Warum mir auf facebook mal wieder die Galle übergelaufen ist
Ich habe nie ein sonderliches Bedürfnis nach Gemeinschaft verspürt. Wenn heutigentags allenthalben „Communitys“ auftreten, schüttelt es mich. Das einzige Kriterium der Gemeinsamkeit soll zum Beispiel die Hautfarbe oder die sexuelle Orientierung sein. Das haben sich die Betreffenden nicht ausgesucht, oder es reicht nicht weit. Wer etwa seine Existenz von seinen sexuellen Bedürfnissen bestimmen lässt, hat meines Erachtens ein psychisches Problem.
Mir gefiel der Sozialismus nie, weil er dazu tendiert, dass alle Menschen gleich zu sein hätten. Gleiche Rechte ja, aber die Forderung nach gleichem Verhalten fand ich stets skandalös. Wenn ich Gemeinschaft höre, habe ich das Bedürfnis, meinen Browning zu ziehen – um einen von denen zu zitieren, die zwecks eigenen Machterhalts eine „Volksgemeinschaft“ beschworen, die für alle anderen außer sie selbst verbindlich war.
Dieselben, die für sich lauthals darüber beklagen, dass sie und ihre jeweilige „Community“ unterdrückt werden, wünschen sich inniglich die Unterdrückung all derer, die nicht bedingungslos mit ihren Zielen übereinstimmen.
Auf der Plattform facebook, auf der ich mich seit Monaten nicht mehr artikuliere, weil mich die Schützengrabenkämpfe, die dort vorherrschen, mittlerweile anekeln, lese ich ein Meme, das die viel beschworene gesellschaftliche Spaltung auf den Punkt bringt. Denn die scheinbar so aufgeklärten „Communitys“ sind nicht bereit, eine Gesellschaft zu bilden. Wer sich ihnen nicht unterwirft, ist raus.
„Ich bin von vollem Herzen ein linker, woker Gutmensch. Erscheint mir besser als ein rechtsextremes, rassistisches Arschloch zu sein.“ (Kein grammatikalischer Kommentar an dieser Stelle.)
Und bist du nicht willig, so brauche ich Gewalt. Es gibt nur Schwarz oder Weiß, das Eine oder das Andere. Wer nicht gendert oder bei jeder sich bietenden Gelegenheit „kulturelle Aneignung“ schreit, wer sich nicht selbst für das Salz der Erde und den Einzigen hält, der den Durchblick hat, ist eben ein Nazi. Punktum. Klappe zu, Affe tot.
Vor längerer Zeit hatte ich eine Diskussion über mein Linkssein. Mein Gegenüber meinte darauf bestehen zu können, mir dieses Etikett aufzupappen, ob ich nun wolle oder nicht. Mag sein, dass manche meiner Ansichten mit dem übereinstimmen, was andere für „links“ halten. Mir selbst besagt diese Zuordnung nichts.
Die Grünen galten mal als links, und ich habe sie gewählt. Heute halte ich sie für eine autokratische Partei der Besserverdienenden, einen Zwilling der FDP, und habe längst aufgehört, ihnen zur Macht zu verhelfen. Soviel zur Sinnhaftigkeit des Etiketts.
Ich brauche das Gefühl nicht, zu einer „linken Community“ zu gehören – und allein darin bestand die Differenz zu meinem Gesprächspartner, der darauf bestand, ich sei Teil seiner Gemeinschaft.
Ich habe mich stets sehr bemüht, eigene Gedanken zu entwickeln statt Parolen nachzulaufen. Ich habe nie irgendeine Fahne geschwenkt. Weil das Fahneschwenken mir verdächtig ist. Dass einer eine Regenbogen-Fahne schwenkt, macht ihn nicht zu einem besseren Menschen.
Der Freund, der das zitierte Meme auf facebook gepostet hat, ist nicht nur ein virtueller Bekannter, ich kenne ihn im wirklichen Leben. Deshalb kann ich ihm nachsehen, dass er sich derart mausig macht. Er mag seine Gründe haben, sich in der Öffentlichkeit als besseren Menschen darzustellen, und glauben, dass alle, die nicht mit ihm im Einklang sind, nicht zu seiner „Community“ gehören, des Teufels sind. Er mag mich als Individuum sogar weiterhin tolerieren, aber öffentlich, im Angesicht seiner „Community“ verdammt er mich.
Ich scrolle weiter und finde eine Variante des Spruchs „Keine Toleranz für Intoleranz“ und einen Post desselben Freundes, der ein Verbot der AfD fordert. So macht sich Klein Hänschen die Welt, wie sie ihm gefällt: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Wer sich wie ich, wovon dieser Blog zeugt, gründlich und eingehend mit Neonazismus beschäftigt hat, weiß, dass diese Gesinnung nicht durch ein förmliches Verbot aus der Welt zu schaffen ist. Der zweimalige Versuch, die NPD derart zu eliminieren, ist krachend gescheitert, hat die braune Szene bestärkt und letztlich die AfD hervorgebracht.
Aber um Realität geht es in dem Meme auch nicht, sondern allein um Gemeinschaftsgefühl. Wer einem AfD-Verbot nicht zustimmt, ist draußen. Jene, die sich „Toleranz“ auf die Fahne geschrieben haben, ertragen tatsächlich wenig von dem, was nicht so ist, wie sie es gern hätten. Sie reagieren vielmehr panisch oder aggressiv auf jede Abweichung vom eigenen Standard. Sie würden am liebsten alles auslöschen, was nicht so ist wie sie selbst sich sehen.
Ihre Toleranzschwelle ist extrem niedrig. Vermutlich, weil sie als Individuen so unsicher sind, dass sie den Schutz einer „Community“ brauchen, und ihnen die Argumente ausgehen, sobald man ihnen die Fahne aus der Hand nimmt, in deren Schutz sie ihre verbalen Kämpfe austragen.
Noch sind die Kämpfe verbal. Für mich macht es am Ende keinen Unterschied, ob mir die woken Lageraufseher das Wort abschneiden oder die von der AfD. Für die Nicht-Tolerierten ist es egal, ob sie im Namen der Toleranz oder der Intoleranz zum Verstummen gebracht werden. Ist eben nur ein Name, eine Fahne, eine Behauptung.

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