Ein letztes Wort zum „Antifaschismus“

Der „Antifaschismus“ ist gescheitert. Ich verwende das Wort in Anführungszeichen, weil ich meine Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus weder mit dem Faschismus-Verständnis der Kommunisten in Verbindung bringe noch den Unterschied der Konzepte der italienischen Faschisten und der deutschen Nationalsozialisten verwischen will.

Auch weil es denen, die den Ausdruck verwenden, nicht auf genaue Begriffe ankommt, war es möglich, dass unter dem Banner des „Antifaschismus“ „breite Bündnisse“ geschmiedet werden konnten, sobald ausgewiesene Neonazis eine Kundgebung oder einen Demonstrationsmarsch ankündigten.

Der Widerstand, der sich formierte, war ritualisiert und richtete sich überwiegend gegen Leute, die man bei diesen Gelegenheiten dank Polizeischutz nicht zu sehen bekam und über die man mehr durch die üblichen Medienkanäle mehr Vorurteile als Tatsachen erfuhr.

Während also die „bürgerliche Mehrheit“ gegen die vermeintlich Randständigen von der NPD (deren Anführer in Wahrheit geachtete Mitbürger sind) aufstand und mit großen Polizeiaufgeboten ein Bedrohungsszenario herstellte, bildete sich im Alltag aus der „bürgerlichen Mitte“ die Alternative für Deutschland, um als „Rechtspopulisten“ verharmlost in den Bundestag einzuziehen.

Äußerungen, für die ein NPD-Funktionär vor den Kadi gezerrt worden wäre (um dort womöglich freigesprochen zu werden) gehen AfDlern in TV-Talkshows durch, ohne dass ein Staatsanwalt von Amts wegen ermitteln würde. Volksverhetzungen, die ein NPD-Funktionär sich verbissen hätte, werden von der AfD ungeniert auf Plakate gedruckt und auf facebook gepostet.
In den Sozialen Netzwerken wird dazu nicht geschwiegen, wohl aber auf der Straße. Niemand aus dem „breiten Bündnis gegen Faschismus“ artikuliert Protest.

Die Linkspartei, die sich selbst als Speerspitze des „Antifaschismus“ sieht, schweigt seit einem Jahr zu den fünf Kollegen von der AfD im Kreistag zu Stade. Gegen den einzigen NPD-Funktionär haben sie dort stets die Stimme erhoben und konnten sich dabei des Beifalls von SPD, Grünen und Lokalpresse sicher sein. Zur AfD fällt ihnen allen nichts ein.

Der letzte Antrag der Linkspartei im Kreistag betraf das vermeintliche Aussterben der Insekten. Das ist ein Thema, bei dem man mit der AfD so wenig ins Gehege kommt wie irgendwem anders. Als der „Kampf gegen den Faschismus“ dringlich wurde, wird es in den Geschichtsbüchern heißen, widmete sich die Mandatsträger der parteiamtlichen Linken der Entomologie.

Auf 15 bis 25 Prozent wird der Anteil der Bevölkerung geschätzt, die für einen neuen Nationalsozialismus anfällig sind. 11, 12, 13 Prozent werden für die AfD bei der Wahl zum Bundestag veranschlagt. Ein höherer Wert würde mich nicht verwundern.

Das Starren auf die „Rechtsextremen“ oder „Rechtsradikalen“, die tunlichst nicht Neonazis genannt werden sollten, um die Verbindung zur Geschichte zu verschleiern, hat dazu beigetragen, dass in ihrem Windschatten die überkommenen Anschauungen gediehen.

Soweit es den Holocaust anbelangt, für den ich den Ausdruck Shoah bevorzuge, hat eine Aufarbeitung der Geschichte stattgefunden. Und akademische Historiker haben weitaus mehr getan. Aber im Bewusstsein des durchschnittlichen Deutschen ist der Nationalsozialismus mit der Judenfrage erledigt.

Sie glauben sich auf der sicheren Seite, wenn sie gegen „Flüchtlinge“ hetzen. Dass ihnen dabei gleichermaßen verhasste „Muslime“ mit deutschem Pass beipflichten, merken sie nicht, denn die kennen sie nur aus dem TV, und da kommen deren durchschnittliche Ansichten nicht vor.

Das Aussterben der Zeitzeugen markiert eine Schwelle, ab der die Entfremdung von der Geschichte nur größer werden kann. Kein Zufall, dass zur selben Zeit in Gestalt der AfD die Geschichtsvergessenheit politisches Gewicht erhält: Neonazis, die wie Nazis reden, aber keine sein wollen und nicht als solche verstanden werden.

Der „Antifaschismus“ ist gescheitert, weil er sich die Welt zu einfach gemacht hat. Die NPD war nie, wie unlängst vom Verfassungsgericht festgestellt, eine Gefahr für die Demokratie. Im Rückblick ist klar: NPD, Freie Kameradschaften und Identitäre waren der Aufmerksamkeit nicht wert.

Gefahr ging nicht aus von dem NPD-Redner, der über „Ausländerkriminalität“ herzog, sondern von den Polizei- und Zeitungsberichten, die ihm das Material lieferten, und den Politikern anderer Parteien, die damit längst Stimmung gemacht hatten, ohne dass ein „Antifaschist“ aufgeschrien hätte. Denn die wurden ja für „breite Bündnisse“ gegen die NPD gebraucht.

Den Unterschied macht die AfD, indem sie in bürgerlichem Gewand sagt, was CDU/CSU meinen, aber verschämter formulieren als die NPD.

„Heimat verteidigen!“ heißt es in einem Wahlwerbespot im Radio. CDU oder AfD? Nein, das ist die böse NPD, deren Verbot den „Antifaschisten“ mehr als ein Jahrzehnt lang das Allerwichtigste war.

Vor meiner Haustür in Stade sind Neonazis seit vielen Jahren nicht ein Mal ohne Protest aufgetreten. Zuletzt wurde am 10. September 2016 durch einen absurd gewaltigen Polizeieinsatz die halbe Stadt für einen Aufmarsch gesperrt.

Kein Wahlkampfstand der NPD blieb ohne sichtbaren Einspruch. In diesem Jahr sind die „Nationaldemokraten“ nicht einmal angetreten. Stattdessen ließ die AfD keine Gelegenheit aus, sich darzustellen. Und kein „Antifaschist“ ließ sich blicken. Die Polizei beobachtete, hielt aber nicht wie bei der NPD Einsatzkräfte in Bereitschaft, um gegen Proteste vorzugehen, die dann auch ausblieben.

„Keinen Fußbreit den Faschisten!“ Die Straße wurde ihnen überlassen, und in den Sozialen Netzwerken sieht es ebenso aus. Kein Banner-Träger des „Antifaschismus“ aus Stade hat sich dort vernehmbar zu Wort gemeldet. Gelegenheiten gab es genug.

Jetzt ist es zu spät. Wer je wieder vor meiner Haustür mit dem Banner des „Antifaschismus“ wedelt und dazu die alten Sprüche aufsagt („Wehret den Anfängen“) – macht sich von ganz allein lächerlich, so dass ich mir einen Kommentar sparen kann.

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