Zur Kulturgeschichte des NS-Ahnenerbes

Blutwiese — 1934/2004

Nebel zieht herauf. Auf dem Weg um den Wiesengrund sieht der Passant im Dunst, was den ersten Menschen auffiel, von denen man weiß, dass sie in den Niederungen siedelten, nach der Eiszeit: Steine. Im Abwälzen planierten die Gletscher das Land; mit ihnen rollte Gestein heran, das nach der Schmelze liegen blieb.

Die auf dem flachen Land verstreuten Findlinge wurden vor vier Jahrtausenden gesammelt und zu rätselhaften Gebilden verarbeitet, deren Ruinen in Marsch und Moor, auf Geest und Heide reichlich erhalten sind. Während des Dreißigjährigen Krieges beschrieb sie ein Reisender als »Hünengräber«: wie von und für Riesen gemacht. Bis heute stehen mit dem Gemeindewappen verzierte Steine auf Marktplätzen und vor Rathäusern.

Findlinge säumen den über zwei Kilometer langen Weg um die »Blutwiese«, 4500 sollen es sein. Ein aus schriftlosen Vorzeiten überliefertes Zeichen wie der verschwiegene Dohrn in einem Buchenhain bei Apensen oder die alljährlich von Massen umlagerten Externsteine bei Detmold – soll man denken und beeindruckt sein. (Siehe auch → Kultfindlinge)

Man wird getäuscht, das Alter ist nur eine Anmutung, Zitat des Authentischen zur Illustration einer Mär. Grabsteine sollen es sein, einer für jeden Sachsen, die anno 782 auf Geheiß Karls des Großen hingerichtet wurden. Das angemahnte Ereignis ist nebulös. Zweifelhaft, ob es eine Massenhinrichtung oder eine symbolische Unterwerfung war, bei der vielleicht auch Blut floss. Falls gemordet wurde, ist die Zahl unbestimmt und 4500 viel zu hoch gegriffen.

Als Blutwiese erscheint der Platz 1906 bei Hermann Löns, in der Novelle Die rote Beeke, der rote Bach. Löns verdichtete die nationalistischen Deutungen der akademischen »Volkskunde« seit dem 19. Jahrhundert: Karl der Große als Franke und Franzose, steht gegen Widukind als Germane und Deutscher, Christentum gegen Heidentum.

Beklommen machen könnte ein Spaziergang im Sachsenhain, sofern man erkennt, dass Massenmörder es waren, die das vermeintliche Massaker verewigten. Bis 2004 musste ein gewöhnlicher Besucher der »Pferdestadt« Verden die Geschichte recherchieren.

In der Chronik zur Tausendjahrfeier 1985 steht noch kein Wort, danach aber wurde die Anlage als Hauptsehenswürdigkeit neben Dom und Storchenstation angepriesen, und das Stadtmarketing förderte die jungsteinzeitliche Vorspiegelung. Dann machte es daraus ein »Mahnmal« für die Opfer des »Sachsenschlächters«. Erst nach der Jahrtausendwende wurde in den »Tipps für den Gast« vermerkt: »errichtet 1935«. Endlich wurde eine Informationstafel am Wegesrand aufgestellt; wer sie im Nebel nicht bemerkt oder ganz woanders entlang läuft, bleibt unaufgeklärt.

Der Sachsenhain setzte die Politik des Ahnenerbe um, der Kulturabteilung der SS, und war selbst Schauplatz eines Kampfes um die intellektuelle Hoheit im Dritten Reich zwischen Himmler und Alfred Rosenberg, dem 1946 hingerichteten Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP. Ihre intellektuellen Handlanger schufen an den Universitäten Mythen statt Wissen und vernichteten Unpassendes.

Hunderte Doktoren und Professoren bastelten ab 1935 im Ahnenerbe aus »indogermanischer Glaubensgeschichte« und »Runen und Sinnbildkunde« am Neuheidentum. In Kooperation mit der Luftwaffe erfanden sie einige der abscheulichsten Menschenexperimente. Himmlers »Wissenschaftler« machten nach 1945 in anderen Fachrichtungen weiter.

Die Niedersachsen galten als reine Germanen und prototypische Arier, weshalb die »Forscher« in Norddeutschland besonders rege waren. Eine umfassende Untersuchung der Kultfiguren, echten und gemachten Kultstätten, von Museen und Schriften und was aus ihnen wurde, steht noch aus, Einzelstudien sind selten.

Zeugnisse, die unmissverständlicher sind als der Sachsenhain, haben überdauert und weisen in die Zukunft. Im Höllengrund bei Visselhövede, rund um das Denkmal für Albert Leo Schlageter, den ersten Märtyrer der Nationalsozialisten, belegen Hakenkreuze in den Bäumen, wie unvergessen der Ort ist.

Zur Sommersonnenwende 1934 verglich Rosenberg vor 60 000 im Verdener Reiterstadion den Führer mit Widukind. Um Mitternacht weihte Reichsjugendführer Baldur von Schirach ein nachgemachtes Hünengrab als vorläufiges Denkmal ein. Die Gemeinden wurden vergattert, unter Aufsicht der SS Findlinge heranzuschaffen.

Am 21. Juni 1935 der Festakt: »Punkt zehn Uhr abends treffen Reichsleiter Rosenberg und Reichsführer Himmler ein. Während die Fackeln entzündet werden, klingen Wagnersche Weisen über den weiten Platz.« Die Findlinge sind um einen rechteckigen »Thingplatz« und eine Redekanzel, den »Führerstand«, angeordnet. Bauernhäuser, die man anderswo abgebrochen hatte, wurden von der SS für Schulungen genutzt.

In diesem »Ensemble wunderschön restaurierter Fachwerkhäuser« unterhält heute die evangelische Kirche einen »Jugendhof«. Mit Bibelsprüchen auf einigen »Hinkelsteinen« wurde das Areal umgewidmet. Nicht alle älteren Inschriften sind getilgt, wie etwa die der Gemeinden, die einen Stein mit Wappen ablieferten. »Angenommen er lebt« steht neben einem Hakenkreuz, Jesus neben Hitler.

