Aspekte der gegenwärtigen Geschichte des Nationalsozialismus

Mordverschwörer spekulieren im Web über Gründe, die Winston Churchill gehabt haben könnte, Heinrich Himmler am 23. Mai 1945 zum Schweigen gebracht zu haben. Denkbare politische Motive haben nach dem Ende des Kalten Krieges ihre Brisanz verloren. Die transzendenten Aspekte rücken in den Vordergrund: „Was wäre, wenn das Motiv nicht mit Diplomatie zu tun hätte, sondern mit Himmlers New-Age-Verbindungen“, mit Thule-Gesellschaft, Artamanen“, Wewelsburg, Ahnenerbe und vor allem dem „wahren Zweck der Himalaya-Expedition 1938?“

Die Obskurantisten zählen richtig auf, was Himmler in seinen letzten Zügen umtrieb, und sie versehen Tatsachen mit Sinn, über die kein akademisches Geschichtsbuch aufklärt. Zum engsten Gefolge gehörte ein Astrologe, und Himmler gab Befehle zur Wewelsburg und zum Ahnenerbe. Freilich erzählen die Verschwörer nicht die ganze Geschichte und erwähnen weder Menschenversuche noch Vernichtung durch Zwangsarbeit.

Black Pain Stade (Zeichnung

Bevor ein Historiker sich den mystischen Anteilen des Nationalsozialismus zuwandte, hatten Esoteriker die spirituellen Wurzeln ausgegraben und den Rassenwahn zur metaphysischen Sendung verklärt. „Der Nationalsozialismus war meine Religion, Adolf Hitler mein Gott“, sagte ein Neonazi, nachdem er vom Glauben abgefallen und scheinbar geläutert war.

Am 18. März 1992 stritt der 53-jährige Frührentner Gustav Schneeclaus auf dem Busbahnhof von Buxtehude mit zwei Skinheads von 26 und 19 Jahren über deutsche Geschichte. Der Alte habe sie provoziert und behauptet, Hitler sei gar kein Deutscher, sondern Österreicher, erklärte der ältere Skin vor Gericht. „Hitler war der größte Verbrecher“, soll er gesagt haben. Die ultimative Schmähung, die Kränkung für jeden Deutschen für alle Zeiten. Die Skins schlugen mit einem Kantholz zu und traten mit Stiefeln auf Schneeclaus ein. Er starb drei Tage später im Krankenhaus.

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Ungestört hatte sich die Braune Bande in der Kleinstadt breit gemacht. Der Blutzoll, den das Gemeinwesen für seine Ignoranz entrichtete, war absehbar gewesen. Nachher deutete die Polizei den Toten zum Opfer eines „Bandenkriegs“ um, den etwelche „Linke“ ausgelöst hätten. Die Bürger ließen sich für ein Engagement loben, das sie nie gezeigt hatten. Verbreitet wurde, dass die Täter „in keiner rechtsextremistischen Szene eingebunden oder gar organisiert“ waren. Das sollte sich vor Gericht gezeigt haben. Dieses befasste sich vielmehr nicht damit und wäre sonst zu gegenteiligen Schlüssen gelangt.

HIMMELREICH HIRN (Zeichnung: urian)

Von den sechs Jahren seiner Jugendstrafe für Totschlag verbüßte der jüngere Skin einen Teil und wurde für den Rest auf Bewährung freigelassen. Ab 1996 setzte er seine Laufbahn in Tostedt in der Nordheide fort. Als ihm 2011 wegen Landfriedensbruch der Prozess gemacht wurde, reklamierte der prominenteste Verbrecher der Region Religionsfreiheit für sich. Sein Verteidiger verglich das Verfahren mit der Hexenverfolgung. Sie war Himmlers Hauptvorwurf gegen die christliche Kirche. Auf Kleidung der Marke Thor Steinar, die der Angeklagte in seinem Geschäft für Kameradschaftsbedarf verkaufte, prangt „No inquisition“.

Von Nationalsozialismus war im Prozess keine Rede. Das Urteil wurde als fehlerhaft aufgehoben und keine Strafe verhängt. Drei Monate darauf war zu sehen, wie weit die Ignoranz gediehen war, als der Nationalsozialistische Untergrund NSU an die Oberfläche kam.

