Das Bündnis von Neonazis, Rockern und Reichsbürgern

Schwarzer Schmerz — 16. März 2011

Zeiten ändern sich, Parolen und Personen wechseln, die Methoden variieren. Anschauungen wandeln sich. 2004 ermahnte Christian Worch seine Kameraden: »Solange Befindlichkeitsmode und teilweise grobe Entstellungen von Gesicht und Körper mithilfe von Formen primitiver Stammeskulturen das Bild einer Versammlung zumindest deutlich sichtbar ausmachen, wird sich niemals auch nur eine erkennbare Gruppe […] abseits stehender Deutscher in unserer Mitte einfinden.«

Da war der Zug schon abgefahren. 2005 ließ mich ein Bandit seine strafrechtlich einwandfreien Symbole auf dem Unterarm fotografieren. Seine Schwarze Sonne steht nicht auf der einst von den Alliierten erstellten Liste mit Abzeichen des Nationalsozialismus, an der sich die Strafverfolgungsbehörden bis heute orientieren.

Das Rad aus 12 Sig-Runen war ein esoterisches Zeichen, das nicht einmal in den Zirkeln, für die es bestimmt war, Verbreitung fand. Es prangt auf einem Bodenfries in der Wewelsburg bei Paderborn, die Himmler als Kultstätte seines Ordens der Schwarzen Schergen zwar einrichtete, aber nur einmal nutzte. Der Runenkreis steht für die Ritter einer Tafelrunde, die im »Obergruppenführersaal« häufiger in der Fantasie von Neonazis und angelsächsischen Thrillerautoren zusammenkommen als sie es in Wirklichkeit taten.

Zur Provokation taugt die Schwarze Sonne weniger, weil sie dem Bürger auf der Straße nicht als NS-Symbol geläufig ist. Umso unmissverständlicher ist ihr Bekenntniswert. Eindeutiger als das Hakenkreuz steht sie für die Schutzstaffel und die Shoah. Sie fehlte unter den in amtlichen Broschüren gelisteten politischen Symbolen, als sie bereits zu einem der beliebtesten Embleme der Szene avanciert war.

Unweit des Platzes in Stade, an dem der Bandit seine Schwarze Sonne aufgehen ließ, unterhält ein Mann aus Tostedt seit Januar 2012 ein Tattoo-Studio. Bei seinem Prozess um den Landfriedensbruch vom Pfingstmontag 2010 ( →Das Nest in der Nordheide) war der 34-Jährige vom Hals aufwärts ungezeichnet. Er und seine Kameraden verbringen viel Zeit im Fitness-Studio; reichlich Gelegenheiten, entlegenere Bilder zu zeigen. Statt sichtbarer Hautzeichnungen trug er einen Kapuzenpullover mit codierter Aufschrift: »North Gang Stade 8.–6. M/C [Eisernes Kreuz] Germany Stade«.

Sebastian St. vertreibt eine eigene Kleidermarke. »Ist wie Sex and Crime«, erklärte er dem Gericht den Namen Gladiator Germania, »das bringt es an das Publikum«. 2005 hatte er seine »Markenphilosophie« auf einer Homepage dargestellt: Gladiator sei einer, der »unter außergewöhnlichen Umständen um seine Existenz ringen muss«. Die Ware erhielt man damals nur durch »persönlichen Kontakt«.

Zur gleichen Zeit wurden »Gladiatoren« bei Aufmärschen gesichtet. Als Nationale Sozialisten Niedersachsen soll die Kameradschaft inzwischen mit anderen in Celle, Hannover, Hildesheim, Lüneburg, Schaumburg, Schneverdingen und Uelzen verbündet sein.

Schwarzer Schmerz heißt das Tattoo-Studio, freilich auf Englisch. Die Kundschaft wird nicht nach Gesinnung sortiert; der Tätowierer wurde seiner Qualifikation wegen eingestellt, die politische Orientierung war egal. Auch in seinem Business als Spediteur kann und muss Sebastian St. nicht nur mit Gesinnungsgenossen Geschäfte machen. Andere haben vor ihm erfahren, dass ihre Anschauungen keineswegs geschäftsschädigend sein müssen.

