Was ich über die Kandidaten der „Alternative für Deutschland“ nicht weiß

Gestern war ich mit einem Freund auf „AfD-Watch“. Der Wahlkampfplatz der Partei in der Fußgängerzone von Stade befindet sich gegenüber einem von uns ohnehin frequentierten Café, so dass es keine Umstände macht, während wir ohnehin über sie schwätzen, ihren Aktivisten auf die Finger zu schauen.

Ich habe nicht mitgezählt, wie viele solcher Sitzungen zur Bundestagswahl angefallen sind; für die ausstehende Wahl zum Landtag in Hannover könnten es noch welche werden.

Das Auto mit der Aufschrift „Direkte Demokratie“ parkte ausnahmsweise abseits. Der Tag war trübe und nieselig; ich könnte nicht sagen, welche Farbe das Zeltdach hatte, unter dem die Parteichargen im Schatten standen.

Neu war, dass einer von ihnen, deutlich der Jüngste im bisherigen Aufgebot, durch die Gassen lief und den parteiamtlichen Flyer andiente. Widerstand, Abwehr oder Abscheu wurden nicht beobachtet.

Sie können nicht behaupten, jemand sei ihnen über den Mund gefahren oder in den Arm gefallen. Die Meinungsbildung findet nicht auf der Straße statt.

Fotos: urian
Das Auto der AfD in Stade

Direktkandidat Dennis Detje ist 39 Jahre alt und kommt aus Buxtehude. Ich weiß über ihn nur so viel er in dem Flyer mitteilt. Verheiratet, „frischgebackener“ Vater. Dem Internet entnehme ich außerdem, dass er Einzelhandelskaufmann ist. Dazu lächelt er mir auf einem Foto entgegen.

Inzwischen wird eifrig über seine Wählerschaft spekuliert und inwieweit sich in ihr weiterhin die Mauer in den Köpfen spiegelt, die 1989 nicht nur nicht gefallen, sondern höher geworden zu sein scheint. Artikuliert die Alternative für Deutschland die Wut der Abgehängten oder derer, die „etwas zu verlieren haben“, oder beides?

Soweit es Dennis Detje betrifft, ist die Ost-West-Frage überflüssig. Für ihn kann keine kommunistische Sozialisation verantwortlich gemacht werden.

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Kandidaten und Texte des KV Stade der AfD

Vor meiner dritten Wahl binnen einen Jahres habe ich zwar allerhand über die Sprüche von Gauland, Höcke, Weidel und Poggendorf gehört und gelesen, und die Flecken in deren Biografie sind erforscht. Über das Bodenpersonal, die Mandatsträger und Kandidaten vor Ort, erfahre ich nichts.

Nicht von ihnen selbst, nichts aus den Medien. Die lokalen Vertreter stehen im Schatten und sollen dort offenbar auch bleiben. Zu einer öffentlichen Parteienrunde, ist zu hören, wurden sie nicht eingeladen.

Dennis Detje könnte eine Maske sein. Ein Foto, vier oder fünf Daten – mehr habe ich nicht, um mir ein Bild davon zu machen, warum ihm ausgerechnet die zwei Dutzend aufgelisteten Punkte im Innenteil des Flyers so wichtig sind.

Mir sind etliche gleichgültig, viele kommen mir chimärisch vor. Von Hetze keine Spur; nichts offenkundig Verfängliches. Keine dreiste Fälschung mehr wie im Kommunalwahlkampf 2016.

Ängstliche Zurückhaltung hat die Hand geführt bei den Formulierungen. Zwei, drei Mal schimmert die Panik durch, die von der Parteispitze geschürt wird, aber der Gegensatz könnte nicht größer sein zwischen deren Brandreden und dem Image der AfD und diesen Leuten, die an ihrem Stand stehen und ihre bürgerlichen Forderungen erheben.

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Am Auto der AfD in der Stader Holzstraße

Ich verfüge über exklusive Anblicke der Schattengestalten. Zwei AfD-Funktionäre kannte ich lange, bevor die Partei gegründet wurde.

Der hohe Anteil professioneller Ordnungshüter aus Polizei und Justiz unter den neuen Abgeordneten im großen Bundestag zeigt sich auch im kommunalen Kleinen. Meine Bekanntschaft sind ein pensionierter Richter und eine amtierende Staatsanwältin.