Am Karfreitag soll der »Sachsenmord« stattgefunden haben. An diesem, ihrem »Stillen Freitag« pilgern Neuheiden zum Sachsenhain. »Wir umwanderten das heute von christlichen Bubenhänden mit Meißeln geschändete Mahnmal«, ereiferte sich die Deutschgläubige Gemeinschaft. »Ein neues, riesiges Holzkreuz direkt an der Blutbeeke verhöhnt dort das Opfer, die Treue und die Ehre unserer heidnischen Vorfahren!«

Zum »6. 8. nach Stonehenge«, vulgo 6. August 1991, lud die Artgemeinschaft nach Verden. In einer Gaststätte referierte deren Vorsitzender Jürgen Rieger bei Kaffee und Kuchen: »Was geschah in Verden 782 wirklich?« Die Kirche, führte er aus, habe mit ihren »Sinnsprüchen« Grabsteine geschändet. »Die Versammlung schloss mit dem ›Niedersachsenlied‹ und der Versicherung, dass wir nicht ruhen noch rasten werden, bis dieser Heidenfriedhof wieder in unseren Händen ist, um das Andenken unserer Vorfahren zu schützen.«

Riegers Darstellung des Sachsenhains ist die umfangreichste im Internet verfügbare. Die Legende von den 4500 Hingerichteten ist in feuilletonistische Geschichtsbücher eingegangen.

Nationales Zentrum — 2004–06

Er habe keine Ahnung gehabt, wer der Käufer sei, beteuerte der Bürgermeister im 40 Kilometer von Bremen entfernten Dörverden vor der Fernsehkamera. Seine Gemeinde ist offenbar nicht von dieser Welt. Über den Käufer wäre der Bürgermeister im Internet reichlich fündig geworden. Vielleicht hielt er es für weniger peinlich, sich dumm zu stellen als zuzugeben, dass es ihm gleichgültig war, wer das Anwesen erwarb und was daraus werden sollte.

»Uns bereitet natürlich Sorgen, dass das Image Dörverdens leiden könnte.« Das Tun und Treiben des unbekannten Käufers bekümmerte den Ortsvorsteher weniger als die auf ihn gerichteten Scheinwerfer. Vor allem hatte er Angst vor denen, die sich den neuen Bewohnern entgegen stellen würden.

Der Bürgermeister stand am Zaun des Geländes der Wilhelm-Tietjen-Stiftung für Fertilisation mit Sitz in London, einer Briefkastenfirma des 57-jährigen Jürgen Rieger. Trotzdem er über reichlich Häuser verfügte, erwarb er für eine Viertelmillion Euro die 26 000 Quadratmeter große Liegenschaft um ein früheres Offiziersheim der Bundeswehr.

Die Nähe zum Sachsenhain war so anziehend wie der äußerst agile »Stützpunkt Rotenburg/Verden« der Jungen Nationaldemokraten um Florian C., die soeben als »Schulrebellen« agierten. Das Heideheim in Hetendorf, seit 1978 in Riegers Besitz, wurde 1998 vom Landesinnenministerium geschlossen und danach enteignet. Rieger hatte sich bereits nach Alternativen umgetan.

1995 kaufte er einen Gutshof im schwedischen Sveneby und plante eine arische Gemeinschaft für biologisch-dynamischen Landbau mit 18 jungen Paaren. Stilgerecht wurde der Acker nicht mit einem Traktor sondern einem Militärfahrzeug gepflügt. Das mit Geldern der Europäischen Union geförderte Projekt scheiterte, weil sich nicht genügend Reinrassige fanden, die Deutschland verlassen und sich für viel Geld in das Kollektiv einkaufen wollten.

2003 verhandelte Rieger mit den Neonazis der Svensk Modstandsbevægelse, Schwedischen Widerstandsbewegung, über eine Beteiligung in Sveneby. Das rief Widerstand hervor: im Dezember brannte eines der Gebäude nieder. Rieger hatte sich unterdessen im thüringischen Pößneck eingekauft.

In Dörverden solle über Befruchtung geforscht und Ehepaaren zu Kindern verholfen werden, verbreitete Rieger, und die Medien griffen die Story gierig auf. Allerdings hatte Rieger sich bereits als »Rasseforscher« betätigt, als Vorsitzender der Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung. Politische Veranstaltungen seien nicht vorgesehen, ließ er wissen; dafür sei ein Kino in Hameln, das ihm seit 1999 gehörte, besser geeignet.

Mit echten wie vorgetäuschten Kaufabsichten trieb Rieger Medien und »Antifaschisten« in Westdeutschland geraume Zeit vor sich her. Das Gerücht, er würde mitbieten, steigerte den Preis für Ladenhüter-Immobilien. Um ihm zuvorzukommen, wurden als »Kampf gegen rechts« Spenden für den Ankauf gesammelt. Wie das Verbot der NPD als Patentrezept angepriesen wird, schien es die Welt in Ordnung zu bringen, das neueste vermeintliche Vorhaben des braunen Anwalts zu vereiteln.

Sein Heisenhof in Dörverden wurde monatelang von der Polizei observiert und regelmäßig von Demonstranten belagert. Die Behörden sperrten die Kanalisation, um die Neubürger zu vertreiben. Gegen solche Schikanen waren bei Riegers Tod 2009 noch Verfahren vor den Verwaltungsgerichten anhängig.

Journalisten liefen am Zaun entlang, und wenigstens einer wurde verprügelt. »Du brennst«, drohte ihm der Hausherr. Bei dem mehrfach wegen Volksverhetzung Vorbestraften sei das eine ernst zu nehmende Äußerung, befand das Amtsgericht Rotenburg im Juni 2005.

Gebäude wurden renoviert, Rieger verlegte seine Sammlung von Wehrmachtsfahrzeugen auf das Gelände. Zeitweilig ließ sich halbes Dutzend Neonazis mit zwei Kleinkindern häuslich nieder. Im November 2004 fand eine erste »Bildungsveranstaltung« auf Einladung des stellvertretenden JN-Bundesvorsitzenden Florian C. statt.

Vor 20 Leuten referierte einer seiner Amtsvorgänger, Bombenleger Peter Naumann, über »Ausgeruht den Feind erwarten«. Keine Rede mehr von Fruchtbarkeitsforschung, aber Medien, die Riegers Leimrute immer noch nicht bemerkt hatten, wiederholten sich.

Wenige Tage nach der »Einweihung« des Heisenhofs kamen 120 Leute in einem Verdener Hotel zusammen, um Brigadegeneral a. D. Reinhard Günzel zu lauschen. Er war gefeuert worden, weil er den CDU-Abgeordneten Martin Hohmann für dessen antisemitischen Einlassungen gelobt hatte. Den Saalschutz übernahm die Mannschaft des Heisenhof.

