.

Natur in Auschwitz (Zeichnung: urian)

Christophersen hatte sich in Auschwitz mit Steiners »biologisch-dynamischer Wirtschaftsweise« befasst. Himmler stand ihr »sympathisch gegenüber« und ließ sie im Lager als »naturgemäße Landbauweise« erproben. Allerdings sprach er sich dagegen aus, »dass die Menschen aus einer verbesserten Landbauweise eine sektenartige Religion machen, die gepredigt werden muss.«

»Umweltschutz ist Heimatschutz« lautet eine alte Parole der NPD, die bereits 1978 »Stop AKW-Bau!« forderte. Drei Jahrzehnte später beschwor ein Flyer gegen genetisch veränderte Pflanzen die Reinheit der Natur und beklagte die Fremdherrschaft internationaler Saatgutkonzerne. Verfasser war der niedersächsische Landesvorsitzende, ein »Waldorf«-Lehrer.

Nach Erstem Weltkrieg, Revolution und Wirtschaftskollaps hatten Astrologie, Hypnose, Spiritismus, Telepathie, das Rätsel der Cheopspyramide, Vegetarismus und Wunderheilungen Hochkonjunktur. Schließlich erhielt ein »Visionär« und »Messias«, ein »Schamane« und »Medizinmann«, der nationale »Erlösung« verhieß, die totale Macht.

Ein Begleiter Hitlers in der »Kampfzeit« vor 1933 schrieb: »Nacktkulturisten, Vegetarianer, Edengärtner, Impfgegner, Gottlose, Biosophen, Lebensreformer, die ihre Einfälle verabsolutieren und eine Religion aus ihrer Marotte zu machen versuchen, lassen heute ihre geheimen Wünsche in die vielen Gaszellen des Riesenluftballons der Partei einströmen.«

Braunes und okkultes Milieu waren verstrickt durch gemeinsame Anschauungen wie verwandte Maschen des Betruges. Im April 1933 wurde die prominenteste Gestalt der metaphysischen Mode, der Hellseher Hanussen, entführt und in einem Wald bei Berlin erschossen. Der Polizeipräsident von der SA unterband Ermittlungen; er war Hauptnutznießer und vermutlicher Auftraggeber des Mordes.

Keiner kam Himmler am Ende so nah und stand ihm zugleich so fern wie der Sterndeuter Wilhelm Wulff. Er hatte Muße, die Läufe der Menschen um das Zentralgestirn zu observieren, wenn er auf die Besprechung seiner Horoskope wartete. In der Entourage war er der Weltgewandteste und mit 52 der Älteste. Als »Mischung aus Detektivischem, Prognostischem und Therapeutischem« beschrieb er sein Gewerbe.

Die eigene »Spökenkiekerei« führte Wulff auf Kindheitseindrücke zurück. Er irrte aber, dass die »okkulte Seite in der Welt meiner Heimat […] nie besonders aufdringlich in Erscheinung« trat. Als er 1893 in Hamburg geboren wurde, machte Heinrich Ast weltweit Schlagzeilen. Sonderzüge brachten Heilssuchende nach Radbruch in der Nordheide, wo der Schäfer mit der Lupe aus den Nackenhaaren Krankheiten las. Auf der Reeperbahn griff ein Theaterstück den Rummel auf: »Die Dummen werden nicht alle«. Von 1923 bis 1927 standen sie bei einem Haardiagnostiker in Hamburg Schlange.

Imaginäres Porträt von Wilhelm Wulff (Zeichnung: urian)

Statt wie von seiner Familie geplant Kaufmann zu werden, wandte Wulff sich der Kunst zu. Sein Lehrer an der Kunstgewerbeschule, der Schweizer Johann Bossard, schuf bei Jesteburg in der Nordheide eine »Kunststätte« zur »inneren Einkehr« für Wanderer. Sein »Kunsttempel« huldigt einem Gekreuzigten, der Christus sein könnte oder der am Weltbaum gefesselte Odin. Der Entdecker der Runen war einäugig; Bossard trug ein Glasauge. Er machte Wulff mit germanischer Mythologie bekannt.

»Am liebsten« hätte Wulff sich »in die Lüneburger Heide zurückgezogen«. Als Bildhauer und Grafiker fand er kein Auskommen und machte sein Hobby, die Horoskope, zum Beruf. Mäzene ersparten ihm, in seiner Praxis an der Außenalster um Laufkundschaft zu buhlen. Als er 1923 im Auftrag eines späteren Gestapo-Mannes Hitlers Horoskop berechnete, lernte er Martin Bormann kennen.

»Geheimwissenschaften« waren nach 1933 verfemt, wurden aber nicht sonderlich verfolgt. Bis zum Juni 1941, als Vereinigungen verboten und Anhänger in Lager eingeliefert wurden. Am 10. Mai war Rudolf Heß auf eine »Versöhnungsmission« mit dem »Vetternvolk« geflogen und über Schottland mit dem Fallschirm abgesprungen. Eine Wahnsinnstat, aber ein Irrer durfte der »Stellvertreter des Führers« in der Partei nicht sein. Die Propaganda behauptete, der als Esoteriker bekannte Heß sei das Opfer einer Verschwörung von Okkultisten geworden.

Wilhelm Wulff wurde in »Santa Fu«, dem Gefängnis mit angeschlossenem KL in Hamburg-Fuhlsbüttel eingesperrt, aber bald »durch einflussreiche Klienten schon wieder losgeeist«.

Im Sommer 1943 engagierte oder rekrutierte ihn »Reichskriminaldirektor« Arthur Nebe höchstselbst. Die genauen Umstände verschleierte Wulff. Eine Version erzählte er Journalisten fünf Jahre später, die andere schrieb er zu seinem 75. Geburtstag auf.

Dass der oberste Kriminalist des Reichs einen Astrologen zu Rate zog, war weniger sonderbar als typisch. Der berühmteste deutsche Privatdetektiv Ernst Engelbrecht, der dieselbe Berliner Schule der Kriminalistik wie Nebe durchlaufen hatte, ging in einem Buch auf drei Ermittlungsmethoden näher ein: das Fingerabdruckverfahren – sowie Hellsehen und Hypnose. Wissenschaftler wollten Verbrecher an der Schädelform erkennen, und Polizisten glaubten, Kriminalität wäre erblich.

Arthur Nebe verkörperte die »bis dahin in diesem Ausmaß unbekannte Schizophrenie« der deutschen Polizei. Er hatte eine der vier »Einsatzgruppen« befehligt, die sich als Ordnungshüter auf Verbrecherjagd ausgaben und die besetzten Gebiete »sicherheitspolizeilich durcharbeiteten«, »überholten« und »säuberten«. Himmler wies Nebe an, effizientere Mordmethoden zu entwickeln.

Versuche mit Sprengstoff scheiterten. Einer aus dem international vorbildlichen kriminaltechnischen Institut der Berliner Kripo, der sich schon bei der »Aktion T4«, der »Euthanasie« von »Geisteskranken« hervorgetan hatte, »verbesserte« die LKW, in denen die Eingepferchten durch die Abgase der Motoren umgebracht wurden. Hernach kehrten Nebe und sein Gehilfe an ihre Arbeitsplätze am Alexanderplatz zurück und klärten wie gehabt die Tötungsdelikte anderer auf.

Nach seinem Beitritt zur NSDAP wurde Nebe von einem Journalisten gefragt: »Wie verträgt sich das mit Ihren bisherigen Überzeugungen?« – »Es gibt keine Überzeugungen, es gibt nur Umstände!«

In der Geringschätzung der Überzeugungen klingen zwei bevorzugte Ausflüchte an: man habe die Ideen der Machthaber eigentlich nicht geteilt; und es kam ohnehin nicht darauf an, weil die Umstände dem Einzelnen keine Wahl ließen.

1949 wurde Nebes Sentenz in einem Bericht über »Glanz und Elend der deutschen Kriminalpolizei« zitiert, als Himmler ihr Dienstherr war und Polizisten massenhaft Verbrechen verübten. Die Äußerung sei ein Zitat aus einem Roman von Honoré de Balzac, der damit »Joseph Fouché Gerechtigkeit widerfahren« lasse. Der Opportunist Fouché diente der Französischen Revolution wie dem nachfolgenden Napoleonischen Kaiserreich.

Nebe wusste es besser und wurde auch damit zitiert: Vorbild der Romanfigur war ein »Sträfling«, der »später Kriminalchef von Paris wurde«. Nebe spielte nicht auf die Gewissenlosigkeit Fouchés an, sondern auf die List von Eugène-François Vidocq. Vidocq ging davon aus, dass »das Verbrechen nur durch Verbrecher bekämpft werden« könne. Das Kapital des konvertierten Kriminellen war sein Talent, maskiert aufzutreten. Vidocq war kein Massenmörder wie Fouché, sondern ein Meister der Täuschung.

Vidocq (Zeichnung: urian)

Jedenfalls waren in Fouché und Vidocq Polizist und Verbrecher so untrennbar verschmolzen wie in der Polizei unter Himmler. Der Ausrede Nebes bedienen sich Straftäter bis heute. Er schiebe seine Schuld »fast gänzlich auf andere oder die äußeren Umstände«, stellte 2015 ein Psychiater über einen berüchtigten Geiselnehmer fest.

»Auf Himmlers Befehl«, eröffnete Nebe Wulff, sollte er Benito Mussolini aufspüren, der nach seiner Entmachtung gefangen gehalten wurde. Wulffs Verbindungsmann war Willy Suchanek, Orpo-Adjutant des RFSS. Auf dem Tisch lagen »eine Maschinenpistole, ein präparierter« Totenkopf und ein Buch über die Folter im Florenz der Renaissance, als er Wulff angefahren haben soll: »Der Reichsführer lässt Ihnen sagen, dass Sie schneller arbeiten und sich mehr Mühe geben sollen, sonst könnte es Ihnen so ergehen wie dem Goldmacher Tausend, der im KZ sitzt und so lange sitzen wird, bis er Gold machen kann.«

HIMMELREICH HIRN (Zeichnung: urian)

Ob Himmler einen Alchemisten beschäftigte, ist fraglich. Allerdings ließ er Gold suchen, in den heimatlichen bayrischen Flüssen Inn und Salzach. Wo es 100 Jahre zuvor Goldwäscher gegeben haben sollte, wollte auch er fündig werden. Geschichte war für ihn die ewige Wiederkehr des Immergleichen. Mit seinem Handeln glaubte er, ein historisch geprägtes Muster zu verwirklichen. Mystische Methoden sollten enthüllen, was Himmler aus okkulten Gründen finden wollte.

Himmlers Mystizismus (Zeichnung: urian)

Trotz Suchaneks Drohung war Himmler mit Wulff zufrieden. Im Januar 1944 machte er seinen Antrittsbesuch. Ab März 1945 gesellte er sich mehrmals zum Gefolge. Josef Kiermaier hatte ihn nun besonders scharf im Auge. Die Empfehlung durch Nebe war anrüchig geworden. Anfang des Monats war der Kripo-Chef als Mitverschwörer des Attentats auf Hitler in der »Wolfsschanze« gehenkt worden.

»Armut und Sorgen in sehr dürftigen Verhältnissen […] Wahrscheinlich wird der Geborene am Lebensende von Ort zu Ort wandern.« Hatte Wulff geweissagt. Wahrhaftig versteckte sich Nebe monatelang vor seinen Ex-Gehilfen. Keine finstere Prognose von Wulff für Himmler, obwohl auch er »von Ort zu Ort wandern« würde.

Sternzeichen Waage. Schwankende Schalen suchen Ausgleich. Zwei Seelen in der Brust: Philosoph und Pfennigfuchser.

Am Ende unternahm Himmler nichts Wesentliches, ohne den Stand der Sterne zu befragen. Welchen Wert er Wulffs Deutungen beimaß, geht aus einer Bemerkung von Felix Kersten hervor. Er lasse »sich hie und da von mindestens zwei Astrologen beraten, um deren Aussagen abzuwägen, wenn er dabei auch von einer gewissen Skepsis erfüllt ist«. Wulffs Konkurrent ist in Geheimnis gehüllt.

Im Bemühen, sich einen weißen Fuß zu machen, beendete Himmler die Karriere eines seiner eifrigsten Gehilfen. Als der »Fahrdienstleiter des Todes« den Kurswechsel kritisierte, wurde er abgekanzelt: »Wenn Sie bisher Juden ausrotteten, so müssen Sie, wenn ich es befehle, wie in diesem Falle, jetzt Judenpfleger sein.«

Heinrich Himmler (Zeichnung: urian)

Dafür war Adolf Eichmann ungeeignet. Einen jüdischen Abgesandten schnauzte er an: »Ware für Blut – Blut für Ware … Was wollen Sie gerettet haben? Zeugungsfähige Männer, gebärfähige Frauen? Greise? Kinder? Setzen Sie sich und reden Sie!«

Eichmann wurde in die Abteilung versetzt, die einen Feind bekämpfte, der sich auf der Flucht als Freund erwies, die katholische Kirche. Die Schonzeit für Juden war zum Schein. Am 18. April verkündete Himmler: »Kein Häftling darf lebend in die Hände des Feindes fallen.«

Zwei Tage später traf er einen Vertreter des Jüdischen Weltkongresses. Den Kontakt hatte Felix Kersten angebahnt. Der in Estland geborene und in Holstein aufgewachsene finnische Staatsbürger linderte mit »magischen Händen« Himmlers chronische Magenkrämpfe. Er nutzte seine Stellung: »Kersten rettet mit seiner Massage Menschenleben, mit jedem Griff eins«, meinte sein Chef.

Aus Wilhelm Wulffs Aufzeichnungen

Bomben auf Hamburg. 13. April: Werde nach Kerstens Gut Hartzwalde befohlen. Auto-Panne. Abfahrt am Abend des 14. April: Bomben auf Boizenburg. »Viele Tote und Verletzte.« Ankunft Hartzwalde frühmorgens am 15. April. Erhalte einen »Geheimbericht« mit Fragen von Walter Schellenberg zu Verhandlungen mit den Alliierten. 10 Uhr: Schellenberg und Rudolf Brandt treffen ein. Liste von Brandt mit potentiellem Personal für neue Regierung: Bormann, Speer, Graf Schwerin u. a.

18. April: Kersten kündigt aus Stockholm Ankunft für morgen an. »Dieser Tag war besonders aufregend, weil mir zugleich über Freunde, die ich in Amt VI hatte, gemeldet wurde, dass die SS-Führer, darunter Schellenberg, Dr. Brandt, selbstverständlich auch Himmler eine Flucht oder einen Durchbruch nach Süddeutschland planten. […] Ich sollte diese Verlegung mitmachen.«

19. April: Vormittags Bomben auf Oranienburg. Stromausfall. Kersten kommt mit Norbert Masur, Sekretär des Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses. Kersten stellt mich wie von Himmler angeordnet vor: »Sanskritforscher«. Ich korrigiere: »Sanskritist, denn Sanskritologe war ich nicht.« Wir sitzen bei Kerzenlicht. »An Schlaf war nicht zu denken. […] Mir war Schweigen befohlen.«

20. April: Schellenberg geht mit mir die Deutungen durch, die ich Himmler vorlegen soll.

Samstag, 21. April. Ein Uhr nachts. Himmler, Brandt und Schellenberg fuhren vom Ziethen-Schloss ab. Flüchtlingstrecks hielten sie auf. Sie mussten vor Tieffliegern in Deckung gehen. Erstmals erlebte Himmler feindliches Feuer. Der Krieg, den er seit der Jugend gewollt hatte, begann für ihn, als er für alle anderen zu Ende ging.

Halb drei in Hartzwalde. Himmler: »Willkommen in Deutschland, Herr Masur! Es ist Zeit, dass ihr Juden und wir Nationalsozialisten die Streitaxt begraben.«

Masur: »Dafür ist zu viel Blut zwischen uns. Aber ich hoffe, dass unsere Begegnung vielen Menschen das Leben retten wird.«

Schellenberg schrieb: »Die meiste Zeit redete Himmler.« Masur bemerkte: »Er war äußerlich ruhig und beherrscht.«

Er hätte die Juden ja auswandern lassen, aber niemand wollte sie nehmen. Die Lager sind Schulungsstätten. Harte Arbeit, aber gerechte Behandlung. Gestorben wurde nur zur Seuchenabwehr.

Himmler: »Keiner ist in den letzten zwölf Jahren so mit Schmutz beworfen worden wie ich. Ich habe mich nie darum gekümmert. Auch in Deutschland kann jeder über mich sagen, was er will. Die Juden haben den Partisanen geholfen.«

Masur: »Wie können die Juden den Partisanen geholfen haben, wenn sie in Ghettos eingesperrt waren?«

Himmler: »Sie übermittelten Nachrichten.«

Masur forderte, alle Juden freizulassen und die «Evakuierungen« der Lager einzustellen, die »Todesmärsche«.