Aus öffentlichen Quellen ist über sie so wenig Substantielles zu erfahren wie über die anderen, über die Vorsitzende des Kreisverbandes Astrid zum Felde oder Anke Lindszus, die zweite Direktkandidatin zum Landtag.

Elke Heike Roitsch van Almelo ist ein unbeschriebenes Blatt – bis auf Nennungen in Prozessberichten. Bei google ist über Arnold Thomsen nur das Porträt zu finden, das ich zu seinem Ruhestand geschrieben habe.

Unter dem Titel „Die AfD im WOCHENBLATT-Interview“ waren schriftliche Statements zu lesen als Antworten auf fünf Fragen an das Ehepaar als Kandidaten in Horneburg über „die wichtigsten Projekte“, zur Umwandlung der Samt- in eine Einheitsgemeinde, zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes, und warum überhaupt sollten „die Horneburger Ihre Partei wählen und keine andere“.

Schließlich eine Frage zum brennendsten Problem in Horneburg nach Ansicht der Partei, nein, pardon, der Zeitungsredaktion: „Wie stellen Sie sich die Integration von Flüchtlingen in der Samtgemeinde vor?“

Antwort: „Die Integration von Flüchtlingen ist eine Leistung, die diese Personen zunächst selbst zu erbringen haben. Wer beispielweise meint, mit einer Burka herumlaufen zu müssen, setzt ein deutliches Signal des Unwillens zu jeglicher Integrationsbereitschaft.“

Ich bin lange nicht mehr in Horneburg gewesen, glaube aber kaum, dass sich dort viel geändert hat. Als Mann unter 65 zu Fuß auf der Straße falle ich auf, weil nur Kinder und gelegentlich Hausfrauen nicht mit dem Auto unterwegs sind.

Eine Burka-Trägerin in Horneburg ist ausschließlich als Foto-Montage oder Film-Inszenierung vorstellbar und wäre ein surrealistisches Bild. (Und säße sie im Auto, könnte niemand an ihr Anstoß nehmen. So wenig wie an dem, was andere in ihren Autos anhaben.)

Foto: urian
»Fremd im eigenen Land«: AfDler speisen beim Muslim in Stade

Inzwischen bekleiden die Befragten Ämter und haben keine weiteren Fragen gestellt bekommen. Ich habe sie privat vor einem Jahr gefragt, warum sie kandidieren, und werde dazu öffentlich nichts anmerken.

Bis auf einen Punkt. „Petry“ war ein Argument für das Engagement in der Partei. Im Übrigen war keiner ihrer Gründe geeignet, um darüber entsetzt zu sein. In dem Sommer 2016 hatte ich keinen Anlass, ihre Haltung zur Erinnerungskultur anzusprechen.

Nachdem die Veröffentlichung des Mitschnitts einer Rede von Björn Höcke im Dezember 2015 die Dämme gebrochen hatte, redeten zwar einige AfDler vermehrt wie Neonazis, aber erst der Bundestagswahlkampf hat deren Dominanz in der Partei besiegelt.

Keine „gemäßigte“ Stimme in der Partei wird Gauland davon abbringen, mit „Stolz auf die Wehrmacht“ in den Reichstag eingezogen zu sein oder Dr. Weidel rühren, wenn sie kalt lächelnd von der Schweiz aus ihr Fuß- und Stimmvolk an „die klassische Ehe und Familie“ glauben lässt.

Was die Investmentbankerin umtreibt ist Machtlust. Angenommen, der Dennis Detje, der vom Flyer grinst, ist echt. Was will er mit und von der Partei?

Foto: urian
AfDler beseitigt Schmähschrift aus Kreide in Stade

„Der Heimat eine Zukunft geben!“, ruft Detje vom Flyer. Für ihn bedeutet das zum Beispiel: „frischgebackener und stolzer Familienvater zu sein – wie ich es bin“.

Kinder und Zukunft – geschenkt. Unbehagen verursacht mir seine „Heimat“. Ein vielschichtiger und vertrackter Begriff, den niemand ohne weitere Umstände verwendet, der darüber nachgedacht hat. Auf Parole gemünzt, als Selbstverständlichkeit genommen, ist er ein bedingungsloses Ausgrenzungsargument.