Potentiellen Kunden, die sich mit Schaudern abwenden, stehen jene gegenüber, die »nationalen« Handelsmännern deutsche Sekundärtugenden wie Zuverlässigkeit und Fleiß besonders zutrauen. Im Handwerk und im Baugewerbe auf dem Lande machen einige damit ihren Schnitt. Marc R., Bauunternehmer und früherer Stahlhelm-Wehrsportler, war im Sommer 2006 der erste NPD-Kandidat der Region, der sich vor Outing nicht ängstigte und mit seinem Konterfei über dem Slogan »Flagge zeigen« auf Wahlplakaten warb. In Bremervörde wurde sein Mut mit einem Mandat belohnt.

Sebastian St. kandidierte 2009 für die NPD zum Bundestag. Eine aussichtslose Formalität, für die nicht sonderlich Werbung gemacht wurde und er sein Gesicht nicht zeigen musste. Im Jahr darauf brachte er vor, nicht einmal Parteimitglied gewesen zu sein. Inzwischen war er ohne sein Zutun bekannter geworden als durch Wahlplakate möglich.

Unbemerkt hatte er ein Geisterhaus vor den Toren von Stade erworben. Es liegt an einer vernachlässigten Strecke zur Elbe, den Touristen vertrauter als einheimischen Entscheidungsträgern. Nach fast 100 Jahren als Ausflugslokal stand das Gebäude lange leer, war zeitweilig Unterkunft für Asylbewerber und wurde nach einem letzten Versuch als Gaststätte zwangsversteigert.

Mit St.s Einzug geriet das verachtete Haus als mutmaßlicher Anlaufpunkt für Neonazis in den politischen Focus. Monatelangen Protesten und einer Demonstration zum Trotz und ungeachtet wiederholter Meldungen, dass er das nicht dürfe und könne, errichtete St. einen Stützpunkt des Motorradclub Gremium.

Black Pain Stade (Zeichnungen: urian)

Siebte Symphonie — September/November 2012

Mit dem Bebauungsplan eines »Sondergebiets« für »landwirtschaftliche Erzeugnisse« wolle der Gemeinderat »Um- und Anbauten« genehmigungspflichtig machen; somit dürfe St. »das Haus zwar weiterhin nutzen, es aber nicht zu einem Club-Domizil umbauen«.

So stand es im Herbst 2012 in der Zeitung. Den Artikel illustrierte ein Archiv-Foto. Seit die Proteste verhallt sind, war kein Reporter war mehr da. Die Baumaßnahmen des vorangegangenen Sommers sind auf dem Bild nicht zu sehen: die Renovierung des Schankraums, der Zaun, die Bemalung, die erweitere Inschrift: aus »Zur Synphonie [!] Gästezimmer« wurde »Gremium 7. Synphonie«. Die Zahl ist dem 1972 gegründeten europaweit verbreiteten und streng hierarchisch gegliederten Club heilig, an seiner Spitze steht ein Siebener-Rat.

Der Umbau zum Clubhaus, der verhindert werden soll, war bereits abgeschlossen. Der Zaun wurde am 1. Mai eingeweiht. Ausflügler radelten scharenweise vor der Haustür am Deich entlang und sahen zehn schwarze Motorräder und einen weißen Kastenwagen. Die Rocker platzierten sich demonstrativ zum Gelage – als Herausforderung an die Nachbarn und vor allem die Polizei, die Gremium MC öffentlich »in den Bereich der Organisierten Kriminalität eingeordnet« hatte.

»Das haben wir auf dem Schirm«, wiederholte ein Sprecher im Oktober 2012. Zwei Jahre nach dem Einzug der Bande ein Bekenntnis der Machtlosigkeit, oder das Gerede von Organisierter Kriminalität ist üble Nachrede. Hat sie Beweise für kriminelle Aktivitäten, kann die Polizei gefälligst einschreiten.

Sturmfest Security heißt die dem Club angegliederte Schutztruppe. Ordnerdienste sind ein Geschäftsfeld, auf dem Rocker wie Neonazis bevorzugt tätig sind. Wer Ausländer als Gäste abschrecken will, bevorzugt Braune als Wachleute, die mit Überzeugung bei der Sache sind. Die Verbindungen sind vielfältig, und die Begriffe geraten oft durcheinander. Als »Rockergruppe aus Hamburg« wurde Michael Kühnens Hansa-Bande in den 1970ern bezeichnet, als sie noch neu war und (wie seither) das Eingeständnis vermieden wurde, dass es überhaupt Neonazis gab.