Schellenberg und Brandt zogen sich mit Masur zurück, um festzuschreiben, was sie bereits am Vortag besprochen hatten: Dass »1. keine Juden mehr getötet werden; 2. KZ-Insassen […] in ihren Lagern verbleiben; 3. […] sämtliche Lager mit jüdischen Häftlingen sind listenmäßig zusammenzustellen und bekanntzugeben.«

Wulff, Grothmann, Kiermaier, Himmler, Schellenberg, Kersten (Zeichnung: urian)

Unterdessen überredete Kersten Himmler, 1000 Jüdinnen aus Ravensbrück nach Schweden zu entlassen. Um Hitler nicht zu erzürnen, sollten sie als Polinnen ausgegeben werden.

Zum Schluss wieder eine Rede. Die Nationalsozialisten hätten die Kriminalität eingedämmt, den Hunger besiegt und Arbeit für alle geschaffen. »Meinetwegen sollen die Westalliierten Sieger sein. Sie sollen mir nur die Zeit lassen, dass ich Russland zurückschlagen kann. Wenn sie mir ihr Kriegsmaterial liefern, dann schaffe ich es noch.«

Als es tagte, gingen Himmler und Masur Arm in Arm in der frischen Morgenluft im Park von Hartwalde spazieren, ehe sie sich verabschiedeten. Himmler: »Ja, wenn wir uns zehn Jahre früher kennen gelernt hätten, wäre es niemals zu diesem Krieg gekommen!«

Gegen fünf Uhr Abschied von Kersten: »Ich danke Ihnen herzlich, dass Sie mit Ihrem ärztlichen Können mir Jahre hindurch geholfen haben. Meine letzten Gedanken gelten meiner armen Familie.«

Masur warnte die schwedische Regierung, die sich bereit erklärt hatte, Juden aufzunehmen: »Himmlers Wort ist nichts, worauf man sich verlassen kann. Während unserer Gespräche hat er oft gelogen.« Er schlug eine Beteiligung der Briten am Gefangenentransfer vor. Premierminister Winston Churchill notierte an den Rand eines Berichts: »No link with Himmler.«

Winston Churchill (Zeichnung: urian)

In Hohenlychen wartete Graf Folke Bernadotte, Vizepräsident des schwedischen Roten Kreuzes, auf seine dritte Begegnung mit Himmler. Skandinavische Gefangene, die in Neuengamme gesammelt worden waren, sollten in Freiheit gebracht werden.

Gegen sechs Uhr in Hohenlychen. Himmler wütete gegen »das Lügengewebe« um die Befreiungen von Buchenwald und Bergen-Belsen. Auf Bernadotte wirkte er »müde, erschöpft.«

»Habe mehrere Nächte nicht geschlafen.« Lief rastlos auf und ab. »Nehmen Sie alle Juden, die Sie wollen!«

Er ließ Schellenberg fragen, ob Bernadotte eine Mitteilung an US-General Eisenhower überbringen könne. »Der Reichsführer versteht die Realität seiner eigenen Situation nicht mehr. Ich vermag ihm nicht mehr zu helfen. Er hätte nach meinem ersten Besuch das Geschick Deutschlands in die Hände nehmen sollen, und Sie, mein lieber Schellenberg, täten jetzt besser daran, an sich selbst zu denken.«

Nachmittags zum Schloss Ziethen. Ein Treck, den sie gerade überholt hatten, wurde angegriffen.

Himmler soll gesagt haben: »Ich fürchte mich vor dem, was kommen wird.«

Anruf von Hermann Fegelein aus dem Bunker. Hitler war erbost über Gottlob Berger, der aus Berlin verschwunden war, obwohl er sich mit dem Todesurteil gegen Karl Brandt befassen sollte. Der Chirurg des Führers hatte seinen Untergang besiegelt, als er seine Frau zu den US-Amerikanern in Sicherheit brachte.

Himmler und Schellenberg redeten bis tief in die Nacht und planten eine »Nationale Einheitspartei«. Die Sowjets rückten näher. Himmlers Truppen sammelten sich in Hohenlychen.

»You are on the road to Lüneburg!« Major Rice notierte: »Unterwegs fragte Himmler mehrmals nach den Umständen des Selbstmordes von Admiral Friedeburg und staunte darüber, dass dieser ihn begangen hatte.«

»Ich habe kein Verständnis dafür, dass jemand sein Leben wie ein dreckiges Hemd wegwirft, weil er glaubt, irgendwelchen schwierigen Auseinandersetzungen […] damit auszuweichen«, hatte Himmler früher einmal bemerkt. Er scheute keinen Konflikt, glaubte er von sich, und kuschte nur vor einem, mit dem er die längste Zeit keinen Streit hatte.

Ehedem war er zuversichtlich gewesen: »Und so herb der Tod im Augenblick ist – denn er ist ein Abschiednehmen –, so sehr wissen wir aus urältester, blutsmäßiger Überzeugung, dass er lediglich ein Hinüberwechseln in eine andere Ebene ist; denn wir haben uns alle schon einmal irgendwo gesehen und wir werden uns in der andren Welt ebenso wiedersehen.«

Heinrich Himmler (Zeichnung: urian)

»Was soll nun werden? Es ist alles aus, nichts ist mehr zu retten!« – »Ich muss mir das Leben nehmen, ich muss mir das Leben nehmen!«

»Oder was meinen Sie, was ich tun soll?« Als Entschluss zum Suizid kann das nicht gelten. Wenn es so gesagt wurde, wie Wulff es aufschrieb.

Der Gefangene war Hans Georg von Friedeburg im Gefolge von Großadmiral Karl Dönitz begegnet. Von seinem Ende hatte er in Camp Kolkhagen durch Colonel Murphy erfahren. Zehn Minuten, bis sie endlich los fahren konnten.

Himmler protestierte: »Gerade erst habe ich mich entkleiden müssen und bin durchsucht worden. Als Soldat muss ich mich nicht so behandeln lassen.«

Murphy beschied ihn: »Sie haben die Wahl: mit oder ohne Gewalt.«

»Eine fremde Uniform ziehe ich schon gar nicht an!«

»Die ganze oder einen Teil, soll mir gleich sein. Sie können eine Decke haben.«

»Warum bestehen Sie überhaupt darauf, dass ich mich noch einmal ausziehe?«

»Heute haben wir Dönitz, Jodl und noch 5000 verhaftet. Admiral Friedeburg hat sich davon gemacht. Das Risiko gehe ich bei Ihnen nicht ein.«

Die Festnahme in der Marineschule Mürwik war eine »big show«. Beim Schaulaufen für die Fotografen in Flensburg fiel Friedeburgs Fehlen auf. Er stand im Rampenlicht, seit er am 4. Mai in der Lüneburger Heide die erste Teilkapitulation im Reichsgebiet unterzeichnet hatte. Er legte seine Orden an, verzog sich in einen Waschraum und schluckte das Gift.

»Sie haben zwei Minuten«, sagte Murphy zu Himmler.

»Dann sage ich nichts mehr von dem, was ich sagen wollte.« Und der Gefangene fragte noch einmal: »Und Sie wollen mich wirklich nicht zu Propagandazwecken fotografieren?«

Murphy versprach; »Morgen bekommen Sie neue Zivilkleidung.«

Mindestens drei Offiziere des Camps und fünf aus Lüneburg umstanden den Gefangenen, als er sich aus- und wieder anzog.

Himmler in Kolkhagen (Zeichnung: urian)

Das Baltikum, Weißrussland und die Ukraine waren besetzt; sie machten sich bereit, in das russische Herz der Sowjetunion vorzustoßen, als Hitler im Juli 1942 Himmlers Konzept zur Kolonisation billigte. Der Osten sollte »der ewige Jungborn für das deutsche Blut« werden.

Ein Schutzwall aus »Wehrdörfern« würde das Reich abriegeln. 30 bis 40 Hofstellen pro Dorf, 300 Morgen Land für jeden Bauern. Fünf Kinder waren nötig, um den Bestand zu sichern. Die Größe der Siedlung war so kalkuliert, dass die männliche Population Kompaniestärke erreicht. Alle würden Bauern sein, der Lehrer wie der Kinovorführer.

Himmler und Hitler (Zeichnung: urian)

»Es ist der glücklichste Tag meines Lebens«, fand Himmler. »Es ist die größte Siedlungstat, die die Welt je gesehen haben wird.« Den Boden bereitete eine gleichermaßen gigantische »Entvölkerung«.

Das Wehrbauerndorf war sein Modell für die Welt: »Die Verbindung von Partei und Staat werden wir hier radikal durchführen und mit dem unseligen Durcheinander von heute aufräumen. […] Das gibt Bindungen an Zuverlässigkeit, Einsatzbereitschaft und Treue, von denen man sich keinen Begriff machen kann. So entsteht die Form der Demokratie, die allein dem demokratischen Menschen angepasst ist, ein neuer germanischer Gefolgschaftsstaat auf der Grundlage germanischer Wehrbauernsiedlungen.«

Nach dem Umbau der Gesellschaft käme die Natur an die Reihe: »Der germanische Mensch kann nur in einem ihm angepassten Klima und einer seinem Wesen entsprechenden Landschaft leben. Die große Weite des Ostens liegt ihm nicht, er hat irgendwie einen Horror davor. Berge können wir in diese Landschaft nicht setzen, aber wir können sie aufforsten. […] Wir ändern im Osten völlig das Klima.«

Eine Umgebung werde entstehen, »die etwa der von Schleswig-Holstein entspricht. Wir richten nämlich allenthalben Knicks ein, teilen die Landschaft gewissermaßen auf und schaffen auf diese Weise eine Raumgestaltung, die unserem Wesen entspricht.« – »Mit den Knicks ändert sich das Klima von selbst.«

SS-Mythologie (Zeichnung: urian)Heinrich Himmler (Zeichnung: urian)

An diesen Plänen richtete er sich in den dunkelsten Stunden als Student der Landwirtschaft in München auf. »Ich arbeite, weil es meine Pflicht ist, weil ich in der Arbeit meine Ruhe finde und arbeite für mein deutsches Mäderl, mit dem ich einmal im Osten fern vom schönen Deutschland mein Leben durchleben und durchkämpfen will als Deutscher.« Kein »Mäderl« in Sicht, um sein Schicksal zu teilen. Soweit bekannt war er bis zu einem Treffen mit seiner späteren Ehefrau im Dezember 1927 in Berlin zölibatär.

Wehrbauernschaft malte er sich wie im Online-Rollenspiel aus. Feudal in Gewand und Gehabe und vor mittelalterlicher Kulisse: Wälder, Bäche und Höhlen mit versteckten Zaubertränken. Die Symbiose von Krieger und Bauern sah aus wie auf Holzschnitten von Georg Sluyterman von Langeweyde, die Sentenzen von Ernst Moritz Arndt und Schiller illustrierten. »Der Tod fürs Vaterland ist ewiger Verehrung wert.«

In seinem Wohnort Bendestorf in der Nordheide wurde Sluyterman 1973 Ehrenbürger. Die NPD rief ihm zu seinem Tod 1978 nach: »Das Werk dieses großen Mannes der Deutschen Kunst in Ehren zu halten und zu bewahren wird uns immerwährende Verpflichtung sein.« Dem entsprach die politische Mehrheit im Landkreis mit der Verleihung eines Kulturpreises und einem Gedenkstein. 1999 wurden die Ehrungen verteidigt: »Man darf die Kunst aus dem Dritten Reich nicht einfach verbannen, sondern muss sich auch mit diesen Bildern auseinandersetzen.»

Martial NS-Arts (Zeichnung: urian)

»Martial Arts and Crafts«-Werke wie von Sluyterman zieren die Cover von Compactdiscs unter Labeln wie »Death Metal« oder »Rechtsrock«. In Gestalt und Gehabe sind sie nicht von Comic-Superhelden zu unterscheiden.

Martial NS-Art (Zeichnung: urian)

»14 Words« steht auf Hemden und wird online nachgebetet: »Wir müssen die Existenz unseres Volkes und die Zukunft für die weißen Kinder sichern.« Geprägt haben soll den Satz der US-Amerikaner David Lane, einer der »White Aryans« um Timothy McVeigh, der 1995 in Oklahoma City mit einem Lastwagen voll Sprengstoff 168 Menschen tötete.

Das Credo geht auf den Hohepriester des Herrenmenschentums zurück und ein Anliegen, das er noch in der Abschiedsrede vor Major Rice in Camp Kolkhagen aufgriff: »Um die Geburtenziffern zu erhöhen, habe Himmler als Polizeichef ein Maximum zur Abschaffung der Prostitution getan, das Vornehmen von Abtreibungen und die Homosexualität mit strengen Strafen belegt. Der Homosexuelle ist ein Verräter am eignen Volkskörper und muss daher ausgemerzt werden.«

Ein Exempel statuierte er an seinem Neffen. Der hatte gestohlen und betrogen, aber den Ausschlag für seine Hinrichtung gab seine sexuelle Orientierung.

Noch jeden Tag spann er einen Intrigenfaden. Soweit die Sachverhalte sicher sind. Der Rundfunk verkündete: Hitler bleibt in Berlin. Himmler wollte ihn am Telefon zur Flucht auf den Obersalzberg überreden.

»Hermann ist nicht bei uns! Er ist nach Nauen, um ein Bataillon oder sowas aufzustellen. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass Du ihn noch einmal sehen wirst. Er wird sich sicher durchschlagen, um vielleicht in Bayern den Widerstand […] fortsetzen.« Eva Braun in einem Brief vom 23. April an ihre Schwester Gretel, die Ehefrau von Fegelein, auf den Himmler in der Nacht an einer Straßenkreuzung zwei Stunden vergeblich wartete. Er sollte Hitler das halbe Begleitbataillon des RFSS zuführen.

Im Bunker wurde Karl Gebhardt vorstellig, um sich zum Präsidenten des Roten Kreuzes ernennen zu lassen. Sein Vorgänger nahm sich das Leben und ermordete dabei seine Familie.

»Soll ich dem Reichsführer etwas ausrichten?«, fragte Gebhardt.

Hitler antwortete: »Grüßen Sie ihn herzlich.«

Zurück in Hohenlychen fand Gebhardt Himmler im Bett, der sich für krank erklärte.

Von Hermann Göring aus der »Alpenfestung« traf im Berliner Bunker ein Telegramm ein. Er fragte an, ob er wie vorgesehen die Nachfolge des Führers antreten solle. Hitler ließ ihn durch die SS verhaften.

Wie befohlen hielt Himmler sich an Karl Dönitz, den Oberbefehlshaber im Norden, der bei Eutin untergekommen war. Als sein Auge und Ohr sandte er Otto Ohlendorf aus.

Schellenberg verabredete mit Bernadotte ein erneutes Treffen. Als Himmler um 23.30 Uhr an der schwedischen Gesandtschaft in Lübeck vorfuhr, heulten die Sirenen. 23./24. April.

»Im Schutzraum sind wir nicht allein«, bemerkte Bernadotte. – »Na gut.«

Sein erstes Mal im Luftschutzbunker. »Himmler […] versuchte sichtlich, die Stimmung im Volke zu erkunden. Es war ganz klar dass ihn niemand erkannt hatte.«

O.30 Uhr. Himmler redete: »Hitler ist sehr wahrscheinlich schon tot.« – »Ich gebe zu, dass Deutschland besiegt ist. Und was kommt jetzt?« – »In der Lage, die nun entstanden ist, habe ich freie Hand.«

Er wollte an der Westfront kapitulieren, aber weiter gegen den »Bolschewismus« antreten. Bernadotte hielt das für »ganz unmöglich«, würde das dennoch weiter leiten. Was mache Himmler, wenn es abgelehnt werde? »In diesem Fall übernehme ich das Kommando eines Bataillons an der Ostfront und falle im Kampf.«

2.30 Uhr. »Das war der bitterste Tag in meinem Leben.« Er wollte unbedingt selbst ans Steuer und fuhr in den Zaun.

Frühmorgens ein Anruf für Wilhelm Wulff aus Lübeck. »Himmler war persönlich am Apparat und sehr aufgeregt.« Er müsse »astrologisch untersuchen«, ob Himmler Gut Hartzwalde räumen lassen solle.

Sigmund Raschers Menschenversuche (Zeichnung: urian)

Sie köderten ihn mit Kunstdünger. Am 24. April 1939 machte die verwitwete Sängerin Karoline »Nini« Diehl, 46, ihren Freund Himmler mit ihrem Geliebten Sigmund Rascher, 30, bekannt, der als Mediziner erforschen wollte, was größten Ruhm versprach: Krebs. Nini wusste, dass Himmler sich vor Magenkrebs fürchtete und Kunstdünger hasste, seit er mit 22 in einer Stockstofffabrik gearbeitet hatte. Rascher wollte untersuchen, wie krebserregend Nitrate wären. Himmler erlaubte, Häftlingen in Dachau Blut abzuzapfen.

Mit Kriegsausbruch wurde Rascher zur Luftwaffe eingezogen. An Affen zu testen, wie Piloten in einem neuen Düsenjäger auf größte Höhe reagieren, verbat der NS-Tierschutz. Rascher bat Himmler, ob »zwei oder drei Berufsverbrecher zu diesen Versuchen von Ihnen zur Verfügung gestellt werden können.« Im Namen seines Herrn genehmigte Rudolf Brandt.