Stefan S. in Tostedt (Zeichnung: urian)

1996 hatte die Staatsanwaltschaft den dreifachen Mörder Thomas Lemke und seine Gehilfen von ihren vielfältigen Verbindungen zum Neonazismus freigesprochen. Sein Neuheidentum taten die Medien als „vorgeschoben“ ab, als „die Tarnung, die Maske, hinter der sich eine gescheiterte Kindheit und Jugend verbergen“.

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„Esoterische Dummheiten, nicht nur ‚völkische‘, sind heutzutage in ganz anderen Bevölkerungskreisen zu finden, wo sich die Leute massiv wehren würden, wenn man sie als nicht ‚ganz dicht‘ bezeichnen würde“, schrieb ein Prozessbeobachter. Während Lemke vor Gericht stand, wurde bewiesen, dass seine Hingabe an „Bäume, Quellen, an Asgard und an Odin“ mehr als die Ausrede eines einzelnen Psychopathen war. „Im Auftrag von Odin und Thor“ verübte Kay Diesner einen Mordanschlag und erschoss auf der Flucht einen Polizisten.

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Der Nationalsozialismus lebt politisch, kulturell und kriminell weiter. Betrachtet werden die Felder jedoch strikt getrennt. Für Politologen und Soziologen ist Neonazismus eine Jugendbewegung. Von Organisationsstrukturen und Drahtziehern wissen sie nichts. Lauter Lehrlinge, keine Gesellen und Meister.

In Berichten über braunes Banditentum kommen die Begünstigung durch die Gesellschaft und die historischen Wurzeln der Netzwerke nicht vor. Für die Kultur der Szene stehen strafbare Songtexte und Symbole. Wenig mehr ist je untersucht worden. So geraten Überschneidungen mit anderen Kreisen gar nicht erst in den Blick.

In einem Lexikon-Eintrag zum „neugermanischen Heidentum“ steht nichts vom Dritten Reich und Himmler als Stifter. Allein im Absatz „Faschismus“ scheinen Verbindungen der Sphären auf:
„In den 1990er Jahren erleben parallel zum Neonazismus neugermanische und deutsch-völkische Glaubenskreise Zulauf, in denen alte Blut-und-Boden-Mytheme zu einer ‚Ariosophie‘ aufbereitet werden (z. B. Gylfiliten, Armanen, Goden).“

Ariosophie ist nichts Neues, sondern eine der Quellen für Himmlers Ideen. Neonazis und Neuheiden operierten nie „parallel“ und vor 1990 gemeinsam. Über die Gewalt, die unter Beteiligung von Gläubigen in den 1990ern aufkam, schweigt das Lexikon. In einem anderen deutschen Buch nimmt die Abgrenzung von Ursprüngen und nächster Verwandtschaft die Form einer Beschwörung an: Esoteriker seien menschenfreundlich und könnten deshalb keine Neonazis sein. Als hätte es Himmler nie gegeben.

Braune Bräuche kümmerten Hitler nicht, und er traf keine Vorsorge für geistige Erbschaft. Goebbels hatte die Nachwelt immer im Blick, doch die Inhalte seiner Reden gingen mit ihm unter. Himmler ist der NS-Tote mit dem nachhaltigsten Einfluss über das Grab hinaus. Hauptzutaten des Mythengebräus „Nazi-Germany“, des Reichs des Bösen und Phänotyps der Menschenfeindlichkeit, entstanden in seinem Kopf.

Esel-Aktion Geiß/Worch (Zeichnung: urian)

1979 sinnierte Susan Sontag über „ein spukhaftes Ingredienz der modernen Kultur, ein böses Prinzip von grenzenloser Wandlungsfähigkeit, das die Gegenwart durchtränkt und sie zur Reprise der Vergangenheit macht“, und nannte es „Hitlertum“. Genauer müsste es Himmlertum heißen.

Moralpredigten stören bis heute die Hochzeit von Schrecken und Schönheit nicht. Die „Schwarze Szene“ ist sich der Beziehungen oft kaum bewusst. Einschlägige Insignien werden beiläufig in Berichten vom Rock-Festival in Wacken erwähnt und im Foto gezeigt, ohne dass ein Redakteur gestutzt hätte. Niemand denkt bei einem Wikinger-Event an Böses.

