Unerhörte wahre Begebenheit / Graphic Novelle
Illustrierte Kindergeschichte

15 bis 25 Prozent der Bevölkerung hängen Anschauungen nach und nehmen Haltungen ein, die an den Nationalsozialismus anschließen. Soeben macht sich die Alternative für Deutschland daran, aus diesem Pool Wählerstimmen zu schöpfen.

Zuletzt behauptete ihr Spitzenkandidat, dass „diese zwölf Jahre“ nicht mehr zur deutschen Identität gehören würden. Das kann nur glauben oder anderen weismachen wollen, der den Nationalsozialismus als ein äußeres Geschehen begreift, von dem nur Fremde, vornehmlich Juden, betroffen gewesen sein sollen. Beifall kann er nur bei denen finden, die Verdrängung für eine Erfolgsstrategie halten.

Ein Blick auf die eigene Familiengeschichte könnte belehren, wie weit reichend die inneren Verbindungen zur NS-Zeit sind. Indes gehört Selbstbefragung nicht zu den Talenten von selbstgerechten Marktschreiern und Hasspostern.

Von wegen, alles sei dazu gesagt, alles erforscht. Es gibt noch vergessene Opfer. Mit einem habe ich Bekanntschaft gemacht – durch seine Nachfahren, die es nach Maßgabe der Nationalsozialisten gar nicht geben sollte.

Vergessen schafft sein Vermächtnis nicht aus der Welt, sondern ermöglicht erst eine Wiederholung seines Verhängnisses.

Die Rechtsvorschriften verbieten, dass ich den Namen des Protagonisten nenne. Ihn zu anonymisieren könnte befremdlich wirken, als Distanzierung, vielleicht entwürdigend. Ich könnte einen fiktiven Namen einsetzen, wenigstens einen Vornamen; der wiederum könnte zu vertraulich erscheinen. Ein falscher Name könnte zu Verwechslungen führen.

Ich kann auf den Namen verzichten und muss gar nichts erfinden, weil der Betreffende in meiner Darstellung ein Gesicht hat. Es ist so authentisch wie die ganze Geschichte.

Eine meiner Quellen war eine in einem öffentlichen Archiv verwahrte Akte, weshalb mich Publikationsvorschriften überhaupt beschäftigen müssen. (Erbgesundheitsgericht Sonneberg Fall Nr. 475 im Thüringischen Staatsarchiv Meiningen) Außerdem lag mir ein vom Autor als „Buch“ bezeichnetes Heft vor, das zunächst Bestandteil der Akte war, aber nach Abschluss des Verfahrens zurückgesandt wurde.

Der Ungenannte gehört einer Opfergruppe an, die als solche bisher nicht anerkannt oder erforscht ist. Gewissermaßen geblendet von den Massenmorden sind andere Vernichtungen durch die Nationalsozialisten oft unbeachtet geblieben: die Zerstörung von Lebensläufen durch Lageraufenthalte, Berufsverbote oder Zwangssterilisationen.

Der umfangreiche Archivbestand, aus dem die von mir ausgewertete Akte stammt, ist meines Wissens nach noch nicht auf die Leidtragenden der NS-Ideologie hin durchgesehen worden, zu denen der namenlos bleiben sollende Glasbläser aus Steinheid in Thüringen gehört. Er wurde dem Erbgesundheitsgesetz von 1934 entsprechend zwangsweise sterilisiert.

Mein Destillat aus Akte, Buch, Familiendokumenten und Fachliteratur, entstand im November/Dezember 2015 als Weihnachtsgeschichte in einem Heft von 24 Seiten und kam ohne jede Vorrede aus.

VOM VERHÄNGNIS DES GLASBLÄSERS

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