Für Juli 2006 organisierte Adolf Dammann eine Demonstration mit 300 Neonazis um den NPD-Bundesvorsitzenden Udo Voigt und die Kameradschaftsführer Thomas Wulff und Dieter Riefling zur »moralischen Unterstützung« des Heisenhofs. Einen Tag lang stand Verden im Zeichen des Widerstands, als den beide Seiten ihr Auftreten deklarierten. Der Bürgermeister hatte einen »Aktionstag gegen rechts« ausgerufen. Auf dem Programm: »Kerzenziehen« und bunte Luftballons. Eine Zeitzeugin war eingeladen, die nicht über Verfolgung oder Widerstand während der NS-Zeit sprach, sondern sich eines Herzensthemas der Neonazis annahm, den Bomben auf Dresden.

Die Polizei schwieg sich über den von ihr betriebenen Aufwand aus. Im Juli 2004 hatte der Polizeichef versprochen: »Die Bevölkerung kann sicher sein, dass wir dem Spuk schnellstens ein Ende bereiten werden, falls er überhaupt beginnt.« Der Heisenhof als »nationales Zentrum« scheiterte weniger am Widerstand als an Riegers Rückzug.

Er machte sich an die Übernahme der NPD, wurde Landesvorsitzender in Hamburg und stieg in den Bundesvorstand ein. Seine Gefolgsleute setzten sich jedoch in der Region fest und errangen bei den nächsten Kommunalwahlen mehrere Gemeinderatsmandate. In Dörverden steigerte sich die NPD auf vier Prozent.

Schwarze Schönheit — 12. Dezember 2012

Landtagskandidat Andreas H. steht am Wahlkampfstand und grinst wie ein Kater, der den Vogel verspeist hat. Während der Bundesrat bekannt gibt, ein neues NPD-Verbotsverfahren anstrengen zu wollen, stellt der Lokalanzeiger seine Kompetenz unter Beweis. Zum »12. 12. 12.«, dem »Tag der Liebe«, lächeln den Lesern H. und seine Braut entgegen. »Wir sind Gothic«, bekennen sie, deshalb heiraten sie in Schwarz.

H.s erste Auftritte als NPD-Streiter liegen sieben Jahre zurück, als Kandidat trat er schon 2008 an. Zuletzt verteilte er im Sommer 2012 in der Inneren Stadt Flugblätter. Googlen hätte genügt, um den Hintergrund des Liebenswerten auszuleuchten. Der wird nicht zur Kenntnis genommen, aber bei nächster Gelegenheit wird die Redaktion sich wieder über die »Gewaltbereitschaft« von seinesgleichen verbreiten.

H. trägt schwarze Mütze und schwarze Hemden, aber Symbole auf der Kleidung sind nicht sein Ding. Nur in einem Gerichtssaal zeigte er einmal »frei sozial national« breit auf der Brust. »No Inquisition« mit Riegers antichristlichem Adler trägt er nicht. Oder »Ultima Thule« aus dem Sortiment von Thor Steinar. Das ist »Gothic« und sticht mitten hinein ins Herz von Okkultismus wie Nationalsozialismus.

Aus den Kreisen des Hermetischen Ordens der Goldenen Dämmerung, dem je nach Quelle Bram Stoker, Gustav Meyrink und Aleister Crowley angehört haben sollen, entstand 1918 die Thule-Gesellschaft in München. Sie verwendete eine Version des Hakenkreuzes als Abzeichen, die Eingeweihten grüßten sich mit »Heil« und »Sieg« und publizierten bis 1921 im Völkischen Beobachter, dem nachherigen Zentralorgan der NSDAP.

Ordensmeister war Hitlers geistiger Lehrmeister Jörg Lanz von Liebenfels, als Mitglieder werden genannt: Rudolf Heß; Julius Streicher, Herausgeber des antisemitischen Hetzblatts Der Stürmer; Hans Frank, Generalgouverneur von Polen; Alfred Rosenberg; Rudolf Steiner, der Erfinder der Anthroposophie. Himmler und Hitler sollen an Sitzungen teilgenommen haben.

»Thule-Leute waren es, zu denen Hitler zuerst kam, und Thule-Leute waren es, die sich mit Hitler zuerst verbanden«, behauptete der Begründer der Geheimgesellschaft, der selbsternannte Freiherr Rudolf von Sebottendorff, nachdem die Nazis okkulte Vereinigungen als Konkurrenz verboten hatten und er in die Schweiz geflüchtet war.

Ultima Thule soll die Hauptstadt des ersten von Ariern besiedelten Kontinents Hyperborea sein, der im Eismeer versank. Island, Heimat der Edda, soll ein Rest davon sein, von Lemuria im hohen Norden, wo die Sonne niemals untergeht.

»Hugin- Munin- und Gungirkreis« nennt das Thule-Seminar, die Schule der »Neuen Rechten«, ihre Förderer. Hugin, der Gedanke, und Munin, die Erinnerung, sind Raben, die den einäugigen »Totenführer« Odin begleiten; Gungir ist sein Speer, durch den der Krieg in die Welt kam. Das Abzeichen des Seminars ist die »Schwarze Sonne«, ein Kreis aus 12 Sig-Runen, Himmlers geheimes Signum für den SS-Orden.

Im Bücherschrank: Luzifers Hofgesind von Otto Rahn aus dem »Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur« der FAP. Der Reisebericht von 1937 ist ein Klassiker des »New Age«. Rahn arbeitete für das Ahnenerbe. In seinem Buch sucht er in Südfrankreich nach dem Gral.

Seine Sehnsucht wird von US-Autoren für Millionen Leser wach gehalten und nachgeschrieben. Ragnarök, Yggdrasil, Loki – was NPD-Kandidat Andreas H. davon weiß, hat er nicht aus Spezialliteratur, sondern aus hundertausendfach verbreiteten Romanen und Filmen.

Susan Sontag beschrieb 1974 ein »Hitlertum, das den historischen Hitler selbst überlebt hat, ein spukhaftes Ingredienz der modernen Kultur, ein böses Prinzip von grenzenloser Wandlungsfähigkeit, das die Gegenwart durchtränkt und sie zur Reprise der Vergangenheit macht«.