Ein Grund, weshalb ich früh das Weite gesucht habe aus dem geographischen Aspekt von Heimat. Grund genug für die wahrhaft Heimattreuen, damit ich nicht mehr dazu gehöre. Als es mich wieder zurück in die Gegend verschlug, in der ich geboren und aufgewachsen war, fühlte ich mich fremd und wurde als Zugereister angesehen – auch nachdem ich meinte, den Punkt richtig gestellt zu haben.

Ich war sogar in einem Heimatverein. Der Anlass auszutreten schließt an das an, weshalb mir „Heimat“ in Verbindung mit der AfD unheimlich ist. In einem Jahrbuch, in dem auch eine Geschichte von mir gedruckt war, erschien ohne mein vorheriges Wissen eine selten verlogene Eloge auf einen anonymen SS-Mann.

Und keiner der Vereinsverantwortlichen verstand mein Grauen. So wenig wie Dennis Detje – gehe ich aus von dem, was ich unlängst in Buxtehude erfahren habe.

Screenshot: Sonnenstaatland
Ankündigung zum Reichsbürger-Vortrag der AfD-Kreisvorsitzenden

„Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer ausschaut als er wirklich ist.“ (J. N. Nestroy; Motto der Philosophischen Untersuchungen von L. Wittgenstein)

Was Ernst Bloch die „Ungleichzeitigkeit der Provinz“ genannt hat, das Hinken hinter dem Fortschritt, der die Metropolen erreicht hat, beträgt für die Region an der Unterelbe rund 30 Jahre. Heute wird in Stade akut, was in Hamburg in den 1980ern anfing.

Erst die globale Digitalisierung hat den AfDlern auf dem flachen Lande die „Bedrohung“ ihrer „Heimat“ bewusst gemacht. Um es so zu wenden: indem Stade sich dem Hamburg vor 30 Jahren annähert, werde ich als Zugereister weniger fremd mit meinen Anschauungen von Urbanität.

„Ich bin einsneunundachtzig groß und habe blonde Haare, die ich lieber kurz trage. Manchmal will ich einschätzen, wer mich wie wahrnimmt. Ein Selbsterhaltungsreflex. Ich vergewissere mich, dass ich aussehe, wie ein Deutscher aussieht, und nicht zu befürchten habe, was andere zu befürchten haben.“

Damit begann Bodo Morshäuser sein Buch Hauptsache Deutsch von 1992. Mir ging es die längste Zeit meines Lebens wie ihm; inzwischen sind die Haare grau. Ein SS-Mann wie im Hollywood-Film.

Mit dem „Selbsterhaltungsreflex“ markierte Morshäuser die Perspektive, aus der er ein Deutschsein beschreibt, das sich zu seiner Zeit auch in Blut ausdrückte. Er kam damals nicht als bevorzugtes Opfer in Betracht. Intellektuelle, die nicht aus dem TV oder YouTube bekannt sind, kommen später dran.

Dennis Detje ist blond und blauäugig. Und er hat Angst. Nicht vor denen, die 1992 bis heute auf andere los gehen, weil sie nicht aussehen, „wie ein Deutscher aussieht“, sondern vor den anderen, die – ja, was tun? Auf alle los gehen, die blond und blauäugig sind?

Foto: urian 1.10.17
Unterführung im Bahnhof Stade

Die Digitalisierung beschleunigt vieles, aber nicht die Bewusstseinsprozesse. Die „Heimat“ des Dennis Detje ist längst Geschichte. Aber – da kommt die „Ungleichzeitigkeit der Provinz“ zum Tragen: er hat es noch nicht gemerkt.

Der Kampf, zu dem er antritt, ist schon entschieden. Er war ohnehin ein Schattenboxen.

Auch die SPD wirbt für sich mit Heimat und Landsmannschaft, aber subtiler, geheimbündlerischer. Den Text der Hymne der Niedersachsen habe ich erstmals zur Kenntnis genommen, als die NPD ein Banner mit einem Zitat zierte: „Sturmfest und erdverwachsen“. Echte Heimattreue wie Weil und Detje kennen natürlich alle Strophen.

Die SPD demonstriert zugleich, wie prekär Heimatverbundenheit ist. „Sturmfest und stark“ tönt es bei ihr. Das „erdverwachsen“, das für Dennis Detje vermutlich dazu gehört, ist in Zeiten der bedingungslosen Mobilität am Arbeitsplatz und überhaupt nichts mehr, wovon die SPD ihren Wählern vorsingen könnte.

1. Oktober 2017

© Uwe Ruprecht

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