Wahrheiten und Lügen über das Altländer Viertel in Stade

In der „Hansestadt“ Stade redet man viel und gern über das Altländer Viertel und soeben wieder sehr laut; manche zerreißen sich geradezu das Maul über das „Ghetto“. Die Schwafler lassen sich mit einer schlichten Gegenfrage zum Schweigen bringen: ob sie überhaupt und wann zuletzt sie dort waren, oder ob sie je mit jemandem näher bekannt waren, der dort wohnt.

Als Grundregel gilt: je mehr sich einer ereifert, desto geringer sind seine Kenntnisse. Die wenigsten verfügen über irgendeine persönliche Anschauung; Politiker und Pressevertreter, die das Quartier auf die Tagesordnung bringen, eingeschlossen.

Mit dem betrügerischen Kollaps der gewerkschaftseigenen Neuen Heimat begann vor 30 Jahren die Kriminalgeschichte des ab 1969 entstandenen Viertels. Unter den zahlreichen Hausverwaltungsfirmen, die sich rund um die Breslauer Straße tummelten, waren die seriösen in der Minderheit.

Vornehmlich für Baumaßnahmen an den Hochhäusern und Wohnblocks wurden seit 1999 einige Millionen D-Mark und Euro Fördergelder von Bund und Land im Zuge des Projekts „Soziale Stadt“ ausgegeben. Neue Gehwege und Müllpavillons haben an der sozialen Situation der Bewohner nichts verändert. Dafür, lautete der Refrain aus dem Rathaus, sei das Geld auch nicht gedacht gewesen. Warum dem Unternehmen dennoch das Label „sozial“ aufgepappt wurde, bleibt ein Geheimnis der Krämer, die es zu verantworten haben.

Über 90 Prozent der Bewohner beziehen Hartz IV, Wohngeld oder Rente. Einen statistisch nicht erfassten hohen Anteil bilden Deutsche „mit Migrationshintergrund“ und Ausländer. Im Spiegel des Gassengewäschs, das Politpropaganda und Presselügen reflektiert, ist das Viertel inzwischen ein Ghetto der Muslime.

Pressespiegel

Im Archiv des Lokalanzeigers finden sich zwei Sorten Texte zum Stichwort: Werbung für die „Sanierungsmaßnahmen“ der Regierenden und Kriminalberichte. In beiden Fällen handelt es sich um Verlautbarungsjournalismus, entstanden ohne jede kritische Prüfung.

Die Zeitung übernimmt die eitlen Behauptungen der Politiker nicht nur wortgetreu; über Jahre war ein Redakteur auf beiden Seiten tätig, als Werber im Auftrag der Herrschenden wie als Berichterstatter. Anderswo als in Stade hieße das „Korruption“ und würde strafrechtliche Konsequenzen haben.

Die Informationen über kriminelle Aktivitäten im Altländer Viertel, die von der Zeitung verbreitet werden, stammen ausschließlich von der Polizei und werden lediglich Satz für Satz wiederholt. Sie sind stets unvollständig und mitunter falsch, aber eine Überprüfung oder Korrektur findet nie statt.

Obwohl klar sein sollte, dass die Polizei unmittelbar nach einer Tat nicht über alle relevanten Erkenntnisse verfügen kann, werden ihre vorläufigen Mitteilungen wie abschließende Urteile aufgefasst. In den Gerichtsverfahren stellen sich die Vorgänge vielleicht anders dar, als von Polizei und Presse gemeldet – davon aber erfährt das Publikum in der Regel nichts.

Bei kriminellen Vorkommnissen mit Bezug auf das Altländer Viertel schaltet sich sofort das Vorurteil ein. „Gefühlt“ ist es die Hochburg des Verbrechens in der Stadt. Statistische Angaben gibt es nicht. Würde ich die Daten auswerten, die ich aus hunderten Gerichtsverfahren und anderen Beobachtungen gewonnen habe, stünde der Stadtteil Hahle oben in der Liste, als Tatort oder Wohnsitz von Tätern.

Während jedoch mit Leidenschaft über „das Altländer Viertel und Verbrechen“ geschwätzt wird, gab es nie eine einzige entsprechende Diskussion über Hahle. Das erledigt die Erörterungen als demagogisch ohne jede Sachgrundlage. Eine wirklich eingehende Betrachtung würde sich ohnedies nicht lange bei der Verbindung von Kriminalität und Wohnumfeld aufhalten, die in einer Kleinstadt von untergeordneter Bedeutung ist.

