Wie Stade mit Geschichtsklitterung um Touristen wirbt

„Historische Spuren: In Stade wird das Mittelalter lebendig“ betitelte unlängst eine Zeitung aus dem Ruhrgebiet einen Reisebericht. Er schildert, wie die Touristen durch die Gassen der Inneren Stadt mit ihren „Puppenhäusern“ geleitet und zu einer Zeitreise angehalten werden.

Seit im zweiten Anlauf 2009 die Benutzung des Titels „Hansestadt“ genehmigt wurde, klebt die Clique der Herrschenden auf alles und jedes das Hanse-Label. Der paranoide Eifer, mit dem das geschieht, könnte schon einen unvoreingenommenen Beobachter argwöhnisch machen. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich der Bluff in ganzer Pracht.

Stade gehörte wohl mal der Hanse an. Wann und wie lange genau ist so fraglich wie alles Weitere, das damit zusammenhängen könnte. Entweder wurde die Stadt aus dem Wirtschaftsverband heraus geworfen oder verließ ihn freiwillig. Stade und die Hanse – das erinnert an Großbritannien und die Europäische Union.

Bis zur Titelverleihung war die Hansezeit in Stade kein Thema. Sie spielt für die Stadtentwicklung keine Rolle und wurde von den Historikern abgehakt. Bedeutsam könnte allenfalls sein, dass Stade in der Hanse eben nur ein Gastspiel gab und sich damit eventuell keinen Gefallen tat.

An der Quellenlage hat sich in den vergangenen acht Jahren nichts geändert. Dessen ungeachtet haben Verwaltung, Politik, Presse und Fremdenverkehrsgewerbe ihr Nichtwissen über die historischen Tatsachen radikal neu interpretiert und Stade zum Mini-Lübeck umgedichtet. Als würde man in einem halben Jahrtausend von heute an Großbritannien zum Musterland der EU erklären.

Die Tourismuswerber, die ihre Stadt mit historischem Flair bewerben, scheren sich nicht wirklich um Geschichte. Die reale Stadt ist für sie nur die Kulisse der Märchen, die sie den Gästen auftischen. Was die in mittelalterlich anmutende Gewänder gehüllten Fremdenführer vom Leben und Sterben zur Hansezeit erzählen sind nicht die Geschichten, die sich in den wirklichen Gassen zugetragen haben, sondern Versatzstücke, die aus Büchern über andere Hansestädte zusammen geklaubt wurden.

Kommt nicht darauf an; Hauptsache, die gewünschte Erbauung und Unterhaltung werden geliefert? Man stelle sich vor, es würde so bedenkenlos und abseits des historisch Gesicherten über den Holocaust schwadroniert wie in Stade über die Hansezeit. Die Empörung wäre groß, alle würden nach Authentizität schreien. Es gibt keinen Grund, Unterschiede zu machen. Entweder man verfährt redlich oder nicht. Holocaust-Verdrehungen mögen verwerflicher sein als Hanse-Märchen: um Geschichtslügen handelt es sich so oder so.

Mittelalterlich ist in Stade nur eins: der Zuschnitt der Gassen der Inneren Stadt. Im Mai 1659 brannten zwei Drittel der Häuser ab. Anderswo waren solche Brände der Anlass, das aus dem Mittelalter überkommene Wegenetz zu renovieren. In Stade hingegen erfolgte der Neubau anhand des alten Stadtplans. Die Gebäude, die Reisende heute besichtigen können, sind freilich nicht Mittelalter, sondern Barock und Rokoko.

Spürbarste Erbschaft der Zeit ist der Belag der Gassen. Auch nicht Mittelalter, sondern Kopfsteinpflaster im Wechsel mit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Stade patentierten Kleinkopfpflaster. Eine Attraktion für Touristen und Illustration zu den lauschigen Legenden über die Hanse.

Während am Hafen die ersten Busse parken, deren Insassen sich im dreidimensionalen Geschichtsabziehbild ergehen, hadert die Politik mit den wirklichen Verhältnissen. Im Namen der „Barrierefreiheit“ wird hergezogen über das Pflaster, das aus den Zeiten stammen soll, als das Wünschen noch geholfen hat.

Früher, in der Hanse, war alles besser, schwärmen die Fremdenführer den Gästen vor. Alles – bis auf das, wovon man besser schweigt oder das man heute weder vor Augen noch unter den Füßen oder Rollstuhlrädern haben möchte.

„In Stade wird das Mittelalter lebendig“. Wohl wahr. Was die Touristen nicht sehen können ist das Überleben des Feudalismus. Seit Jahrhunderten lenken „Brüderschaften“ die Geschicke der Stadt, ehrenwerte Männergesellschaften, denen angehören muss, wer im demokratischen Gemeinwesen mitreden will. Jene, auf deren Mist der Hanse-Hoax gewachsen ist.

© Uwe Ruprecht

Advertisements