Über eine Umfrage zur NS-Erinnerungskultur

Die im April 2019 von der Universität Bielefeld veröffentlichte Studie »MEMO Deutschland« markiert die wunden Punkte der herkömmlichen Erinnerung an die Epoche des Nationalsozialismus. Diese besteht in allererster Linie aus dem Gedenken an die Opfer der diversen Vernichtungsaktionen unter Hitler. Inzwischen wird über die Einrichtung von Gedenkstätten nicht mehr, jedenfalls nicht allzu laut, gestritten, sondern sogar erwogen, Pflichtbesuche zu verordnen.

Wie sich dieser Tage in meinem Geburtsort zeigt, hat auch die letzte Kommune begriffen, dass die Verdrängung der tatsächlichen Geschehnisse leichter durch Nachgeben statt durch Widerstand gegen das rituelle Gedenken zu erreichen ist. (→ Harsefelder Braunschnitt) Im benachbarten Fredenbeck musste der Gemeinderat noch über Jahre belagert werden, damit er ein Mahnmal zuließ. Mit dem Grabstein wurde die Erinnerung versiegelt. Das Gedächtnis ist heute so lückenhaft wie vor 2003, und die bis dahin umlaufenden Legenden haben sich verfestigt. (→ Babymord)

So schwer die Justiz sich mit den Tätern tat, so wenig widmete sich ihnen die Geschichtswissenschaft. Erst seit der Jahrtausendwende wird in Deutschland über die Akteure des »Verbrecherstaats« geforscht; das Feld hatten bis dahin Historiker und Journalisten aus USA, Großbritannien und Israel bestellt. Inzwischen schätzt die Justiz die Täterschaft neu ein, spät genug, um einige 90-Jährige vor Gericht zu stellen, nicht weil sie eigenhändig gemordet, sondern durch ihre Tätigkeit zum Massenmordbetrieb beigetragen haben. Die an den Akademien über fünf Jahrzehnte versäumten Untersuchungen lassen sich vor Gericht nicht nachholen. Wie viel überhaupt von Aussagen der Täter zu halten ist, geht der Erkenntniswert ihrer Einlassungen als Angeklagte gegen Null. (→ Ehrenmänner)

Das Andenken der Opfer zu wahren und die Täter zu verstehen wird oft reflexhaft als Widerspruch aufgefasst. Als schlösse das Verständnis für den Verbrecher das Mitgefühl mit den Opfern aus. Vom Missverständnis von Verständnis mit Einverständnis abgesehen, verfehlt das Andenken der Opfer den moralischen Sinn, der dabei oft mit Pathos beschworen wird, wenn es zugleich die Täter ausblendet.

Gewiss war es in den ersten Jahrzehnten nach dem Untergang des Dritten Reichs moralisch geboten, die Opfer in das Zentrum der Erinnerungskultur zu stellen. Es dauerte bis in die 1970er, dass wenigstens die Konzentrationslager Lehrstoff in den Schulen wurden. Zeitzeugen einzuladen wurde erst viel später Usus, und zunächst waren es bereits prominente Überlebende, die sich dazu bereit fanden.

Nachdem ich, 15 oder 16 Jahre alt, mit dem Lehrer über die deutsche Erbschuld gestritten hatte, nahm er mich mit zu einer alten Frau, die das Lager überlebt hatte. Sie lebte dort, wo sie schon vorher gelebt hatte, unter lauter Leuten, die sich nach wie vor für ihre Ausgrenzung aussprachen. Ich begriff die Lektion seinerzeit allenfalls schemenhaft. Inzwischen nehme ich an, dass der Lehrer Gründe hatte, an einigen Punkten nicht deutlicher zu werden.

Die Generationen der Täter waren nicht nur noch am Leben, sie hatten nach wie vor Schlüsselpositionen besetzt. Welche Aufklärung seit 1968 in den Großstädten stattgefunden haben mochte, erreichte sie erst Jahrzehnte später das Land. Unterdessen hat bereits ein Rollback stattgefunden, und in der Alternative für Deutschland verbünden sich bekennende Neonazis mit solchen, die nichts mit dem Nationalsozialismus verbinden außer den Propagandafilm-Montagen des ZDF und Debatten über Mahnmale, die sie im Vorbeifahren nicht zur Kenntnis nehmen können: ein »Vogelschiss«, der sie nichts angeht, wie einer von ihnen es nennt, der noch vom NS-Regime sozialisiert wurde.

»Mit Blick auf die Rolle der eigenen Vorfahren zur NS-Zeit ergab die Studie [MEMO Deutschland], dass in den in Deutschland lebenden Familien vor allem Geschichten von Opfern (35,9 Prozent) und Helfer*innen (28,7 Prozent) weitergegeben werden, während das Wissen um Täter*innen unter den direkten Vorfahren vergleichsweise gering ist (19,6 Prozent).«

Für »moralisch dringlich« hält es Timothy Snyder in seiner Untersuchung der nationalsozialistischen und stalinistischen Massenmorde Bloodlands, »die Handlungen der Täter zu verstehen«. Denn die »moralische Gefahr, alles in allem, ist niemals, dass jemand Opfer, sondern Täter oder Zuschauer werden könnte.« In Black Earth, einer Studie über die Wiederholbarkeit der Shoah, sagt Snyder über die Gefahr der Erinnnerungslücke: »Unsere Vergesslichkeit lässt uns glauben, wir seien anders als die Nazis, denn sie verschleiert, worin wir uns gleichen.«