Zum Mythos des Quartiers trägt bei, dass die Einheimischen Großstadt-Gangster-Ghettos damit assoziieren, die sie aus dem TV kennen, aber selbstverständlich nie eines betreten haben – so wenig wie die Breslauer Straße oder eine der Hochhaussiedlungen der 1970er im nahe gelegenen Hamburg, neben denen sich die paar Straßenzüge in Stade wie ein Zwerg ausnehmen.

Nachdem ich von meiner Zimmerwirtin die einschlägigen Gerüchte gehört hatte, machte ich 1993 einen ersten Besuch – und musste lachen. Ich kam aus Berlin und noch die Schluchten von Marzahn im Auge. Damals gab es auch weder Bettler oder Straßenmusiker in der Inneren Stadt. Von Urbanität beginnen die Stader erst allmählich einen Begriff zu bekommen.

Das „Gangster-Ghetto“ war eine hysterische Projektion. Wie überhaupt jede Sicherheitsdebatte um den öffentlichen Raum in Stade, die aus politischem Kalkül vom Zaun gebrochen wird. Die größten Gefahren lauern im Straßenverkehr. Dann kommt lange nichts, und schließlich muss man sich vor allem zu Hause unter Familie und Freunden vorsehen.

Wird man in einer gewissen Gastwirtschaft in Hahle erstochen, könnte man gewusst haben, worauf man sich eingelassen hat. Die Polizei musste nicht selten mehr als einmal in der Nacht anrücken, und auch bei Gericht kannte man die Lokalität gut. Mein Hit auf der Tatort-Liste für Stade.

Zuletzt kam das Altländer Viertel mit einer „Massenschlägerei“ in die Schlagzeilen. Die veröffentlichten Darstellungen bedienen Vorurteile, bilden aber nicht ab, was passiert ist. Sie lassen den Grund des Konflikts aus, der an die Grenzen der politisch korrekten Scheuklappen rührt, und erzählen nicht, welche Rolle die Polizei bei der Eskalation spielte. Was die Bürgerschaft zu wissen bekommt, ist kein Bild der Wirklichkeit, sondern ein Abziehbild, auf das sich Polizei und Presse verständigt haben.

Geheimniskrämerei

Eine „Sanierung“ war in den 1990ern überfällig – und betraf die Hinterlassenschaft der kriminellen Machenschaften, deren Beute das Altländer Viertel bis dahin gewesen war. Verbrechen nicht der Bewohner, sondern der Hauseigentümer und derer, die sie begünstigten. Der Pitaval der Breslauer beginnt mit Wirtschaftskriminalität in großem Stil. Es wäre eine Untersuchung wert, wie hoch der Anteil der Kriminalität ist, der direkt auf die von Architekten und Stadtplanern, Verwaltern und Politikern geschaffenen Bedingungen zurückgeht, die nie dafür haftbar geschweige denn damit in Verbindung gebracht werden.

Die kriminelle Stigmatisierung des Viertels entspricht der Diskriminierung der dort von der Verwaltung planmäßig angesiedelten Bevölkerungsgruppen. Die Armen und die Fremden werden zu Verbrechern gestempelt. Die anständigen Bürger, die das Viertel nie betreten haben und es lediglich aus der Zeitung kennen, sind nur zu gern bereit zu glauben, dass sie wüssten, wo das Böse wohnt.

Undankbar ist das Gesindel auch noch: Millionen Steuergelder wurden über ein Jahrzehnt zur „Sanierung“ ausgegeben, so geht gegenwärtig das Geschwafel, und trotzdem ist alles wie gehabt. Apropos Millionen: wie viele genau waren es, in welchem Zeitraum und aus welcher Kasse? Selbstverständliche Journalistenfragen, die von der „unabhängigen“ Presse in Stade nicht gestellt werden, weil die politische Klasse keine Antwort geben will.

Abseits der lautstarken Werbung wurde aus konkreten Einzelheiten der „Sanierung“, zumal zum Strom der Gelder, ein Geheimnis gemacht. In öffentlichen Ratssitzungen, bei denen Vorhaben im Altländer Viertel auf der Tagesordnung standen, wurde „nach Vorlage“ entschieden. Soll heißen, das Publikum erfuhr nicht, worüber die Politiker nach Vorgabe der Verwaltung abstimmten.