»Die Versuchspersonen (VP) werden in einer Stahlkammer in einen Fallschirm gehängt. […] Die VP werden, mit oder ohne Sauerstoffzufuhr künstlich in Höhen bis 21 km gebracht. Man lässt sie abstürzen oder aufsteigen. Die Folgen: Krämpfe, Lähmungen, Blindheit, Wahnsinn, Tod.« (Ernst Klee)

»Himmelfahrtswagen« hieß die mobile Unterdruckkammer bei den Häftlingen. Von etwa 200, die missbraucht wurden, kam die Hälfte um. Rascher genoss, dem Sterben zuzuschauen. Im Mai 1942 sah Himmler sich Filme der Morde an.

Tischgespräch in der »Wolfsschanze« über die Experimente. »Alles wäre auf der Basis freiwilliger Meldung erfolgt«, sagte Himmler. Ein Hüne von »Kapo« habe sich als »unglaublich höhenfest erwiesen«. – »Das ist direkt ein Idealist«, fand Hitler.

Bis dahin war das »Ahnenerbe« geisteswissenschaftlich orientiert. Durch das Engagement Raschers mehrte der Geschäftsführer seine Macht. Wie Brandt büßte er die Beihilfe für den Serienmörder mit dem Strang.

Nächste Mordserie: die Chancen abgestürzter Flieger im Eiswasser. Rascher maß den Todeszeitpunkt: bei zwei bis 12 Grad nach sechs bis acht Stunden. Wie auch sonst gern verwies Himmler auf »Volkserfahrungen«: »das Volk habe oft sehr gute und alterprobte Mittel, z. B. Tees aus Heilkräutern.«

Er stellte sich vor, »dass eine Fischerfrau ihren geretteten halberfrorenen Mann einfach in ihr Bett nehme und so aufwärme.« Rascher probierte es mit »animalischer Wärme«, und im Lager etablierte sich »ein munterer Sexualbetrieb«. Am 13. November 1942 schauten Himmler, Karl Wolff und Grothmann zu.

Letzte Serie: Für ein Blut stillendes Medikament ließ Rascher Häftlinge anschießen und verbluten.

Damit Himmler die Heirat des Ordens-Bruders mit der erheblich Älteren genehmigte, musste das Paar Zeugungskraft beweisen. Als Nini im Oktober 1942 zum dritten Mal Mutter wurde, war Himmler vom Kindersegen der 50-Jährigen so angetan, dass er eine Publikation plante.

Insgesamt acht Kinder, die sie gegeneinander austauschte, gab Nini als eigene aus. Beschafft hatte sie eine Frau, die seit Dezember 1943 vermisst und im April 1944 tot aufgefunden wurde. Nach einem Entführungsversuch am 20. 3. 1944 wurde Nini verhaftet. Himmler hielt seine Polizei zurück. Die Ex-Freundin verschwand im Lager und kam Ende April in Ravensbrück um.

»Entweder Genie oder Hochstapler«. Er wäre »als Truppenarzt an der Lapplandfront« am richtigen Platz, befand im April 1944 eine SS-Ärzte-Konferenz über Rascher.

Am Nachmittag des 26. April starb Rascher in Dachau an Schüssen in Bauch und Genick. Zu den Häftlingen, die die Leiche weg schafften, sagte ein SS-Mann: »Das war der Dr. Rascher, das Schwein ist gut verreckt.«

Dönitz hinterher kreuz und quer an der Ostsee. Beim Oberkommando der Wehrmacht bei Fürstenberg trafen sie am 27. April gemeinsam ein und nahmen »die Stelle Hitlers« ein, wie ein General bemerkte. Fegelein kam mit dem Flugzeug und verschwand wieder, erinnerte sich Grothmann. Von Karl Wolff wurde bekannt, dass er Hitler wie Himmler hintergangen und eine Teilkapitulation in Italien ausgehandelt hatte.

28. April. Von einem Brief Himmlers an Großbritannien und die USA hörten Journalisten am Rand einer Konferenz in San Francisco. Über den Inhalt ist heute so viel bekannt wie damals: »Hitler liege im Sterben und werde die Erklärung der bedingungslosen Kapitulation höchstens um 48 Stunden überleben.« Radio BBC berichtete über die Kontakte mit Bernadotte. Dönitz ließ bei Himmler nachfragen. «Das ist eine Falschmeldung!«

Als Hitler vom Abfall des Getreusten der Getreuen erfuhr, wurde gerade Fegelein als Fahnenflüchtiger von Heinrich Müller verhört. An diesem seinem 45. Geburtstag verliert sich die Spur des Folterers. Zum Verbleib von »Stapo-Müller« schließen Wissenschaft und Legende ein Bündnis und lassen ihn mit Himmler fliehen.

Hitler ordnete Fegeleins Erschießung an. Dann heiratete er Eva Braun. Ritter von Greim, Görings Nachfolger als Luftwaffenchef, wurde von der fanatischen »Fliegerin des Führers« Hanna Reitsch zu Dönitz in Plön gebracht, um Himmlers Liquidierung zu besorgen.

Wilhelm Wulff wurde von SS in einem karminroten Mercedes abgeholt. »Hinter dem Bahnhof Ahrensburg in Richtung Oldesloe waren die Schienenstränge aufgerissen und Züge entgleist.«

Später Abend im Hotel »Danziger Hof« in Lübeck, wo Schellenberg sein Amt VI installiert hat. »Wüstes Durcheinander« aus Flüchtlingen und Soldaten. »Sehen Sie zu, dass Himmler mich nach Stockholm schickt«, forderte Schellenberg vom Astrologen.

Anwesend der Sohn des Schweizer Altbundespräsidenten Jean-Pierre Musy. Mit dem Vater hatte Himmler vorigen Oktober in Wien die Freilassung von Juden ausgehandelt.

»Die Presse weiß Bescheid. Das müssen wir einkalkulieren!«

Dann fuhren sie zu einem »Labyrinth von Wagen, Baracken und Sperren«, notierte Wulff.

29. April. »Hitler wird mich jetzt festnehmen lassen«, jammerte Himmler. »Was soll werden? Es ist alles aus!«

»Fliehen Sie!«

Eine gewisse Gräfin konne beim Untertauchen in Finnland oder Lappland helfen. Martin Fälschlein, Suchaneks Adjutant, wolle ihn im Oldenburgischen als Landarbeiter unterbringen.

»Ist das alles?« fragte Himmler in die Runde. »Angstschweiß glänzte in seinem Gesicht; er brach in ein unterdrücktes Schluchzen aus.«

Wulff wurde angewiesen, die Aussichten seiner Frauen und Kinder zu berechnen. »Schellenberg, Kersten, Sie und ich, wir müssen zusammenhalten.«

Grothmann, Himmler, Schellenberg (Zeichnung: urian)
Grothmann, Himmler, Schellenberg

Zwei Stunden später. »Sie sind der Ordnungsfaktor für Europa!«, tönte Schellenberg. Er durfte wie gewünscht nach Schweden und wartete auf seine Urkunde als Botschafter.

Ein SS-Mann namens Rischle brachte Wulff zurück nach Hamburg.

Himmlers Ende 30. April 1945 (Zeichnung: urian)

30. April. Funkspruch aus dem Bunker an Dönitz: »Neuer Verrat im Gange. Laut Feindrundfunk hat Reichsführer über Schweden Kapitulationsangebot gemacht. Führer erwartet, dass Sie gegen alle Verräter blitzschnell und stahlhart vorgehen. Bormann.«

Dönitz schrieb 20 Jahre später: »Ich bat Himmler um ein Treffen.« 15 Uhr. Polizeikaserne in Lübeck. »Er schien sich bereits als Staatsoberhaupt zu fühlen«, bemerkte Dönitz über den Beschuldigten, der seine West-Kontakte leugnete. »Wir schieden friedlich.«

Zurück in seinem Hauptquartier in Plön erhielt Dönitz ein Telegramm von Bormann, das ihn zum »Nachfolger« Hitlers erklärte. Telefonisch bedrängte er Himmler, sofort zu kommen.

Mitternacht. 1. Mai. Bewaffnete von Marine und SS standen sich gegenüber. Unter den Papieren auf seinem Schreibtisch hatte Dönitz eine entsicherte Pistole parat. Er hielt Himmler Bormanns Nachricht hin. »Bitte lesen Sie!«

»Er wurde sehr blass«, schrieb Dönitz. »Er stand auf, verbeugte sich und sagte: Lassen Sie mich in Ihrem Staat der zweite Mann sein.«

Das kam nicht in Frage. Er habe »keine Verwendung« für ihn, erklärte Dönitz. Um ein Uhr zog Himmler ab.

Graf von Bassewitz-Behr, Oberster SS im Norden, hatte vorgeschlagen, sich gesammelt dem Feind zu übergeben. »Kommt gar nicht in Frage«, soll Himmler erwidert haben: »Ein jüdisches Gericht würde mich zerreißen.«

6 Uhr. Bauernhof bei Plön. Himmler verweigerte Bassewitz den Abzug aus Hamburg.

9 Uhr. Schloss Kalkhorst. Beratung mit Schellenberg.

Funkspruch an Berger: »Verteidigen Sie den Eingang zu den Alpen für mich.«

12 Uhr bei Dönitz in Plön.

León Degrelle schlug seine letzte Schlacht in Stettin. Wer nicht stürmte wurde erhängt. Der Kommandeur der belgischen SS kämpfte, wohin es meinen Vater zur gleichen Zeit zog. Wo die Firma seines Großvaters vernichtet wurde: »Im großen Hafen standen die Betonbauten der acht- und zehnstöckigen Lagerhäuser im Schein der Brände.«

Als er von den Feindkontakten hörte, suchte Degrelle seinen Herrn, um »klare Befehle« zu erhalten. In Schloss Kalkhorst war der RFSS nicht. »Wie in einer Leichenhalle« kam es Degrelle dort vor. Nahe Malente kreuzten Bernadottes »Weiße Busse« mit den Himmler abgehandelten Gefangenen aus Neuengamme seinen Weg.

Karl Gebhardt und Werner Best, Koordinator der »Einsatzgruppen« und zuletzt »Bevollmächtigter« in Dänemark, erwarteten ihren Führer. 2. Mai. Degrelle über Himmler: »Seine Kaltblütigkeit war erstaunlich. Alles war verloren, Vor allem für ihn. Er war bemerkenswert ruhig.«

Die Kolonne aus 15 Wagen musste vor Tieffliegern in Deckung gehen. »Disziplin, meine Herren, Disziplin!«, rief Himmler.

In Plön stellte Hanna Reitsch Himmler zur Rede.

― Sie hatten Kontakte zu den Alliierten?

― Aber ja.

― Das ist Hochverrat!

― Die Geschichte wird es genauer wägen. Ich tat, was ich tat, um das deutsche Blut zu retten.

Unterdessen bargen vor »Volksgenossen« und Kameras »belastete Nazis« 526 Leichen an einer als »Blutwiese« berüchtigten Stelle auf dem Seelhorster Friedhof in Hannover war. Zuletzt waren hier am 6. April 154 Gefangene erschossen worden.

Zwei Dutzend hatten unter dem Kommando von SS-Scharführer Gustav Wolters, 39, die Grube ausgehoben. Dabei »ein russisches Mädchen im Alter von etwa 17 oder 18 Jahren«. Es grub nicht.

»Die Wachmänner standen herum, lachten und unterhielten sich«, erinnerte sich Pjotr Palnikow, 24, Hauptmann der Roten Armee.

Drei Mal wurde auf die junge Frau geschossen, ehe sie fiel. Die Verwirrung nutzte Palnikow. Mit dem Spaten, den man ihm nicht abgenommen hatte, schlug er einen SS-Mann nieder und floh.

Die eigentliche Hinrichtung dauerte drei Stunden. Als die letzte Gruppe an der Grube stand, heulten die Sirenen auf. Die US-Armee stand vor der Stadt. Weil Palnikow entkam, wurde dieses »Verbrechen der Kriegsendphase«, mit dem Himmler Spuren zu verwischen versuchte, bekannt und von den Briten 1947 im »Gestapo Case No 1« geahndet. Zu 13 Jahren verurteilt kam Wolters schon 1950 frei.

»Unberührt kehrten diese subalternen Henker später in ihr Urmilieu beflissener Dienstleistung zurück. […] Nahtlos fanden diese Beamten, die Tausenden gehorsam den Tod gereicht hatten, den Anschluss an ihre harmlosen Kollegen, die nur Sparkonten durch Schalter reichen.« Der Zeitungsreporter meinte die Zeugen im Prozess gegen die Anführer des »Einsatzkommando 9« in Berlin 1962.

Einer war der »wohlbestallte Kaufmann« Wolters. Er diente in Hildesheim und Warschau, bevor er sich im »Polizeireferat« des EK 9 eineinhalb Jahre lang um die Logistik der Massenmorde kümmerte. Bei der Gestapo in Ahlem war er ab November 1942 einer der erfahrensten Folterer und Mörder. Der Staatsanwalt schrieb mit, als Zeuge Wolters in einem weiteren Verfahren 1964 zugab: »Er habe fünf bis zehn Menschen erschossen.«

2002 überreichte der Bürgermeister seiner Heimatstadt ihm als »Anerkennung für seine Lebensleistung« einen »Ehrenbrief« des Bundeskanzlers. Dafür war das Kanzleramt über die Biografie des 94-jährigen Feinkosthändlers belogen worden.

Fragen zur Ehrung beantwortete der Magistrat, indem er die Politische Polizei auf die Fragesteller ansetzte. Tatsachen über die Stütze der Gesellschaft nannte der Lokalanzeiger »üble Nachrede« und »Klamauk«. »Man muss auch verzeihen« und »man muss auch vergessen«, ließ sich der Bürgermeister ein und bestritt die Ehrung.

Noch besteht Himmlers Gefolge aus 150 Mann. Er ist stets mit vier Autos unterwegs. In der Nähe ein erprobter Krieger. Seine Teilnahme an den Feldzügen gegen Polen und den Westen, gegen den Balkan und den Osten trugen Heinz Macher mehrere Verwundungen ein, zwei Eiserne Kreuze, ein Ritterkreuz und die Nahkampfspange in Gold. Die Haftstrafe, zu der er 1943 verurteilt worden war, weil er den Tod zweier Untergebener verschuldet hatte, wurde zur Bewährung an der Front ausgesetzt, und er zeichnete sich in Charkow »durch hervorragende Tapferkeit und Unerschrockenheit« aus. Ende Januar 1945 kam er zur Heeresgruppe Weichsel, wo Himmler den hinkenden Sprengstoffspezialisten für sich entdeckte.

Am Karsamstag, 31. März, war der 25-Jährige mit einem mysteriösen Auftrag auf der Wewelsburg. Sie war am Vortag von der SS verlassen worden. Gegen 13 Uhr hörten die Anwohner Detonationen und sahen ein Dutzend SS-Männer Feuer legen. Er habe die Burg in die Luft jagen sollen, erzählte Macher später, aber zu wenig Sprengstoff dabei gehabt und nur Stabs- und Verwaltungsgebäude zerstören können. Warum Himmler ihn mit einer Beförderung belohnte, obwohl er versagt hatte, erklärte er nicht. Die Totenkopfringe, die nach dem Tod der Träger in einem Schrein aufbewahrt wurden und »für alle kommenden Generationen ein unerhört schönes Erinnern sein« sollten, blieben zurück. Seit dem 2. Mai befehligte Macher Himmlers 15-köpfige Leibgarde.

In Esgrus soll Himmler an ein Fenster geklopft haben: »Sie sollen mich aufnehmen …« Oder auch nicht.

Auf einem Hof bei Ausacker vergrub Wilhelm Walther vom Begleitkommando Akten. Oder nicht.

Gemäß Himmlers Befehl, »die Insassen der Konzentrationslager keineswegs in Feindeshand fallen zu lassen«, hatte Bassewitz-Behr Gefangene aus Neuengamme auf drei Schiffe verladen. Am 3. Mai wurden sie in der Lübecker Bucht von den Briten beschossen. 7000 kamen um beim Untergang von »Cap Arcona« und »Thielbek«.

Der Bus Richtung Solitüde bringt mich von Flensburg zur Marineschule in Mürwik. Ein Wachtposten bezeichnet den Weg: »Halten Sie sich an den Adler.«

Hier residierte Dönitz als Reichspräsident. In seinem Kabinett drei Gehilfen Himmlers: Otto Ohlendorf sowie Herbert Backe und Wilhelm Stuckart, Teilnehmer der Konferenz am Wannsee in Berlin, die am 20. Januar 1942 die Auslöschung der europäischen Juden plante. Himmler selbst oder Grothmann waren alle Tage in Mürwik.

5. Mai. Letzte Begegnung mit Schellenberg. Letztes Konklave der SS mit 15 Getreuen, darunter Gebhardt, Ohlendorf, Grothmann und Brandt. Himmler fantasierte von einem Rest-Reich nördlich der Elbe.

