Die Stader Einheit von Geschichte, Gegenwart und Zukunft

Ich habe eine Zeitreise gemacht. In zwei Richtungen, in die Gegenwart und in die Zukunft von Stade.

In die Gegenwart, insofern ich ein Jahrzehnt lang von dem, was in der Stadt geschieht, nur das Allernötigste wahrgenommen und möglichst rasch wieder verdrängt habe. Ich hatte diverse Zeitreisen unternommen, unter anderem in das Jahr 1834, als die freie Meinungsäußerung mit Haft, Folter und Tod bedroht war, oder nach 1945, als der »Verbrecherstaat« zerschlagen wurde, dem heuer viele noch nachtrauern (und es scheinen immer mehr zu werden).

Bis zu meinem inneren Exil hatte ich regen Anteil genommen an den Geschicken der Stadt. Einen zu regen Anteil, der mir nicht zustand. Nutzloses Gesindel wie ich hat nichts zu melden und riskiert Strafe, wenn es sich nicht daran hält. Gesindel sind nach Maßgabe der Clique, die in der Stadt das Sagen hat, alle, die sich ihr nicht bereitwillig unterordnen.

Darunter jene, die allen Ernstes glauben, sie würden in einer Demokratie leben. Förmlich ist das richtig, insofern regelmäßig Wahlen abgehalten werden. In Stade nimmt daran ohnehin lediglich die Hälfte der Berechtigten Teil. Wie demnächst, wenn die Wahl zum Bürgermeisteramt ansteht.

Indes macht es keinen Unterschied, ob und wo die Wähler ihr Kreuz machen. Die im Rat vertretenen Parteien repräsentieren nicht die Bürgerschaft, sondern Gruppen innerhalb der herrschenden Clique, deren vorrangige Gemeinsamkeit darin besteht, ihre Wähler über die wirklichen Verhältnisse so weit wie möglich im Unklaren zu lassen.

Die Zukunft der Stadt ist längst entschieden, und keine Wahl wird daran etwas ändern, egal wie sie ausgeht. CDU, SPD und Grüne beharken sich bisweilen rhetorisch, und die entsprechenden Zitate werden in der Zeitung ihres Vertrauens aufgebläht, um einen demokratischen Anschein zu erwecken. Die Mehrzahl der Bürger erfährt nicht einmal das, was für die Bezieher des Lokalanzeigers inszeniert wird.

Die politische Entscheidungen, die hinter verschlossenen Türen ohne jede öffentliche Erörterung getroffen werden, überkommen die gemeine Bürgerschaft wie eine Naturgewalt. Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht, und wenn sie merken, dass es sie betrifft, ist es schon zu spät.

Über die Zukunft Stades wurde ebenso entschieden wie über die Geschichte. Die Vergangenheit reduziert sich inzwischen auf einen Punkt, die Hansezeit. Sie wird nicht nur den Touristen als Abziehbild angeboten, sondern auch den Einwohnern als Leitbild. Dass man nichts darüber weiß und was man wissen kann, eher peinlich ist, als dass man darauf stolz sein könnte, spielt bei diesem Theater keine Rolle. (→ Der Hanse-Hoax)

Die Täuschung ist vorsätzlich und wird planmäßig betrieben. Wer Einspruch erhebt, ist Gesindel. Die anderen werden zwanglos hinters Licht geführt oder machen eifrig mit. Die Wahrheit zählt nichts, sofern die Kasse stimmt. Dasselbe gilt für die Zukunft der Stadt, über die von der gleichen Clique auf dieselbe Art verfügt wird.

Wo eine Autobahn gebaut werden wird

Autobahnzubringer Stade (Foto: urian)
Wo die Autobahn auf die Innere Stadt treffen wird

»Gentrifizierungstour« habe ich bei mir die Fahrt genannt, die ich mit einem unternahm, der die mir verschlossenen Verhältnisse genau beobachtet. Wir waren im gesamten Stadtgebiet unterwegs, wo mir neu entstehende Siedlungen und geplante Bauprojekte gezeigt wurden. Die Besitzer von Grundstücken, Investoren und Bauunternehmer sind stets dieselben und miteinander verbandelt.

Es war eine Expedition in eine fremde Welt. Ich bin zur Zeit ohne festen Wohnsitz und ohne die geringste Aussicht auf einen in Stade. Gesindel, von dem die Stadt gereinigt werden soll. Ehedem erhielt das Bürgerrecht nur, wer es kaufen konnte. Förmlich stehen heute dem Gesindel zwar Bürgerrechte zu, aber es kann sie nicht wahrnehmen, wenn ihm das Geld dafür fehlt.

Die Zukunft Stades wird sein wie Geschichte und Gegenwart: eine Clique herrscht und kassiert. Den Übrigen wird etwas vorgemacht, oder sie werden abserviert. Hansezeit, Kaiserreich, 21. Jahrhundert – in Stade bleibt sich alles gleich.

Die Tour unternahm ich mit einem, der nicht zum Gesindel zählt. Einem Bürger, der seine Rechte wahrnehmen kann. Als ich am nächsten Tag dem Gesindel, mit dem ich üblicherweise Umgang habe, von meiner Reise berichtete, erntete ich nur Achselzucken. Es hat sich mit seinem Status nicht nur abgefunden; es hat längst nur ein eingeschränktes Bewusstsein von seinen Bürgerrechten und versteht schon nicht mehr, worüber ich mich empören könnte, hätte ich nicht andere als derart abstrakte Sorgen.

Gentrifizierung Stade (Foto: urian)
Veredelter Wohnblock im Sachsenviertel

Von der Gentrifizierung in Stade bleibt mir nur ein Bild: die Obdachlosenunterkünfte, die für Neubauten weichen müssen. Die einen werden auf die Straße getrieben, damit andere komfortabel im Grünen wohnen können.

Im Sprachrohr der Clique, dem Lokalanzeiger, lese ich zum wiederholten Male einen Artikel über die Romantik des Obdachlosendaseins in Hamburg. Die Autor*innen warne ich, falls sie mir zufällig über den Weg laufen sollten, vor der Ladung Rotz ins Gesicht, die sie zu gewahren haben.

»Wenn jemand eine Reise tut,
So kann er was verzählen;
Drum nahm ich meinen Stock und Hut,
Und tät das Reisen wählen.
Tutti: Da hat Er gar nicht übel dran getan;
Verzähl Er doch weiter Herr Urian!

[…]

Und fand es überall wie hier,
Fand überall ’n Sparren,
Die Menschen gradeso wie wir,
Und eben solche Narren.
Tutti: Da hat Er übel übel dran getan;
Verzähl Er nicht weiter Herr Urian!«

Matthias Claudius: Urians Reise um die Welt (1786)

 

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