Neue Gelegenheit für alte Geschichten

Mittags am Sonntag, 29. September 2019, lese ich auf facebook einen inzwischen gelöschten Post, wonach ein Toter vor einem Haus im Altländer Viertel in Stade liegen soll. Ich bin skeptisch, auch als ein Foto gepostet wird, auf denen ein Zelt zu sehen ist, unter dem sich die Leiche befinden soll. Nach der zweiten und dritten Aufnahme der Szene verwerfe ich den Verdacht auf Fake-News, von denen es in den Sozialen Netzwerken wimmelt.

Ein paar Stunden später werden ziemlich gleichzeitig eine Pressemitteilung der Polizei und dessen Kopie als Artikel im Stader Tageblatt abgesetzt. (→ Unter Betrügern) Die Deutsche Presse-Agentur greift die Story auf, die dpa-Meldung macht bundesweit die Runde.

Bei »einem Einbruch bzw. Raubüberfall« in der Hohenfriedberger Straße kam ein 17-Jähriger ums Leben. Er und ein 24-Jähriger sollen sich gewaltsam Zutritt zur Wohnung eines 37-Jährigen verschafft haben. Bei dem folgenden Kampf wurden alle drei verletzt.

Der 17-Jährige brach vor der Tür des Mehrfamilienhauses zusammen, der 24-Jährige wurde wenige hundert Meter weiter Richtung Bahnhof schwer verletzt von der Polizei aufgegriffen. Die Medien schreiben sowohl von Prügelei wie von »Messerattacke«.

Hohenfriedbergerstraße Stade (Foto: urian)
Der Block im Altländer Viertel, genannt »Das Weiße Haus«, in dem der Überfall stattfand.

Mehr gibt es an diesem Montag zunächst nicht zu wissen. Indes habe ich den ganzen Tag über allerhand gehört und gesehen: ein Video, das eine Blutspur in einem Treppenhaus zeigt; ein Foto des Toten vor dem Hauseingang und ein Porträt des Lebenden. Ich habe von einem Messerstich ins Herz gehört und dass der tote Minderjährige ein Kind gehabt haben soll. Es wurden Angaben zur Nationalität der Beteiligten gemacht.

Immerhin musste ich keine sich überschlagenden Hassposts lesen wie bei anderen Gewalttaten. (→ Meinungskrankheiten) Vielleicht waren sie auch bereits gelöscht worden, bevor ich nachschaute. Der Hass pfeift auf Informationen, ihm genügen willkürliche Stichworte. Die scheinen diesmal bisher ausgeblieben zu sein.

Nur ein Vorurteil wird bedient. Noch am Tattag hat der Lokalanzeiger nichts Eiligeres zu tun. Er bringt den Todesfall in Verbindung mit dem Stadtviertel, in dem er sich ereignet hat. Soll heißen, man wiederholt die über Jahrzehnte gezogenen und gehegten Vorurteile.

Der Redakteur, der das Viertel nur in Begleitung von Polizei- und Feuerwehreinsätzen betritt und keinerlei Umgang hat mit irgendjemand, der hier wohnt, setzt das so genannte Stadtteilfest vom Samstag mit dem blutigen Geschehen vom Sonntag in Beziehung und faselt von den »zwei Gesichtern« des Stadtteils.

Stellen Sie sich vor, jemand würde ein Foto von Ihnen kennen, auf dem sie in festlicher Kleidung abgebildet wären. (Auf einem Foto vom Stadtteilfest in der Zeitung zum Beispiel.) Er wüsste außerdem über Sie das, was andere über Sie erzählen, hätte aber nie ein Wort mit Ihnen selbst gewechselt. Schon deshalb nicht, weil derjenige sich davor scheuen würde, sich mit Ihnen abzugeben, weil er alle üble Nachrede über Sie für die Wahrheit nimmt. Sie wären einfach unter seiner Würde.

