Geschichte einer Verlogenheit

„Wir wollen den Opfern ihre Namen wiedergeben“, heißt es von „Geschichtsinteressierten“ aus der Gemeinde, die Anträge gestellt haben, die laut Zeitung „ans Herz gehen“: „Sie wollen auf den Friedhöfen in Groß Aspe, Essel, Kutenholz, Deinste und Helmste sowie am Mulsumer Bahnhof Namensplatten und Erinnerungsstelen aufstellen. Damit soll mehreren Opfern des Nationalsozialismus gedacht werden.“

In der Zeitung werden die Opfer bezeichnet, darunter acht britische Soldaten, deren Panzer auf eine Seemine fuhren, die in Kutenholz am 30. April 1945 von fanatischen Endkämpfern gelegt worden war. (→ Wochenblatt)

Katharina Corleis fehlt in der Liste. Denn die 1877 in Fredenbeck Geborene starb nicht in dem niedersächsischen Dorf, sondern 1935 durch Suizid im KZ Hamburg-Fuhlsbüttel. (→ Stolpersteine)

Und war da nicht noch was? Richtig, die in Fredenbeck ermordeten Kinder von Zwangsarbeiterinnen. Diese Opfer des NS-Regimes waren seit Ende der 1990er bekannt. (→ Hamburger Abendblatt)

Fünf Jahre lang weigerte sich das Establishment von Fredenbeck, an den Babymord zu erinnern und diffamierte diese Opfer des Rassenwahns als „Hurenkinder“. Als man sich 2003 endlich, nach verheerendem überregionalem Presseecho dazu herabließ, ihrer mit einem Gedenkstein auf dem Friedhof zu gedenken – verweigerte man ihnen die Namen. (→ Zog Sux und das Rowdytum)

Ein Gedenken, das die jahrzehntelange Verdrängung und Verweigerung von Erinnerung ignoriert, ist ein hohles Ritual, das ausschließlich der Selbstbefriedigung dient, auf das ebensogut verzichtet werden kann