In ihrem Essay Faszinierender Faschismus spannte sie einen Bogen zwischen SS und SM. Eines ihrer »Beweisstücke« war der gerade in New York angesagte Foto-Band Leni Riefenstahls über The Last of the Nuba. Die vom NS-Regime betriebene Ästhetisierung des Politischen las Sontag als Sexualisierung: »Der Ausdruck der Menschenmengen in [Riefenstahls Film vom NSDAP-Parteitag 1934] ›Triumph des Willens‹ ist Ekstase, der Führer erregt die Masse, bis sie ›kommt‹.«

Von der Vergötterung der sich in Kampf- und Todesriten windenden und mit Asche geweißten Nuba verfolgt Sontag die Spur bis in den Kleiderschrank der Schwulen- wie der Sado-Maso-Szene und weiter zum Geschmack an »Camp«, der heute »Trash« heißt: »Stiefel, Leder, Ketten, Eiserne Kreuze auf glänzenden Torsos und Hakenkreuze sind zusammen mit Fleischerhaken und schweren Motorrädern die geheimen und lukrativsten erotischen Utensilien geworden.«

Aus dem spielerischen Auspeitschen wird der Totschlag als beiläufige Geste des Dandys wie in Clockwork Orange von Anthony Burgess und Stanley Kubrick. Pornografie des Grauens ist in allen Spielarten im Web verfügbar. In ihrer Eloge auf Hans-Jürgen Syberbergs Film Hitler – ein Film aus Deutschland hob Sontag hervor, »was für eine Kulturrevolution der Nazismus war oder zu sein vorgab, was für eine geistige Katastrophe er bedeutete und heute noch bedeutet«, und »dass ein Großteil der deutschen Kultur des neunzehnten Jahrhunderts rückwirkend vom Gespenst Hitler heimgesucht wird«, nicht nur aber allen voran Wagner.

In ihrer Skizze des Nationalsozialismus als Lebensideal und Utopie-Entwurf schlug Sontag beiläufig die Brücke zur Esoterik, die damals noch nicht »New Age« genannt wurde: »Es überrascht nicht, dass eine beträchtliche Anzahl der jungen Leute, die sich heute vor Gurus zu Boden werfen und der groteskesten autokratischen Disziplin unterordnen, in den sechziger Jahren zur anti-autoritären und anti-elitären Bewegung gehörten.«

In der Populärkultur hat das Dritte Reich seinen festen Platz als Hort des Bösen. Angelsachsen genieren sich nicht, Hitler und Himmler als Personal in Kolportagen auftreten zu lassen. Eine unglückselige Liebesgeschichte, Intriganten, Showdown mit Wunderwaffen – alles drin in dickleibigen Romanen aus Versatzstücken wirklicher Geschichten.

Einer aus Himmlers engster Entourage hat literarische Karriere gemacht. Walter Schellenberg ging seine Geheimdienstarbeit wie eine Spionagegeschichte an und landete schließlich selbst als Figur im Genre. Der Chef des Amtes VI der Auslandsnachrichtenabteilung des Sicherheitsdienstes im Reichssicherheitshauptamt wird in einem US-Opus von 1999 vorgestellt: er war »schneidig und gutaussehend, und er hatte Stil«.

Der erste deutsche Nazi-Thriller, Christian von Ditfurths Der 21. Juli, erschien im selben Jahr 2002, als Kai Wessel mit Goebbels und Geduldig als erster Nachfahre im TV-Film mit Nazis scherzte. Die Faszination wächst mit zeitlicher Entfernung vom Geschehen; die Skrupel, sich ihr hinzugeben, sterben mit den Betroffenen.

»De Sade musste sein Theater der Bestrafung und der Wollust noch aus dem Nichts schaffen, Bühnenbild, Kostüme und blasphemische Riten improvisieren«, erinnerte vor 40 Jahren Susan Sontag. »Jetzt gibt es ein Patentrezept, das jedermann zur Verfügung steht: die Farbe ist schwarz; das Material ist Leder, der Anreiz ist Schönheit; die Rechtfertigung ist Ehrlichkeit; das Ziel ist Ekstase; die Phantasie ist der Tod.«

Der Betreiber eines Hitler-Blogs stöberte 2012 für ein Buch in seinem Kabinett der Gespenster, die in Werbung, Massenmedien und Internet umgehen. Die »Banalität des Bösen«, die Hannah Arendt an der Person Adolf Eichmann auffiel, die Mittelmäßigkeit des Charakters, die Zeitgenossen auch für seinen Chef Himmler vermerkten, die in keinem Verhältnis zum Ausmaß der Morde zu stehen scheint, ist zu einer »Banalisierung des Bösen« verkommen in Gestalt des Dämons aus Braunau als Werbeträger und Clip-Charge, als unbedingter Hingucker. Ein dicker Strich unter der Nase für die Bundeskanzlerin genügt in Griechenland und auf Zypern.

Das Blog-Buch zeigt die neuere Schwemme, nicht den stetigen Fluss seit 1945. Pornografie gab es immer schon, dank Internet kann sie lediglich jedes Schulkind sehen. Einmal verweist ein Screenshot auf längst vergangene Zeiten: eine Episode der US-TV-Serie Star Trek, in der die Protagonisten 1968 auf einem Nazi-Planeten landen und in SS-Uniformen auftreten. In Deutschland wurde die Folge nie ausgestrahlt. Nicht weil sie neonazistisch wäre; selbstverständlich fliegt Nazihausen in die Luft.

In der deutschen Version des Videogames Return to Castle Wolfenstein von 2001 sind zwar die Symbole entfernt, der Gegenspieler ist in Heinrich Höller umbenannt und führt die »Wölfe« an, aber jeder weiß: die Unterwelt liegt in Germany. Der Ego-Shooter erobert die Festung als US-Soldat und eliminiert Nazis ebenso wie aus den Gräbern gestiegene Germanen-Zombies. Im Original können und müssen die überall flatternden Hakenkreuzfahnen zerfetzt werden. Das soll man dort, wo sie in Wirklichkeit einmal aus jedem Fenster hingen, nicht tun dürfen. Schon mit der Demo der Originalversion auf dem Rechner macht man sich strafbar.

