Bemerkungen zum »Think Tank Stade«

Folge 1

23. Mai 2018

Trotz aller Kontrolle über den einzelnen Text kann ich nicht absehen, welche Aspekte an ihm hervortreten, wenn er als Teil einer Folge erscheint. Bei der Durchsicht von Blog-Beiträgen auf Tippfehler, die mit zeitlichem Abstand sichtbarer werden, fällt mir die Wiederholung einer Formulierung in unterschiedlichen Kontexten auf: »vor 30 Jahren«.

Spricht da der Alte von seinen Mannesjahren und handelt es sich bloß um eine Idiosynkrasie? Auch das, gewiss, aber nicht aus Sentimentalität, sondern in Hinblick auf die gegenwärtigen Anlässe für meine Erinnerungsschübe.

Um Geschichte und Gegenwart in ein Verhältnis zu setzen, bedarf das Bewusstsein einer gewissen Zeit. So albern es klingt, wenn Kinder davon sprechen, »als sie noch jünger waren«, so haben die allermeisten 40-Jährigen keinen Grund, die eigene Lebenserfahrung mit der Zeitgeschichte in Beziehung zu bringen.

In einem Text über die Alternative für Deutschland standen die 30 Jahre für die »Ungleichzeitigkeit der Provinz«, wie Ernst Bloch das Gefälle nannte zwischen einer Großstadt wie Hamburg und einer Kleinstadt wie Stade, und die Abgründe des Begriffs »Heimat«, den man in der Provinz gegen die Annäherung an urbane Verhältnisse in Stellung bringt.

Vor 30 Jahren kamen in den Einkaufszeilen von Hamburg zwischen Hauptbahnhof und Gänsemarkt die lebenden Statuen auf, die seit zwei, drei Jahren in der Inneren Stadt von Stade stehen und einen Obulus für den Stillstand im Getriebe einstreichen.

Wie man sich zwischen Bahnhof und Hafen an Straßenmusiker und Bettler gewöhnt hat, muss mir einfallen, als ich den CDU-Bundestagsabgeordneten bei der Heimkehr mit dem Zug bekoffert durch die Holzstraße ziehen sehe und er eine Gruppe Musikanten passiert. Seinen Namen registrierte ich erstmals, als er sich einen zu machen versuchte, indem er die Einkaufsgassen von denen säubern wollte, die dort nichts zu beschicken hatten, sondern sich nur aufhielten; es sei denn als zahlende Touristen, versteht sich.

Bevor ich an einem der nächsten Tage auf dem Fischmarkt anlange, erreicht mich bereits die Hiobs-Botschaft. Jemand hat die Postkartenansicht, das Hauptmotiv aller Touristen und erste Wahl zur Illustration von Texten über die Stadt verdorben.

Exakt so erreicht mich die Meldung: jemand hat das getan, weiß der Teufel warum.

Mit einer Ausstellung schaffte es Stade anno dazumal in die Tagesthemen der ARD. Das war zuletzt geschehen – nein, nicht beim Beschluss zur Abschaltung des Atomkraftwerks, sondern zum Prozess gegen einen betrügerischen Mediziner, den die Enthüllungen seiner Gattin in einem Privatsender prominent gemacht hatten.

»Jemand« hat die Postkartenperspektive verschandelt – so viel war dem weder tumben noch nicht digital vernetzten Einheimischen, der noch dazu in der Nachbarschaft wohnt, bekannt von dem Event, für den sich überregionale Aufmerksamkeit erhofft wurde. (google News zeigt nur einen Bericht des NDR an.)

Was sich daraus über die Kommunikationsstrukturen in der Kleinstadt entnehmen lässt, muss insofern ergänzt werden, dass ich zufällig gleich wusste, was es mit dem Malheur auf sich hatte, als ich es sah.

Richter/Meese/Tal R in Stade (Foto: urian)

Mein erster Text über Stade wurde noch mit dem Blick auf den Schwedenspeicher ohne das Kitsch-Boot illustriert. Daniel Richter, Jonathan Meese und Tal R setzen buchstäblich mit ihren Puppen eins drauf. Kitsch as Kitsch can.