Kontakte wie Konkurrenzen wurden intensiviert, als beide Gruppierungen ihre Claims im neu zu schaffenden Rotlicht-Milieu in der Ex-DDR absteckten. Der Tod von Kühnens Statthalter in Dresden warf im Mai 1991 ein grelles, aber von den Behörden abgeschattetes Licht auf die Bandenstrukturen: Rainer Sonntag starb im Revierkampf durch den Schuss aus einer Schrotflinte. Während die Aktivitäten sich im Osten konzentrierten und im Westen aus dem Blick gerieten, schienen auch die Rocker von der Niederelbe verschwunden.

Auf die Freundschaft von NPD und Rockern fiel bereits 1979 ein Licht. Bis dahin brauchte die Partei keinen Saalschutz. Als aber im September zwei Dutzend NPD-Mitglieder im »Insel-Restaurant«, einer ersten Adressen Stades, einen Vortrag hören wollten, wurden sie von 80 Demonstranten empfangen, von denen die Hälfte sich in den Saal drängte.

Für eine Veranstaltung wenige Tage später im Freizeitheim in Buxtehude war mit 15 Rockern an der Tür vorgesorgt. Als der NPD bei nächster Gelegenheit der Zugang gerichtlich verwehrt wurde, wich sie aus in die Spinne, das Stammlokal der Rocker.

»Eine offizielle Feier wird das nicht werden«, frohlockte eine Zeitung: weil es keine Konzession für eine Schankgenehmigung gäbe. Auf Laufkundschaft war das »Sturmfest« in der Siebten Symphonie im November 2012 ohnehin nicht angelegt. Von einem Verbot der Versammlung angeblich Organisierter Krimineller war keine Rede. Mindestens 100 Polizisten riegelten die Zufahrt über die schmale Straße am Deich ab und kontrollierten jeden der 200 Gäste.

»Die Situation war entspannt«, resümierte ein Polizeisprecher; weder an den Sperren noch durch die Fete kam die öffentliche Sicherheit in Gefahr. Verfassungsfeindliche Symbole auf den Kutten stellte die Polizei nicht fest. Keine Hakenkreuze, aber vielleicht Schwarze Sonnen?

Sind nicht die Erkenntnisse der Polizei dürftig, sind es die Auskünfte, die sie erteilt. Für die Verbindung der Rocker nach Rechts wird als Indiz genannt, dass die Einladung zum »Sturmfest« »von der Gestaltung her an rechtsextreme Propaganda« erinnert. Frakturschrift und Runen? Die Homepage der → Unsterblichen braucht keine scheinbar umstandslos entlarvenden Elemente, die gar nicht eindeutig sind.

Wikinger kommen in jedem beliebigen Bericht über das Rock-Festival in Wacken vor; Runen werden von der sich mit dem Rocker-Milieu vermischenden Gothic-Szene genauso geliebt wie von Neuheiden und esoterischen Ökologen. NPD-Flyer sind nicht »nazistischer« aufgemacht als die anderer Parteien. Das Layout einer Einladung dürfte keinem Staatsanwalt als Beleg für nationalsozialistische Gesinnung reichen.

Insgesamt 500 »kriminelle Rocker« zählt die Polizei in Niedersachsen. Ein Großteil wäre demnach bei Gremium MC eingeladen gewesen? Die Kreise sind vielfältiger, reichen weiter und überschneiden sich an Stellen, an denen Polizei und Presse selten nachschauen. Neonazis sind überall dort, wo sie sich wohl fühlen. Im Schützenverein oder Fitnessclub, in der Bürgerinitiative oder bei der Parteineugründung. Die nationalsozialistische Szene unterwanderte die linke Wählergemeinschaft WASG, bevor sie von der PDS geschluckt wurde, 2012 erfuhr man von braunen U-Booten bei der Piraten-Partei.

Zwischen den Läden — 2011–13

»Deutschland ist doch nach wie vor ein besetztes Land« war ein Zeitungs-Leserbrief im Dezember 1984 überschrieben. Es ging um die NATO-Manöver, die während der Block-Konfrontation in der norddeutschen Tiefebene alljährlich im Frühjahr und Herbst stattfanden. »Fast 40 Jahre nach Kriegsende, und während hier noch ihre alten 10-Zentimeter-Bomben ausgegraben werden, können sich bei uns die ehemaligen Sieger praktisch alles herausnehmen, was in ihrem Interesse liegt.«

Der Verfasser regte Störmanöver an, um die »mit einem Affenzahn« über die Straßen rasenden Panzer buchstäblich auszubremsen. »Dabei wäre den ausländischen Soldaten und ihren Befehlshabern dann auch etwas Zeit geblieben, darüber nachzudenken, wie erwünscht sie hier sind.« Obwohl der Tonfall es vermuten lässt, stammt die Wortmeldung nicht aus NPD-Kreisen. Der Leserbrief schließt: »Man kann nur hoffen, dass sich durch die grüne Beteiligung in Bonn langfristig etwas ändert.« Der Autor ist ein »Friedensbewegter«, wie es zu seiner Zeit hieß.

