Reichsführer-SS Himmler und sein Zögling Sigmund Rascher

Sie köderten ihn mit Kunstdünger. Am 24. April 1939 machte die verwitwete Sängerin Karoline »Nini« Diehl, 46, ihren mächtigen Freund Heinrich Himmler in München mit ihrem Geliebten Sigmund Rascher, 30, bekannt, der als Mediziner erforschen wollte, was größten Ruhm versprach: Krebs.

Sigmund Rascher (Zeichnung: urian)

Nini wusste, dass Himmler sich vor Magenkrebs fürchtete und Kunstdünger hasste, seit er mit 22 Jahren in einer Stockstofffabrik gearbeitet hatte. Rascher wollte untersuchen, wie krebserregend Nitrate wären. Himmler erlaubte, Häftlingen im Konzentrationslager Dachau Blut abzuzapfen.

Mit Kriegsausbruch wurde Rascher zur Luftwaffe eingezogen. An Affen zu testen, wie Piloten in einem neuen Düsenjäger auf größte Höhe reagieren, verbat der NS-Tierschutz. Rascher bat Himmler, ob »zwei oder drei Berufsverbrecher zu diesen Versuchen von Ihnen zur Verfügung gestellt werden können«. Im Namen seines Herrn genehmigte Himmlers Schreibhand Dr. jur. Rudolf Brandt.

»Die Versuchspersonen (VP) werden in einer Stahlkammer in einen Fallschirm gehängt. […] Die VP werden, mit oder ohne Sauerstoffzufuhr künstlich in Höhen bis 21 km gebracht. Man lässt sie abstürzen oder aufsteigen. Die Folgen: Krämpfe, Lähmungen, Blindheit, Wahnsinn, Tod.«

Raschers Menschenversuche (Zeichnung

»Himmelfahrtswagen« hieß die mobile Unterdruckkammer bei den Häftlingen. Von etwa 200, die missbraucht wurden, kam die Hälfte um. Rascher genoss, dem Sterben zuzuschauen. Im Mai 1942 sah Himmler sich Filme der Morde an.

Raschers Menschenversuche (Zeichnung: urian)

Tischgespräch in der Wolfsschanze über die Experimente.

»Alles wäre auf der Basis freiwilliger Meldung erfolgt«, sagte Himmler. Ein Hüne von Kapo habe sich als »unglaublich höhenfest erwiesen.«

Hitler (Zeichnung: urian)

Bis dahin war das SS-Ahnenerbe geisteswissenschaftlich orientiert. Durch das Engagement Raschers mehrte der Geschäftsführer Wolfram Sievers seine Macht. Wie Brandt büßte er die Beihilfe für den Serienmörder mit dem Strang.

Raschers Menschenversuche (Zeichnung: urian)

Nächste Versuchsreihe: die Chancen abgestürzter Flieger im Eiswasser. Rascher maß den Todeszeitpunkt: bei zwei bis 12 Grad nach sechs bis acht Stunden.

Wie auch sonst gern verwies Himmler auf Volkserfahrungen: »Das Volk habe oft sehr gute und alterprobte Mittel, z. B. Tees aus Heilkräutern.« Er stellte sich vor, »dass eine Fischerfrau ihren geretteten halberfrorenen Mann einfach in ihr Bett nehme und so aufwärme.«

Rascher probierte es mit »animalischer Wärme«, und im Lager etablierte sich »ein munterer Sexualbetrieb«. Am 13. November 1942 schauten Himmler und seine Adjutanten Karl Wolff und Werner Grothmann zu.

Letzte Serie: Für ein Blut stillendes Medikament ließ Rascher Häftlinge anschießen und verbluten.

Kindersegen (Zeichnung: urian)

Damit Himmler die Heirat des Ordens-Bruders Rascher mit der erheblich älteren Nini genehmigte, musste das Paar Zeugungskraft beweisen. Als Nini im Oktober 1942 zum dritten Mal Mutter wurde, war Himmler vom Kindersegen der 50-Jährigen so angetan, dass er eine Publikation plante.

Insgesamt acht Kinder, die sie gegeneinander austauschte, gab Nini als eigene aus. Beschafft hatte sie eine Frau, die seit Dezember 1943 vermisst und im April 1944 tot aufgefunden wurde.

Nachdem sie am 20. März 1944 versucht hatte, ein Kind zu entführen, wurde Nini verhaftet. Himmler hielt seine Polizei zurück. Die Ex-Freundin verschwand im Lager und kam Ende April 1945 in Ravensbrück um.