Fischmarkt Stade mit Richter/Meese (Foto: urian)

Das geht vorbei, und dann haben die Hansestädter ihre »Puppenstube« wieder. So nannte meine erste Zimmerwirtin in der Stadt den ehemaligen Festungsbezirk, und der Ausdruck schaudert mich heute wie damals.

Die Puppen auf dem Ewer werden meiner Zimmerwirtin wohl nicht gefallen. Und obwohl ich mir, wie gesehen, einen ironischen Zusammenhang basteln kann, sagen sie mir ebenso wenig zu.

Die Touristen haben ein Motiv, das sie sich wahrscheinlicher besser merken als ohne Puppen. Die Einheimischen sind verstört, wissen aber nicht, warum und bekommen auch keine Richtung angezeigt. »Schock«, wenn man es so nennen darf, aber der Rest ist Dada. Es könnten auch andere Puppen sein.

Wenn es denn schon Puppen sein sollen, könnten sie genauer auf einen Punkt kommen. Aber Kunst in Stade geht mich, wie schon ausgeführt, nichts an. Falls Richter/Meese/Tal R in ihrer Ausstellung im Kunsthaus am Wasser West mehr zu den Puppen zu sagen haben, wird es mir entgehen.

Um die Zukunft soll es beim Think Tank Stade gehen. Was man sich dazu so ausmalen kann.

Lebende Statuen in der Puppenstube – Stade ist alltags so ungefähr auf dem Stand von Hamburg vor 30 Jahren. Dazwischen und sonntags wird sich selbst, Touristen und → Fredenbeckern ein Hanse-Idyll vorgespielt. Eine Art Falle aus Geschichte und Gegenwart, die sich im Projekt »Richter/Meese-Ausstellung« versinnbildlicht.

Zukunft? Das andere Motiv, mit dem ich bis ehedem Stade-Texte illustrieren konnte für Leser, die sonst nichts über die Stadt und die Gegend wussten, existiert noch: die Kuppel des Atomkraftwerks.

Gerade ist mir ein knapp 900 Seiten dicker Band vor die Füße gefallen, den ich durchgesehen habe, als mir die Planungspapiere für die Demontage des AKW vorlagen: Die »Achillesferse« der Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland: Zur Kernenergiekontroverse und Geschichte der nuklearen Entsorgung von den Anfängen bis Gorleben 1955 bis 1985, Lauf an der Pegnitz 2004. Ich spare mir weiteres Kramen, um präzise anzugeben, wie viele Jahre hinter dem Plan man in Bassenfleth ist. Fünf, sieben oder zehn?

Jahre her, dass ich mit jemand sprach, der dort arbeitete, aber nicht erklären konnte oder wollte, was er macht. »Gorleben ist überall«. Zukunft ist in diesem Fall an Geschichte gekettete Gegenwart.

Vor 30 Jahren, könnte ich an dieser Stelle hinzufügen – werde mich aber hüten, persönlicher zu werden. 30 Jahre sind der Zeitpunkt, ab dem für Akademiker und Archivare Zeitgeschichte beginnt.

31. Mai

»Falls Richter/Meese/Tal R in ihrer Ausstellung im Kunsthaus am Wasser West mehr zu den Puppen zu sagen haben, wird es mir entgehen.«

So hatte ich oben geschrieben. Und nicht bedacht, dass die Ausstellung noch bis September den Touristen die Postkartenperspektive versaut – oder wird man die Puppen vermissen wie den Reichstag unter Christo und sie der »Mudder Flint mit de Stint un de Katt« fürderhin zur Seite stehen lassen? (Näheres zu dieser Figur – müssen Sie bei denen erfragen, die gern folkloristische Auskünfte erteilen.)

Bis September, so dass meine Förderin (siehe in → Folge 1 unter dem 19. April) noch Zeit hat, einen Besuch in Betracht zu ziehen.

Außerdem bin ich unverhofft an – nennen wir es neutral – Informationen gekommen, die an mein Mitgefühl appellieren.

Ich erkenne nun die Verzweiflung in den Puppen, die ungeheuerliche Anstrengung, sich irgendetwas einfallen zu lassen; die Drohung des Scheiterns und sich damit vor aller Welt, die auf Stade blickt, lächerlich zu machen – um schließlich genau das zu tun und sich als Kasperlefiguren in das Boot zu setzen, das gerade vor der Tür ankert.