Auf das Germanentum fällt nicht nur ein Schatten der in seinem Namen begangenen Verbrechen. Es wird vielfach durch einen NS-Filter wahrgenommen. Die kürzeste Abhandlung muss auf die braunen Quellen populärer Klischees verweisen, eine Darstellung germanischer Religion mit einem Kapitel über Neuheidentum schließen.

„Wir sind Gothic!“ machte das Lokalblatt am „Tag der Liebe“, dem 12. 12. 2012, mit dem Foto eines Paares auf, das in Schwarz heiratete. Der Bräutigam feixte, als ich ihn kurz darauf am Wahlkampfstand der NPD traf, für die er zum Landtag kandidierte. Soeben hatte der Bundesrat beschlossen, seine Partei verbieten zu lassen. Dafür waren auch die Zeitungsleute, die nichts gemerkt hatten. Zum Tattoo-Studio mitten in der Stadt assoziierten sie nicht „Schwarzer Schmerz“.

Der Betreiber war NPD-Kandidat. Früher hieß seine Bande „Gladiator Germania“ und gehörte zum Netzwerk des Totschlägers von Buxtehude. Seine neue Gang gab sich als „loyal bis in den Tod“ aus.

Die „Deutschgläubigen“ sind ungezählt, ihre Überzeugungen und Rituale nicht untersucht. Acht Jahrzehnte haben sie bereits überstanden. Als Gipfel seiner persönlichen Verstiegenheit soll Himmlers Religion sich selbst disqualifizieren, meinen Akademiker. Als besage die fehlende Vernünftigkeit der Projekte von Joseph Smith oder L. Ron Hubbard etwas über ihren Erfolg. Auch für Mormonen und Scientologen gilt das „credo quia absurdum“ des Katholizismus, in dem Himmler erzogen wurde. So leicht sein Glaube lächerlich zu machen ist, versetzte er Leichenberge. Und bringt weiterhin den Tod.

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„Historiker interessieren sich für Strukturen, nicht für Menschen“, wurde ich im Stadtarchiv zu Lüneburg abgefertigt, als ich mich nach Himmler erkundigte. In diesem Zusammenhang ein fürchterlicher Satz. Auch Himmler scherten die Menschen nicht, die er seiner Vorstellung von großgermanischer Geschichte opferte.

Professoren unterliegen denselben Verdrängungsmechanismen wie alle anderen. Ihre „Strukturgeschichtsschreibung“ lieferte ihnen ein Alibi, sich der Zeitgeschichte, die ihre eigene war, nicht vollständig anzunehmen. Während die Zeitzeugen noch lebten, wurde an deutschen Universitäten gelehrt, ihre Aussagen seien ohne Belang. Die Wissenschaft hielt sich an die von den Verbrechern selbst angelegten Akten. Die Schicksale und Charaktere, Lebensläufe und Motive der Mitwirkenden an den Mordprogrammen waren kein Thema, bis sie nicht mehr am Leben waren und weder belangt noch befragt werden konnten. Es war Journalisten und Historikern aus Großbritannien, USA und Israel vorbehalten, dieses Ahnenerbe gelegentlich aufzuarbeiten.

Ich machte eigenartige und wunderliche Erfahrungen. Bevor ich zur Sache kommen konnte bei meinen Erkundigungen nach Himmlers Ende musste ich Verdächtigungen ausräumen. Neonazis und Andenkenjäger waren längst dagewesen. In 30 Jahren bin ich bei keiner Recherche ähnlich abweisend behandelt worden und so oft im Zweifel geblieben, ob man nichts wusste oder nichts wissen wollte.

Die Rechtsabteilung im Lüneburger Rathaus verweigerte mir die Einsicht in eine am 21. August 1947 für Himmler ausgestellte Todesurkunde: aus Datenschutzgründen. Wessen Persönlichkeitsrechte betroffen sein sollten, wurde nicht verraten. Die von Gudrun „Püppi“ Burwitz, geborene Himmler, die mit der Stillen Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte bis 1994 von Rotenburg/Wümme aus Massenmörder vor der Justiz schützte und als ihre „Lebensaufgabe“ ansieht, ihren Vater „vor der Welt in ein anderes Licht zu stellen“?

Gudrun Burwitz (Zeichnung: urian)

Schließlich wurden mir amtlich ein paar Daten aus der verschlossenen Urkunde mitgeteilt. Todestag 24. Mai. Ob das komplette Dokument diese Abweichung von allen übrigen Quellen erklärt, soll ein Geheimnis bleiben.

