Die Legende von Heinrich Himmlers Ende

Graphic Essay

CHRONIK DES ABGANGS

Am 7. Mai 1945 wird in Reims die militärische Kapitulation des Dritten Reichs besiegelt.

Am 11. Mai tritt Himmler von Satrup aus die Flucht an.

In der Nacht zum 16. Mai überquert die sechsköpfige letzte Schar der SS die Elbe.

Bei Bremervörde trennen sie sich. Begleitet von Werner Grothmann und Heinz Macher zieht Himmler weiter nach Süden.

Himmelreich Hirn (Zeichnung: urian)

Am 21. Mai werden sie in Meinstedt unerkannt gefasst.

Hoch über Heeslingen

Autofahrer schauen dem Fußgänger nach. Der weltgeschichtliche Schauplatz, den er ansteuert, befindet sich zwei Kilometer nordwestlich der Kirche, an der ihn der Omnibus abgesetzt hat. Er spaziert auf der Landstraße und stört die an freie Fahrt gewohnten Fahrzeuglenker, die im letzten Moment ausweichen.

Auf dem niederdeutschen Land ist wie auf dem Meer der Horizont stets in Sicht. Ausnahmsweise bietet der Hügel hinter Heeslingen einen Blick über das Tal des Flusses Oste und die Chaussee nach Zeven. Hoch oben die Bauernhöfe von Meinstedt. Ideal für einen Wachtposten.

Ich sehe mich um nach Leuten, die wissen könnten, was hier im Mai 1945 los war. Nichts ist verzeichnet in deutschen Akten und verwahrt in Archiven. Keine Verwaltung mehr; allenfalls machten Pastor und Lehrer Einträge in ihre Chronik. „Verräterische“ Stellen wurden freilich gelöscht und überklebt oder die betreffenden Seiten herausgerissen. Verhältnisse und Vorkommnisse hätten erfragt werden müssen, solange die Betreffenden am Leben waren.

Niemand ist unterwegs, nicht mal im Auto. In wenigen Minuten ist der Ort erkundet.

Auf einer Rasenfläche ein Findling mit der Inschrift „986 – 1986“. Aus tausend Jahren ist eine halbe Stunde überliefert, in der Weltgeschichte geschrieben wurde.

Ein Gedankenstrich wäre zu setzen, ein virtueller Gedenkstein mit einer Inschrift wie „Schlussstrich unter die Shoah“. Eine Mahnung an den Moment, ab dem der Meister des Todes keine Mordbefehle mehr erteilen konnte.

Ich bin nicht hier, um mit eigenen Füßen auratischen Boden zu berühren. In Büchern habe ich vergeblich nachgeschlagen, was es mit dem „britischen Kontrollpunkt“ auf sich hat, von dem in den Dokumenten zu lesen ist, die den Standort als „Meinstadt“, „Mainstedt“, „Moinstadt“, „Majnstedt“, „Mejstedt“ und „Lückenstadt“ verzeichnen.

Der Zugriff fand „500 Meter vom Dorf entfernt“ statt oder am „Dorfrand“ bei einer „Landstraße“, an „Straße“, „Gebüsch“ und „Wald“.

Von Norden her war Meinstedt Dead End. Ringsum war das Gebiet dichter besiedelt und fest in Feindeshand. Unterhalb des Hügels verlief eine Hauptstraße der Besatzungsarmee, die Stützpunkte und Internierungslager mit dem Headquarter in Lüneburg verband.

Eine Geschichte überschreibt die andere. Für ein halbes Jahrhundert etablierte sich der Militärverkehr auf der Strecke. Die NATO richtete sich in der norddeutschen Tiefebene für den Fall ein, dass in der DDR stationierte sowjetische Panzer über die Zonengrenze anrollen würden.

Als Wehrpflichtiger pendelte ich an den freien Wochenenden mit dem Rad zwischen der Kaserne in Rotenburg/Wümme, die den Namen eines Nazis trug, und dem Elternhaus. So vertraut mir die Durchfahrt von Heeslingen war, hörte ich von der Weltminute von Meinstedt erst, als ich 20 Jahre später einen britischen Horror-Roman las.

Geht das noch wen an? Bevor mich der Bus fortbringt, kaufe ich die Lokalzeitung. Aufmacher sind Dreharbeiten der British Broadcasting Company über das Lager in Westertimke für Kriegsgefangene aus 48 Nationen. 8000 wurden nach einem schweren Gefecht am 27. April 1945 befreit.

„Im Mittelpunkt des Filmbeitrags steht eine Begegnung zwischen einem ehemaligen britischen Kriegsgefangenen und einem seiner Wächter.“ Für sie ist das Vergangene gegenwärtig und wird dank BBC überdauern.

Nichts im Artikel zur Weiterverwendung des Lagers für deutsche POWs (Prisoners of war), also nichts über den prominentesten Insassen am Tag nach seiner Festnahme.

Am 23. Mai gibt Himmler sich zu erkennen.

Major Storm Rice prüft in Camp Kolkhagen die Identität des Gefangenen, der behauptet, die Nummer Eins der Fahndungsliste zu sein – nachdem am Vormittag in der Marineschule Mürwik die Dönitz-Bande mit Albert Speer sowie Himmlers treuen Gehilfen Otto Ohlendorf, Herbert Backe und Wilhelm Stuckart verhaftet worden war.

„And this evil thing breathed its last at 2314 [!]“, hielt Major Norman Whittaker fest. Storm Rice blickte zur Uhr, als der Tod eintrat: „Es war dann 23.04“.

„Als sich sein Verhör dem Abschluss näherte“, so Winston Churchill in seinen mit dem Literatur-Nobelpreis bedachten Aufzeichnungen zum Zweiten Weltkrieg, „zerbiss er eine Ampulle mit Zyankali, die er offenbar stundenlang in seinem Mund versteckt gehalten hatte. Er starb beinahe sofort, kurz nach elf Uhr abends am Mittwoch, dem 23. Mai.“

Mehr zu diesem Punkt, der den Verschwörern allein am Herzen liegt, wenn anno 2045 die britischen Akten geöffnet werden.

Bei einer Autopsie werden Teile des Skeletts und das Gehirn entfernt. Am 26. Mai wird die Leiche in einem Wald bei Lüneburg verscharrt.

In der Nachbarschaft des Sterbehauses einquartierte Offiziere sollen einem Fräulein von Stern eine Schallplatte mit „terrible groans and grunts“ vorgespielt haben. Titel der Aufnahme: „I saw Himmler die.“

ZUR ERSTEN SEITE

Advertisements