Der letzte Befehl des RFSS lautete: »Taucht unter in der Wehrmacht!« Von der Marine erhielten seine Leute Kleidung und falsche Papiere. Himmler verlegte seinen Tross von Hüholz nach Kollerup.

6. Mai. Aus Treue zu »unserem Führer« bleiben die Hitler-Bilder hängen, ordnete die Dönitz-Regierung an. Himmler nahm an der Kabinettssitzung in der Sportschule Teil. Um 17 Uhr »enthob« ihn Dönitz »aller seiner Ämter«. Mehr wurde der Nachwelt nicht mitgeteilt. Nebenan wurde um 20.15 Uhr ein U-Boot-Kapitän als Deserteur erschossen.

Himmler soll gesagt haben: »Er fühle sich gegen Entdeckung absolut sicher und werde die für ihn schnell arbeitende Entwicklung im Verborgenen abwarten.« Weil Dönitz Himmler nicht festsetzte, argwöhnte der Führungsstab der Alliierten, er wolle den Ex-RFSS »decken«. Er habe nichts von dessen Gräueltaten gewusst, schützte Dönitz vor.

7. Mai. Noch 14 Mann Gefolge. Bauernhof bei Satrup. »Abstecher nach Flensburg, um Neuigkeiten zu erfahren.«

Der Schwarze Mann ein Schatten, der vorüber huscht. Er traf Häschen. Oder vielmehr nicht.

8. Mai. Langer Abschied. Himmler rasierte den Bart ab, zog die Uniform aus und Zivilkleidung an, nahm die Brille ab und legte eine Augenklappe um.

9. Mai. Die ersten Briten in Flensburg: »Wir erlebten keine offene Feindschaft.«

Verhör Machers am 24.5.: »Sie fuhren in der Nacht ab und hielten in den Wäldern.«

Verhöre Grothmanns 27.5. ff.: »Their plan […] was to reach the sanctuary of the Hartz [!] Mountains […] Sobald Proteste und Geschrei verklungen wären, wollte [Himmler] sich in die Alpen begeben, wo er so lange wie möglich vor dem Zugriff der alliierten sicher sein würde.«

10. Mai. Himmelfahrt in Dithmarschen. Die Zuflucht/das Heiligtum im Harz: ein vielleicht erreichbarer Ort, an dem einer von ihnen sich auskannte, war Wernigerode, wo Grothmanns Frau und Tochter wohnten.

HIMMELREICH HIRN (Zeichnung: urian)

Die ausgefallene Schluss-Schlacht der SS findet im Computerspiel »Return to Castle Wolfenstein« statt. Der Höllenfürst tritt auf dem Blocksberg zum letzten Totentanz an. Als US-Agent erobert der Ego-Shooter eine Burg und eliminiert Nazis und Germanen-Zombies. Im Original können die überall flatternden Hakenkreuzbanner zerfetzt werden. Das soll man dort, wo sie einmal in Wirklichkeit hingen, nicht tun dürfen. In der deutschen Fassung führt »Heinrich Höller« die »Wölfe« an.

Die Geschichte des »Werwolf« endet nicht 1945. Neonazis geben sich als Freischärler aus, die im »Widerstand gegen das System der Besatzungsmächte« operieren. 1978 wurde die Hamburger »Aktionsfront Nationaler Sozialisten« als »Werwolf-Untergrundorganisation« angeklagt, 1992 die »Werwolf Jagdeinheit Senftenberg« zerschlagen, nachdem es einen Toten gegeben hatte. Serienmörder Thomas Lemke verfuhr nach dem »Werwolf«-Leitfaden »Eine Bewegung in Waffen«: »Verräter verfallen der Feme.«

11. Mai. Zwischen 22 und 23 Uhr, heißt es, legte in Delve ein Schiff an. Beim Stromwärter klopfte ein Kerl im Blaumann an und wollte die Küche benutzen, um einen Kuchen zu backen. Es folgte einer, den der Blaumann mit »Reichsführer« ansprach, »ein großer Hagerer mit Nickelbrille«. Er schwatzte beim Rum mit dem Stromwärter und verriet, dass sie auf dem Weg nach Argentinien seien. »Prost, ich war als junger Mann Polizeipräsident von München.«

12. Mai. In Schleswig und Holstein wurden die Internierungsgebiete für mehr als eine Million deutscher Soldaten geschlossen. Die letzte Schar der SS wich aus in den freien Winkel zwischen Meer und Strom. Vorauskommandos erkundeten Quartiere. Aus Wesselburen stammte Himmlers alter Freund Max Pauly, der Kommandant von Neuengamme.

13. Mai. Beginn der Besetzung Flensburgs. Zwei Kassetten mit Geld, Gold und Juwelen werden im Haus des SS-Mannes Heinrich Springer in Lutzhöft versteckt.

Macher fuhr den Wagen mit Himmler, Grothmann und Feldwebel Siegfried Lüngen, der auf Nebenstrecken Friedrichskoog erreichte. Vier Mal wurden sie kontrolliert und ihre falschen Papiere akzeptiert. Ein SS-Mann erinnerte sich: »Unterwegs gab es einen besonders spannenden Moment, als unsere Gruppe, eine kleine Kolonne mit VW-Kübeln und einer Zivilversion des VW, von Kanadiern in der Gegend von Marne gestoppt und untersucht wurde. Hatte doch der uns begleitende Arzt in seinem Verbandskasten eine zerlegte Walther PPK verborgen.«

Die Siedler im 1935 eingeweihten Adolf-Hitler-Koog waren verdiente Parteigenossen und hohe Offiziere der SS.

14. Mai. Es heißt, Himmler kam allein in Christianskoog unter. Am Morgen ruderte ihn ein 16-Jähriger durch den Hafen. Am anderen Ufer traf er die Begleiter wieder. Zwei Tage warteten sie: auf einen Kurier, sagte Macher; laut Grothmann auf besseres Wetter.

15. Mai. Nachts setzten sie in einem Kutter über die Elbe. »Grothmann behauptet, das Boot sei ihnen geliehen worden, und der Fischer, der es zur Verfügung stellte, habe keine Ahnung gehabt, wem er half.«

16. Mai. Sie landeten in Neuhaus und folgten der Oste. »Für mich selbst ist es ideal, einmal arm zu sterben«, hatte Himmler sich einst vorgesagt.

17. Mai. Die Landstriche Wursten und Kehdingen findet auf der Karte nur, wer sie kennt. Ein unbeschriebenes Blatt, auf dem Himmlers Schar nicht die ersten weltgeschichtlichen Spuren hinterlassen, sondern darüber huschen und unbemerkt weiter wollte.

Wie auf dem Meer war der Horizont stets in Sicht. Spärliche Orientierungspunkte. Sie navigierten wie auf hoher See mit dem Kompass.

Himmler auf der Flucht (Zeichnung: urian)

Vier Monate war Niederdeutschland Kriegsschauplatz. Die ersten und letzten Panzer im Dorf waren die der Besatzer. Sichtbarste Spur des Krieges waren die »Fremdarbeiter«. Während Söhne und Knechte »Lebensraum« eroberten, wurden aus den unterjochten Gebieten Sklaven verschleppt, um die verwaisten Felder zu bestellen.

Durch Zwangsarbeiter und gefangene Soldaten spürte man in der Heimat die Weltmacht des Reichs. Sie kamen aus mehr Ländern, als einer kennen konnte. Franzosen und Italiener wurden unterschieden, bei den Völkerschaften aus dem Osten bloß die Polen erkannt, alle anderen waren »Russen«. Die heftigsten Kämpfe mit den Briten entbrannten um die Befreiung von Lagern.

Himmlers Fluchtroute (Zeichnung: urian)

Über Lamstedt und eine Försterei auf der Wingst erreichte Himmlers Gruppe Bremervörde, wo sie auf andere SS-Leute traf und mehrere Unterkünfte bezog.

Himmler hatte das »Ahnenerbe« die Welt nach Zeichen absuchen lassen, die bestätigen, was er zu wissen glaubte. Was nicht passte, wurde vernichtet, Schriftstücke wie archäologische Fundstätten. Als er sich 1938/39 um eine Expedition zum Himalaya kümmerte, könnte er die tibetische Weisheit aufgeschnappt haben, »dass des Menschen wahres Haus nicht das Haus, sondern der Weg ist und das Leben selbst eine Reise, die zu Fuß zurückgelegt werden muss.«

18. Mai19. Mai. Ein Quartier lag unweit eines sagenhaften Hügels mit 14 Hünengräbern, nachher angeblich germanischer Ratsplatz, dazu ein Tunnel zur alten Burg von Bremervörde. Lehnstedt (Kreis Cuxhaven) soll Himmler in einem Panzerwagen durchfahren, sich bei Schwanewede und in Worpswede aufgehalten haben.

Kein Zeugnis erklärt ausdrücklich, weshalb die anderen bereit waren, Himmler in den Tod zu folgen. Macher verfügte über die meiste Erfahrung im Gefechtsfeld. Brandt, Grothmann und Kiermaier waren die Doppelkopfrunde des RFSS. Von Nummer Sechs weiß man nur, dass er ihn in den letzten Monaten begleitete. Dr. Arthur Mller behielt als einziger die Uniform an, die ihn als Oberstabsarzt der Streitkräfte auswies. Sein Motiv kann nicht »Meine Ehre heißt Treue« gewesen sein.

Himmler und seine letzten Getreuen (Zeichnung: urian)

20. Mai, Pfingsten. »Brandt, Müller und Kiermaier verließen die Gruppe, um in der Stadt Bremervörde ihre Ausweise durch den britischen Bürgermeister abstempeln zu lassen.«

21. Mai. Sie blieben weg. Himmler zog mit Grothmann und Macher weiter.

Kamen sie nah genug an Stalag X B vorbei, um den Rauch zu sehen, der von den verseuchten Baracken aufstieg, die von den Befreiern abgefackelt wurden? Ein Gefangener in Sandbostel: »Gleich auf dem Platz am Leichenhaufen musste ich feststellen, dass einige Häftlinge sich zwischen den Toten zu schaffen machten. […] Eine Leiche hatten sie in eine Ecke geschleift und das auf dem Gesäß vorhandene Fleisch gelöst. Ebenso fehlte bei der Leiche das Herz, die Lunge und Leber und auf einer Seite die Rippen.«

Dieser Hölle waren die Rotarmisten Ivan Sidorov, 25, und Vasilij Gubarev, 29, entkommen. Sie meldeten sich für eine Patrouille bei den Briten.

Aus dem Besatzungshandbuch: »Auf Straßen, in Häusern, Cafés, Kinos usw. musst Du den Deutschen aus dem Weg gehen – Männer, Frauen, Kindern –, es sei denn, Du hast dienstlich mit ihnen zu tun.« Dabei sei man »fair und gerecht«, aber »nicht zu nachgiebig«.

Weniger die Deutschen gefährdeten die Besatzungsordnung, als versprengte Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, die sich mit Diebstahl und Raub durchschlugen. Bevor Waffen zum Einsatz kommen mussten, könnten die Sowjets mit ihnen zu reden versuchen.

Himmler in Meinstedt (Zeichnung: urian)

Gegen 19 Uhr machten Sidorov und Gubarev noch eine Runde um das Dorf Meinstedt. Sie entdeckten drei Männer, die sich vor ihnen verstecken wollten, riefen sie an, feuerten Warnschüsse und nahmen sie fest.

Sie seien krank, gestikulierten sie und schwenkten Papiere, die keiner außer ihnen lesen konnte. Die Briten wollten sie laufen lassen, aber die Sowjets bestanden auf der Festnahme. um sie zu überprüfen. Himmler verstand die Verhandlungen. Der Redselige schwieg.

22. Mai. Nacht in der Sägemühle an der Oste in Bremervörde. Dann nach Camp Westertimke.

23. Mai. Camp Kolkhagen. 16 Uhr. Drei Gefangene wollten unbedingt den Kommandanten sprechen.

»The first man to enter my office was small, ill-looking and shabbily dressed, but he was immediately followed by two other men, both of whom were tall and soldierly-looking, one slim, and one well-built. The well-built man walked with a limp. I sensed something unusual.«

Der erste Mann nahm seine Augenklappe ab, setzte eine Brille auf und sagte mit sehr leiser Stimme: »Heinrich Himmler«.

»Seine Augen waren außergewöhnlich klein, und sie standen eng beieinander, wie bei Nagetieren. Wenn er mit jemandem sprach, blieben diese Augen am Gesicht des Gesprächspartners haften, musterten ihn unablässig und fixierten ihn; diese Augen hatten einen abwartenden, lauernden, verschlagenen Ausdruck.« (Felix Kersten)

Der Kommandant verglich die Unterschrift des Gefangenen mit einer Schriftprobe von Himmler. In seinem Jackett fand er eine Messing-Patrone mit einer Glasphiole. »Meine Magenmedizin«, erklärte der Gefangene. Und noch eine Patrone ohne Phiole.

Report von Major Storm Rice über Himmlers Aussagen, pt. 9: »Es sei notwenig gewesen, Repressalienformen einzuführen. Eine davon seien Konzentrationslager gewesen.«

Report pt. 11: »During his wanderings in recent weeks he had often been recognized but never denounced.«

Eine Lautsprecherdurchsage im Hauptquartier der Second Army in Lüneburg beorderte den Arzt Captain Clement Wells zur Zentrale des Geheimdienstes. Er war telefonisch vorgewarnt worden: »Himmler would be your guest for the night.«

Dr. Wells sprach mit dem Kommandeur der Wachmannschaft, Major Norman Whittaker, über Gift-Verstecke, als ihr Chef mit seiner heiklen Fracht vorfuhr. Der Gefangene wurde von Company Sergeant Major Edwin Austin in Empfang genommen. Er stieß die »cringing figure« in das Zimmer mit dem Erker.

Die Hände dieser zugleich schauerlichen und kriecherischen Gestalt, die mit Federstrichen oder Gesten an Gehilfen den Tod gebracht hatten, hielten eine graue Armeedecke, die um die Hüften geschlungen war. Dazu Khaki-Hemd und Unterhose.

Hinterher wurde Austin vorgeschickt, um der Presse Geschichten zu erzählen. Dass er im Kino mit Bing Crosby »Going my way« summte, als auf der Leinwand eine Schrift eingeblendet wurde: »CSM Austin is requested to report at headquarters at once.« Wieder kreuzte ein Nazi seinen Weg. »Als Zivilist bin ich bei der Müllabfuhr und muss mich nun mit menschlichem Abfall abgeben.«

In Austins Gewahrsam war in der Vorwoche ein Gefangener abgegangen. Mit den »Bandenkampfverbänden« hatte Hans-Adolf Prützmann unter dem Tarnnamen »Partisanen« Juden ausgerottet. Er war seit 1944 gegen echte Freischärler und Sowjetsoldaten angetreten. Die Kriegserfahrung, die er Gleichrangigen voraus hatte, die sich nur mit der Jagd auf Wehrlose auskannten, empfahl ihn dafür, Deutsche als Partisanen einzusetzen. Der »Reichswerwolf« war von Himmler nach Süden vor geschickt worden. Über ihre Verabredungen lässt sich nur mutmaßen.

Major Whittaker trug Prützmann am 15. Mai als »ersten Besucher für Nr. 31a« ein, das Haus in der Uelzener Straße, in dem sich der Geheimdienst »high-ranking prisoners« vornahm. »Wahrhaftig ein böse aussehender Typ. Aber er sprang schnell genug auf, als ich den Raum betrat. Darf nie ohne Wache gelassen werden.«

Zwei Tage später: »Heute morgen hörte ich, dass Prützmann Selbstmord verübt hat – Gift versteckt in einem Feuerzeug. Gott sei Dank hat er es nicht während meines Dienstes getan.« Von Austin gibt es zwei Versionen. Prützmann »desertierte, indem er Gift schluckte, das in einem Feuerzeug verborgen war.« Oder er hatte »eine zweite Phiole im Mund versteckt«.

Vorbeugend wollte Austin die Eingelieferten bei der Ankunft niederschlagen. Einen »sandbag« hatte er schon, sagte er; aber Colonel Murphy sei dagegen gewesen. Der beriet sich mit Dr. Wells. Keine Droge konnte verhindern, dass Himmler das Gift schluckte, falls er es bereits im Mund hätte.