Forschung über NS-Täter etablierte sich erst ab 2000 an deutschen Universitäten. Inzwischen hatten aus sicherer Distanz, nach dem Ableben der Erlebnisgenerationen, Schriftsteller und Träger prominenter Namen Abseiten entrümpelt, Tagebücher, Briefe, Fotoalben gesichtet und sich des schwarzen Erbes in „Familienromanen“ angenommen. Ein Buch seiner Großnichte erschien drei Jahre vor der ersten Wortmeldung der Wissenschaft (aus Großbritannien) zu Himmlers Biografie.

Zu seinem Ende begnügt man sich mit Zitaten der Übersetzungen britischer Aussagen, als wäre die Angelegenheit in fremde Hände übergegangen. Fast ausnahmslos ausländische Autoren nehmen sich der Causa an, als stünde sie außerhalb der deutschen Geschichte. Himmlers Untergang „zeigt blitzartig die Konturen seiner Persönlichkeit“, fand einer, der sich ausnahmsweise eingehend damit befasste. Der Psychoanalytiker Erich Fromm kam zum selben Ergebnis: „Himmlers Ende entsprach ebenso sehr seinem Charakter, wie sein Leben dies getan hatte“.

Für Historiker ist Himmlers Schlussstrich ein beliebiger Schnörkel und jedenfalls keine Signatur, sondern von fremder Hand hinzugefügt. Als wäre der letzte Lauf kein wesentlicher Teil des Lebenslaufs und sein Ende ihm so zugestoßen wie in der am weitesten verbreiteten Legende sein Tod. Bis auf die letzten 52 Stunden war seine Höllenfahrt ein selbst inszeniertes Drama, das unter Deutschen spielte.

In Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui zeichnete der Emigrant Bertolt Brecht die Nazis als Gangster. Sebastian Haffner beschrieb von Exil aus, wie die „Etablierung einer Bandenmoral“ in Deutschland vonstatten gegangen war. Später betonte er, Hitler sei zwar „eine Figur der politischen Weltgeschichte“, gehöre aber auch in die Kriminalchronik als Massenmörder in der „präzisen, kriminologischen“ Bedeutung des Wortes. Direkter als der Diktator setzte sein Haupthandlanger Himmler die Reihe ihrer Zeitgenossen fort, der Serienmörder der Zwischenkriegszeit, von denen Deutschland eine Anzahl weltweit namhafter aufzuweisen hat.

Die Verwandtschaft belegte der 1933 von Nationalsozialisten ermordete Philosoph Theodor Lessing. Am Fall Fritz Haarmann stellte er dar, wie ein „Werwolf“ auf die Billigung von Bevölkerung und Behörden vertrauen kann, solange er seine Opfer unter Auswärtigen und Ausgesonderten sucht. Lessings Bericht aus Hannover markierte die Bruchlinien, an denen die Zivilisation kein Jahrzehnt später zerbrach. Aus Verfolgung, Mord und Leichenverwertung, die Peter Kürten, Karl Denke oder Wilhelm Großmann als Handwerk ausübten, wurde im Dritten Reich eine Industrie.

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Himmlers Geschichte gehört nicht neben die von Staatsmännern, so wenig wie die von Göring oder Goebbels. Dennoch sind sie nie in die Kriminalchronik eingereiht worden. In einem beliebigen Verbrecherlexikon wird Himmler zwei Mal als Gesetzgeber erwähnt, Reinhard Heydrich als „Polizist“ und Attentatsopfer. Als Kriminelle namhaft gemacht werden niedere NS-Chargen, die zufällig vor Gericht gerieten.

Der Exilant Robert Kempner verglich als Ankläger in den Nürnberger Prozessen die NS-Granden mit den Halunken, die er im Kriminalgericht in Berlin-Moabit kennengelernt hatte, als die braune Bewegung begann. Das „wahre Geheimnis“ ihres Aufstiegs sei „Bluff! Bluff! Es steckte wirklich nichts dahinter als das große Maul, das dem Publikum imponierte“. Ohne Uniform und Machtapparat sah er sie als das, „was sie immer waren: Kleine Strolche mit großen Erfolgen“. Die Würden der Ämter hatten notdürftig dieselben Männer bekleidet, die zuerst als grölende Schläger der SA ins öffentliche Bewusstsein gestürmt waren. Als Reichsleiter und Reichsführer wurden aus den Banditen keine Staatslenker. Sie blieben Landsknechte und Piraten, Freibeuter der Freikorps, aus denen die ersten Parteisoldaten wie Himmler rekrutiert wurden.