Die Aufklärung wird einige Jahrzehnte warten müssen, bis die Auswahl der dann im Archiv gelagerten Akten einem Historiker zugänglich wird. Keiner der Verantwortlichen wird mehr am Leben sein, kaum ein Zeitzeuge dem behördlich Niedergelegten widersprechen können – falls der Historiker auf den Gedanken käme, ihn zu befragen. Der Pressespiegel wird dem, der zurück schaut, ein Zerrbild zeigen.

Vorzeigemodelle

Um jede politische Diskussion zu vermeiden sollte die Öffentlichkeit vor zehn Jahren nichts von der flächendeckenden Videoüberwachung des Altländer Viertels erfahren – oder frühestens, wenn Tatsachen geschaffen wären. Alle machten beim Verschweigen mit, Parteien wie Presse. Ein Artikel im Hamburger Abendblatt versalzte den Verschwörern die Suppe.

Offiziell wollten Politik und Stadtverwaltung mit dem „Projekt Orwell“ zunächst nichts zu tun haben. Kurz vor dem Einbau oder gar nicht wurden die Bewohner lediglich von einzelnen Hausverwaltungen über die Gründe informiert: es ginge um „die Vermeidung von Sachbeschädigungen, Diebstählen, Wohnungseinbrüchen, tätlichen Angriffen und Belästigungen, Drogenhandel“.

Wie sich dieser Befund zu den regelmäßigen Erfolgsmeldungen über die „Sanierung“ verhält, blieb unerörtert. Handelt es sich überhaupt um einen Befund? Die Polizei war nach Angaben ihres Sprechers nicht in das Projekt eingebunden und verfügte über keine Zahlen, die eine besondere Gefährdung in den zur Überwachung auserkorenen Häusern belegten.

Ein paar Monate später, nachdem die Verheimlichungsstrategie gescheitert war, sah das ganz anders aus. Als von der Welt die Total-Überwachung als Modellprojekt gefeiert wurde, sprangen alle, die bis dahin nichts gewusst haben wollten, mit ins Boot. Die Polizei wartete mit den Zahlen auf, die sie gegenüber dem Reporter des Abendblatt verleugnet hatte.

Mittlerweile sind die Kameras wieder abmontiert oder ihre Blickwinkel drastisch eingeschränkt worden, weil die Rechtsgrundlage für ihre Installation fehlt. Über das Scheitern des Modellprojekts haben Politik, Polizei und Presse selbstverständlich nie ein Wort verloren. Wer über keine besseren Quellen als deren Lügengespinste verfügt, könnte glauben, im Altländer Viertel lebe man heute noch im Glaskasten.

Wieder einmal wurde eine unbekannte Summe Geldes verschwendet. Oder sollte es nicht besser heißen: umgeleitet? Bereichert hat sich unzweifelhaft jemand an dem Unternehmen. Allein das war womöglich der eigentliche Zweck der Maßnahme und das Motiv, den Mantel des Schweigens darüber decken zu wollen.

Wie viele „Müllkonzepte“ im Altländer Viertel mit großen Worten eingeführt wurden, versagten und durch das nächste ersetzt wurden – darüber haben Bewohner und Beobachter den Überblick verloren. Drei, vier oder mehr? „Pavillons“ wurden aufgebaut und wieder abgerissen. War ein Konzept gescheitert, durften dieselben Personen, die es umgesetzt hatten, einen neuen Versuch starten. Die Wahlbürgerschaft erfuhr von Politik und Presse nur vom jeweils neuen Projekt, nicht warum das alte abgelöst wurde.

Den Offenbarungseid legte die herrschende Klasse am Ende des „Sanierungsprojekts“ ab, indem sie die Straßen des Viertels umbenannte, um der anhaltenden „Stigmatisierung“ durch die Adresse entgegen zu wirken. Dass sich mit den Namen nichts geändert hat ist ein weiterer Fehlschlag nach Machart von Videokontrolle, Müllsystemen und anderem.

Auch die Ratten, über die man bei „Koordinationstreffen“ der „Bürgerbeteiligung“ ausdrücklich nicht reden sollte, waren nie weg. Sie huschen dort aus ihren Löchern, wo Kinder spielen.

© Uwe Ruprecht

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