23 Uhr. Sechs Geheimdienstoffiziere und Wachleute waren zugegen, als Dr. Wells ihn untersuchte.

Zum Schluss Mund und Zähne. »Als ich eine Wange zur Seite zog, bemerkte ich gleich einen kleinen Gegenstand mit einem blauen Kopf, der zwischen seiner Wange und dem Unterkiefer lag. Ich versuchte sofort, diesen Gegenstand mit den Fingern aus seinem Mund zu entfernen, konnte den Gefangenen jedoch nicht daran hindern, ihn zwischen die Zähne und nehmen und zu zerdrücken.«

»Mein Gott! Es ist in seinem Mund – er hat es getan!«

»Der Schweinehund hat gewonnen!«

»Brauche ein Herzmittel!«, rief Wells. Später schrieb er: »Ein starker Geruch von Zyankali verbreitete sich.«

Auch Major Whittaker roch bittere Mandeln. »Sofort stellten wir den alten Schweinehund auf den Kopf und steckten seinen Mund in die schüssel mit Wassser, die da war, um das Gift auszuwaschen.«

»Schreckliches Seufzen und Stöhnen kam von dem Schwein.«

»Nadel und Faden!«, befahl Murphy. Die Zunge wurde durchstochen und festgehalten, um das Schlucken zu unterbinden.

»Aber es war eine verlorene Schlacht, die wir kämpften«, notierte Whittaker. »And this evil thing breathed its last at 2314 [!].«

Austin warf eine Decke über den Leichnam. Major Storm Rice blickte zur Uhr, als der Tod eintrat. »Es war dann 23.04.«

Winston Churchill in seinen Memoiren: »Als sich sein Verhör dem Abschluss näherte, zerbiss er eine Ampulle mit Zyankali, die er offenbar stundenlang in seinem Mund versteckt gehalten hatte. Er starb beinahe sofort, kurz nach elf Uhr abends am Mittwoch, dem 23. Mai.«

24. Mai. Der Tote wurde fotografiert und gefilmt, Abgesandte aus den USA und der UdSSR besichtigten ihn. Gemeine Soldaten hoben die Decke: »the only German secret weapon not used.«

Himmlers Tod im Erkerzimmer in Lüneburg

Zuerst war die Decke in der Nacht von zwei Beamten der Lüneburger Kripo gelüftet worden. »Der Mann, um den es hier ging, lag im Erkerzimmer des Hauses Uelzener Straße 31a am Fenster zusammengekrümmt auf dem Fußboden. Er war vollständig nackt. Ich sah Schaum vor dem Mund. […] Man befahl uns, Abdrücke zu nehmen. Wir taten das mit einer Fingerabdruckplatte aus Messing und einem Abdruckbogen für das Gesicht.«

Britische Offiziere besuchten eine Nachbarin von 31a. Sie bemerkte eine Schallplatte. Man sagte ihr, darauf sei das Ge­tümmel im Erkerzimmer zu hören und »terrible groans and grunts«. Titel der Aufnahme: »I saw Himmler die.«

Im Schauermärchen wird das Gespenst gebannt, indem das Gerippe ausgegraben wird. Ich streifte mit einem Archäologen durch die Wälder um Lüneburg. Wir überprüften Angaben aus der Literatur, Gerüchte und eigene Kombinationen. Zwei Tage vorher war eine Splitterbombe explodiert, die viel später dem »Nationalsozialistischen Untergrund« zugeschrieben wurde. Wir suchten die letzte Ruhestätte eines Zombie.

Himmlers Totengräber (Zeichnung: urian)

Ein Foto von 1977 zeigt die vermeintliche Grabstätte mit den Totengräbern Weston und Ottery und einem Holzkreuz wie dem, das sie im Mai 1945 bastelten, um den Tod des Ungeheuers zu feiern. Düvelsbrook? Rote Schleuse? Falls wir fündig würden, fantasierten wir, würden wir die Lage verschweigen.

Eine Stelle war sonderbar und kam uns in dem für Spaziergänger nicht erschlossenen Areal zunächst wie eine Täuschung vor. Aber es handelte sich nicht um eine zufällige Anordnung, sondern ein Arrangement. Ein Stück Park in der Wildnis. Zum Foto von 1977 passte nichts, aber die Idee war dieselbe.

Das Mahnmal der Veteranen hielt nur für den Moment der Aufnahme. Andere als sie und wir würden eine dauerhafte Kennzeichnung anbringen. Kein verräterisches Zeichen. Eine Landmarke, die deutlich genug wäre für jemand, der Ausschau hält, um zu erkennen, dass er am richtigen Ort ist. Ein Naturdenkmal. Der Tote hätte einen Findling bevorzugt.

Auschwitz (Zeichnung: urian)

Nachrichten der Gegenwart während der Gestaltung der Geschichte

Juni 2016

9. Zahl der rassistischen Übergriffe so hoch wie nie, laut Amnesty Internatonal.
10./11. Hakenkreuze vor der Haustür.
12. SPD-Vorsitzender fühlt sich bei der AfD an seinen Vater erinnert, der bis zum letzten Atemzug ein Nazi war.
12. Verfassungsschutz hält die AfD nicht für beobachtenswert.
15. Gewaltbereitschaft der Fremdenfeinde nimmt zu, laut Studie.
16. Neonazi ermordet Politikerin in Großbritannien.
17. Detmold: 94-jähriger wegen 170.000facher Beihilfe zum Mord in Auschwitz-Birkenau verurteilt.
21. AfD-Funktionär hält Holocaust-Leugner für »Dissidenten«.
22. Grüne fordern Anerkennung sowjetische Kriegsgefangene als NS-Opfer durch Bundestag. Jahrestag Unternehmen Barbarossa.
28. Sicherheitsbehörden warnen vor steigender Gewalt durch »Rechtsextreme«, die im Vorjahr Zulauf erhielten.
Versteigerung von NS-Devotionalien macht Schlagzeilen.
Hooligans prügeln bei der Fußball-EM in Frankreich mit Reichskriegsflagge.
»Deutsch-Deutsche«: Lehrerin in Radio-Feature zum »Clash der Kulturen« in Bad Godesberg.
Salafisten blicken mit den Augen der Vergangenheit in die Zukunft.
»… dass Mord die einzig gute Frage ist, die ein Philosoph sich stellen muss“ (Kamel Daoud, Der Fall Mersault, Köln 2016, 150)

Juli

1. Altgedienter Neonazi wird für Messer-Attacke auf Politikerin in Köln zu 14 Jahren verurteilt.
6. Hamburger Morgenpost über neuheidnische Dorfgemeinschaften im Norden.
19. Attentat mit Axt in Zug bei Würzburg.
22. Amoklauf in München. Täter war stolz, am 20. April geboren und Arier zu sein.
25. Bombenanschlag in Ansbach.

August

1. BILD bringt Serie über Himmlers letzte Geheimnisse.
12. Identitäre werden vom Verfassungsschutz als gefährlich für die Grundordnung eingestuft.
20. 30 % mehr »rechte« Straftaten in Niedersachsen als im Vorjahr.
27. Identitäre besetzen Brandenburger Tor.
30. »Großkampftag«: Vorbericht des Lokalanzeigers zu Demo von Neonazis unter Führung des NPD-Funktionärs, dem das Blatt 2012 als Gothic ein Titelfoto gewidmet hatte, während er für den Landtag kandidierte.

Heinrich Himmler (Zeichnung: urian)

