Mich erreicht eine Anfrage zur Verwendung eines Textes, den ich für eine Zeitung geschrieben und später auf eine Website gestellt habe, die ich längst abgeschaltet hätte, wenn mein Passwort noch akzeptiert würde. Aus aktuellem Anlass verfasste Texte verschwinden mit diesem. Der nachgefragte beschreibt eine historische Episode, und er war und ist das (bis dato) letzte Wort dazu.

Was von der Geschichte wahrgenommen wird, hängt von der Gegenwart ab. Kürzlich gab es Anlässe, auf diesem Blog zwei ihrerseits historische Texte über eine Geschichte aus der Geschichte neu zu veröffentlichen. Inwieweit die nachfolgend dargestellte Begebenheit an aktuelle Ereignisse anknüpft, versteht sich von selbst – oder nicht. In der kommenden Woche wird, nach allem, was ich heute wissen kann, die Alternative für Deutschland etliche Sitze im Bundestag einnehmen.

Der Hinterhalt von Hohebrügge am 29. Oktober 1931

Der letzte der aktenmäßig bekannten Beteiligten, ein Tischler aus Harsefeld, starb 1990. Als ich einige Jahre später seine Frau ausfindig machte, wollte sie „über die Sache nicht mehr reden“. Die Geschichte hat die seinerzeit Verurteilten gewissermaßen gerechtfertigt.

Der Tischler gehörte zu einem „bewaffneten Haufen“, der am 29. Oktober 1931 die Apenser Sturm-Abteilung überfiel: Der gewalttätigste Zwischenfall in der Gegend im Vorfeld der nationalsozialistischen Machtergreifung und der einzige, bei dem Schusswaffen eingesetzt wurden.

Wieweit außer politischer Überzeugung auch Lust auf Randale den Tischler, damals Lehrling und gerade 18 Jahre alt, und seine Mitstreiter motivierte, lässt sich nicht mehr feststellen. Vermutlich war der Hinterhalt von Hohebrügge eine Reaktion auf die „Saalschlacht von Buxtehude“: Am 22. Oktober 1931 hatte die NSDAP zum Vortrag „Der Marxistenverrat am deutschen Volke“ mit anschließender Diskussion eingeladen; rund 500 Leute aller politischen Richtungen kamen ins Bahnhofshotel.

Die ohnehin angespannte Atmosphäre entlud sich, als ein SPD-Redner die SA „Mörderbanden“ nannte. Der Versammlungsleiter aus Harburg befahl „SA drauf“, und man ging mit Stuhlbeinen und Biergläsern aufeinander los. Trotz Überzahl wurden die Nazi-Gegner aus dem Saal geprügelt. Draußen tobte man weiter, bis das Harburger Überfallkommando für Ruhe sorgte.

Die Opposition gegen Hitler, ob Kommunisten oder Reichsbanner (die paramilitärische Abteilung der SPD), hatte eine „Schmach“ erlitten. Während der auf die Saalschlacht folgenden Tagen war in linken Kreisen von nichts anderem die Rede.

Das Gerede verdichtete sich zu einem Plan, der, wahrscheinlich von Hamburger Kommunisten ausgeheckt, am Morgen des 29. Oktober bei der Zahlstelle des Arbeitsamtes in Horneburg zu einer konkreten Verabredung führte: Eine für den Abend anberaumte NS-Veranstaltung in einem Bliedersdorfer Wirtshaus sollte aufgemischt werden.

30 Personen – die Hälfte der Beteiligten – wurden später ausfindig gemacht und vor Gericht gestellt. Sie stammten überwiegend aus Harsefeld und Horneburg ; drei waren aus Buxtehude, fünf aus Hamburg und Harburg. Einen Bliedersdorfer hatte der Trupp im Ort selbst aufgegabelt: Karl, ein „geistig beschränkter“ 19-jähriger Knecht, wollte eigentlich zu seiner Großmutter in Horneburg.

Sie waren zwischen 18 und 25 Jahre alt, bis auf eine Handvoll über 30-Jähriger. Sie waren Maurer, Gärtner, Melker und Schlosser, vor allem aber erwerbslose Landarbeiter. Verabredungsgemäß trafen sich 15 bis 20 Mann aus Horneburg und dem Alten Land an der Horneburger Kirche. Sie marschierten zum Schragenberg, um sich dort mit einem gleich starken Trupp aus Buxtehude zu vereinigen, dem Kommunisten aus Harburg-Wilhelmsburg angehörten.