2006 wurden Vertrieb und Verteilung von Stickern mit durchgestrichenen Hakenkreuzen kriminalisiert, voran vom niedersächsischen CDU-Innenminister. »Das Hakenkreuz soll aus dem öffentlichen Raum verschwinden«, erklärte ein Polizist weisungsgemäß, als er in Stade Plakate beschlagnahmte, auf denen das verbotene Symbol gestrichen, zerstört oder in der Mülltonne gezeigt wurde. Der Vorstoß scheiterte an der zuständigen Anklagebehörde, die sich mit dem Präzedenzfall unweigerlich weitere Verfahren aufgehalst hätte. Die Versuche, die Ablehnung des Verbotenen zu verbieten, verliefen sich – bis zum nächsten Anlauf.

Eine erste internationale »Hitler-Welle« brandete in der internetfreien Vorzeit der 1970er an, mit alten Filmen von Chaplin, Lubitsch und Wilder und dem Musical Cabaret. Das Vorbild für die späteren Propaganda-Montagen von Guido Knopp im ZDF lieferte Hitler – eine Karriere von Joachim C. Fest. Als aufklärend etikettiert, erlaubte der Film die schamfreie Hingabe an das Faszinosum und präsentierte die verbotenen Zeichen in Originalumgebung.

Mit dem nach Fests Vorlage gefilmten Untergang Hitlers im Bunker wurde 2004 die Mär von der Alleinschuld des Führers und dem verführten Volk ins neue Jahrtausend gerettet. Als sein Ghostwriter hatte Fest den Mythos von Albert Speer geschaffen als umfassende Entschuldungsstrategie: wenn der Rüstungsminister nichts wusste, konnte der gemeine »Volksgenosse« gar nichts geahnt haben. Endlich versah der Untergang einen an Menschenversuchen beteiligten SS-Arzt mit einem Heiligenschein.

Auf den Covers von CDs mir »Rechtsrock« schreiten SS-Männer Seit an Seit mit Wikingern. Ein Nordmann mit roten Haaren streckt die Totenkopffahne in den Schießpulvernebel, zu seinen Füßen ein Kind mit Axt, neben ihm der schneidige SS-Mann mit Pistole; im Hintergrund rollen Panzer. Fantasien wie aus den Schubladen des Ahnenerbe.

»Meinungskampf« besteht für Neonazis im Aufeinanderprallen von Parolen. Feinere Abstufungen sind gemeinhin nicht gefragt. Anspruchsvollere Diskussionen, die im Internet durchschlagen, widmen sich Machtergreifungsstrategien. Die Philosophie des neuesten Nationalsozialismus ist weitgehend unbewusst, kein Gedankengebäude sondern eine Anlehnung an eigens zugerichtete Geschichten aus der Geschichte.

Mit »Hass, Humbug und Heuchelei« köderte Hitler die willigen Massen, strich Norbert Elias die Ähnlichkeiten des Nationalsozialismus mit Religionsmissionen heraus. Neonazis sind Mormonen, Zeugen Jehovas und Scientologen ähnlicher als Parteipolitikern.

Volksaufklärung — 19. September 2012

»Die Polizei kommt um Mitternacht«, »20 Jahre in Deutschland, jetzt nachts abgeschoben«: Schlagzeilen im August 2012. In Fredenbeck bekam ein Ehepaar mit zwei kleinen Kindern 20 Minuten Zeit, um die Sachen zu packen; der Flieger in ihre »Heimat« wartete. Die Eltern, 29 und 24 Jahre alt, waren als Kinder mit ihren Eltern vor dem Bürgerkrieg aus dem Kosovo geflohen.

Schon vor ihrer Abschiebung stand die Ausländerpolitik ausnahmsweise in der Kritik. Über die Lebensbedingungen von Asylbewerbern in Harsefeld erfuhr man: »Die Integration ist nicht gewollt«. Eine Zeitung beschrieb die »Angst vor dem Gang ins Kreishaus«, dem Sitz der Ausländerbehörde. Erstmals wurde der den Betroffenen und ihren Anwälten seit vielen Jahren geläufige verächtliche Umgang des Amtes mit ihren »Kunden« einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht und als Mangel an »Willkommenskultur« dargestellt.

Im Mai 1999 waren mehrmals »unbekannte Männer« an einem von Kosovo-Flüchtlingen bewohnten Haus in Fredenbeck vorgefahren, hatten »Ausländer raus« gebrüllt und Hakenkreuze auf die Wand geschmiert. »Ein Stein flog durch ein Fenster, zwei Scheiben wiesen kleine kreisrunde Löcher auf«, erfuhr man über die Nacht zum 10. Mai. Die Familie lebte seit acht Jahren in Deutschland und war unlängst als asylberechtigt anerkannt worden. Sie brachte sich mit ihren Kindern »bei Verwandten außerhalb des Landkreises in Sicherheit«.

Die »Nacht- und Nebelaktion« der Abschiebung von 2012 weckte bei Leserbriefschreibern Assoziationen: »so fing es während der Nazizeit auch an«; »es erinnert an die Nazizeit, als die Gestapo nachts Juden und andere missliebige Menschen aus ihren Wohnungen holte und verschleppte«; »dies ist eine Rückbesinnung auf Methoden, die sowohl in der Nazi-Zeit wie auch unter DDR-Bedingungen laut dort geltenden Rechts durchführbar waren«.

Die mit ihren Kindern abgeschobenen Eltern waren die Kinder von 1999. Damals erfuhr man nachträglich flüchtig von den Attacken, weil wenige Tage später Zog Sux und seine Bande in Aspe Asylbewerber überfielen und umlaufende Gerüchte bis zur Zeitungsredaktion vordrangen. ( →Zog Sux)

2012 brachte niemand die Opfer der Abschiebung mit denen der Neonazis in Beziehung. »Nazis morden, der Staat schiebt ab. / Das ist dasselbe Rassistenpack«, war im März in Gedenken an die 20 Jahre zurückliegende Bluttat am Busbahnhof in Buxtehude skandiert worden. Das wollten sämtliche Parteienvertreter nicht hören. Ihre zur Schau getragene Empörung über Neonazis wurde nur übertroffen von der Wut auf jene, die sich ihrer Sprachregelung verweigerten, wonach braune Banditen die einzigen im Lande seien, die »Ausländer« zum Teufel wünschen.

Zu einer Demonstration gegen die Abschiebung erscheinen vor dem Kreishaus ein paar mehr als die angemeldeten 20 Personen, vornehmlich Funktionsträger von SPD, Grünen und Linkspartei, die sowieso zur anschließenden Sitzung gehen würden. Im Bericht des Lokalanzeigers wurden daraus 42 Personen im Text und 70 in der Bildunterschrift.