Anmerkungen

Romancier: G. Meade, Operation Sphinx, Bergisch Gladbach 2000, 251.
Luzifers Hofgesind: FAP-Ztg. Deutscher Standpunkt 12/85.
Gral und Zion: H. Lincoln / M. Baigent / R. Leigh, Der Heilige Gral und seine Erben, Bergisch Gladbach 2005, 206 ff.
Sebottendorf zit. n. H. Strohm, Die Gnosis und der Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 1997, 57.
Grün-braune Schwippschwägerschaft: U. Völklein in Stern 5/82. — Das Vorwort zur Auschwitz-Lüge schrieb der Terrorist Manfred Roeder. Anführer brauner Banden wie Michael Kühnen und Edgar Geiss nannten sich »Journalisten«, weil sie im Sold der Zeitschrift Bauernschaft von T. Christophersen (1918–97) standen. Er wechselte von der CDU über die Deutsche Partei zur NPD, die er verließ, weil sie er sie für »zu demokratisch« hielt.
Visionär, Messias etc.: N. Elias, Studien über die Deutschen, Frankfurt/M. 1992.
Begleiter Hitlers H. Rauschning 1940 zit. n. H.-D. König (Hg.), Sozialpsychologie des Rechtsextremismus, Frankfurt/M. 1998, 22 f.
Haardiagnose: U. R., Elses Lachen, Bremen 2009, 205–208. (→ Haardiagnose »nach Schäfer Ast«)
Bossard: U. R. in Die Zeit 19/99, Neues Deutschland 26.8.99, Niedersachsen 6/99, Lübecker Nachrichten 8.7.06. (→ Welttheater im Wald)
● Bis auf Ausnahmen wie D. Garbe in P. Steinbach / J. Tuchel (Hg.), Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur 1933–1945, Berlin 2004, ist die Rolle der Geheimwissenschaften im NS-Staat so gut wie nie kritisch untersucht worden. Die esoterische Geschichte des Dritten Reichs endet bei Historikern meist vorher, mit Hitlers Wiener Lektüre von Ostara – Bücherei der Blonden und Mannesrechtler (am genauesten bei I. Kershaw, Hitler 1989–1936, Stuttgart 1998). In dröhnend einträchtigem Stillschweigen übergehen Historiker wie Verschwörer einen Mann, der am Ende das Ohr desjenigen Machthabers hatte, der allein noch imstande war, am Schicksalsrad zu drehen. Denen, die sich apologetisch über mystische Unterströme des Regimes auslassen, passt er nicht ins Konzept. Die Worte des Einzelgängers Wulff taugen weder zur Weißwäsche des Nationalsozialismus noch als Werbung für Glaubenskonzepte. Historiker blicken nur widerwillig von ihren Akten auf und nehmen erst neuerdings zur Kenntnis, was außerhalb der bürokratischen Erfassung liegt. Den Platz des metaphysischen Ratgebers besetzen sie bezeichnenderweise mit einem Kandidaten, der ihnen durch die Literatur seiner Gemütsgenossen aufgedrängt wurde, dem »Urgeschichts- und Gotenforscher« Karl Maria Wiligut. Indes hatte SS-Brigadeführer »Weisthor« seine angebliche Rolle als Rasputin Himmlers (R. J. Mund, Wien 1982) bereits 1939 mit 72 Jahren abgegeben. Für Heinrich Himmlers (= HH) Abgang stehen vor allem zwei Gewährsleute ein, die sich freiwillig bei ihm verdingt hatten, Kersten und Schellenberg. Sie werden zwar mit Vorbehalt zitiert und sind umstritten; der Astronom wurde gar nicht erst angehört. Zuletzt, bei P. Witte / S. Tyas, Himmler’s Diary 1945, o. O. 2014, erscheint Wulff nicht einmal in der Literaturliste. Er ist so wenig vertrauenswürdig wie die SS-Zeugen, aber aufschlussreich bei alltäglichen Angelegenheiten und in Betrachtungen, die auf seine Stellung als Außenseiter zurückgehen. (→ Himmlers Sterndeuter)
Versionen: W. T. H. Wulff, Tierkreis und Hakenkreuz, Gütersloh 1968, und R. Augstein u. a., Das Spiel ist aus, Der Spiegel 40/49, 11/50.
● E. Engelbrecht, In den Spuren des Verbrechertums, Berlin o. J. (1929).
Schizophrenie: J. Thorwald, Die Stunde der Detektive, Zürich 1966, 141.
Vidocq zit. n. J. Thorwald, Die gnadenlose Jagd, Zürich 1973, 8; vgl. F. Arnau, Das Auge des Gesetzes, München 1965, 119 ff. Bezeichnend für die Geschichte der Kriminalgeschichte in Deutschland ist, dass Thorwald, ihr namhaftester Chronist nach 1945, eine Geschichte bei der NS-Propaganda und seine Gründe hatte, die Epoche zu übergehen. Exilant Arnau hatte andere, sich dazu ebenfalls bedeckt zu halten. Die Artikelserie von Augstein anhand der Angaben von Nebes Mitarbeitern (vgl. S. Aronson, Reinhard Heydrich und die Frühgeschichte von Gestapo und SD, Stuttgart 1971, 299) haben erheblich zur Mythenbildung beigetragen. So beschreibt sie die Ergreifung des »schädlichste[n] Massenmörder[s] Deutschlands« Bruno Lüdke und illustriert das Porträt des »Tiermenschen« mit Fotos, die Rassekundlern zum Beweis von L.s »Untermenschentum« anfertigten (40/49, 9/50). Der Mann, der der weder lesen noch schreiben, sich keinen Straßennamen merken konnte und außerstande war, eine Bahnfahrkarte zu lösen, soll fast 20 Jahre lang bis 1943 durch Deutschland gereist und mindestens 53 Personen, wenn nicht über 80 ermordet haben. In Nachts, wenn der Teufel kam schrieb er 1957 Filmgeschichte. Er war ein Opfer des Regimes und seiner Polizei, die den ganzen Fall erfunden hatte. Opfer des Systems, bevor er als Täter ausgegeben wurde: wegen »erblichem Schwachsinn« war er zwangssterilisiert worden. Nach seiner »Entlarvung« wurde er nicht verurteilt oder hingerichtet, sondern bei »medizinischen Experimenten« in Wien ermordet. Der erfundene Massenmörder gehört zur Verleugnung der wahren Verbrechen seiner Zeit. 1958 scheiterten L.s Schwestern vor einem Hamburger Gericht damit, seinen Namen rein zu waschen. Bis in jüngste Zeit steht er als »größter Massenmörder der deutschen Kriminalgeschichte« da. (→ Ein Teufel, der keiner war)
Geiselnehmer von Gladbeck 1988: BILD 4.6.15.
Goldwäscher: M. H. Kater, Das »Ahnenerbe« der SS 1935–1945, Stuttgart 1974, 221 – auch die einzige Literaturstelle zu Tausend, mit Verweis auf Wulff.
Antrittsbesuch: Zu den vielen Ungereimtheiten von W. T. H. Wulff, Tierkreis und Hakenkreuz, Gütersloh 1968, gehört, dass 51 f. so verstanden werden kann, dass es bereits 1941 zu einer Begegnung mit HH kam.
Freund Kirche: Zunächst versteckt in Klöstern entkamen zahlreiche Mörder über die »Rattenlinie« nach Südamerika.
Amt VI SD-Ausland war die von Schellenberg geleitete Dienststelle des RSHA. Auf welche Weise Wulff seine »Meldung« erhielt, teilte er nicht mit. — Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses sprang in letzter Minute ab und flog nicht nach Berlin, um sich in den Rachen des Ungeheuers zu begeben. Norbert Masur ist ein vergessener Held.
● »Ich möchte annehmen«, wird angemerkt, »dass HH mit Ausnahme des 9. November 1923 das erste Mal Kugeln pfeifen hörte«, als er angeblich auf der Flucht von britischen Maschinengewehren beschossen wurde (E. Baumgart [Hg.], Jenseits von Halbe, Inning/Ammersee 2001, 267). Allerdings ist Hitlers Putschversuch sein erstes und einziges einschlägiges Erlebnis. »Hat es die Mutti erlaubt, dass ihr mit so gefährlichen Dingern hier auf offener Straße spielt?«, spotteten Passanten über die Maschinengewehre, die der Zug von 2000 Demonstranten zur Feldherrnhalle in München mit sich führte (H. Frank, zit. n. D. Schenk, Hans Frank, Frankfurt/M. 2006, 54.) Sie wurden von der Polizei erwartet und beschossen. 14 Aufständische und vier Polizisten starben. Unterdessen hielt HH hinter einem Stacheldrahtverhau vor dem Kriegsministerium die kaiserliche Kriegsfahne hoch, bis der Haufen von der Polizei umstellt wurde und sich nach dem Desaster vor der Feldherrnhalle ergab. HHs Personalien werden aufgenommen, dann ging er nach Hause und blieb unbehelligt. Ob es eine spezifische Gewaltsozialisation für Nazis gab, ist ein unerforschtes Gebiet. R. Rhodes, Die deutschen Mörder, Bergisch Gladbach 2004, weist zwar auf die Wichtigkeit nachdrücklich hin, behilft sich aber mangels Daten über die Betreffenden mit Analogieschlüssen zu US-amerikanischen Experimenten. In keiner Biografie von HH wird auf seine Erfahrung mit Gewalt eingegangen. In seiner Jugend war er als Befehlshaber von Saalordnern unweigerlich in Prügeleien verwickelt. Wie er sich dabei verhielt und etwa eine Verletzung erlitt, ist gänzlich unbekannt. In Anbetracht seiner Redseligkeit ist es erlaubt, den Umkehrschluss zu ziehen: er hätte sich über eine betreffende Begebenheit mehr als einmal ausgelassen und ihre Chancen, überliefert zu werden, gesteigert. So redete er einmal, als habe er im Geschützdonner gestanden: »Ich bin im Jahre 1917 Fahnenjunker geworden und habe als junger Fahnenjunker die Revolution erlebt.« An Kämpfen hat er nicht teilgenommen, sondern in der Kaserne davon gehört.
● Der Dialog zwischen HH und Murphy folgt der Wiedergabe in indirekter Rede im Bericht von Strom Rice (Nr. 14 in B. Chavkin / A. M. Kalganov [Hg.], Die letzten Tage von Heinrich Himmler, Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 4/2000, 276–280, hier 279). In welcher Sprache er geführt wurde, ist nicht vermerkt.
● Einige Historiker zitieren F. Kersten, Totenkopf und Treue, Hamburg o. J. (1952), ausgiebig, andere betrachten sein Buch »in einem strengen Sinne nicht als authentische Quelle« (P. Longerich, Heinrich Himmler, München 2008, 972). Daten, die er für Unterredungen mit HH 1941 und 1942 nennt, passen nicht zu den Einträgen im Dienstkalender. Über Wehrbauern redete HH laut Kersten zwischen dem 16.–22.7.42 in der »Feldkommandostelle Ukraine«. Der »glücklichste Tag« müsste dann eines der vorangegangenen »Essen beim Führer« am 11. oder 14.7. gewesen. Für dieser sind andere Themen dokumentiert (P. Witte et al. [Hg.], Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1941/42, Hamburg 1999, 485, 489) – was nicht ausschließt, dass es so war: HH, der die Unterlagen stets bei sich hatte, nutzte eine Gelegenheit, und Hitler genehmigte mit einem Wink der Hand, weil es ihn nicht interessierte. Freilich sollte man von HH erwarten, das Datum rot angestrichen zu haben. Jedenfalls entsprechen die Pläne und Aussagen HHs bei Kersten den Erkenntnissen akademischer Forschungen, die erst ein halbes Jahrhundert nach seiner Veröffentlichung einsetzten.
● Hinsichtlich der Vorgänge im April 1945 lagen Kersten die Darstellungen von Bernadotte und Schellenberg vor, deren Übereinstimmungen damit erklärt worden sind, dass Schellenberg als eine Art Ghostwriter für den Grafen fungiert haben soll. Brandt war tot, von Grothmann oder Kiermaier kein wesentlicher Widerspruch zu den Verhältnissen um HH zu erwarten. Als Wulff seine Rolle in der Weltgeschichte niederlegte, lag Schellenbergs Version nur auf Englisch vor; denkbar, dass er sie nicht oder nur durch Zitate kannte. Er nimmt keinen Bezug auf sie und verliert ohnehin auffällig wenig Worte über Schellenberg, während er sich wiederholt auf Kersten bezieht. Er spricht dem Masseur zwar andere Motive zu, als dieser sie selbst geltend macht, widerspricht ihm aber nicht hinsichtlich der Abläufe von Ereignissen. Das wiegt umso schwerer, als Wulff keinen Überblick hatte und haben konnte über das Gewicht seines eigenen Zeugnisses. Dem Buch lässt sich manches über seine Entstehung entnehmen. Der »Autor« hatte sich zu seinem 75. ein anderes Buch gewünscht und schrieb es auch, sollte aber vor allem dem Untertitel entsprechen (Als Astrologe an Himmlers Hof) und auf die eineinhalb Jahre eingehen, über die er bis dahin ausdrücklich nicht geredet hatte – jedenfalls nicht mit den Journalisten, denen er bald nach 1945 eine Geschichte erzählt hatte. Sein Buch ist möglicherweise genau so entstanden: als Mischung aus dem, das ihn als »wissenschaftlichen« Astrologen in der Tradition Keplers zeigt, und den Aufzeichnungen oder Gesprächen mit einem Ghostwriter über Angelegenheiten, die 1968 politisch aktuell besonders anstößig waren.
Sluyterman: Niedersachsen Spiegel 1/78, U. R. in Neues Deutschland 28.10.99.
14 words: »We must secure the existence of our people and a future for white children«.
● Gottlob Berger beschrieb eine Begegnung HHs mit Hitler am 23. April. Grothmann, der angab, HH nicht von der Seite gewichen zu sein, bestritt diesen Berlin-Aufenthalt. Zwar wurden HHs letzte Tage nicht, aber die Hitlers umso eingehender untersucht. Nichts außer Bergers Zeugnis spricht dafür. P. Witte / S. Tyas, Himmler’s Diary 1945, o. O. 2014, 152 führen für ihn gegen Grothmann die Präzision der Angaben von Berger an. Das Argument sticht nicht: Berger hatte entschieden mehr zu verbergen über seine Aktivitäten in diesem Zeitraum als Grothmann. Dessen Ungenauigkeit könnte für ihn sprechen: er hatte keinen Anlass, sich Lügen auszurechnen. Beim fraglichen Treffen wäre er lediglich Bystander, während Berger mitgeredet haben will. — Für ein anderes Vorkommnis dieses Tages wird keine Quelle genannt: »Am 23. April trifft sich Himmler zu einer geheimen Unterredung mit den Westalliierten im Rheinland, bietet die Kapitulation der gesamten Westfront an und fordert im Gegenzug wesentliche Unterstützung beim Kampf gegen die Sowjetunion.« (S. Reichardt / M. Zierenberg, Damals nach dem Krieg, München 2008, 25). Worauf es den Autoren ankommt, ist korrekt: HH biederte sich den Feinden an. Jedoch freuen sich Mythologen: ein Treffen im Rheinland ist Nonsens, es war längst unerreichbar. Die Autoren sind halb entschuldigt: wo HH sich um den 23. April herum aufgehalten hat, war kaum in einem Buch nachzuschlagen.
E. Braun zit. n. H. B. Görtemaker, Eva Braun, 3. Aufl. München 2010, 280.
● Für den Zeitpunkt von Gebhardts Audienz werden verschiedene Angaben gemacht: am 22.4. vor Mitternacht oder erst am 23. Sicher scheint, dass seine Ernennung erfolgte, bevor Reichsarzt-SS Grawitz den Posten frei machte, indem er sich und seine Familie am 24. umbrachte.
● Der Zaun war ein »Stacheldrahtzaun«, wie F. Bernadotte, Das Ende, Zürich 1945, 85, schrieb, oder ein »Eisengitter«, das er bei einer späteren Besichtigung (F. Bernadotte, An Stelle von Waffen, Freiburg i. Br. o. J. [1950], 110) unverändert beschädigt vorfand. Vielleicht also beides: ein Drahtverhau entlang eines Gitterzauns.
● Über Raschers Versuche vgl. E. Klee, Deutsche Medizin im Dritten Reich, Frankfurt/M. 2001; ders., Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer, überarb. Neuausg. 2. Aufl. Frankfurt/M. 2002; L. Poliakov / J. Wulf, Das Dritte Reich und die Juden, Wiesbaden 1989; S. Zámečnik, Das war Dachau, Frankfurt/M. 2007.
Volkserfahrung: »Es gibt so viel Dinge, die wir nicht wissen und über deren Erforschung – auch durch Laien – wir froh sein müssen.« Wurden Bauernweisheiten oder die Thesen eines Amateurs von den Fachleuten abgelehnt, wertete HH dies gerade als Beweis für die Richtigkeit der abweichenden Ansicht. Er ernannte den von der Fachwelt verspotteten Hermann Wirth zum ersten Vorsitzenden des Ahnenerbe, weil dieser für die Echtheit der Ura-Linda-Chronik eintrat, die eine friesische Familiengeschichte vom 6. bis zum 1. Jahrhundert vor der Zeitrechnung enthalten sollte. Das Papier der Handschrift wurde um 1850 hergestellt; seine Runen waren Abwandlungen lateinischer Buchstaben. HH blieb »aus soundsovielen Dingen, die in der Ura-Linda-Chronik stehen, überzeugt, dass sie in ihrem Kern echt ist, weil sie sich mit zu vielen Dingen deckt, die ich aus mündlicher Überlieferung weiß«.
● Das Tischgespräch zitiere ich auch, weil es auf die »Experimente« aus einer Perspektive eingeht, die in anderen Darstellungen nicht vorkommt: derer, denen sie angeblich dienen sollten. Ein ehemaliger Testpilot (W. Späte, Der streng geheime Vogel, 2. Aufl. München 1988, 57) nahm es in seine Autobiografie auf, weil es seine einzige Begegnung mit Hitler anlässlich einer Ehrung war. Er machte kein Aufhebens davon, dass er über die mörderischen Machenschaften nicht erst durch einen Historiker informiert werden musste – wie die allermeisten seiner Zeitgenossen bei gleicher Gelegenheit vorschützten. Details der Versuche, auf die er sich bezieht, hätte er seinerzeit kaum der Fachliteratur wie Reitlinger und Kater entnehmen können; sie ergänzen Ergebnisse späterer Forschungen. Wäre dem Flugingenieur eine literarisch überzeugende Täuschung gelungen, hätte er sie, soweit es HHs Beitrag zu dem Dialog betrifft, an mich verschwendet, der ihm 26 Jahre später auf den Leim ging, als J. Slawig mir das Buch aus seinem Bestand reichte.
● Über Ninis Kinder vgl. A. M. Sigmund, Die Frauen der Nazis II, Wien 2000; H. Pfeiffer, Mörderische Ärzte, 2. Aufl. München 2003.
● In der Literatur lautet der Spitzname durchgängig »Gestapo-Müller«. »Die Abkürzung ›Gestapo‹ wurde von den Feinden Deutschlands benutzt«, erklärte Kaltenbrunner 1946. »Die in Deutschland gebräuchliche Abkürzung war ›Stapo‹.« (L. Goldensohn, Die Nürnberger Interviews, Düsseldorf-Zürich 2005, 203) In der nach den Angaben von Kaltenbrunners ehemaligen Untergebenen vom Amt V, Kripo, 1949/50 geschriebenen Spiegel-Serie (40/1949 – 16/1950) heißt der Leiter von Amt IV durchgängig »Stapo-Müller«. Es ist zweifellos spurlos verschollen. Es widerspricht keiner Wissenschaft, wenn er in einem Roman anno 1948 als Agent der Sowjets in Wien mitspielt (P. Kerr, Alte Freunde – neue Feinde [1991], Reinbek 1996). Dafür, dass M. mit HH auf der Flucht gewesen sein soll, verweist P. Longerich, Heinrich Himmler, München 2008, 757, auf den Grothmann-Report (Report of interrogation of W. Grothmann 16.6.45, Record of the Army Staff, Record Group 319, Entry 134B [Himmler, XE 00 06 32] in National Archives and Record Administration, Washington D. C.), der freilich »Dr. Müller« verzeichnet. Nach dem letzten Stand der Forschung (J. Tuchel in BILD 31.10.13) kam H. M. 1945 in Berlin um.
