Ein Abend unter den „Patrioten“ der „Alternative für Deutschland“

Vorspiel im Netz

Den Anfang machte eine Alarm-Meldung im Stader Tageblatt: „Der Wahlkampf für die Landtagswahl erlebt am Mittwoch in Buxtehude einen brisanten Höhepunkt. Zwei Wahlkampfveranstaltungen der rechtspopulistischen AfD und der Linkspartei finden in Buxtehude direkt nebeneinander statt. Eine Demo wurde kurzfristig wieder abgesagt.“

Wieso sollte die räumliche Nähe von AfD und Linkspartei ein Problem sein? Glaubte irgendwer, die würden aufeinander los gehen, und die Polizei müsste dazwischen treten? Buxtehude 2017 ist nicht Buxtehude 1931. Keine Saalschlacht zu erwarten.

Was die Beteiligten glaubten, behielten sie für sich. So hektisch der Kreisverband Stade der AfD bis zum Abend des 4. Oktober auf facebook postete, so dröhnend schwieg er über das, womit er zur selben Zeit Aufmerksamkeit erregte. Wild und wahllos Links teilen ist keine Kommunikation. Die müssen die Polit-Neulinge noch lernen.

Die Linkspartei ist länger dabei und kann es auch nicht. Deren facebook-Präsenz ist seit zwei Jahren nicht mehr aktualisiert worden, was peinlicher ist als keine Site zu haben. Einer ihrer Funktionäre macht beruflich zwar in IT, ist medial aber auf dem Stand des 19. Jahrhunderts. Vor allem mit seinen Vorstellungen von Meinungsfreiheit. Er würde Marx zensieren, wäre der kein Partei-Heiliger.

In der Kommentarspalte des Tageblatt wurde „Mitleid“ für die Polizisten bekundet. Da rieben sich die Redakteure die Hände. Ihre Hetze hatte funktioniert.

Sie hätten wissen können, das keine gewalttätige Konfrontation zu erwarten war. Aber die Wirklichkeit, über die sie zu berichten vorgeben, kümmert die Journalisten-Darsteller nicht. Sie sind ganz in ihre eigenen Hirn- und Lügengespinste verstrickt.

Nimmt die Berichterstattung über die AfD jetzt denselben Irrweg wie die über die NPD? Die „Nationaldemokraten“ wurden nie politisch gestellt, sondern Polizei und Justiz überlassen. Der Erfolg der AfD ist eine Frucht dieser Ausblendung und Verdrängung.

Journalisten, die ihr Berufsleben mit dem Wiederkäuen von Phrasen zubringen, nannten die NPD einen „braunen Spuk“, als würde sie von selbst verschwinden. Der Ungeist hat sich verwandelt und als AfD im Reichstag eingenistet, und die „lupenreinen Demokraten“ reagieren mit derselben, kläglich gescheiterten Masche.

Unsinniger Polizeieinsatz (Fotos: urian)

Schemen und Chimären

„Wir dürfen keine Getränke ausschenken“, erklärt die Veranstaltungsleiterin. Schlimmeres haben Neonazis heuer nicht auszustehen als von den eigenen Reden einen trockenen Hals zu bekommen.

„Vollkommen irre“ findet der Gastredner Nicolaus Fest, was die anderen Parteien absondern und allerhand darüber hinaus. Darin ist ihm schwer zu widersprechen.

Polizei ist reichlich da. Acht Wannen und einen Streifenwagen habe ich gezählt, die in der Gegend rumstanden. Die Rechten links und die Linken rechts in der Malerschule lassen sich gegenseitig in Ruhe.

Nur ein älterer Herr hat eine Pappe im Arm, auf der etwas steht, das ich in der Dämmerung und auf die Entfernung nicht entziffern kann. Wäre ich näher heran getreten, um das Schild zu lesen, hätte das vermutlich einen Polizeieinsatz provoziert. Bei den Linken gelte ich als Neonazi, und sie hätten meine Annäherung gewiss als Angriff gewertet. (Doch, so blöd sind die.)

Die Demonstration war längst abgesagt. Der Anmelder soll Drohungen bekommen haben. Per Internet droht sich leicht, ernst nehmen muss man das nicht. Aber der Anmelder ist ein Neuling im „antifaschistischen“ Geschäft und glaubt vermutlich die Schauergeschichten, die das Stader Tageblatt dazu verkauft.

„Mitleid“ mit der Polizei ist nicht nötig. Auch deren Pressesprecher ist da, um sich wichtig zu machen, weil seine Kumpel vom Tageblatt da sind. (Über diese Kumpanei mehr hier.) Sie stehen und sitzen sinnlos herum und werden dafür bezahlt. Da gäbe es weniger mitzufühlen als sich aufzuregen.

Über die mangelhafte Bekämpfung der Kriminalität zum Beispiel, wie es die Alternativen im Saal tun. Statt vor der Tür Däumchen zu drehen, könnten die Polizisten Einbrecher jagen. Oder wenigstens Verkehrssünder.