Das Blatt hatte mehrfach ganze Seiten mit der Causa gefüllt und zog die Lüge der Schilderung der Wirklichkeit vor: die Empörung über die Abschiebung beschränkte sich auf die politische Klasse, die letzthin dafür verantwortlich war. Passanten fühlten sich zu Kommentaren der Kundgebung genötigt: »Ich verstehe die Aufregung nicht. Nachts und mit Kindern hätte wohl nicht sein müssen, aber sonst war das doch in Ordnung.«

Betroffene ließen sich selbstverständlich nicht blicken. Der für sie zuständige Sachbearbeiter könnte bemerken, dass sie vor seinem Arbeitsplatz Unmut äußern und es übel nehmen. Sofern ihr Aufenthaltsstatus es erlaubt, melden sie sich pro forma in einem benachbarten Landkreis an. Nach Recht und Gesetz macht das keinen Unterschied, aber dort werden sie anständiger behandelt. Davon wollten weder Politiker noch Presse etwas wissen.

In der Sitzung zitierte eine SPD-Abgeordnete Hannah Arendt: »Keiner hat das Recht zu gehorchen«. Gemeint waren sowohl die Mitarbeiter der Ausländerbehörde wie die Polizisten, die die Abschiebung durchführten. Doch schon im nächsten Satz wurde das Verhalten der Beamten jeder Kritik enthoben und ihnen bescheinigt, sie hätten nach Recht und Gesetz gehandelt, als sie ihre Befehle befolgten.

Die Polizeiführung erweckte den Anschein, als sei den Beamten, die nachts Kinder aus dem Bett holten, um sie in ein unbekanntes Heimatland zu verfrachten, nicht einmal mulmig dabei gewesen. Warum sollten sie beim nächsten Mal nicht gehorchen; warum sollten ausgerechnet sie moralisch aufgeklärter sein als alle anderen, als die Politiker, die eine Abschiebungspraxis kritisierten, die sie selbst etabliert hatten und in zahllosen Fällen stillschweigend hinnahmen, weil sie keine Schlagzeilen machten und Stellungnahmen erforderten.

Der Wortführer der CDU erregte sich darüber, dass eine SPD-Vertreterin von »deportieren« gesprochen habe; den Ausdruck wolle er »aus dem Wortschatz gestrichen« haben. Sein Kollege wollte es »Inobhutnahme« genannt wissen. SPD, Grüne und der Linke beschworen eine nicht näher definierte »Menschlichkeit«; für die CDU war alles nur »Theater«.

»Ich hätte mir gewünscht, dass nicht nur die Familie aus Fredenbeck abgeschoben werden würde, sondern alle im Landkreis geduldeten Ausländer«, begann der NPD-Vertreter seinen Beitrag. Das Weitere ging in »Pfui«-Rufen unter; das Publikum und einige Abgeordnete verließen den Saal. Bevor die Unruhe sich gelegt hatte und Adolf Dammanns Sätze wieder verständlich geworden wären, ermahnte der Vorsitzende ihn und entzog ihm schließlich das Wort, weil seine Aussage »der Volksverhetzung nahe kommt«.

Er habe gedacht, es handele sich um eine politische Debatte, erwiderte Dammann. »Ich bin nicht hergekommen, um ein einheitliches Lied zu trällern«; er glaube, er habe das Recht, »einen anderen Tenor« anzuschlagen. »Das war kein anderer Tenor«, entgegnete der Vorsitzende und drohte ihm den Rauswurf aus dem Saal an.

SPD, Grüne und Linkspartei verabschiedeten einen symbolischen Antrag zur Rückholung der Abgeschobenen. Die CDU stimmte für gar nichts. Erst in der nächsten Sitzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit nahm sie einen Antrag an, der verhinderte, dass das Thema vor der Vollversammlung des Kreistags verhandelt wurde. Ihre Begründung: damit die NPD kein Podium erhalte. Ohne zu Wort zu kommen, bestimmte Adolf Dammann, wo es lang ging.

»Weil er dies [weitere Abschiebungen] mit fragwürdigen Argumenten untermauerte, verließen zahlreiche Abgeordnete und die Zuhörer den Saal«, vermerkte der Lokalanzeiger über seinen Auftritt. Tatsächlich sprangen sie beim ersten Satz auf und hörten keine »Argumente« mehr. Wenig später konnten sie diese nachlesen, als Selbstdarstellung des Landtagskandidaten in derselben Zeitung. Was Dammann fordert, wovon die CDU nicht reden möchte und alle Ausländer wissen: so viele Abschiebungen wie irgend möglich ist das Hauptanliegen der praktischen Ausländerpolitik.

Schlachtfeld — 14. Januar 2013

»Unseren Willen kann man nicht brechen«, verkündete Adolf Dammann als 40-Jähriger. Seine »Landesaktionen« sollten »die Mauer des Totschweigens, die die Systempresse um uns gezogen hat«, durchbrechen. »Der Wahlkampf in Niedersachsen ist nur eine Station auf unserem langen Marsch in die Zukunft! Er ist nur ein Abschnitt unseres entschlossenen Kampfes von der Wiege bis zur Bahre!«

Nun ist er 73, und wieder ist Wahlkampf. Der findet in den Medien statt, die Parteien agieren vornehmlich im Virtuellen. Nur pro forma stehen ihre Vertreter an einem Samstag mit Broschüren in den Gassen, und am letzten Mittwoch vor dem Stichtag wird die Kanzlerin in der Stadthalle von ihren Anhängern bejubelt. Mehr Bürgernähe gibt es nicht, die Hälfte der Wahlberechtigten macht sowieso nicht mehr mit.

Allein die NPD, die sich von den Medien missachtet fühlt, treibt sich auf den Straßen herum und tourt mit einem Lastwagen, »Schlachtschiff« genannt, durch die Lande. Drei Dutzend von der SPD mit Trillerpfeifen und ein Dutzend Antifa demonstrieren am Polizeikordon um die Mitte von Stade.