Fegelein wird in den Bunker-Geschichten als Hitlers verlotterter Schwager in spe und Günstling von Eva Braun kolportiert, der im Suff klarer zu sehen schien als andere und in geradezu lobenswerter Weise dem Bann des Führers zu entkommen versuchte. Im Nachbild fällt der Fluchtreflex des Verbrechers aus, der sich bewusst war, was er mit der SS-Kavallerie 1941 in den ukrainischen Pripjet-Sümpfen anrichtete: »Ausdrücklicher Befehl des RFSS. Sämtliche Juden müssen erschossen werden. Judenweiber in die Sümpfe treiben.«
● W. T. H. Wulff, Tierkreis und Hakenkreuz, Gütersloh 1968, 232: »Fälschlein war außer Kirrmayer [!] der einzige [soweit W. wusste], den Himmler duzte; sie waren Blutsbrüder.« In der Literatur wird auf seine besondere Beziehung zu ihm so wenig eingegangen wie auf Kiermaier. Sofern es Wahrnehmungen wie diese und andere betrifft (sie »saßen in Korbsesseln, die bei jeder Bewegung knarrten und deren Geflecht löse von den Lehnen herabhing«) besteht kein Grund, dem Astrologen zu misstrauen. Fälschlein war nicht anwesend, sondern hielt sich in Wesselburen auf. Er solle »eine Zeitlang untertauchen, bis sich Gelegenheit ergeben würde, wieder hervorzutreten«, soll HH dem jüngeren Vertrauten befohlen haben. Als er seinen Bericht schrieb, wusste Wulff schwerlich, dass er genau dorthin floh, an den Geburts- und Wohnort eines anderen Duz-Freundes, des Kommandanten von Neuengamme M. Pauly.
● »Ordnungsfaktor« ist ein eine Phrase, die W. T. H. Wulff, Tierkreis und Hakenkreuz, Gütersloh 1968, 219, HH in den Mund legt (wie er »stets in solchem Falle zu sagen pflegte«), in der die Argumente gebündelt werden, mit denen Schellenberg auf ihn einredete. Ob Schellenberg sich freilich bedeutend mehr als HH des Abstands zwischen dem Selbstbild, in dem er diesen bestärkte, und der einzigen Rolle, die er noch würde spielen dürfen, bewusst war, muss bezweifelt werden. Wie seine grauenhaften »Memoiren« belegen, deren Grässlichkeit sich in dem zeigt, wovon sie schweigen, in dem der Autor sich ganz seiner Strippenzieherei widmet, war sich Schellenberg vielmehr noch weniger klar als sein Meister, welche Monstrositäten sie sich beide zurechnen lassen müssen. In Minsk hatte HH mit angesehen, was Schellenberg lediglich mit organisiert hatte. Trotz seines Rufs als Revolverheld, die ihm ausgerechnet die Erinnerungen eines seiner überlebenden Opfer (S. P. Best, The Venlo Incident, London 1951) verschaffte und der in Nazi-Thrillern gepflegt wurde, hielt er sich in personam von Gewalt und ihren Auswirkungen so weit wie möglich und kam ihr tatsächlich nie näher als bei der Schießerei an einer Tankstelle. Er wusste von den Lagern gerade so viel, wie er wissen wollte. Weitaus weniger als Grothmann oder Kiermaier. Weniger als Brandt, der weniger als diese mit angesehen haben dürfte. Weniger als ein »Schreibtischtäter« wie Eichmann, der mehr gesehen hat, als ihm vor Gericht zu seiner Zeit nachgewiesen werden konnte. Bemerkenswert wenig in Anbetracht dessen, womit er bei HH operierte. Man könnte sich vorstellen, wie Grothmann innerlich den Kopf schüttelte, wenn Schellenberg mit HH über Lager redete, die er dienstlich nicht betreten musste. Ich weiß nicht, ob sich jemand die Mühe gemacht hat, die ich mir erspare, ob er je eines von innen gesehen hat. So wirklichkeitsfremd sein Herr agiert haben mag, wusste er vom eigenen Grauen mehr als sein eifrigster und erfolgreichster Berater.
● Gerade liegt mir nur die englische Übersetzung vor (P. Witte / S. Tyas, Himmler’s Diary 1945, o. O. 2014, 188 f.). Ohnedies ist der Wortlaut ihrer Unterredung mit HH allein durch Reitsch überliefert, deren Erinnerungen wie die ihrer Gesinnungsgenossen vor allem durch das beredet sind, wovon sie selbst im Nachhinein eisern schweigen. Authentisch ist die Darstellung gewiss darin, dass sie sich Phrasen um die Ohren gehauen haben. Reitsch machte sich so wenig wie Greim und Dönitz anheischig, den Befehl des Führers zu befolgen und HH zu arretieren oder zu liquidieren.
Ahlem: Strafakte G. Wolters 1964–66, Rep. 171a Stade, Nr. 819, Bd. I–V im Nds. Landesarchiv Stade, hier Bd. I; F. Hennies, unveröff. Aufzeichnungen über das Gestapo-Gefängnis, Mahn- u. Gedenkstätte Ahlem; H.-J. Hermel, Nach Hannover in den Tod, Film, NDR 1991; H. Obenaus in Hannoversche Geschichtsblätter 35/82, 41/87, 42/88; H.-D. Schmid in Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 51/00. (→ SS-Mann 92901)
Zeitungsreporter: Christ und Welt 2.6.62. Zu den Gescholtenen gehörte der Chefredakteur des Reporters: Giselher Wirsing war einer von HHs allerletzten Getreuen und traf ihn noch am 1.5.45.
Kaufmann: Die Neue Zeit 5.6.62.
Geständnis: OStA Neumann 28.5.64 in Wolters-Akte Bd. I.
Ehrung zit. n. Neue Stader 26.6.02. Vgl. U. R. in Neues Deutschland 2.12.02, 13.11.03; blick nach rechts 3/03; Die Gazette 15.3.03; Ossietzky 8/03; jungle world 20/03; Kreiszeitung Syke 5.9.09.
● Vier Verwundungen Machers sind es laut seiner Personalakte BDC RS, SSO im Bundesarchiv Berlin; K. Hüser, Wewelsburg 1933–1945, 2. überarb. Aufl. Paderborn 1987, 108 nennt 12, offenbar nach Machers eigenen Angaben.
● Den Totenkopfring hatte »Weisthor« entworfen, der HH sieben Jahre lang in Weltanschauungsfragen beriet. Der ehemalige Oberst der österreichisch-ungarischen Armee und Bruder in Lanzens »Orden des Neuen Tempels« gab sich als »Seher« aus, der direkten Zugang zur germanischen »Erberinnerung« habe. Die Stimmen, die er hörte, erklangen aus anderen als prähistorischen Sphären. Ausschlaggebend für seine Verabschiedung scheint ein Besuch von Karl Wolff bei seiner Ehefrau gewesen zu sein. Sie hatte ihren Mann entmündigen lassen, woraufhin er 1925 in eine Nervenheilanstalt eingewiesen worden war. Wiligut hatte dafür die Verfolgung seiner »Todfeinde« Freimaurer und Juden herangezogen, die seine Frau auf ihre Seite gezogen hätten. Diese berichtete Wolff von Schulden und Morddrohungen gegen sich. Dass HH erst 1938/39 vom Entmündigungsverfahren Kenntnis erhielt, wie G. Knopp, Die SS, München 2002, 109, und P. Longerich, Heinrich Himmler, München 2008, 295, schreiben, kann nicht stimmen. In seinem Lebenslauf für die Personakte vom 16.5.37 erwähnte Wiligut den Aufenthalt in einer »Heilanstalt für Gemütskranke«, vgl. Faksimile in K. Hüser, Wewelsburg 1933–1945, 2. überarb. Aufl. Paderborn 1987, 201 f . HH brach nicht vollständig mit ihm und empfing ihn gelegentlich noch (Dienstkalender 28.11.41: »Mittagessen mit: Oberst Wiligut«, P. Witte et al. (Hg.), Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1941/42, Hamburg 1999, 276.
Bassewitz-Behr zit. n. B. Suchowiak, Die Tragödie der Häftlinge von Neuengamme, Reinbek 1985, 165.
● HHs Quartiere: vgl. Flensburger Tageblatt 4.5.00.
● Ab dem 7.5. sind die Daten nur als Anhaltspunkt zu verstehen. Die Aussagen der Begleiter, auf die allein sie zurück gehen können, enthalten fast nur ungefähre Angaben.
● Die Augenklappe sitzt links bei B. Chavkin / A. M. Kalganov [Hg.], Die letzten Tage von Heinrich Himmler, Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 4/2000, 270, 274; J. J. Heydecker / J. Leeb, Der Nürnberger Prozess, Frankfurt/M. o. J. (1958), 56; G. Reitlinger, Die SS, München-Wien-Basel 1956, 435; P. Witte / S. Tyas, Himmler’s Diary 1945, o. O. 2014, 224 u. a.; rechts verorten sie u. a. P. Padfield, Himmler, London 1990, 608; P. Longerich, Heinrich Himmler, München 2008, 7; P. Witte / S. Tyas, Himmler’s Diary 1945, o. O. 2014, 220, 221. Der sie zuletzt an ihrem Platz sah, der Kommandant von Camp Kolkhagen, schrieb von »a black patch over his left eye« (H. Fraenkel / R. Manvell, Himmler. Kleinbürger und Massenmörder, Berlin-Frankfurt/M.-Wien 1965, 227; W. G. Ramsey, Himmler’s Suicide, After the Battle 14/1976, 32; P. Witte / S. Tyas, Himmler’s Diary 1945, o. O. 2014, 215). »Vor seinem linken Auge«, vom Zeugen aus gesehen rechts. Wer sonst die Klappe bis dahin bemerkt hatte, hielt sie.
● Eine oder mehrere Begegnungen mit Häschen in Flensburg werden berichtet; sie selbst sagte über eine letzte Begegnung am 22.3. aus, die nicht in Flensburg stattfand.
Wolfenstein: Id Software/Activision PC 2001, PS2 und X-BOX 2002. – Die Angst der Deutschen vor der eigenen Geschichte ist seither nicht geringer geworden. Meldung vom 30.7.2019: »Die neueste Version des Shooters ›Wolfenstein‹ soll auch in Deutschland mit verfassungsfeindlichen Symbolen erscheinen. Doch manche Händler weigern sich, die Hakenkreuz-Version des Spiels zu verkaufen.«
● Recherchen H. Pienings, die er mir freundlicherweise mitteilte, bestätigen einen Vorfall in Delve mit Schiff, besagen aber nichts darüber, dass HH an Bord war und über die Wahrheit von W. Krause, Das letzte Schiff und andere Erzählungen, Heide 1980.
Tibetische Weisheit zit. n. B. Chatwin, Was mache ich hier, Frankfurt/M. 1993, 284.
● W. T. H. Wulff, Tierkreis und Hakenkreuz, Gütersloh 1968, 218 erwähnt einen »wohlbeleibten, stets lustigen Dr. Schmitz« aus HHs Entourage; ob der vielleicht wie ein anderer »Kirrmayer« in Wahrheit »Müller« hieß? Die Daten über diesen lassen sich aufzählen: 11.1.45 erste Erwähnung im Dienstkalender bei einem Spaziergang mit Reichsleiter von Schirach, einem aus dessen Begleitung, sowie Kiermaier. Im Grothmann-Report wird er ab dem 22.3. zum engsten Gefolge gerechnet. In dem nach Grothmanns Angaben erstellten Organigramm des Pers. Stab RFSS erscheint er nicht.
● »… könnte der Plietenberg einmal als Thing- oder Versammlungsplatz gedient haben«, spekuliert kein neuheidnischer Okkultist über den Hügel mit Hünengräbern bei Bremervörde, sondern ein vom Landkreis Rotenburg/Wümme 1999 herausgegebenes Faltblatt. (→ Kultfindlinge)
● Über den Aufenthalt in Bremervörde gibt es trotz mehrerer mit Aplomb vorgetragener Versionen keine Klarheit. Einer Aussage Brandts zufolge gab es einen Umzug in zwei Häuser, also mindestens drei Quartiere; Macher nennt einen Bauernhof. Das könnte der von W. G. Ramsey, Himmler’s Suicide, After the Battle 14/1976, erwähnte an der Waldstraße gewesen sein.
● Laut Ramsey wurde »Kiermayer« ausgesandt, um die »bridge situation« in Bremervörde zu checken; wo die Hauptstraße die Oste überquerte war ein Kontrollposten der Briten. Zwei Mal sei Kiermaier beim Landrat um Pässe nachgekommen und abgewiesen worden. Später soll der Landrat (der ohnehin nichts zu genehmigen hatte) darauf hingewiesen haben, dass der Fluss auch an anderer Stelle überquert werden konnte (wie HH es später tat). Anders in einer bereits 1950 in der Bremervörder Zeitung erzählten Geschichte, in der beim Bürgermeister zwei Männer als Abgesandte »einer 13 Mann starken Polizeikolonne« vorstellig wurden, ein Major und ein Oberarzt. Die Truppe stand auf der Straße, und dem Bürgermeister fiel ein Mann mit Augenklappe auf, sagte er. Als Tarnung wäre die Klappe abwegig, wenn HH damit auf sich aufmerksam gemacht hätte; vielmehr gab es damals reichlich Soldaten mit Augenverletzungen. Allerdings war Dr. Müller ungetarnt unterwegs. Ramsey zählt Gebhardt zur Fluchtgruppe. Weil der Englisch sprach, nahm Kiermaier ihn mit zum Kontrollposten an der Brücke, woraufhin die Briten ihn mit nahmen, um den Rest der Truppe abzuholen. Dabei fehlten HH, Grothmann und Macher. Sie versuchten, am nächsten Tag über die Brücke zu gelangen, und wurden mitten auf der Hauptstraße aufgegriffen. Dass sie Papiere der Geheimen Feldpolizei vorzeigten (der Kiermaier angehört hatte), machte sie automatisch verdächtig. Eine Trotteligkeit von HH, der bis zuletzt an das aktenmäßige Verfahren geglaubt habe, auf dem seine Macht beruhte, wird erklärt, soll das heißen. So wenig wie er eine Feldwebel-Uniform trug, wird er schwerlich seinen Untergeben Marine-Papiere verschafft haben, um selbst auf jede Tarnung zu verzichten. Grothmann jedenfalls hatte die Identität seines älteren Bruders Eduard angenommen: Unteroffizier der Reserve, also Wehrmachtsangehöriger und sieben Stufen unter seinem SS-Rang. – Die Dokumente in B. Chavkin / A. M. Kalganov (Hg.), Die letzten Tage von Heinrich Himmler, Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 4/2000, korrigieren die von Ramsey aufgezeichnete britische Sicht und fügen die sowjetische hinzu. Der Bericht von Untersturmführer B. (E. Baumgart [Hg.], Jenseits von Halbe, Inning/Ammersee 2001) kombiniert diese Teile und beschreibt die Verhaftung aus deutscher Sicht. Bei ihm sind es drei, die vorgeschickt werden; namentlich nennt er nur »Hauptwachtmeister M.« Wie bei Ramsey lenken sie Verdacht auf den Rest der Gruppe. M., der Schmiere stand, als die anderen beiden im Amt vorstellig wurden, brachte in Erfahrung: »Auf Leute mit Papieren und Stempel des Reichs-Sicherheitshauptamtes würde man geradezu warten.« (Baumgart 279) Sicher ist nur, was der Grothmann-Report dazu besagt: Brandt, Müller und Kiermaier gingen im Vertrauen auf ihre Papiere in die Stadt und blieben fort. Brandts Festnahme in Bremervörde wurde dokumentiert, weil er später vor Gericht kam; was aus Müller und Kiermaier wurde, ging mit den Namen auf ihren falschen Papieren unter.
● Es heißt, HH sei unter dem Decknamen Heinrich Hitzinger geflohen. Mal heißt er auch »Hinzinger« (P. Przybylski, Täter neben Hitler, Berlin 1990, 43), »Hinziger« (S. Panton auf fpp.co.uk/Himmler/Panton/Mano0554.html) oder »Hizzinger« (P. Witte / S. Tyas, Himmler’s Diary 1945, o. O. 2014, 220). In einem spätestens von J. Wulf, Heinrich Himmler, Berlin 1960, vorgelegten »Arrest Report« heißt er »Hizinger«. Ein Tippfehler, ein Versehen bei der Übertragung der Ausweisdaten in das Formular – oder war vielmehr das bei den ersten Presseverlautbarungen hinzugefügte »t« der Irrtum? Ebenfalls »Hizinger« nannte der Kommandant von Kolkhagen (P. Witte / S. Tyas, Himmler’s Diary 1945, o. O. 2014, 215). Und so soll HH selbst den Namen angegeben haben, schrieb Major Whittaker. Er habe sich in einer Befragung in »another camp at Bremervörde« am 22.5. als »Hitzinger« ausgeben, vermerkt der Grothmann-Report. »Hitzinger« soll ein vom Volksgerichtshof verurteilter und hingerichteter Deserteur gewesen sein, dessen Papiere HH vorsorglich einbehalten hatte (W. Frischauer, Himmler, London 1953,  256); als Beruf sei »postman« angegeben, meinte der Kommandant von Kolkhagen sich zu erinnern, (P. Witte / S. Tyas, Himmler’s Diary 1945, o. O. 2014, 215). Laut der ersten Pressemitteilung vom 24.5. wurde HH »am 21. Mai von den Truppen der britischen 2. Armee in Bremervörde verhaftet und am 22. Mai der Feldaufklärung übergeben« (B. Chavkin / A. M. Kalganov [Hg.], Die letzten Tage von Heinrich Himmler, Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 4/2000, 282). Der »Hizinger« des »Arrest Reports« soll erst am 22.5. um 17 Uhr bei der »Bridge Control 9344« in Bremervörde festgenommen worden sein. Die Zahl bezeichnet Gitternetzkoordinaten auf der Militärkarte: markiert wird die geografische Mitte des Straßendorfes. Wen die Briten in der Umgebung aufgriffen, brachten sie zur förmlichen Festnahme in dieses regionale Hauptquartier; Papiere wurden ausgefertigt im Schreibbüro des 1003 Field Security Detachment in der Mühle von Wilhelm Lohse auf der Insel im Fluss unter der Brücke. »Bremervoerde« war eine bürokratisch korrekte Angabe der Armeeführung und den Soldaten geläufig. Namen von Dörfern konnten sie so wenig buchstabieren wie diese den Gefangenen geläufig waren, die es in die Gegend verschlagen hatte; sie werden entstellt aufgeschrieben und manchmal so, dass die gemeinten Ortschaften nicht mehr zu entschlüsseln sind.
● Revisionisten verbreiten ein Faksimile des »Appendix« zum »Arrest Report«, der nach P. Witte / S. Tyas, Himmler’s Diary 1945, o. O. 2014, 213, »nicht gefunden wurde« (wwiinetherlandsescapelines.files.wordpress.com/2010/04/hitzinger-arrest-report-a.jpg). Er schildert ausführlich die Umstände der Verhaftung in Bremervörde. Der Gefangene wird »mit einem mehrere Tage alten Bart, langem Haar, keiner Brille und einer Klappe über einem Auge« beschrieben. Seltsamer Vermerk, dass der Einäugige keine Augengläser trug. Wohl gehörte es zu HHs Verkleidung, auf die Sehhilfe zu verzichten; davon wissen konnte man erst, nachdem er sich zu erkennen gegeben hatte, einen Tag nach Ausfertigung des Reports. Erst dann begannen die Briten, den Weg des bis dahin unbedeutenden Gefangenen in und durch ihre Lager zu rekonstruieren – und aufzuschreiben, was solange niemand interessiert hatte: etwa die Umstände der Verhaftung und den Steckbrief des Gefangenen. Unrasiert kann man sich HH vorstellen (obwohl unter den Utensilien, die er in seinem Rucksack bei sich gehabt haben soll, Rasierklingen und eine Tube dänischer Rasiercreme gewesen sein sollen [ffp.co.uk/Himmler/death/McPherson_report.html]) – aber »langhaarig«? Soweit man wissen kann, ließ er seine Frisur wöchentlich pflegen. Bis zum 6.5. begriff er sich als Amtsträger und behielt sein Erscheinungsbild bei. Den Bart nahm er nicht vor dem 8.5. ab, einem Datum, das allzu passend scheint, und nicht nach dem 10.5., als er spätestens unterwegs war. Sollte er sich in dieser Zeit entschlossen haben, seine Tarnung durch eine Veränderung der Haare zu ergänzen, hätte er sich den Schädel scheren oder eine Perücke tragen müssen. Weniger als drei Wochen reichen nicht aus, um eine Haarlänge zu erreichen, die für einen britischen Soldaten bemerkenswert gewesen wäre, dessen eigenes Haar länger gewesen sein dürfte als das HHs. Fotos und Filmaufnahmen der Leiche zeigen kein »langes Haar«.