Der Trennung zwischen Opfergedenken und Täterverständnis entspricht die Abschottung der Geschichte von der Gegenwart. An meinem Wohnort war noch 2018 sogar das obligatorische Opfergedenken politisch umstritten. (→ Gezerre um Gedenken) Was Täter in der Region anbelangt, wurde zuletzt seitens der Einheimischen die Erinnerung vor allem abgewehrt. Grübe man tiefer, stieße man auf Familiengeschichten, die, der Studie »MEMO Deutschland« zufolge, »anfällig für Umdeutung und Verdrängung« sind. (→ Braune Heimatkunde / → Der Preis des Todes)

»Die Hälfte (50,0 Prozent) der Befragten geht außerdem davon aus, dass ihre Familienmitglieder nicht zu den ›Mitläufer*innen‹ des NS-Systems gehörten. Zwar finden es zwei Drittel (65,9 Prozent) sinnvoll, sich mit der NS-Vergangenheit der eigenen Familie zu befassen, doch wird in der Hälfte der deutschen Familien (50,1 Prozent) nie oder nur selten darüber gesprochen.«

Bei der anderen Hälfte der Deutschen mit NS-Ahnenerbe, die immerhin darüber reden, muss in Anschlag gebracht werden, was sie faktisch wissen können. Ich gehöre einer Generation an, die noch Gelegenheit hatte, mit Familienangehörigen aus den Erlebnisgenerationen zu reden, und ich habe es getan, lange bevor NS-Familienromane Mode wurden. Ich konnte nicht nur nicht mit Verständnis für meine seltsamen Nachforschungen rechnen, sondern wurde vielmehr zweifelhafter Motive verdächtig. Wer sich allzu eingehend mit dem Nationalsozialismus beschäftigte, schien gefährdet zu sein, der »Faszination des Faschismus« zu erliegen, die Susan Sontag als Element der Populärkultur der 1970er beschrieb.

Die NS-Familienromane, die eine Zeitlang auf den Bestseller-Listen standen, beruhten eher selten auf Gesprächen mit den eigenen Ahnen über ihre Beziehungen zum Nationalsozialismus, sondern auf schriftlichen Zeugnissen, zumeist von der eigenen Hand der jeweils porträtierten Person. Über solche Quellen verfügt die Mehrzahl der Familien nicht. Die Mehrheit hat kein Tagebuch geschrieben. Was immer die NS-Familienromane über ihr Sujet vermitteln, ist nicht repräsentativ.

Ich habe etliche dieser Bücher gelesen und fand wenig darin wieder, mit dem ich die Lücken der familiäen Überlieferung hätte füllen können. Meine Ahnen gehörten zur Unterschicht, ihre Konflikte waren schlichter als die der Bürger und deren Nachfahren, die derselben Gesellschaftsschicht angehören und deren Weltläufigkeit und Intellektualität sie zwangsläufig in Berührung mit NS-Geschichte bringt.

Anders als die meisten NS-Familienromane war meine eigene familiengeschichtliche Recherche ergebnisoffen. Ich widmete mich der Epoche nicht, weil ich bereits wusste, dass ich auf Täter oder Opfer treffen würde. Ein Topos im NS-Familienroman ist, dass die Nachfahren die Lücke der Überlieferung zufällig überspringen, weil sie einem ihrer namhaften Ahnen zufällig als Nazi begegnen. Meine Vorfahren waren ganz gewöhnliche Leute, die in keinem Geschichtsbuch verzeichnet werden. (→ Fluchtpunkt Harsefeld)

Ich habe viele Erkundigungen über NS-Geschichten eingezogen (→ Wege des Widerstands), war damit als Ghostwriter befasst und habe eine Geschichte als Teil einer fremden Familiengeschichte dargestellt (→ Ein Verhängnis als Vermächtnis / → Vom Verhängnis des Glasbläsers). Meine Erfahrungen betreffen beide Felder: die jeweils 50 Prozent Befassung und Nicht-Befassung.

»Nur wenige verstehen hier unter politischer Kultur, deutsche Vergangenheit als persönliche, sich selbst als jemanden aus deutscher Vergangenheit anzunehmen«, schrieb Bodo Morshäuser 1992 in Hauptsache Deutsch, während ich Spuren meiner Familiengeschichte sammelte, Unterkünfte für Asylbewerber brannten und allenthalben Menschen aus niederen Beweggründen umgebracht wurden.

Ausgebliebene Gespräche lassen sich nicht nachholen, die familiengeschichtliche Lücke ist nicht zu schließen. Dieses spezifische deutsche Erbe wird ohnedies an Bedeutung abnehmen. In meiner nächsten Umgebung habe ich längst damit zu tun, meine Empfindlichkeit für alle gegenwärtigen Erscheinungen, die zurückweisen in die eigene Geschichte, zu erklären, weil ich es mit Zuwanderern zu tun habe, deren Vorfahren nur eines mit meinen teilten: den Antisemitismus.

Die familiäre Lücke könnte insofern als Vorzug verstanden werden. Einer abwehrenden Deutung des Nationalsozialismus kann zukünftig kaum aus persönlichen Gründen widersprochen werden. Wer sich nicht als jemanden aus deutscher Vergangenheit annimmt, sich nicht so annehmen muss, wird sich nicht entschieden wehren, wenn es um das Deutsche am Nationalsozialismus geht und darum, es zum Verschwinden zu bringen.

Siehe auch
Bröckel im Beton
Himmlers Ende und Nachleben. Aspekte der gegenwärtigen Geschichte des Nationalsozialismus
SS-Mann 92901
Werdegang eines SS-Mörders