Ich habe den Witz also verstanden, glaube ich. Ich sollte ihn mal in einer der Runden kunst- und fremdenverkehrs-fremder Alltagsmenschen, in denen ich gemeinhin verkehre, ausprobieren. Oder besser nicht; schon gar nicht mit Details.

Bis dato war den Leuten das Gewese der Puppen auf dem Schiff oder Boot oder wie immer es seemännisch korrekt heißen muss so gleichgültig wie ihnen dieses selbst gewesen war. Die ganze Geschichte des Puppenspiels könnte sie ärgerlich machen: auf die Künstlerei und den daran hängenden Betrieb. Und ich wäre Schuld, weil ich davon angefangen habe.

Stade sei »eine Stadt, in der die Leute vor sich hindösen«, soll Daniel Richter zur Eröffnung der Ausstellung Bavid Dowie gesagt haben.

»Stade döst nicht!«, lässt der Lokalanzeiger eine Klasse Kinder erwidern. Kinder- und Narrenmund tun Wahrheit Kund – man hat die Wahl.

Den Stadern geht es gut, sie haben nichts Dringenderes als das Wetter zu bereden. Von den üblichen Sorgen abgesehen oder der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft. (Darf ich das überhaupt schreiben ohne FIFA mit ®?) Sie waren Hautzeugen des Jahrhundertfrühlings.

Die gemeinen Männerrunden sind dabei genauso, als hätte es eine »MeToo«-Debatte um sexuelle Selbstbestimmung nie gegeben. Mehr muss hier nicht gesagt werden. Was Mann wie Frau halt so tun, wenn sie einen Platz im Schatten haben. Sie dösen.

Nein, die Vernissage war vor der Hitze-Periode (könnte der Ausdruck im Zusammenhang mit dem Vorstehenden missverständlich sein?), Künstler Richter kann nicht das Bild gemeint haben, das sich derzeit die längste Zeit in der Inneren Stadt bietet: verlangsamte Bewegungen in jenen Gassen, in die Strahlen fallen, Gedränge in den Schattenzonen und verwaiste Plätze, auf deren Pflastersteinen die Sonne Brötchen backt (um im Künstlerkinder-Modus zu bleiben).

Daniel Richter dachte wohl eher an »dösig«. Das fiel mir ein, als ich mich auf die Bank im Schatten setzte, wo der Informant mich aufgabelte.

Daneben ist eine Inschrift auf Plattdeutsch. Ich bin mit der Sprache müttlicherseits aufgewachsen, verstehe sie, kann sie leidlich sprechen und lesen und habe es sogar einmal mit Schreiben versucht – und stand vor der Tafel an der Bank, entzifferte sie mit Mühe und ärgerte mich anschließend über die Bräsigkeit der Enthusiasten, die gar nicht verstanden werden wollen in ihrem Heimatwahn. Was da steht, müsste ich hier übersetzen; aber es ist so unwichtig, dass es die Mühe nicht lohnt.

Die Bank ist freilich vorzüglich.

Puppenstube Stade (Bild

In Vorzeiten habe ich mal Kunst-Witze gerissen und bin dafür honoriert worden, wenngleich nicht so üppig wie die »Superkünstler«, als die sie in den Medien mit Besitzerstolz betitelt werden, weiß also ungefähr, wie es geht. (Kein Schreibfehler; es muss nicht »Suppenkasper« heißen.)

Kein Nachdenken nötig. Auf das antike Schiff oder Boot gehört selbstverständlich ein Hanselmann mit großem ®.

Alles Weitere über diese Gallionsfigur des Hanselstädtchens behalte ich aus Urheberrechtsgründen für mich. (Die Rechte am Kleinen Häwelmann sind abgelaufen, da könnte man sich bedienen; Salz muss dabei sein, ist aber als Zeichen vertrackt: bei weißen Körnern könnte das Publikum an ganz etwas anderes denken …)

Aber wenn ihr bis hierhin schön aufmerksam ward, könnt ihr euch den Kampf mit dem Krokodil selbst vorstellen.

to be continued

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