Auf dem Weg kam es zu einem ersten Zwischenfall, als ihnen zwei Jungs begegneten, einer im Uniform der Hitlerjugend. Ein Pfiff, ein Ruf, und die beiden wurden angegriffen. Ein junger Maurer aus Horneburg nahm den Nazis den Gummiknüppel ab, mit dem sie sich wehrten, bevor die in eine Kneipe flüchten konnten.

Mit „Rot Front!“, hält die Prozessakte fest, begrüßte ein 22-jähriger Harsefelder Arbeiter die Kommunisten aus Harburg-Wilhelmsburg. Dem Gericht gelang es kaum, einzelne Taten den Angeklagten zuzuordnen. Der Gruß des Harsefelders hatte seinen Anteil daran, dass er mit neun Monaten einer der am härtesten Bestraften war.

Obschon sie sich gegenseitig beschuldigten, verrieten die Verhafteten den Rädelsführer nicht. Ein Harburger Kommunist namens „Rudi“ soll, „mit Windjacke, Gamaschen und Mütze bekleidet, in der Hand einen Revolver, mit dem er herumfuchtelte“, Kommandos gegeben haben. Allein ein Harsefelder Zimmermann erkannte in seinem Mitangeklagten Rudolf Materla „Rudi“ wieder. Materla, 21 Jahre, Glasschleifer aus Harburg-Wilhelmsburg, wurde mangels Beweisen als einziger freigesprochen.

Während der Haufen in Bliedersdorf bei einer Gastwirtschaft wartete, erkundeten einige die Lage. Rund 130 Leute, darunter 80 SS-Männer aus Apensen, Harsefeld und Stade, waren im zweiten Wirtshaus versammelt. Fünf Dorfpolizisten, Beamte der Landjägerei, hielten Wache.

Die Nazi-Gegner schreckten vor einer erneuten Saalschlacht zurück und beschlossen stattdessen einen Hinterhalt auf heimkehrende SA. Karl, der närrische Knecht, der ihnen vor die Füße lief, musste als „ortskundiger Führer“ dienen bei der Umgehung von Bliedersdorf.

Im Haufen machte sich Unentschlossenheit breit. Verheiratete durften gehen, den übrigen aber hielt Rädelsführer Rudi angeblich den Revolver vor: „Keiner darf sich drücken, sonst baller ich dazwischen!“ Auf dem Weg durch Gärten und über Felder bewaffneten sie sich mit Knüppeln und Mistgabeln. Südlich von Bliedersdorf gelangten sie auf die Straße nach Hohebrügge.

Durchfahrende kennen Hohebrügge als unverhoffte Senke mitten auf dem flachen Land nordöstlich von Harsefeld. Der Name stammt aus der Zeit, als sich an der höchsten Stelle, gegenüber einer Gastwirtschaft, die die Zeiten überdauerte, ein Mautposten mit Schlagbaum befand. Ein Auto nach dem anderen rauscht dort heute vorbei. 1931 waren Autos etwas Besonderes, die Besitzer eines „Kraftwagens“ oder gar eines Motorrads auf dem Dorf persönlich bekannt. Die gewöhnliche Bevölkerung war zu Fuß unterwegs oder mit dem Rad.

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Zu Fuß wie die Nazi-Gegner, die Hohebrügge ungefähr zur selben Zeit erreichten, als die NS-Veranstaltung störungsfrei zu Ende ging, gegen 22.30 Uhr. Bei ‚,gutem Mondlicht“ ließ Rudi durchzählen und teilte sie in zwei Gruppen: 29 Mann versteckten sich hinter einer Weißdornhecke an der von Bliedersdorf kommenden Straße; 26 Mann schlichen hinter einen der Kreuzung gegenüberliegenden Schuppen. Während sie noch Aufstellung nahmen, hörten sie ein Motorrad und duckten sich.

Unterdessen hatte sich der SA-Sturm Apensen auf den Heimweg gemacht. Zwei Kameraden aus Sauensiek fuhren mit dem Motorrad vor, die übrigen 14 marschierten unter Führung des 22-jährigen Kaufmanns Herbert Krücken auf Fahrrädern in Zweierreihen ab. Als sie die Kreuzung erreichten, sprangen drei Gestalten hinter der Hecke am Straßenrand hervor, riefen „Halt!“ und „Absteigen!“ Zugleich schrillten Pfiffe, wurden Steine geworfen, Schüsse abgegeben.

