Ansicht und Täuschung einer Stadt

Ende der Saison: Die letzten Touristen werden durch das »Holpergassengewirr« (→ Ernst Harthern) und mit historisch haltlosem Hansezeit-Geschwätz hinters Licht geführt. (→ Der Hanse-Hoax)

Ich sitze am Hafen und wiederhole mich. (→ Feste feiern im Zeichen des Fisch) Im Juni 2018 pries der Lokalanzeiger ein neues Tourismuskonzept an: »Traditionsschiffe anlocken, Fisch verkaufen oder mehr maritimes Flair im Stadthafen etablieren«. Fisch gibt es wohl irgendwo in der Stadt zu kaufen, aber er hat mit dem Hafen von Stade nichts zu tun, in dem seit unvordenklichen Zeiten keine Fischer mehr angelegt haben.

Auch 2019 hatte das Stadtpanorama, dessen Einheimische wie Touristen vom Hafen aus ansichtig wurden, eine Unterschrift, die »Fischbrötchen« versprach. Es ist nur ein Versprechen: das dazu gehörige Restaurant steht seit vielen Jahren leer. Wenn das kein Symbol ist: Mehr Schein als Sein.

Auf den Bänken, von denen aus ich das Panorama ablichte, finde ich fast immer einen Platz. Gegenüber kommt das Gros der Touristen in Bussen an, und es verbleibt auf jener Seite des Hafenbeckens. Der einzige Weg herüber ist zu schmal, um auch außerhalb der Touristensaison von Passanten und Radfahrern konfliktfrei bewältigt zu werden. An der Zeile mit Kino und Hotel mehr »maritimes Flair [zu] etablieren« würde die Passage über die Schleusenbrücke endgültig unzumutbar machen.

Das »maritime Flair« der Slip- und Winschanlage an der Ausfahrt in die Schwinge haben die wenigsten Einheimischen verspürt. Kein Bus-Tourist kommt dorthin. Die folgende Promenade am Hintern des Hafens wird allenfalls gelegentlich von Radfahrern genutzt. Das macht den schmalen Weg für Fußgänger unzumutbar, weil die Radler jede Strecke automatisch als Rennstrecke reklamieren.

Passanten werden weg geklingelt; das Tempo wird nicht freiwillig verringert und höchstens, wenn ihresgleichen ihnen entgegen kommt und ebenfalls weder Rücksicht noch Bremse kennt. Kaum wer ergeht sich hier, und ohne Radfahrverbot werden es nicht mehr oder könnte sich ein Flair irgendeiner Art entfalten.

Immerhin: die paar Radler sind rasch wieder weg. Ohne sie ist die Promenade eine der vielen zentralen und dennoch abgelegenen Stellen der Stadt.

Solche Abseiten gibt es zu Hauf in der Stadtmitte. Sowohl Touristen wie Einheimische und Besucher aus der Nachbarschaft folgen dem Herdentrieb und bevölkern nur eine Handvoll Gassen. Manches Haus in der Bäcker- oder Bungenstraße hat sich Touristen eingeprägt, das ein Bewohner zum Beispiel der Breslauer Straße, die es nicht mehr geben soll, noch nie gesehen hat.

Das im Vorjahr gepriesene Konzept war anscheinend nicht mehr als das. Was immer für Ideen darin gestanden haben mögen, blieb die Wirklichkeit davon unberührt. Womöglich haben bloß die Fremdenführer*innen ihren Vortrag variiert und um Fischfanglegenden ergänzt.

»Fischbrötchen« eben. Vortäuschungen wie die herrliche Hanse-Zeit. Ein Versprechen, das die Wirklichkeit nicht halten kann. Papierideen, die den realen Gebäuden, ihren Geschichten und ihren Bewohnern ein »maritimes Flair« andichten. Konzepte, denen nichts außer Worten entspricht, die man sich anderswo geliehen hat, aus denen Fremdenführer*innen einen Tüll weben, den sie vor den Augen der Touristen schwenken, während diese durch die Gassen geleitet werden.

Hamburg muss kein »maritimes Flair« kreieren, es hat einen Hafen. Lübeck braucht keinen Hafen, um als Hansestadt durchzugehen. Stade hat nicht viel, worin seine Gegenwart an die erträumte Geschichte anschließt. Das Flair muss weitgehend simuliert werden. Ein Duft, der den Touristen unter die Nase gerieben wird.

In meiner Bankaussicht liegen wie eh und je zwei Schiffe, die Vernebelungszwecken dienen, Museumsschiffe. Vom »Traditionsschiffe anlocken« des vorjährigen Konzepts habe ich nichts mitbekommen. Ansonsten ankern hier vornehmlich Leute, die nie mit einem Bus auf Städtetour gehen würden.

Im Stader Hafen liegen keine Fischerboote, wie dort, wo die Fische auf den Brötchen keine Lkw-Fahrt hinter sich haben, sondern Yachten, deren Besitzern es kaum genehm sein kann, wenn sie für mehr Passanten die Duftnote eines »maritimen Flairs« darstellen sollen. Je nach Gezeitenstand kann ich von der Bank aus auf ihre Köpfe oder in ihre Kochtöpfe blicken.

»Wir reisen mit Ihnen durch die Geschichte und besuchen zehn wunderschön erhaltene Fachwerkstädte mit historischen Stadtkernen und Mittelalter-Flair«, schreibt → GEO.

Über Nummer 8 wird kräftig poetisiert: »Im Schatten seiner großen Schwester Hamburg, etwa vier Kilometer südlich der Elbe, liegt die kleine Fachwerkstadt Stade. Die urige Hansestadt bietet allerlei Sehenswertes. Wer im alten Hansehafen der Altstadt steht oder in einem der umliegenden Cafés ein Glas Wein trinkt, der kann die Stadtmauern die über 1000 Jahre alte Stadtgeschichte förmlich ausatmen hören. Auf Schritt und Tritt begleiten einen die liebevoll restaurierten Fachwerkbauten, barocke Kirchtürme und die Gemütlichkeit einer Kleinstadt mit Tradition. Doch nicht nur zu Fuß, auch mit einem der Fleetkähne lässt sich die Stadt vom Wasser aus ideal erkunden. Die kleinen Fleetkähne legen regelmäßig am Holzhafen ab und umrunden über den ehemaligen Burggraben die Altstadt von Stade.«

Wer Schmalz mag … »Stadtmauern« im strengen Sinn hat die Stadt keine, und keine der Gebäudemauern ist älter als 500 Jahre. Für Missverständnisse sind Leser selbst verantwortlich.

In der »kleinen Fachwerkstadt«, an der sich Reisende ergötzen sollen, wohnen, wenn ich mich nicht verrechnet habe, nur ein Prozent der Stader; alle übrigen verhalten sich zu dieser »Puppenstube« (→ Gepanzerte Gedanken [2]) meist selbst wie Besucher.

Siehe auch:

Stader Geschichtsgang
Geschichten aus Stades Geschichte

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