Bemerkungen zum »Think Tank Stade«

Folge 1 (ab Februar 2018)

Folge 2 (ab Mai 2018)

Folge 3 (ab Oktober 2018)

23. Januar 2019

Die Ankündigung für den gestrigen Dienstag:

Think Tank Stade

Einige Jahre lang war ich Stammgast im Museum. Für meine Zeitungsserie mit Geschichten aus der Geschichte kamen vier Arten von Illustrationen in Frage. Zeitgenössische Darstellungen oder Fotos aus den Archiven ließ ich außer Acht; die wurden mir nicht honoriert.

Das optisch Historische wurde in einer Zeichnung eingefangen, für die ich auf authentisches Bildmaterial zurück griff. Vielfach gab es keines; zumal bei den Kriminalgeschichten zeigte die Zeichnung, wovon es keine Bilder geben kann.

Außerdem fotografierte ich die Schauplätze der Geschichte in ihrem aktuellen Zustand, und ich hielt Ausschau nach Objekten, die zur Geschichte oder ihrer Epoche gehörten. Also lichtete ich Exponate im Schwedenspeicher ab.

Seit dem Umbau vor zehn Jahren hatte ich das Haus nicht mehr betreten. Wozu auch? Mit der Lokalhistorie bin ich vertraut, und außer im archäologischen Bereich dürfte es kaum neue Exponate geben.

Ich habe mich geirrt. Das Museum ist nicht wiederzuerkennen. Ehedem war es eine Art Schatzkammer, in der die einzelnen Objekte bestaunt werden konnten. Nur wer über ihren historischen Platz bereits im Bilde war, konnte sie einordnen. Zu einem Verständnis der Stadtgeschichte trug die Präsentation wenig bei, weder für Einheimische noch Touristen.

Im Foyer, wo damals ein Modell der Stadt stand, befindet sich immer noch eines, aber als Teil eines digitalen Abrisses der Stadtgeschichte anhand von sechs charakteristischen Abschnitten, die auf die in der Ausstellung weiter eingegangen wird. Die Exponate sollen nicht begafft, sondern begriffen werden.

Schwedenspeicher Museum Stade (Fotos: urian)

Darauf lief auch hinaus, was in der Runde aus neun Leuten besprochen wurde. Die Digitalisierung eröffnet neue Räume; aber sie müssen betreten werden. In den gesellschaftlich relevanten Bereichen sieht es aus wie früher im Museum. Ein Stadtmodell, das gefällig(st) anzuschauen ist, aber nichts verständlich macht.

Um nur das Gebiet herauszugreifen, in dem ich mich am besten auskenne: bei aktuellen Informationen ist der Bürger auf eine Zeitung angewiesen, die zwar online erscheint, aber die digitalen Möglichkeiten nicht nutzt, um journalistische Aufklärung zu leisten, sondern um sich deren Simulation praktisch zu erleichtern.

In prädigitaler Zeit mussten die Pressemitteilungen und Agenturmeldungen nochmals abgetippt werden, heute werden sie am Rechner kopiert. Indem diese stets vor dem Erscheinen in der Online-Ausgabe der Zeitung und auf jeden Fall am Tag vor der Druckausgabe verfügbar sind, sammelt die Zeitung bloß, was andere bereits in die Welt gesetzt haben.

Der Betreiber des Think Tank berichtete von seinen Erfahrungen bei Interviews mit Bürgern: über deren Verwunderung, dass überhaupt jemand darauf kam, sie nach ihren Ansichten zu fragen.

Wie ich unlängst herausstrich (Das »Prügelvideo« von Stade): In einer Stadt von knapp 50.000 Einwohnern ist »Bürgernähe« nicht schwer herzustellen. Die Journalisten hingegen machen aus dem, was ihr Alltag sein sollte, eine Extra-Serie, bei der sie »on tour« sind in Stadtteilen, die die sonst höchstenfalls durchfahren und nun ausnahmsweise mit gewöhnlichen Bürgern reden statt mit ihren Gewährsleuten in den maßgeblichen Kreisen.

Die Digitalisierung eröffnet den Bürgern Möglichkeiten, sich ohne medialen Filter selbst zu Wort zu melden, die sie wohl auch nutzen. Gleichwohl gibt es kein virtuelles Stade, das als solches identifizierbar wäre. Ein digitalisiertes Museum zwar, aber keine ebensolche Gegenwart. Auf twitter etwa findet das Geschehen in der Stadt ausschließlich im Zerrspiegel des Lokalanzeigers statt.

Im Museum verbindet sich die digitale Projektion mit dem Stadtmodell. Der virtuelle Raum, der die wirklichen Gassen technisch überblendet, ist (bis auf den touristischen Sektor, zu dem das Museum beiträgt) unerschlossen.

In der Think Tank-Runde kam die Idee eines »Bürgerportals« auf, einer Art virtuellen Marktplatzes. Dazu muss ich nicht mehr ausführen. Meine Bude steht schon.

Mehr hier Think Tank Stade

12. Februar

Volksverdummung anno 2019: »WLAN-technisch wird die Stader Innenstadt immer attraktiver«, meldet das Stader Tageblatt. »Vertreter von Volksbank und TAGEBLATT weihten am Dienstag die Hotspots am Hafen und am Fischmarkt ein. Begeistert dabei: Bürgermeisterin Silvia Nieber, die sich über das kostenlose Angebot für Besucher der Innenstadt freut.«

screenshot Stader Tageblatt 12.02.2019

Wie Leser dieses Blogs wissen, war freies WLAN an Fischmarkt und Hafen bereits vorhanden. (WLAN-Tankstellen in Stade) Was ein zusätzliches Angebot bringt? Einen Werbeartikel im Lokalanzeiger.

Und ganz nebenbei: für Einwohner wie mich ist das WLAN nicht gedacht, sondern für »Besucher der Innenstadt«. Danke sehr für die Missachtung.

18. Februar

Vor 20 Jahren begann das digitale Klonen der analogen Welt. Wer keine Homepage oder keinen facebook-Account hat, existiert nur halb. Stade ist in der digitalen Welt noch unbedeutender als in der realen. Schon gar nicht gibt es in der digitalen Sphäre etwas, das in der analogen nicht bereits vorhanden ist. Wo die Digitalisierung eine Erweiterung sein könnte, wird in Stade die Eingeschränktheit umso deutlicher. Ein Ort, der bisher digital nicht vertreten war, wirft seit kurzem einen digitalen Schatten: der Friedhof Hohenwedel.

 

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