Wolfgang Schorlaus Märchen für Dumme

Den Namen Wolfgang Schorlau merkte ich mir vor etlichen Jahren durch ein Hörspiel von ihm. Es dreht sich darum, dass ein wegen Mordes Verurteilter auf seine Berufungsverhandlung wartet.

Bei Mord gibt es keine Berufung, in der die Beweisaufnahme des Verbrechens wiederholt wird, sondern es kann lediglich zu einer juristischen Revision der Urteilsbegründung kommen, mit der sich ein Anwalt befasst und die den Delinquenten nicht in der von Schorlau geschilderten Weise angeht, indem er sich auf einen Auftritt vor Gericht vorbereitet.

Ich merkte mir den Autor als einen, dessen literarischer Realismus mit keiner Realität zu tun hat, sondern der mit seinen Fiktionen Authentizität nur jenen Lesern vorzutäuschen vermag, die von der gemeinten Wirklichkeit so wenig verstehen (wollen) wie der Autor.

Durch die vom TV verfilmten Romane um den Privatdetektiv Dengler ist Schorlau ein maßgeblicher Autor geworden. Er überträgt Versatzstücke von US-Thrillern auf deutsche Verhältnisse. US-Thriller sind Multiplikatoren und Quellen der meisten gängigen Verschwörungstheorien, darunter jene, die Donald Trump ins Amt gebracht haben und von ihm mit präsidentieller Macht verbreitet werden.

In Deutschland ist es die AfD, die Politik mit Abziehbildern macht, die nur für jene überzeugend sind, die es nicht genau wissen wollen. Ihre Anhänger leugnen auf geradezu militante Weise die Komplexität der Realität und halten allein einfache Antworten für richtig.

Ein Bestseller Schorlaus von 2009 hat den Boden beackert, aus dem die Alternative für Deutschland gesprossen ist. Er kommt mit aufklärerischem Pathos daher und zitiert als Motto Pier Paolo Pasolini: »Ich weiß Bescheid. […] Ich weiß, weil ich ein Intellektueller bin, ein Schriftsteller, der versucht, das, was geschieht, zu verfolgen.«

Gladio soll für das Attentat auf das Oktoberfest in München vom 26. September 1980 verantwortlich sein. Die sagenumwobene »Geheimarmee« der NATO habe sich mit dem Verfassungsschutz verbündet, um die Demokratie zu untergraben.

Eine gruselige Verschwörung und doch traulich, indem sie die Leser vor dem schützt, wovon sie nichts hören wollen und sollen: Neonazis. Die treten im Roman überhaupt nicht auf, nur als dumme Trottel in den Reden derer, die sie manipulieren, darunter die Staatssicherheit der DDR.

Das München-Komplott ist ein erfolgreiches Buch; seine Fiktion wird das Bewusstsein der Bevölkerung stärker beeinflusst haben als die Dokumentationen, aus denen es sich bedient. Das Oktoberfest-Attentat ist kein Werk von Neonazis – so wollten es die damaligen Machthaber, und der Krimiautor schreibt ihnen 30 Jahre später nach, indem er eine andere Verschwörung konstruiert, die alles Braune ausspart. Pasolini musste für »die Wahrheit« sein Leben lassen, der Krimiautor macht Auflage.

Eben finde ich bei YouTube die Dengler-Verfilmung Brennende Kälte von 2019, in der afghanische Foltergefängnisse der CIA, der Bundesnachrichtendienst und die Bundeswehr, ein Waffenkonzern und das Kanzleramt zu einer mörderischen Melange verrührt werden. In anderthalb Stunden Film wird in und um Berlin mehr geschossen und explodiert als in einem halben Jahr Realität.

Schorlau illustriert nicht nur die (Alb)träume der teutonischen Trump-Ableger in der AfD, sie gehören vielmehr zu dem, was Millionen für eine Art Quelle von Wahrheit halten. Dieselben öffentlich-rechtlichen Sender, deren Nachrichten von den Rechtsauslegern für Fake-News gehalten werden, präsentieren seit vielen Jahren zur puren Unterhaltung Verschwörungsfabeln. (Wobei die Redakteure hier wie dort sich womöglich für Volksaufklärer halten.)

Zum NSU wurde mir auf facebook mehrfach die Dengler-Interpretation empfohlen aus Kreisen, die sonst eigentlich nicht den Rassismus als Motiv der Mörder-Bande leugnen – wie es im Film geschieht. Um Neonazis geht es so wenig wie im München-Komplott: alle sind in Wahrheit Agenten der Regierung oder sonstiger Interessengruppen. Braun ist bloß ein Lack, Nationalsozialismus ein Fake.

Literarische Kriegsgewinnler wie Schorlau gab es immer. In den Literaturgeschichten tauchen sie nie oder nur am Rande auf. Weil ihren ideologischen Kitsch 20 Jahre später niemand mehr amüsant findet: wenn die Wirklichkeit ihn auch für den begrenzten Verstand erkennbar ad absurdum geführt haben wird.

Die Zaubertricks von Schorlau funktionieren nur, wenn es ausreichend Glaubenswillige gibt. Das sind weit mehr als das AfD-Klientel. Zu seiner Zeit, wird es heißen können, eiferte Schorlau dem »verruchtesten und zugleich läppischsten Buch der Weltliteratur« nach, dem Malleus maleficarum.

Bei Dengler darf jede(r) jede(n) verbrennen, der/die gerade passt. Schorlau schreibt, was die Masse lesen will. Das macht ihn so fürchterlich wie erbärmlich.

Schorlau erzählt den Leuten, dass sie ständig und laufend verarscht werden. Wie von ihm, der lauthals vorgibt, unerschrocken für die Wahrheit zu streiten.

So geht die zynische Rechnung auf: wenn die Bundesregierung als wäre sie der US-Präsident dem BND als wäre der die CIA Mordaufträge erteilt – was sollten den gemeinen Bürger dann noch Recht und Gesetz scheren? Oder dass es bei Mord keine Berufungsinstanz gibt.

Wenn in Schorlaus Anti-Demokratie-Märchen ohnehin bloß Waffengewalt zählt … aber nein, damit hat er nichts zu tun, das ist dem ZDF-Dengler fremd. Obwohl die Plots nur davon leben, dass tot geschossen wird, sind sie selbstverständlich die Erzeugnisse von herzensguten Menschen.

Ich habe mir ein YouTube-Video mit dem Autor angeschaut. Es belegt, dass Schorlau in der Tat kein abgezockter Zyniker ist, sondern eln Dummkopf, der nicht einmal ahnt, was er tut.