Dann stürzte der Haufen aus den Verstecken. Sturmführer Krücken sah fünf Mann auf sich zukommen. Er warf sein Rad weg und floh aufs Geratewohl über die Weide. Stacheldraht hielt ihn auf. Bevor er durch war, wurde er noch geschlagen. Wie ein paar seiner Kameraden, die am Schluss ihres Zuges gefahren waren, entkam er.

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Ein SA-Mann entging im Zickzacklauf den auf ihn abgegebenen Schüssen. Ein anderer fiel in einen Graben; einen Angriff mit der Mistgabel konnte er abwehren, dann waren drei, vier Männer über ihm und schlugen auf ihn ein. Er hörte, wie jemand „schieß doch!“ rief, ehe er die Besinnung verlor.

Überfallene berichteten, man hätte ihnen die Taschen ausgeraubt. Einem wurde mit vorgehaltenem Revolver ein Taschenmesser abgenommen, das sich bei der Verhaftung eines 18-jährigen Kommunisten fand.

Gegen 22.45 Uhr rückten der Apenser Landjägermeister Sager und zwei Mann zu Fuß vom Bliedersdorfer Wirtshaus ab. Versprengte SA kam ihnen entgegen. Als die Landjäger in Hohebrügge eintrafen, hatten sich die Angreifer längst Richtung Grundoldendorf abgesetzt. Aus Apensen hatte Sturmführer Krücken inzwischen einen Kraftwagen und einen Arzt für die Verwundeten geholt.

So gut es im Dunkeln ging, untersuchten die Landjäger die Kreuzung. Außer ramponierten Fahrrädern fanden sie Mistgabeln mit abgebrochenen Stielenden, zu denen Knüppel passten, Steine und Messer.

Am nächsten Vormittag forderte Landjäger Sager die Harburger Kripo an. Er und die Oberlandjäger aus Neukloster und Buxtehude vernahmen die Überfallenen. Bei Tageslicht entdeckten sie auf dem Kampfplatz hinter der Weißdornhecke zwei Patronenhülsen Kaliber 6.35.

„Ich stehe auf dem Standpunkte, dass der Überfall mit der so genannten Saalschlacht in Buxtehude in Zusammenhang zu bringen ist“, gab Sturmführer Krücken zu Protokoll. „Reichsbannerleute und Kommunisten sind in Buxtehude in Notwehr von uns verprügelt worden. Dafür sollte offenbar Rache genommen werden.“ Einer seiner Kameraden will mehrfach den Ruf „Rache für Braunschweig!“ gehört haben: Vergeltung für eine weitere Auseinandersetzung, bei der die Nazis siegreich gewesen waren.

Das NS-Organ Blatt der Niedersachsen verbreitete derweil seine eigene Version. Danach wurde der SA-Sturm aus einem Lastwagen heraus mit Pistolen, Dolchen und Totschlägern angegriffen – anschließend „verschwand das Auto wieder im Dunkel der Nacht, die verletzten SA-Männer auf der Walstatt zurücklassend. Der durch einen Kopfschuss schwer verwundete Bäcker Pickenpack musste sofort besinnungslos in das Krankenhaus gebracht werden. Der Besitzer des Wagens wurde erkannt, daher wird sich der Schnellrichter recht bald mit dem gesamten Mordgesindel zu befassen haben.“

Hinrich Pickenpack, Lehrling bei Bäcker Thomas in Apensen, wurde nicht angeschossen. Und nicht der Kraftwagen, sondern der Telefonanruf eines Spitzels brachte die Ermittlungen zum Ziel. Am 7. November meldete sich ein Molkereigehilfe bei der Landjägerei und teilte mit, „dass ihm die Rädelsführer des Überfalls bekannt seien“. Am 9. November besprach die Kripo den Ablauf der Festnahme und organisierte die Vorführung beim Amtsgericht Stade. Am nächsten Tag erfolgte die Massenverhaftung.

Ein erster Prozess gegen 22 Personen fand schon am 24. November statt, ein weiterer gegen acht Teilnehmer im Januar 1932. Haftstrafen zwischen zwei und zehn Monaten wurden verhängt. Eine Berufung gegen die Urteile scheiterte im März. Gnadengesuche der Familien wurden abschlägig beschieden.

1933, nach Hitlers Einzug in die Reichskanzlei, wurden einige der Verurteilten, von denen man wusste, dass sie aus Überzeugung, nicht aus bloßer Rauflust gehandelt hatten, in „Schutzhaft“ genommen.

© Uwe Ruprecht

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