Über den Bispinger Seebohm-Ring

Ich kann die Appelle nicht mehr hören. Seit nunmehr 40 Jahren vernehme ich mit wachem Bewusstsein die Floskeln zum „Kampf gegen Rechts“. Doch Appellen und Ankündigungen zum Trotz kam es auch im abgelaufenen Jahr seit dem Mord am Regierungspräsidenten Walter Lübcke in Kassel zu Anschlägen, und eine Neonazi-Partei stellt unverändert die stärkste Oppositionsfraktion im Bundestag.

Die Bösen sind immer die anderen, dunkle Verschwörer in obskuren Netzwerken, und wenn es darum geht, sie abzuwehren, wird gern vorwurfsvoll auf Polizei oder Verfassungsschutz verwiesen. (→ Braune Bande) Man selbst ist natürlich „Antifa“ und postet es stolz auf facebook und twitter.

Deutsche Politiker lassen sich inzwischen im und vom Ausland für die „Aufarbeitung der NS-Geschichte“ loben. Gemeint ist damit ausschließlich die Shoah, als ginge der Nationalsozialismus ganz im Antisemitismus auf.

Gewiss hat eine Verarbeitung des Hitler-Regimes stattgefunden, aber dabei maßgeblicher als alle kritischen Historiker waren Guido Knopps Kolportagen im ZDF, mit denen Neonazis sehr gut leben können.

Inzwischen wäre längst eine Geschichte der Verhinderung der Erinnerung zu schreiben, eine Chronik und Analyse der Verleugnung, Verharmlosung und Verschleierung, deren Frucht die AfD ist. Pro forma werden Gedenkstätten errichtet, aber zum Verständnis der Geschichte tragen sie weniger bei als zur Selbstdarstellung der Gedenkenden. (→ Geschlossenes Gedächtnis / → Gespaltene Erinnerung)

Vorgestern war ich auf dem Hans-Christoph-Seebohm-Ring. Ein Gedenkstein würdigt den Namensgeber, aber warum die Kreisstraße bei Bispingen so heißt, ist per Internet nicht zu ermitteln. Dem Vernehmen nach soll die Strecke dazu beigetragen haben, die verstreuten Ortschaften vom Verkehr britischer Panzer zu entlasten.

Britische Panzer fahren hier längst nicht mehr, und wer soll dieser Seebohm gewesen sein?

Hans-Christoph-Seebohm-Ring Bispingen

H.-C. Seebohm (1903–67) war Verkehrsminister in sieben Bundeskabinetten und mit 17 Jahren von 1949 bis 1966 bis dato der Bundesminister mit der längsten ununterbrochenen Amtszeit. (→ wikipedia)

In Nürnberg und Düsseldorf sind ihm ebenfalls Straßen gewidmet. Diese Ehre wurde ihm 2010 in Uelzen entzogen. „Hans-Christoph Seebohm ist der klassische Fall des Profiteurs der ‚Arisierung‘ vormals jüdischen Eigentums und des nationalsozialistischen Raubes und Beuteguts“, schrieb eine Initiative „Keine Nazi-Straßen!“. „In der ehemaligen Tschechoslowakei eignete er sich – neben dem deutschen Flick-Konzern – den von den Nazis arisierten ehemals jüdischen Besitz der Unternehmensgruppe ‚Petschek‘, die ‚Egerländer Bergbau AG‘ an.“

Er war allerdings nicht in der NSDAP, und die mit seinem Fall befassten Historiker konnten nicht endgültig klären, „[w]ie groß die tatsächliche Nähe Seebohms zum NS-Regime war“. Das verwundert nicht, denn bis sich deutsche Geschichtswissenschaftler an die Arbeit machten, waren Dokumente vernichtet oder verschollen und Zeitzeugen gestorben.

Gut belegt sind hingegen die Aktivitäten und Aussagen Seebohms nach 1945. Der Spiegel nannte ihn 1964 „einen wendigen Politiker, der immer auf der richtigen Seite zu liegen weiß“, und führte aus: „Er ist sich immer treu geblieben; er war immer der ‚deutsche Mensch‘, von dem er so gern redet. […] Er ist kein ‚faustischer Mensch‘, wie er selber sagt, ihn plagen keine Zweifel. Er ist so differenziert wie eine Diesellok. Vor Jahren noch hätte Seebohm wahrscheinlich einen spitz gezwirbelten, wilhelminischen ‚Es ist erreicht‘-Schnurrbart getragen.“

Schon vor 56 Jahren beschäftigte Seebohms Geschichte die Journalisten und „dass ihm keine braune Vergangenheit nachgewiesen werden kann […] Er war in jener Zeit ein braver Bürger, der sich um seine berufliche Karriere und um die Mehrung seines Besitzes kümmerte. Der Nationalsozialismus war ebensowenig seine Heimat wie vorher die ‚junge Demokratie‘ Weimars. Das Bürgertum der Seebohms war wilhelminisch.“

Hans-Christoph Seebohm

Seebohm agierte als Sprecher der Sudetendeutschen und trat für eine Rückgabe der „verlorenen Heimat“ ein, die gar nicht seine war. „Zur Wiedergutmachung an den Opfern des Nationalsozialismus und zum Vertrag mit Israel […], erklärte Seebohm: ‚Solange aber deutschen Menschen ihr Recht nicht wird, haben wir kein Interesse daran, es in dieser Weise an anderen zu erfüllen.‘“

1950 wandte sich der Hohe Kommissar der britischen Regierung beim Alliierten Kontrollrat an Kanzler Konrad Adenauer und bemängelte Aussagen des Ministers. „Im Jahre 1945 habe die Armee, nicht aber der Staat oder das Volk kapituliert“, habe Seebohm behauptet. „Das Grundgesetz sei mit Gewalt aufgezwungen worden und stehe nicht im Einklang mit den Wünschen des deutschen Volkes“.

„Seebohm ein rechtslastiger Politiker?“, fragte die Böhme Zeitung aus Soltau scheinheilig, nachdem ihm in Uelzen der Straßenname entzogen worden war. „Innenpolitisch stand Seebohm für eine Politik der nationalen Rechten, die ihn in eine teilweise erhebliche Nähe zum Rechtsextremismus brachte“, befand der aus Uelzen stammende Vorsitzende der Historischen Kommission Niedersachsen.

Vielleicht war Seebohm kein Nazi, aber das Fragezeichen hinter „rechtslastig“ dient derselben Verschleierung, mit der die AfD nicht als Erbe der Nationalsozialisten verstanden werden soll, so deutlich sie sich auch auf deren Agenda beziehen.

Im Januar 2020 legte eine Expertengruppe in Düsseldorf das Ergebnis ihrer Prüfung von Straßennamen vor. 12 sollten umbenannt werden, über 25 weitere diskutiert werden, darunter die Seebohm zugeeignete Straße, deren Umwidmung empfohlen wird, „da dem Politiker – neben seinen Leistungen für die junge Bundesrepublik – Nähe zum Rechtsextremismus und Profit im Dritten Reich zur Last gelegt werden kann“, wie die Rheinische Post notiert.

Seebohm steht für Kontinuitäten nach 1945, und über den Ring in Bispingen zu reden, hieße an den verlogenen „antifaschistischen“ Konsens zu rühren. Und das will natürlich niemand.