● Neben Gebhardt wird auch Ohlendorf fälschlich zur Fluchtgruppe gerechnet (W. G. Ramsey, Himmler’s Suicide, After the Battle 14/1976, 29; M. Allen, Himmler’s Secret War, London 2005, 275; R. J. Evans, Das Dritte Reich, Bd. III: Krieg, München 2009, 909). Seiner eigenen Aussage nach will er HH zwischen dem 8. und 21.5. täglich gesehen haben (G. Reitlinger, Die SS, München-Wien-Basel 1956, 435; J. J. Heydecker / J. Leeb, Der Nürnberger Prozess, Frankfurt/M. o. J. [1958], 56) – während dieser Richtung Süden unterwegs war. Unmöglich ist, was J. Fest, Das Gesicht des Dritten Reiches, München 1963, 174, daraus schließt: dass HH am 21.5. »Flensburg verließ« und »am gleichen Tag« verhaftet wurde. Heute ließe sich die Strecke bis Meinstedt in ein paar Stunden bewältigen; damals brauchte HH nicht deshalb zwei Wochen, weil er trödelte. Seltsamerweise habe ich nirgends eine Angabe gefunden, ob Ohlendorf am 23.5. mit der übrigen Dönitz-Bande in Mürwik verhaftet wurde. »Last seen by Grothmann at Flensburg, but since captured« vermerkte der Grothmann-Report im Juni 1945. Ohlendorf war einer der 11 Namen von der Fahndungsliste, zu denen Grothmann befragt wurde. Allein Heinrich Müller ist nicht mehr nur Spezialisten bekannt. Die anderen waren der HSSPF Südost, der Kommandeur der EG B, des SK 4a und des EK 1a, Kaltenbrunners Persönlicher Referent und sein Adjutant. Von Werner Best teilte Grothmann offenbar nicht mit, dass er ihn noch am 2.5. gesehen hatte, als dieser zwei Sekretärinnen HHs Fluchthilfe leistete. Über M. Fälschlein gab Grothmann an, er sei aus Berlin entkommen, bevor die Russen die Stadt besetzten. Laut W. T. H. Wulff, Tierkreis und Hakenkreuz, Gütersloh 1968, war er am 29.4. in Lübeck.
● Gefangener über den 18.4.45 in Sandbostel zit. n. Faksimile Zeitungsartikel o. D. in Mangeljahre, Stade 1989, 51.
Besatzungshandbuch zit. n. V. Koop, Besetzt, Berlin/Brandenburg 2007, 44.
● Zeitungsstorys belegen, wie sehr HHs Ende die Briten bewegt. Über »the final moments of Nazi Heinrich Himmler revealed in soldier’s war diary« berichtete Daily Mail 2.8.10. Hinckley Times 13.1.15, Liverpool Echo 20.1.15 und Hull Daily Mail 30.1.15 stellten Soldaten aus ihrem Verbreitungsgebiet als »Nazi Catchers« vor. Auf die Umstände der Festnahme »near Bremen« wurde nicht näher eingegangen. Hartlepool Mail 24.3.15 und Daily Mail 30.3.15 nannten Meinstedt. Die Patrouille soll bestanden haben aus den Soldaten John Fletcher, Michael Taye, N. Carlston und dem Lieutenant Sergeant Patrick Mannion vom 73rd Anti-tank Regiment sowie »two russian soldiers«. Als Quelle werden Aufzeichnungen Mannions genannt, die ein Nachfahre entdeckt hat. Stärke der Patrouille und Regiment stimmen überein mit einem Dokument, das allerdings als Vorgesetzten einen Korporal Morris nennt (B. Chavkin / A. M. Kalganov [Hg.], Die letzten Tage von Heinrich Himmler, Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 4/2000, 262). Anderen Quellen nach waren es drei oder sieben Briten. — Die Dokumente zur Rolle Sidorovs und Gubarevs wurden zusammengestellt, um 1964 eine Publikation des Parteiblatts »Iswestija« zu stützen (vgl. H. C. Pless in Lüneburger Landeszeitung 3./4.10.1964). In einem Dokument, an dessen Authentizität nicht zu zweifeln ist und dem britischen Verschluss bis 2045 entging, weil es als Kopie in den USA aufbewahrt und 1977 freigegeben wurde, im Grothmann-Report steht: »arrested near Meinstedt (between Wesermuende and Hamburg) by three Russian soldiers attached to a British security control«. Wenn es sich bei den »three« nicht um ein Versehen handelt, nährt das grundsätzliche Zweifel an der Version der Sowjets. Wenn sie den dritten Mann unterschlugen – waren dann die beiden anderen überhaupt jene, die von ihnen vor- und herausgestellt wurden? Der Propagandakrieg um Hitlers Ende stellte den Abgang aller anderen NS-Größen in den Schatten. Vielleicht ein Grund, weshalb die Dokumente nicht zum Einsatz kamen. Dass dieser 20 Jahre später erfolgte, erwähnen die Herausgeber Chavkin/Kalganov nicht einmal. Die Verhaftung war das Ergebnis der Kooperation einer Kriegs-Koalition, die im Moment des Friedensschlusses zerbrochen und zur ursprünglichen politischen Feindschaft zurückgekehrt war. Es zählte nicht mehr, dass sie das Monstrum gemeinsam zur Strecke gebracht hatten. Die Sowjets hätten herausstellen können, dass die Briten es beinahe hätten laufen lassen; diese übergingen vielmehr noch 2015 die Rolle der Partner, als sie sich der Ergreifung rühmten. — Im Bericht von Ustuf. B. (E. Baumgart [Hg.], Jenseits von Halbe, Inning/Ammersee 2001) kommen Sowjets als »betrunkener Russe« vor, der die Gefangenen nach HH fragte. Sandbostel wird als Lager genannt, in dem B. einsaß – mit etwa 6000, die von den Briten als »führende Nazis« eingestuft wurden. Anschließend zog dort das Zuchthaus Celle mit einer Außenstelle ein. 1952–60 war es Durchgangslager für männliche Flüchtlinge aus der DDR zwischen 14 und 24 Jahren. Schließlich fand der Landrat, es sei »gut, die Dinge zu vergessen«: seit 1974 ist dort das Gewerbegebiet »Immenhain«.
● Der später als HH identifizierte Mann, den Sidorov und Gubarev arretierten, wird als mit grauem Offiziersmantel, Zivilhose, Kampfstiefel und schwarzem Hut bekleidet beschrieben; das linke Auge mit einer Klappe verbunden. Außerdem, sagte Sidorov, ein Stock als Krücke für sein linkes Bein, am Handgelenk eine Uhr mit Kompass. Gubarev sah den Mann mit der Augenklappe und den mit Stock als verschiedene Personen. Der Mann mit Gehhilfe war zweifelsfrei Macher. Als »eine von vielen Legenden« nennt R. Klöfkorn in Bremervörder Zeitung 11.5.1985 / 20.5.1995, dass HH »bei seiner Zeit in Bremervörde auch ein Jägerhütchen angedichtet« wurde. Man weiß nicht, welche Art »Hut« die Sowjets sahen. Auf Fotos tragen deutsche Soldaten, die in Gefangenschaft geführt werden, mehrheitlich Schiffchen. Der aus dem Russischen ins Deutsche übersetzte »Hut« könnte weniger ein Borsalino als wie eine Mütze gewesen sein. Keine Schirmmütze, die HH dienstlich gewohnt war, sondern mehr wie der den Sowjets fremde Jägerhut, von dem man weiß, dass HH ihn privat trug – durch Fotos, die niemand in Bremervörde 1945 und lang nachher kannte.
● So einsilbig die Offiziellen, so redselig waren andere Gewährsleute an echten und vermeintlichen Schauplätzen. Nie sonst hatten sie sich mir derart aufgedrängt und gar nicht, wenn es um die NS-Zeit ging. Etwas wollte sich zum Schwarzen Mann auszusprechen und quoll nach leichtem Anstoß hervor. Kindergeschichten vor allem. Als über meine Nachforschungen in Meinstedt berichtetet wurde, meldeten sich »Zeugen« in Leserbriefen, Internet-Postings und Telefonaten (Zevener Zeitung 20.7.2002; Bremervörder Zeitung 20.8., 24.8.2002). Kenner der Aussagen eines »mittlerweile verstorbenen Müllermeisters« brachten ihr Wissen ein, und Dr. Schleuter aus Weilheim in Bayern meinte, ich sei mit Meinstedt im Irrtum; er plädierte für Minstedt, mit dem es gern verwechselt wird, und empfahl mir einen »Wandertag«, um mich selbst zu überzeugen. Die Sagen beanspruchten mehr Platz als die verbrieften Fakten und erreichten mehr Leser als mein Essay (Tod im Erkerzimmer, Stader Jahrbuch 2001/2002). Der war nie im Internet verfügbar, Dr. Schleuters »Wandertag« wohl. Die wahllose Vervielfältigung der »Zeitzeugenaussagen« heizte die Legendenbildung an, die ich untersucht hatte. Was die Meinstedter heute von der Causa kennen können; was ihre Ahnen seinerzeit darüber gedacht haben; was sie vom britischen Kontrollpunkt wussten; ob und wie die Nachricht von der Verhaftung vor ihrer Haustür sie erreichte – hat die Legende fest in der Hand. 2012 ließ ein deutscher Autor einen befreiten sowjetischen Kriegsgefangenen namens Ivan denken: »Diese Bäuerinnen mit ihren geröteten Gesichtern und weißen Kopftüchern auf den Feldern und die blondschöpfigen Mädchen am Straßenrand könnten genauso in seinem Heimatdorf leben. Was konnten sie dafür, dass die Fritzen ein Gefangenenlager ihnen vor die Nase setzen?« (D. Alsdorf, Ufergeflüster, Fischerhude 2012, 232 f.) Obwohl im Text von Meinstedt die Rede ist, nennen Inhaltsverzeichnis u. Titel Minstedt. Legendenbildung und Nachlässigkeit arbeiten gern Hand in Hand.) Der Autor ist so tief in den Kopf des Gefangenen eingedrungen, dass er von lauter Fremden erzählt, die zufällig im Nirgendwo aufeinander treffen, »Tommys«, »Iwans« und die Auswärtigen aus München oder Berlin, die »Fritzen«. Seine Gefangenen-Psychologie mündet in eine Fehlleistung, als er das Hauptanliegen seines Textes versteckt in einer Frage vorbringt: Was können die Deutschen dafür, dass die Deutschen ihnen ein Gefangenenlager vor die Nase setzen? Überwältigt und versklavt haben ihn die Anderen, die Nazis. »Konnte er [Ivan] es den Dorfbewohnern verdenken, dass sie – sobald sie den Posten sahen – in den Häusern verschwanden und die Mütter ihre Kinder von den Straßen nahmen?« Mitten im Mai verbannten sich die Meinstedter freiwillig ins Haus, um nichts von der Patrouille mitzukriegen, an diesen Tag nicht und keinem anderen. Dass die Kinder von der Straße geholt wurden, könnte ein empirisch erhobener Befund sein, ist aber nur eine Phrase. Die Freisprechung der Meinstedter und aller anderen erfolgt im Märchen ausgerechnet durch einen Angehörigen der Nation, die den höchsten Blutzoll des Krieges gezahlt hatte. Die Verbrechen werden nicht geleugnet, das wäre strafbar; aber sie werden fremden Fritzen in die Schuhe geschoben. — Vermutlich verstand HH von den Verhandlungen zwischen Sowjets und Britten mehr als diese selbst, die sich mehr mit Gesten als mit Worten verständigen. Wie gut seine Englisch- oder Russischkenntnisse auch waren, waren sie besser als das Russisch der Briten und das Englisch der Sowjets. Er verstand wenigstens teilweise auch das, was sie unter sich besprachen. Unbekannt, wie es um die Sprachkenntnisse Grothmanns und Machers stand. Nach einer Weile dürften sie erkannt haben, dass sie sich verständigen konnten ohne von den anderen verstanden zu werden. HH, der wusste, was vorging, könnte seine Begleiter darüber informiert haben, ohne dass die Bewacher es verstanden. Die Verstellung gelang. Neben den Tatsachen der Orte und Zeiten spricht HHs tatsächliches Verhalten gegen die ihm von der Nachwelt unterstellte Trotteligkeit. Freilich ist er in die Haft buchstäblich gestolpert, blieb aber zwei Tage unerkannt – bis er selbst die Tarnung aufgab.
● Als Lager, in denen HH sich aufgehalten habe, wurden »Bremervörde, Zeelos und Westertimke« genannt (G. Reitlinger, Die SS, München-Wien-Basel 1956, 436), bzw. »Seelos-bei-Bremervörde« und »another camp at Bremervörde« (Grothmann-Report). Zeelos oder Seelos gibt es in der Gegend nicht; in Seedorf wurden Gefangene gesammelt. – Zeitpunkt der Enttarnung war nach W. G. Ramsey, Himmler’s Suicide, After the Battle 14/1976, »7.00 p. m.« Major Rice wurde allerdings bereits »gegen 17.50 Uhr« informiert (B. Chavkin / A. M. Kalganov [Hg.], Die letzten Tage von Heinrich Himmler, Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 4/2000, 276). Bei H. Fraenkel / R. Manvell, Himmler. Kleinbürger und Massenmörder, Berlin-Frankfurt/M.-Wien 1965, gab HH sich »gegen 4 Uhr« (227) zu erkennen; bei Padfield 1990, 609, war es »lunchtime«; bei J. J. Heydecker / J. Leeb, Der Nürnberger Prozess, Frankfurt/M. o. J. (1958), 57, »neun Uhr abends«, allerdings am 22.5. Ebenfalls der 22. war es bei Reitlinger, 436, unter Berufung auf einen Zeitungsbericht von 1953 mit Selvesters Aussage. Bei W. Frischauer, Himmler, London 1953, 257, fand die Enttarnung unmittelbar nach der Festnahme am 21.5. statt, der zugleich der Todestag sein soll (9). Bei M. A. Musmanno, In 10 Tagen kommt der Tod, München 1950, 369, trat HH allein vor das Lagertor und nannte seinen Namen. Laut Selvester selbst war es »about 4-0 p.m.« (P. Witte / S. Tyas, Himmler’s Diary 1945, o. O. 2014, 214 ff.).
Geheimdienstoffiziere zit. n. B. Chavkin / A. M. Kalganov (Hg.), Die letzten Tage von Heinrich Himmler, Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 4/2000, Nr. 14, Nr. 15; W. Frischauer, Himmler, London 1953, 9 f.; H. Fraenkel / R. Manvell, Himmler. Kleinbürger und Massenmörder, Berlin-Frankfurt/M.-Wien 1965, 229; W. G. Ramsey, Himmler’s Suicide, After the Battle 14/1976, 32 ff.; P. Witte / S. Tyas, Himmler’s Diary 1945, o. O. 2014, 216 ff., 220.
● Auf den Einsatz von Drogen geht P. Longerich, Heinrich Himmler, München 2008, 779, in einer Anmerkung ein. Er leugnet, dass es eine Legende um HHs Ende gibt, und liefert er den Mythologen unwissentlich Material.
● Mit Austin, der »fließend Deutsch sprach« (W. G. Ramsey, The Gravediggers return to Lüneburg, After the Battle 17/1977, 3) ging es so zu: »›Get undressed!‹, befahl er Himmler. ›Er weiß nicht, wer ich bin‹, murmelte der Gefangene in seine Decke. ›Oh, yes I do! You’re Himmler. But still that’s your bed. Get undressed!‹« (W. Frischauer, Himmler, London 1953, 10) Oder es war so: »›Das ist Ihr Bett. Ziehen Sie sich aus!‹, befahl er auf Deutsch. Himmler schien ihn nicht zu verstehen. Er fixierte Austin und wandte sich dann an den Dolmetscher. ›Er weiß nicht, wer ich bin‹, sagte er. ›Doch. Ich weiß es‹, entgegnete Austin. ›Sie sind Himmler. Ziehen Sie sich trotzdem aus. Das ist Ihr Bett.‹« (H. Fraenkel / R. Manvell, Himmler. Kleinbürger und Massenmörder, Berlin-Frankfurt/M.-Wien 1965, 229) Von einem Dolmetscher ist keine Rede in den aus sowjetischen Archiven bekannten Dokumenten, die von den Briten zurückgehalten werden (B. Chavkin / A. M. Kalganov [Hg.], Die letzten Tage von Heinrich Himmler, Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte 4/2000). Insofern am Nachmittag in Camp Kolkhagen festgestellt worden war, dass eine Verständigung mit HH in Englisch möglich war, macht es an dieser Stelle noch weniger Sinn, einen Dolmetscher hinzuziehen, als es nurmehr darum ging, dass HH Anweisungen verstand. Mag sein, dass HH sich wie zuvor in Kolkhagen gegenüber Murphy über die Behandlung beschwerte und auf seine Stellung in der Weltgeschichte verwies. Sprachprobleme waren dabei ohne Belang.
Prützmanns Ende ist ähnlich geheimnisumwittert wie das HHs. Seine Verhaftung wird von D. Bradley (Hg.), Die Generale der Waffen-SS und der Polizei, Bd. 4, Düsseldorf 2008, 84 ff., anhand der Spekulation des Holocaust-Leugners J. Bellinger auf den 20.5. datiert – fünf Tage, nachdem Whittaker P. in Lüneburg begegnete. Zu Prützmanns Tod wird ein Lieblingsgehilfe HHs zitiert, Jürgen Stroop, der im Mai 1943 das Warschauer Ghetto liquidierte: »Er starb als Held auf vorderstem Posten.« Prützmann soll am 1.6. in einem Lager in Belgien gestorben sein – unter Berufung auf einen 1946 ergangenen, nicht näher bezeichneten »Beschluss« des Amtsgerichts Winsen/Luhe (entnommen einer Privatsammlung, die inzwischen meistbietend veräußert wurde). Für amtliche Feststellungen zu Prützmanns Ableben war das AG Winsen nicht zuständig. Freilich berufen Verschwörer sich gern auf Urteile in Zivilprozessen um Rentenansprüche, in denen ungeprüft Feststellungen zu historischen Tatsachen übernommen werden, die von SS-Veteranen und ihren Angehörigen vorgebracht wurden. J. Slawig erfuhr 2013/14 von Standesamt und Archiv in Lüneburg sowie der Kriegsgräberfürsorge, dass sie P.s Tod nicht registriert hätten. Herrn B., Stade, der die Schlacht untersuchte, bei der sein Onkel umkam, verdanke ich Unterlagen und Aufschlüsse über P.s Auftreten als Krieger in Rowno 1943/44.
● W. S. Churchill, Der Zweite Weltkrieg, Bern/München/Wien 1985, 1072.
Erdbestattung: Hitler, Goebbels und Göring wurden kremiert. Über Bormanns Verbleib wurde Jahrzehnte lang gegrübelt, bis eine genetische Analyse der 1972 gefundenen Gebeine klarstellte, dass er nicht aus Berlin entwichen war. Dass seine Asche im Aug. 1999 in der Ostsee verstreut wurde, brachte die Gerüchte nicht zum Verstummen.»Ließ Churchill Bormann nach England entführen?« titelte Die Welt am 25.7.00 und behauptete: »Obwohl die Bormann-Leiche nie gefunden wurde, schlossen deutsche Behörden Anfang der siebziger Jahre ihre Bormann-Akten.« Vielmehr hatte die hessische Generalstaatsanwaltschaft 1973 den Tod festgestellt und die Gebeine aufbewahrt, um 1998 die DNA-Analyse vornehmen zu lassen. B. I. Gutberlet, Die 50 größten Lügen und Legenden der Weltgeschichte, Bergisch Gladbach 2007, 230, hält diese Legende am Leben, indem B.s Tod in Berlin »als wahrscheinlicher« ausgegeben wird als seine Flucht nach Argentinien in einem U-Boot.

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