Seine halbstündige Rede hat Dammann schon anderswo gehalten. Als wolle er bekräftigen, dass sich in der NPD Ewiggestrige sammeln, verlangt er eine Meldepflicht für HIV-Infizierte nach dem Seuchengesetz. Bis heute müssen Erkrankte auf Ächtung gefasst sein, wenn sie sich bekennen, doch niemand fürchtet sich hierzulande mehr vor AIDS. Nicht wie damals im April 1987, als der niedersächsische Landesverband die Forderung erstmals erhob.

Zum Auftakt hat Dammann seinen Sermon mit Lokalkolorit verziert und wettert gegen »Ausländerkriminalität« am Beispiel eines Falls, der 2005 Schlagzeilen machte und bereits im damaligen Wahlkampf von der CDU für Law-and-order-Parolen benutzt wurde. Auf ihn geht die Schaffung eines kommunal finanzierten »Freiwilligen Sicherheits- und Ordnungsdienstes« zurück. Den hatte der Innenminister für das ganze Bundesland vorgeschlagen, aber nur in Stade wurde er dauerhaft verwirklicht.

»Dabei ist das romantische Städtchen mit den gepflegten Fachwerkfassaden keineswegs ein Hort von Rechtsextremisten«, hatte Der Spiegel 1997 notiert. »Pöbelnde Skinheadbanden wie im benachbarten Tostedt gibt es hier nicht. Ganz eifrige Mitbürger planen immer mal wieder eine Bürgerwehr, aber das Projekt schläft rasch wieder ein.«

Die Polizei sprach sich zunächst gegen die Konkurrenz aus, schloss sich aber bald der Sorge der Politik um die »gefühlte Sicherheit« an. Nicht auf Neonazis, die die Straßen allerdings nicht unsicher machen, konzentrierten sich die Wachleute, sondern auf dunkelhäutige Jugendliche, die sie nach Gusto kujonierten. Das schuf erst Recht Unruhe und wurde unterbunden.

Die Politik hat die Uniformierten unisono zur unverzichtbaren Bereicherung erklärt und jeder Kritik enthoben. Wen die Blockwarte stören, muss etwas zu verbergen haben und steht außerhalb des demokratischen Konsens. Gegenwärtig patrouillieren die Paare in Blau mit Mütze, Kamera und geschwellter Brust schwatzend durch die Gassen und erteilen gegebenenfalls Touristen Auskünfte.

Die »Ausländerkriminalität«, die der Bürgerwehr den Vorwand lieferte und von Dammann zitiert wird, war eine Chimäre. Drei Kids hatten binnen Wochenfrist sechs amtlich festgestellte Überfälle begangen. Mancher Raub kam nicht zur Anzeige: ein Tatort war die »Schwulenklappe«, der Kontakthof für Homosexuelle in einem Park am Bahnhof. Die Polizei unternahm nichts, bis eine stadtbekannte Frau niedergetreten wurde. Man musste den Jungs nicht lange auflauern, um sie zu fassen in dem Revier, das sie sich geschaffen hatten und täglich durchstreiften.

Als Dammann das prominente Opfer in seiner Wahlkampfrede beschwört, blickt er auf den ehemaligen Arbeitsplatz der Überfallenen. Sie war einmal dienstälteste weibliche Leiterin eines Bundespostamts. 1986 hatte sie Dietmar Munier zu »Eisbeinessen mit Dia-Vortrag über eine Reise ins Sudetenland« eingeladen. Sie war in auswärtigen Medien als Rechte aufgetreten, bevor sie sich im Stadtgedächtnis als fremdenführende »Nachtwächterin« verankerte.

Reisenden wird im »romantischen Städtchen« die geschliffene Bastion der Festung gezeigt; vom Kontaktweg für Homosexuelle auf der Kuppe des Erdwalls wissen Einheimische so wenig wie Touristen auf die Gedenktafel für den jüdischen Autor eines Bestsellers über Transsexualität hingewiesen werden.

Auch im Gerichtssaal wurde daran nicht gerührt, und kaum einer konnte den Mut des Mannes würdigen, der Anzeige erstattete, als er seines Handys wegen »umgehauen« worden war, und eine öffentliche Zeugenaussage machte. Er wurde nicht gefragt, was er zu diesem Zeitpunkt an der »Schwulenklappe« wollte.

Dammanns Gesinnungsgenossin, die er in seiner Rede auf dem Marktplatz nicht als solche anspricht, bezeigte im Prozess Großmut, indem sie kein böses Wort über ihre Angreifer verlor. Die schwerstens und nachhaltig Versehrte bemitleidete die Kinder, von denen sie überrannt worden war.

Über kriminelle Ausländer verlor sie schon deshalb kein Wort, weil sie besser wusste, was Dammann in Erinnerung zu bringen meint und nur der Presse entnommen hat. Ein Täter war »reinblütiger« Deutscher, einer Sinto und einer allerdings mit »Migrationshintergrund«. Ihre Verbindung stifteten nicht Gene oder Rasse, sondern die Herkunft aus dem »Ghetto«.

Auf das die Gangster verbindende Wohnquartier ging der verantwortliche Lokalredakteur schon deshalb nicht ein, weil er für den Magistrat viermal jährlich eine Hochglanz-Werbebroschüre für ein millionenteures »Sanierungsprojekt« des Viertels erstellte, in der oft dasselbe wie stand wie in seiner Zeitung oder umgekehrt.

Kaum war die erste Bande aus den Schlagzeilen, wurde eine zweite Gruppe »Ausländer« als Gangster stigmatisiert. Gemeinsam war ihnen wiederum allein die Adresse, die unerwähnt blieb. In Videos auf YouTube posierten sie als Rapper wie eingemauert in »der Breslauer« (Straße) und trotzten der Verachtung als »Schwarzköpfe«. Die meisten hatten einen deutschen Pass.

Sie waren keine Räuberbande, sondern eine Freundesclique zwischen 15 und 18 aus mehreren »Nationen«. Einige begingen Straftaten, andere nicht. Das Image des »Boss«, das einer von ihnen sich als Rapper zulegte, wurde von der Polizei als Geständnis statt als lyrisches Bekenntnis gelesen. Sie stellte sich vor, dass er die anderen befehligte, während diese seine Pose als Posse nahmen.

Einer Auswahl von ihnen wurde ein »Aufenthaltsverbot« für die Innere Stadt erteilt. Grundlage waren nicht bewiesene Straftaten, sondern Verdächtigungen der Polizei. Sie betrat im Verein mit dem Magistrat stolz das juristische Neuland. Ein Reporter, dessen Recherchen eine Pressekonferenz inspiriert hatten, wurde zu dieser nicht eingeladen; er hätte Einwände vorbringen können und wäre der einzige Anwesende gewesen, der die Angeprangten persönlich kannte.