Das sieht man bei der AfD anders. „Danke an die Polizei, dass sie uns diese Veranstaltung ermöglicht hat“, beginnt Nicolaus Fest seinen Vortrag.

Da hätten sich die „unabhängigen“ Journalisten vom Tageblatt wieder die Hände reiben können: „Chaoten haben Demonstration angekündigt, ich habe Angst und komme deshalb nicht“, habe es aus Mitgliederkreisen geheißen.

„Linke Chaoten laufen gegen die AfD Amok“. Es seien schon mal „Körperverletzungsfachdemonstranten“ nach Buxtehude beordert worden, weiß die Direktkandidatin für den Landtag in Hannover, Anke Lindszus – oder hat es vielmehr aus ungenannter Quelle gehört.

Noch mal: es gab nichts zu schützen. Polizei, Presse und Politik sind einfach nicht bei Verstand. „Vollkommen irre!“ Genau, Herr Dr. Fest.

Irrwege

50 Leute, nicht alle Parteichargen; mit fünf mehr Frauen als beim letzten Mal an gleicher Stelle. „Behördenversagen“ steht auf dem Programm, und dazu fällt jedem parteiübergreifend etwas ein. Damit ist leicht Beifall zu heischen. Wobei nicht immer klar unterschieden wird und werden kann zwischen Ämtern, Verwaltungen und Parteien.

Dr. jur. Fest, Sprecher der AfD im Berliner Rathaus und ehemals Redakteur der BILD, hält sich lange damit auf, die Kritik der Basler Zeitung an den „Alleingängen“ von Angela Merkel zu wiederholen. Ich hätte das Original vorgezogen, schon weil ich damit schneller fertig geworden wäre.

„Politik heißt Prioritäten setzen“, und das täten die anderen nicht, meint Fest und setzt die Innere Sicherheit an erste Stelle. Das Land sieht für ihn so aus, dass man Angst habe, zum Arzt zu gehen, weil auf den Straßen Banden marodieren. Zuviel BILD gelesen, der Herr, ganz klar.

Er möchte sich vielmehr „sicher in der U-Bahn, in der S-Bahn, im Bus“ fühlen, ruft der Hamburger aus Berlin den Autofahrern im Saal zu. Und sie, die Flachländler, die in der überwiegenden Mehrzahl nie Bahn oder Bus gefahren sind, klatschen Beifall. „Vollkommen irre.“ Zumal, wenn man in Betracht zieht, dass die wahrscheinlichste Gefahr der körperlichen Beeinträchtigung und des Vermögensschadens für sie ein Autounfall und kein Verbrechen ist.

„Wir brauchen endlich einen Rechtsstaat“. Haben wir nicht? „Ein Staat, der seinen Bürgern das Recht nicht in überschaubarer Zeit verschafft, ist kein Rechtsstaat.“ Sozialstaat, Rechtsstaat und Innere Sicherheit sind „vor die Hunde gegangen“.

Geld wird für Flüchtlinge ausgegeben statt für Richter und Staatsanwälte, sagt Dr. Fest. Oder für sinnlose Polizeieinsätze, ergänze ich.

Auf die Frage aus dem Publikum, was er von dem Begriff „völkisch“ halte, windet sich Dr. Fest. „Ich halte ihn für vergiftet, ich würde ihn nicht benutzen.“ Ob der Ausdruck rassistisch ist, darüber denkt er gar nicht nach, sagt er.

Er plädiert dafür, Horkheimer und Adorno zu zitieren statt Carl Schmitt. „Damit macht man sich angreifbar.“ (Und beide, die Juden und der Nazi, taugen für Dr. Fest gleich viel, um Bauern zu fangen, die sie nicht kennen.) Ansonsten interessieren ihn Bezüge zum Dritten Reich nicht, sagt er. In seinem Kopf hat er längst einen Schlussstrich gezogen.

„Wie kann ich ein Nazi sein, wenn ich mit einer Ausländerin verheiratet bin“, sinniert ein Mann aus dem Publikum. Und wie das geht.

Auch wenn er nichts mit der Geschichte zu tun haben will, hat Dr. Fest sie am Hals. Er will die Duldung für Asylbewerber abschaffen. „Wer nicht geduldet ist, wird interniert. Wie es die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg getan haben.“

„Wenn man Mut hat, kann man alles machen“, gibt Fest sich kämpferisch. „Wenn wir mal an der Regierung sind“, höre ich ihn noch sagen, als ich mich zum Zug nach Stade aufmache. Wenn es soweit kommt, nehme ich, wo wir doch wieder bei Geschichte sind, wie Siegfried Kracauer den frühesten Zug ins Exil.

5. Oktober 2017

Weitere Beiträge zur AfD:

Gestalten im Schatten

Neonazis aus dem Schatten

Das Auto der AfD

afd_abmarsch071017
Abmarsch der AfD vom Wahlkampfstand in Stade am 7.10.17

Nachtrag 8. 10.

Eine ostentative Geschichtsvergessenheit war mir bereits an der gemeinen Mitgliedschaft aufgefallen; beim Redner dieses Abends ist sie allerdings kaum mit mangelndem Wissen zu erklären. Er ist ein Sohn von Joachim Fest, der sich dreifach in die Geschichte der Mythenbildung zum Dritten Reich eingeschrieben hat.