HIMMELREICH HIRN (Zeichnung: urian)

Der britische Historiker Hugh Trevor-Roper, der sie wie Kempner aus der Nähe erlebte, erkannte „die Elite des Tausendjährigen Reichs als eine Bande aufgeblasener Clowns“. „Like a cheap little gangster“, wie ein billiger Ganove gebärdete sich Himmler am Ende, meinte sein erster Biograf, der österreichische Exilant Willi Frischauer.

Emigranten sahen notgedrungen schärfer, was die Mehrheit der Landsleute und deren Nachfahren nicht wahrhaben wollen. „Das Ungeheuerliche wird von sehr durchschnittlichen, schwachen, unbedeutenden Männern begangen“, notierte Haffner bereits 1940, bevor noch die Verbrechen verübt wurden, die das Image der „Nazi-Bestie“ prägten. Im selben Jahr strich der Exilant Konrad Heiden, der Umgang mit der Führerschaft gehabt hatte, deren „Mittelmäßigkeit“ heraus. Darauf ließ sich die deutsche Geschichtswissenschaft erst unter Protest ein, nachdem sie in den 1990ern von Kollegen aus den USA aufmerksam gemacht worden war.

Golem und Maus (Zeichnung: urian)

Der „Verbrecherstaat“ (Karl Jaspers) war kein Staatsgebilde, sondern ein Gemeinwesen, das unter die Räuber gefallen war. Der Krieg legte es lediglich rascher in Trümmer, als es auf zivilem Weg – wirtschaftlich, sozial, kulturell – geschehen wäre. Kriminologisch sind die Nationalsozialisten Nachfahren der Räuber, die im kollektiven Gedächtnis verharmlosend als Hotenplotz und „Schinderhannes“ überdauert haben.

„Im letzten Jahrzehnt des 18. und im ersten des 19. Jahrhunderts […] spannt sich das Räuberunwesen wie ein einheitliches engmaschiges Netz über große Teile Deutschlands und arbeitet mit allen Mitteln des Terrorismus.“ Diese „Schreckensherrschaft“ übernahm Gustav Radbruch zufolge Methoden des „système, régime de la terreur“ im Paris der Revolution zwischen 1792 und 1794. „Von den Revolutionären mochten die Einbrecher neuen Stils auch gelernt haben, wie eine tatkräftige Minderheit eine passive Mehrheit vergewaltigen kann“, hieß es 1949 bei Radbruch, und er fuhr fort: „Von der eingeschüchterten Nachbarschaft kommt niemand den Opfern zu Hilfe, besonders dann nicht, wenn sie Juden sind.“

Radbruch unterschied die Räuberbanden vom „gewerbsmäßigen Gauner- und Verbrechertum“. Wenn der „Räuber wie er im Buche steht“, Johannes „durch den Wald“ Bückler, sich „als ein Feind der Franzosen, der Juden und der Reichen“ ausgab, wirkte Überzeugung an der Bandenbildung mit. Außer der Gier nach Geld und Gütern verband die Räuber ein Geist. Sie waren Vorläufer von SA und SS und Ahnherren des Terrorismus, der mit Anschlägen und Attentaten Übermacht zu erlangen sucht. Ihren Erfolg verdankten die Nationalsozialisten der Gewalt ebenso wie dem „Bluff“ der Überzeugungen.

Nazis sind Wesen von einem anderen Stern und Verbrecher überhaupt immer das absolut Fremde, wird sich gern vorgemacht. Dagegen schrieb schon Friedrich Schiller an: „Wir sehen den Unglücklichen, der doch in eben der Stunde, wo er die Tat beging, so wie in der, wo er dafür büßet, Mensch war wie wir, für ein Geschöpf fremder Gattung an, dessen Blut anders umläuft als das unsrige, dessen Wille andern Regeln gehorcht als das unsrige; seine Schicksale rühren uns wenig, denn Rührung gründet sich ja nur auf ein dunkles Bewusstsein ähnlicher Gefahr, und wir sind weit entfernt, eine solche Ähnlichkeit auch nur zu träumen.“

Schiller nahm sich keinen vor, in dem leicht eine Ähnlichkeit zu erkennen wäre, sondern einen wie Himmler, den bereits zu Lebzeiten legendären Hauptmann einer Räuberbande.