Hi.mlHimmler in Hohenlychen und als Narr (Zeichnung: urian)

 

Er wäre »entweder Genie oder Hochstapler« und »als Truppenarzt an der Lapplandfront« am richtigen Platz, befand im April 1944 eine SS-Ärzte-Konferenz über Rascher.

Raschers Ende (Zeichnung: urian)

Am Nachmittag des 26. April 1945 starb Rascher in Dachau an Schüssen in Bauch und Genick. Zu den Häftlingen, die die Leiche weg schafften, sagte ein SS-Mann: »Das war der Dr. Rascher, das Schwein ist gut verreckt.«

Hirn (Zeichnung: urian)

Anmerkungen
Über Raschers Versuche vgl. E. Klee, Deutsche Medizin im Dritten Reich, Frankfurt/M. 2001; ders., Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer, Neuausg. 2. Aufl. Frankfurt/M. 2002 | L. Poliakov/J. Wulf: Das Dritte Reich und die Juden, Wiesbaden 1989 | S. Zámečnik, Das war Dachau, Frankfurt/M. 2007.
Volkserfahrung: »Es gibt so viel Dinge, die wir nicht wissen und über deren Erforschung – auch durch Laien – wir froh sein müssen.« Wurden Bauernweisheiten oder die Thesen eines Amateurs von den Fachleuten abgelehnt, wertete Heinrich Himmler (= HH) dies gerade als Beweis für die Richtigkeit der abweichenden Ansicht. Er ernannte den von der Fachwelt verspotteten Hermann Wirth zum ersten Vorsitzenden des Ahnenerbe, weil dieser für die Echtheit der Ura-Linda-Chronik eintrat, die eine friesische Familiengeschichte vom 6. bis zum 1. Jahrhundert vor der Zeitrechnung enthalten sollte. Das Papier der Handschrift wurde um 1850 hergestellt; seine Runen waren Abwandlungen lateinischer Buchstaben. HH blieb »aus soundsovielen Dingen, die in der Ura-Linda-Chronik stehen, überzeugt, dass sie in ihrem Kern echt ist, weil sie sich mit zu vielen Dingen deckt, die ich aus mündlicher Überlieferung weiß«.
Das Tischgespräch zitiere ich auch, weil es auf die »Experimente« aus einer Perspektive eingeht, die in anderen Darstellungen nicht vorkommt: derer, denen sie angeblich dienen sollten. Ein ehemaliger Testpilot nahm es in seine Autobiografie auf, weil es seine einzige Begegnung mit Hitler anlässlich einer Ehrung war (W. Späte, Der streng geheime Vogel, 2. Aufl. München 1988, 57). Er machte kein Aufhebens davon, dass er über die mörderischen Machenschaften nicht erst durch einen Historiker informiert werden musste – wie die allermeisten seiner Zeitgenossen bei gleicher Gelegenheit vorschützten. Details der Versuche, auf die er sich bezieht, hätte er seinerzeit kaum der Fachliteratur wie G. Reitlinger, Die SS, München-Wien-Basel 1956 und M. H. Kater, Das »Ahnenerbe« der SS 1935–1945, Stuttgart 1974, entnehmen können; sie ergänzen Ergebnisse späterer Forschungen. Wäre dem Flugingenieur eine literarisch überzeugende Täuschung gelungen, hätte er sie, soweit es HHs Beitrag zu dem Dialog betrifft, an mich verschwendet, der ihm 26 Jahre später auf den Leim ging, als J. H. Slawig mir das Buch aus seinem Bestand reichte.
Über Ninis Kinder vgl. A. M. Sigmund, Die Frauen der Nazis II, Wien 2000; H. Pfeiffer, Mörderische Ärzte, 2. Aufl. München 2003.
Ein Mordbefehl HHs ist nicht überliefert, aber Rascher wurde eigens nach Dachau transportiert, um dort sein Ende zu finden – ein Befehl, der zu der Zeit und unter den obwaltenden Umständen diesen speziellen Häftling betreffend nur von HH selbst kommen konnte. Bei P. Witte/S. Tyas, Himmler’s Diary 1945, o. O. [London] 2014, kommt Rascher nicht vor, aber dort ist genau zu sehen, wie umtriebig HH in den letzten Apriltagen war. Mit Raschers Ermordung wollte er private Spuren beseitigen und beglich eine offene persönliche Rechnung.

Auszug aus HIMMELREICH HIRN. Graphic Essay über die letzten Tage von Heinrich Himmler

Weitere Auszüge:

Kultfindlinge

Ein ehrenwerter SS-Mann

Himmlers Ende und Nachleben

© Uwe Ruprecht

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