Als Ghostwriter von Albert Speer hat er dessen persönliche Entschuldung betrieben und den Zeitgenossen zugleich ein Muster geliefert, um sich von ihren eigenen NS-Verbindungen zu distanzieren. Mit Hitler – ein Film lieferte er das Schnittmuster aus Propagandafilmen und Zeitzeugenaussagen, nach dem das ZDF zwei Jahrzehnte lang die Tatsachen verkleisterte. Schließlich beruht die letztgültige Film-Legende zum Untergang auf einem Buch von ihm.

Für die Abwehr des Sohns gegen das Thema bietet sich eine psychologische Erklärung an, die auf den allgemeinen Befund einen Akzent setzt. Der Vater half bei der Verdrängung der Fragen, die sich die Deutschen nach 1945 hätten stellen sollen; der Sohn erntet politisch, was dabei heraus gekommen ist. „Wir sind Weltmeister“, jubeln die Leute auf der Couch zum Fußballspiel im TV. Jene, die von der Hitlerzeit nur höchst oberflächlich Kenntnis genommen haben, halten „die Deutschen“ auch darin für „die Weltmeister“, wie sie diese Geschichte aufgearbeitet haben. Und wenn sie zur Wiederholung aufrufen, wundern sie sich, dass ihnen „Nazi“ nachgerufen wird.

Sie wissen nicht, was sie tun. Das entschuldigt nichts, aber es weist darauf hin, dass die Methoden, mit denen der NPD oder Freien Kameradschaften entgegen getreten wurde, und die etwa auch bei Reichsbürgern angemessen erscheinen, bei der AfD ins Leere gehen oder ihrem Affen Zucker geben.

Die NPD weiß um ihre Verbindung zum Nationalsozialismus; wenn sie auf die Bezeichnung „Neonazi“ erwiderte „wir sind Nationaldemokraten“, war das Maskerade, eine Zurückweisung pro forma, Wortgeklingel. Der gemeine AfDler, der nicht Höcke oder Gauland heißt, versteht den Vorwurf tatsächlich nicht. Er will weder KZs bauen noch Juden umbringen. Dank Joachim Fest und ZDF kommt ihm der Nazismus wie etwas Fremdes vor, abgeschlossen und untergegangen.

Indes sind die von der AfD vertretenen Haltungen die Frucht der Verdrängung, die Wiederkehr dessen, wovon allzu viele nie etwas gewusst oder begriffen und schon gar nicht nachempfunden haben. Eine Wiederkehr nicht im alten Gewand. Nicht als paramilitärische Formation im Straßenkampf, sondern in einer bürgerlichen Versammlung, bei der Polizeischutz unnötig ist.

Und noch viel weniger dort kehren die alten Denkmuster wieder, sondern in den Blasen der Sozialen Netzwerken. Noch dazu sind die Haltungen ungleich schwerer zu erkennen als bei „traditonellen“ Neonazis. Keine Dresscodes, keine Symbole machen sie kenntlich.

Empörung hat die NPD eingehegt, aber nicht den Nationalsozialistischen Untergrund verhindert oder neonazistische Ansichten zum Verschwinden gebracht. Bei der AfD hat die Empörung mit zwei Jahren Verzögerung eingesetzt und, wie gesehen, nichts eingebracht.

Der inhaltlichen Auseinandersetzung, die der NPD erspart wurde, weil es stets beim Protest blieb, ist der AfD ebenfalls entgangen. Sie könnte kurz ausfallen, gehe ich von dem aus, was ich auf den Versammlungen gehört habe. Protestwähler, nämlich solche, die sich eigentlich überhaupt keine politischen Fragen stellen, werden animiert von Leuten, die nie eine politische Auseinandersetzung geführt haben, und sich auf Vereinsversammlungen gegenseitig in Gegnerschaften zu Personen und Gruppen bestätigen, die sich allenfalls aus der Ferne kennen, und die vor allem in ihrer Einbildung bestehen.

Das gilt für beide Seiten. Der Zeitung zufolge schrieb ein Redner der Linkspartei am 4. Oktober Nicolaus Fest „abgrundtiefe Charakterzüge“ zu. „Es mache ihn sprachlos, ‚dass so einer in der Politik aktiv ist‘.“ Empörungsgesten wie diese sind umso verfehlter, wenn sie ihr Objekt verfehlen.

Ich kenne den linken Redner und würde über ihn mit besseren Gründen ein ähnliches Erstaunen ausdrücken können, wie „so einer“ in die Politik kommt – und hätte damit so wenig besagt wie er.

Es kommt nicht darauf an, was Fest und die AfDler sind, sondern was sie tun. Bisher reden sie nur. Sich demgegenüber sprachlos zeigen ist offenbar alles, was denen bleibt, für die Protest das einzige Mittel der Auseinandersetzung ist. Auch darin gleichen sich die Extreme: außer Kritik an dem, von dem sie sich vormachen, dass es sei, ist nichts von der AfD zu hören.

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