Die grauenhaftesten Geschehnisse der Geschichte wurzeln in ganz gewöhnlichen Gedanken und Gefühlen. So unvergleichlich die Taten der Nationalsozialisten als Kollektiv, wuchsen sie als Individuen nicht über sich oder das menschliche Maß hinaus. Die schwarze Uniform verlieh keine Superkräfte des Bösen.

Heinrich Himmler (Zeichnung: urian)

Bis dato werden die „Herrenmenschen“ bevorzugt in ihren Lieblingsposen vorgestellt: in Uniform und auf Paraden, sofern Fotos und Filme vorliegen; als Amtmänner am Schreibtisch anhand der von ihnen hinterlassenen Akten. Inzwischen werden Himmlers Gehilfen zwar auch als „ganz normale Männer“ betrachtet. Sie waren es jedoch nur bis zum ersten Mord. Danach unterschieden sie sich von denen, die keine oder eine andere Wahl trafen und ordinary men blieben.

Den tödlichen Befehlsnotstand, den die Mörder zur Entlastung vorschützten, gab es nicht. Verweigerer mussten nicht einmal mit Nachteilen rechnen. Solange es genug Willige gab, wurden die Zaudernden in Ruhe gelassen. Auf die Normalität der Täter abzuheben bekräftigt ihre Ausrede, andere hätten an ihrer Stelle ebenso gehandelt.

HIMMELREICH HIRN (Zeichnung: urian)

Eine so beliebte wie absurde Fiktion ist der bekenntnisfreudige Bösewicht. Nur im Schlussakt eines Thrillers legt der Mörder ungefragt und stolz ein Geständnis inklusive Selbstanalyse mit Phrasen aus dem Psycho-Baukasten ab. Von einem Gewaltverbrecher sind bündige Begriffe für seine Motive so wenig zu erwarten wie eine geschliffene Schilderung des Tatverlaufs. In ausgedehnten Befragungen durch Polizisten und Psychiater und in einem wochenlangen Prozess ist über die Minute, auf die es ankommt, selten ein vernünftiges Wort zu erfahren. Das Böse erkennt und erklärt sich selbst nicht. Statt des in Psychologie promovierten Menschenfressers Hannibal Lecter begegnet man dem stammelnden Mann von nebenan.

Was Himmlers Gehilfen zu sagen gehabt hätten, hat außer Neonazis kaum jemand zu hören bekommen. Einer der letzten Überlebenden redete 2015 von sich wie Historiker über seinesgleichen: „Dieser uns anerzogene Gehorsam verhinderte, die täglichen Ungeheuerlichkeiten als solche zu registrieren und dagegen zu rebellieren. Es ist nach heutigen Maßstäben nicht zu fassen.“

„Unfassbar“, „ungeheuerlich“, „unbegreiflich“ sind Vokabeln, die gern verwendet werden, um das Geschehen im Dritten Reich zu beschreiben. Was daran wahr ist, hat den Tätern seit je auch zur Entschuldigung gedient.

Das Landgericht Lüneburg verurteilte Oskar Gröning, 94 Jahre, für die Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen, die er als „Buchhalter von Auschwitz“ leistete.

Andere Maßstäbe, andere Zeitläufte – andere Menschen? Ein Zeitungsredakteur der Urenkelgeneration sprang Gröning bei und hielt die gerichtliche Feststellung einer persönlichen Schuld für überflüssig – wie auch ein namhafter Historiker im Rundfunk.

„Was hatte Gröning für eine Wahl?“, fragte die Kreiszeitung ihre Leser. „Hätte er sich gegen das Hitler-Regime stellen sollen? Dann wäre er sofort erschossen worden.“ Aus einem von Himmlers Auserwählten, der sich zur Elite der „Herrenmenschen“, der SS, gemeldet hatte, wurde ganz nebenbei ein verhinderter Widerstandskämpfer.

HIMMELREICH HIRN (Zeichnung: urian)

Auszug aus HIMMELREICH HIRN, Graphic Essay über Heinrich Himmlers letzte Tage. Siehe unten auf diesem Blog.

© Uwe Ruprecht

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