Als Adolf Dammann die von der Lokalpresse erfundene »Ausländerbande« beschwört, sind die anderen »Gangster« weiterhin in den Gassen unterwegs; was immer sie sich zu Schulden haben kommen lassen, hat nicht für das ihnen einst vorhergesagte Gefängnis gereicht. Sobald einer von ihnen tatsächlich oder vermeintlich Anlass zum polizeilichen Eingreifen gab, wurde ein neues Verbrechen der Bande vermeldet.

Darunter ein »Überfall« der »Ausländer« auf »Deutsche«. Tatort: ein dunkler Park hinter dem Gymnasium, den niemand ohne Not betritt. Was mochte die Gruppe zum Teil auswärtiger Angegriffener dorthin verschlagen haben, dass die »Terror-Bande« sie dort abpassen konnte? Es gab kein Gerichtsverfahren; bis auf politisch inspirierte Polizeimeldungen existiert der Fall für die Öffentlichkeit nicht.

Ermittlungen fanden allerdings statt, Alibis wurden abgefragt. Man hätte herausfinden können, dass es die Revanche für ein erstes Zusammentreffen gewesen sein soll, bei dem die Polizei außen vor geblieben war: eine verabredete Schlägerei zwischen »Schwarzköpfen« und Neonazis, bei der die unterlegene Kameradschaft diesmal den Notruf wählte.

Ihre Kundgebung auf dem Marktplatz musste die NPD wie üblich beim Verwaltungsgericht bis zur letzten Minute einklagen. Den Stromanschluss für einen Lautsprecher konnte der Magistrat ihr immerhin versagen und als »Sieg der Demokratie« verbuchen. Das statt dessen eingesetzte »Moppel«, der Dieselmotor, stirbt den Kältetod, sobald Bundesvorsitzender Holger Apfel das Wort ergriffen hat. Seine unverstärkte Rede wird vom Protestlärm verschluckt.

Ein Erfinder der Geschichten, die Dammann dankbar aufgreift, ist als Berichterstatter auf dem Platz. Zum NPD-Landesparteitag 1984 schrieb er: »Demonstrationen sind gut und notwendig, doch wir müssen uns – wohl oder übel – auch mit den Inhalten auseinandersetzen.« Drei Jahrzehnte später ist ihm die Demo zu aktionsarm. Für den Livestream seines Web-TV braucht er Bilder; Inhalte lassen sich nicht zeigen.

Als die Antifa sich ein paar Schritte auf die Polizeisperre zu bewegt, kommt seine Chance. Ein SPD-Ratsherr baut sich gewichtig zwischen Polizei und Antifa auf, als bedürften die hochgerüsteten Beamten seines Beistands. Das Web-TV vermeldet »Eskalation«. Der Einsatzleiter erfährt durch seine Kollegen am Rechner der Revierwache davon und lacht lauthals. Solange die Antifa seine Postenkette respektiert, kann ihm egal sein, wo sie steht.

Bis zum Schluss der Veranstaltung stellt sich der SPD-Mann mit breiter Brust der »Gewalt« entgegen, Polizei und NPD in seinem Rücken, und bleibt im Bild. Weniger ruhmreich war seine Beteiligung als Laienrichter an dem verheerenden und von der höheren Instanz kassierten Urteil des Landgerichts vom August 2011 zum Landfriedensbruch von Stefan S. in Tostedt (→ Das Nest in der Nordheide [1] und [4]).

Nach der Wahl beklagte sich die NPD, sie werde in den Medien in »das Licht einer unwählbaren und kriminellen Polit-Sekte« gerückt. Sie halbierte ihr Ergebnis vom vorigen Mal und verfehlte mit 0,8 Prozent die Marge der Wahlkampfkostenrückerstattung, deretwegen sie hauptsächlich verboten werden soll. In der »Ausländerpolitik« ist ihre Stimme allemal entbehrlich.

Quellen und Literatur

Blutwiese – A. Voß in Heimatkalender für den Landkreis Verden 1996 | U. R. in Neues Deutschland 11.5.2000, blick nach rechts 12/2000 | A. Röpke: »Wir erobern die Städte vom Land aus!«, Braunschweig 2005 | S. Kuhlmann: Der Streit um Karl den Großen, Widukind und den »Tag von Verden« in der NS-Zeit, Stade 2010 | M. H. Kater: Das »Ahnenerbe« der SS 1935–1945, Stuttgart 1974 | J. Rieger in Nordische Zeitung 2001

Nationales Zentrum – E. Høgh-Sørensen: Forbrydere uden straf, Hellerup 2004 | blick nach rechts 14, 18, 25–26/2004, 2, 3, 5, 12, 21, 24/2005, 1/2006 | Weser Kurier div. Ausg. 2004/05 | Hamburger Abendblatt 6.7., 24.9., 22.12.2004 | Spiegel 29/2004 | Die Welt 28.9.2004 | taz div. Ausg. 2004/05 | Freitag 52/2004 | Verwaltungsgericht Stade Az. 2 B 2020/04, 2 B 234/05 | kueste.vvn-bda.de 2004/05

Schwarze SchönheitStader Tageblatt 12.12.2012 | H. Strohm: Die Gnosis und der Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 1997 | S. Sontag: Im Zeichen des Saturn, Frankfurt/M. 1983 | U. R. in Spuren 11–12/1985 | G. Meade: Operation Sphinx, Bergisch Gladbach 1999 | D. Erk: So viel Hitler war selten, München 2012 | U. R. in Die Gazette 18.11.2003 | J. Pomorin/R. Junge: Die Neonazis, 6. Aufl. Dortmund 1979 | N. Elias: Studien über die Deutschen, Frankfurt/M. 1992

VolksaufklärungStader Tageblatt 26.5.1999, 28.4., 20.9.2012 | Kreiszeitung Wochenblatt 22.8., 5.9.2012 | Rede-MS Dammann [Privatarchiv]

SchlachtfeldNiedersachsen Spiegel 2/1978 | Spiegel 39/1997 | Stader Tageblatt 26.3.1984 | Homepage NPD-Nds. Jan. 2013

ÜBERSICHT Braune Bande. Neonazismus in Niederdeutschland

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