Und eben dieser Jemand würde nun aus den genannten bruchstückhaften Angaben über Sie ein Psychogramm von Ihnen schreiben und zigtausendfach unter die Leute bringen. So verfährt die Redaktion des Lokalanzeigers mit dem Altländer Viertel.

Noch nie wurde eine in Wiepenkathen begangene Straftat dem Stadtteil zugeschrieben. Kein Zeitungsartikel rührt an die sonderbare Häufung von Morden in Fredenbeck. (Ein Familienvater erwürgte seine Frau und erhängte sich selbst; ein anderer erschlug seine Frau und erwürgte den elfjährigen Sohn; ein 16-Jähriger tötete seine Mutter; der Mord an einem Rentner-Ehepaar wurde nicht mehr aufgeklärt, nachdem der Hauptverdächtige sich in der Untersuchungshaft das Leben nahm. (→ Leroys Kette)

Allein im Spiegel der Presse ereignen sich im Altländer Viertel mehr Straftaten als sonstwo. Eine nach Wohnorten aufgeschlüsselte Polizei- oder Justiz-Statistik gibt es nicht. Es ist sowohl eine Legende, dass entlang der Breslauer Straße, die nicht mehr so heißen darf, mehr Straftäter wohnen wie dass dort mehr Straftaten begangen werden als anderswo. (Die inzwischen weitgehend außer Kraft gesetzte Video-Überwachung des Viertels wurde damit zwar begründet, aber nach Stimmung und ganz ohne Daten.)

Gehe ich von den Beobachtungen aus, die ich während eines Jahrzehnts in Stader Gerichtssälen gemacht habe, kam Hahle häufiger vor, als Tatort wie als Wohnsitz von Tätern. Und was könnte das heißen? Wenn man denn schon meint, Zusammenhänge zwischen Wohnort und Kriminalität herzustellen, dann sollte man es richtig tun.

Doch davor hütet sich das Tageblatt. Hinsichtlich des Altländer Viertels (wie bestimmter Bereiche von Hahle oder anderer Gegenden der Stadt) müsste es von sozialen Verhältnissen reden und davon, dass der Stadtteil bis heute von denselben Leuten ausgebeutet wird, die es zugleich nicht genug verachten können.

Ich habe zur Zeit ein Zimmer am Hohenwedel. Zwei Mal sind in letzter Zeit Menschen auf der Bremervörde Straße gestorben. Bäume und Hausdächer sind dazwischen, aber ich hätte die Stellen sehen können, vielleicht 300 Meter entfernt – wie von einer Ecke des Altländer Viertels zu einer anderen. Ich habe nichts gehört oder gesehen, keinen Crash, keine Sirenen, keine Blaulichter.

Ging mich nichts an, bis ich am nächsten Tag davon las. Aber ich las nichts von Häufung oder gar von Todesstrecke. Wenn entlang der Breslauer irgendetwas passiert, dass der Zeitung die Rede wert ist, und das kann fast nur ein Polizei- oder Feuerwehreinsatz sein, würde ich ständig für irgendetwas in Mithaftung genommen, das ich nicht mitbekommen habe und das mich nichts angeht.

(Apropos Feuerwehr: In Hahle ist es seit langem ungemütlicher als im Altländer Viertel. Kein Grund für das Tageblatt, über die zwei Gesichter der Gegend zu fabulieren oder wenigstens mehr zu erzählen, als die Polizei von sich aus wissen lassen will. [»Vierte Gewalt« sieht anders aus.])

Der Umgang des Tageblatt mit dem Altländer Viertel ist wie stets auch in diesem Fall herablassend und herabwürdigend mit dem erklärten Ziel der Diskriminierung. Noch hat sich öffentlich kein Ansatzpunkt ergeben, die Melange mit Rassismus anzureichern. Die Redakteur*innen würden nicht zögern.

Fake-News können mehr sein als einzelne Falschbehauptungen. Es kann eine Haltung sein, als Journalist mit der Wirklichkeit umzugehen. Statt die Wahrheit zu suchen, am Monitor Satzbausteine zu verschieben wie jeder andere Bürokrat. Und dabei nicht reales Neues zu zeigen, sondern nur die eigenen alten Einbildungen.