»Weißt du eigentlich, dass Deutschland nach wie vor ein besetztes Land ist«, fragt mich Timo, geboren zur Zeit des Leserbriefs, im September 2012. Er hat es in einem Laden in der Inneren Stadt aufgeschnappt, in dem sich eine nach landläufiger Koordination links-alternative Szene trifft. Im e*-A*** erhält man Piercing und Tattoos; im Fenster hängen Skelette, Vampire und Engel, auf einem Monitor flackert eine Diashow: Bilder von Chem-Trails, Monsanto mit Totenschädel und gekreuztem Besteck, Anti-EU-Karikaturen. Neben der Tür hängt ein Zettel mit einer zahlenmystischen Verschwörungsgleichung zu den Morden an den US-Präsidenten Lincoln und Kennedy.

Timo setzt mir auseinander, dass eigentlich gar kein gültiges Recht existiere, weil Deutschland sich immer noch im Besatzungsmodus befände. »Ach ja, der fehlende Friedensvertrag«, stöhne ich. Eine Argumentation, die bis zur Wiedervereinigung verbreiteter war, ein ganz alter Hut aus der Zauberkiste der Revisionisten. Horst Mahler, Ex-RAF, Ex-NPD und wegen Volksverhetzung langjährig in Haft, hat diese Karte noch nach der Jahrtausendwende oftmals gezogen. Timos Quelle ist der selbsternannte »Hochkommissar für Menschenrechte« aus Stade.

Dieser fühlt sich berufen, nachdem er 2006 einen Sieg beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte errang, der die Verschleppung seines Prozesses um einen Unfall rügte. Als Person kommt er in zweierlei Hinsicht in Betracht. Einerseits geht er in beiden Läden ein und aus – dem e*-A*** wie dem eine Straßenecke entfernten Tattoo-Studio Black Pain von Sebastian St.

»Können Sie sich ausweisen?«, fragte St. als Angeklagter das Gericht im Prozess um den Tostedter Landfriedensbruch. Er war ohne Anwalt erschienen und folgte den Vorgaben des »Hochkommissars«. St. und sein renitenter Rocker-Anhang wiederholten die Ausweis-Frage wie eine Beschwörungsformel und begriffen kaum die auswendig gelernte Begründung, wonach die Gesetzgebung des Kaiserreichs gültig geblieben sei. Die hat der »Hochkommissar« nicht erfunden; seine Beigabe war der szenische Einfall der vermeintlichen Ausweispflicht.

»Können Sie sich ausweisen?«, riefen die Rocker noch nach der Urteilsverkündung. Der Vorsitzende Richter hatte keine Ahnung von rechten Ideologemen und erkannte dieses bis zum Schluss nicht. »Können Sie sich ausweisen?«, rief die Bande, bis er den Saal verlassen hatte. Er hatte keine Antwort darauf.

In einem weiteren Punkt kommt der »Hochkommissar« persönlich in Betracht, wodurch sich eine zweite »Querfront« schließt. Seinen Rechtsbeistand holte sich der frühere NPD-Kandidat St. von einem Türken. Dieser und seine Anhänger geistern als »Reichsbürger« durchs Internet; einmal demonstrierten sie sogar vor dem Reichstag. Praktisch gehen sie weiter als die Neonazis, die mit verwandter Begründung den Rechtsstaat ablehnen. In Uniform und mit Ausweisen versehen treten »Reichsbürger« den Exekutivorganen als Alternativmacht entgegen.

Quellen und Literatur

Schwarzer Schmerz – T. Staud: Moderne Nazis, Köln 2005 | A. Röpke: »Wir erobern die Städte vom Land aus!«, Braunschweig 2005 | recherche-nord.com

Siebte SymphonieKreiszeitung Wochenblatt 27.10., 7.11.2012 | R. Bossi: Halbgötter in Schwarz, München 2006 | Die Welt 20.4.1978 | Stader Tageblatt 12.9., 13.9., 15.9., 17.9., 22.10.1979, 5.11.2012

ÜBERSICHT Braune Bande. Neonazismus in Niederdeutschland

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