Später am Montag im Geschäftshaus am Neuen Pferdemarkt: Halloween-Accessoires. Dort das echte, hier das falsche Gruseln. Oder ist es umgekehrt?

Halloween in Stade (Fotos/Montage: urian)

Zum Abschluss des Tages die neuesten alten Nachrichten der Zeitung: »Messerattacke im Altländer Viertel: Einbrecher waren vorbestraft«. Und: »Die Polizei hatte die drei Männer bereits seit längerer Zeit im Visier.« Das bestätigt das eine und andere der längst umlaufenden Gerüchte.

Kommt noch was nach, oder war es das jetzt? Eine Geschichte wird daraus wohl so wenig wie aus allen den anderen, die so angefangen haben und bei denen das Publikum auf seinen eigenen Vermutungen sitzen geblieben ist. Warum wird immer wieder davon angefangen? Was soll damit eigentlich gesagt sein?

(Den neuesten Artikel zur Causa hat das Tageblatt nicht auf seiner facebook-Site verlinkt und muss also keine Kommentare löschen.)

Der jüngste Beitrag zur Mythenproduktion ist ein Video auf YouTube vom 4. Oktober 2019, das binnen 48 Stunden 4000 Mal abgerufen wurde. Darin wird der Tote zum Märtyrer erklärt, der »für seine Familie« gegen das Böse gestritten habe. »Mit seinen 17 Jahren war er mehr Mann als 28-Jährige, die sich als Mann betiteln«, heißt es da vorgestrig. Kritisiert wird, dass ein Foto der Leiche, aufgenommen von einem Balkon, kursiert.

Zu Recht wird gesagt: »Bevor ihr über irgendetwas urteilt, kennt erst mal die Geschichte darüber.« Zur Aufklärung trägt das Video selbst freilich nicht im Geringsten bei. Hauptzweck scheint zu sein, Stimmung zu machen für Spenden an Frau und Kind des Toten.

Inzwischen ist offiziell bestätigt, was die Spatzen von den Dächern pfiffen, dass sowohl der Wohnungsinhaber wie die Einbrecher in Geschäfte mit illegalen Drogen verwickelt und polizeibekannt waren.

In die Wohnung in der Hohenfriedberger Straße wurde ein zweites Mal eingebrochen, nachdem die Polizei diese versiegelt hatte. Die Täter wurden gefasst. Weitere Wohnungen in dem Block wurden durchsucht. Allen Anschein nach wirft die Tat ein Schlaglicht auf kriminelle Verbindungen, von denen sonst nichts zu lesen ist.

»Das Leben im Viertel geht derweil seinen gewohnten Gang«, notiert das Wochenblatt. »Die Tat scheint viele Bewohner nicht wirklich zu schockieren.« Wie oben bemerkt ist solchen Aussagen aus Journalistenmund nicht zu trauen. Diese entstammt der spießbürgerlichen Erwartung außerhalb des »Multi-Kulti-Viertels«, von etwas schockiert werden zu müssen, dass einen nichts angeht.

Ein weiteres so genanntes Medium weiß anscheinend nicht, was es vermittelt, und verwechselt die eigene Blödheit mit der Unwissenheit anderer: »Die Polizei steht in Niedersachsen vor einem mysteriösen Rätsel.« Die Polizei weiß sehr wohl, womit sie es zu tun hat; sie sagt es bloß nicht. Und täte sie es, käme nicht der weiße Schimmel heraus, den die Medienproduzenten beschreiben.

Weitere Beiträge zum Altländer Viertel:

Saniertes Ghetto
Mordfall Marinowa in Stade
Einsickernde Hetze
Silvester an der Breslauer
→ Das »Prügelvideo« von Stade

Siehe auch:

→ Kriminalgeschichten
→ Geschichten aus Stades Geschichte

und

Die Bande des Opfers. Crime-Fake statt True-Crime in Niederdeutschland

 

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