Der Friedhof Hohenwedel in Stade

Wahre »Lost Places« sind allemal jene Orte, von denen sich keine Video-Führungen auf YouTube und überhaupt keine Spuren im Internet finden lassen. Ein solcher liegt unweit meiner gegenwärtigen Behausung.

hohenwedel_karte

Die Suchmaschinen kennen den Platz nicht – bis auf seinen Standort auf der Karte. In der Friedhofssatzung der Stadt Stade wird er, google zufolge, erwähnt. Aber als ich die Site aufrufe, erhalte ich eine Fehlermeldung.

hohenwedel_satzung

Offenkundig werden auf dem Friedhof Hohenwedel keine Bestattungen mehr vorgenommen. Seit wann? Das jüngste Datum, das ich auf den Grabsteinen lese, ist 2000. Um einige Gräber wird sich gekümmert, die meisten kümmern vor sich hin wie das Gelände, das nur in größeren Abständen gepflegt zu werden scheint.

Foto: urian
Verdreckter Lageplan am Eingang

Die Geschichte dieses verlorenen Ortes ist ungeschrieben und wird es mutmaßlich bleiben. Hier also lediglich Momentaufnahmen vom 14. Februar 2019.

Friedhof Hohenwedel Stade (Foto: urian)Friedhof Hohenwedel Stade (Foto: urian)Friedhof Hohenwedel Stade (Foto: urian)Friedhof Hohenwedel Stade (Foto: urian)Friedhof Hohenwedel Stade (Foto: urian)Friedhof Hohenwedel Stade (Foto: urian)Friedhof Hohenwedel Stade (Foto: urian)Friedhof Hohenwedel Stade (Foto: urian)

Friedhof Hohenwedel Stade (Foto: urian)Friedhof Hohenwedel Stade (Foto: urian)Friedhof Hohenwedel Stade (Foto: urian)

Nach der absehbaren Auflösung des Friedhofs würden dort Wohnungen gebaut, höre ich munkeln. Im Wochenblatt vom 8. Januar 2019 lese ich dagegen: »Friedhofsflächen bleiben unbebaut.« Ebendort steht: »Auf dem Friedhof Am Hohenwedel/Trift liegen Grabstätten früherer bekannter Politiker, wie Nicolaus von Borstel. Die Verwaltung prüft, in welcher Form deren Grabstätten für Geschichtsinteressierte in Szene gesetzt werden können.«

Von Borstel (1885-1963) wurde am 22. August 1944 bei der »Aktion Gewitter« verhaftet und interniert (→ Wege des Widerstands), mit der die Nationalsozialisten nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat auf Hitler gegen jene Oppositionellen vorgingen, die sie bis dahin nicht bereits in Lager gesteckt hatten. Von Borstel war als früherer SPD-Funktionär verdächtig.

Grabstein Nicolaus von Borstel (Foto: urian)
Nicolaus von Borstels Grabstein auf dem Friedhof Hohenwedel

Im August 2017 stellte die Ratsfraktion der SPD einen Antrag, seinen Grabstein auf den Garnisonsfriedhof umzusetzen, weil der Friedhof Hohenwedel »aufgelassen und umgewidmet« werden solle. Nicolaus von Borstel, schrieb die Partei, war der »erste demokratisch gewählte Bürgermeister von Stade nach der Diktaturherrschaft«.

Im September vermerkt das Ratsprotokoll: »Auf Vorschlag der Bürgermeisterin soll die Verlegung des Grabsteins von Nicolaus von Borstel an den Beirat Nationalsozialismus und seine Folgen weitergegeben werden, um so weitere Hintergründe erfahren zu können und eine würdevolle Gedenkstätte zu schaffen. Daraufhin zieht die SPD ihren Antrag zur Umsetzung des Steins zurück, es wird dem Vorschlag von Frau Nieber einstimmig gefolgt.« (Über diesen »Beirat« finden sich → hier ein paar Bemerkungen.)

Mit 20 Jahren trat der gelernte Tischler einer Gewerkschaft bei. Er arbeitete als Betriebsleiter der Stadtwerke Stade. 1910 wurde er Mitglied der SPD und war ein Jahrzehnt lang Vorsitzender des Partei-Bezirks Unterelbe. Ab 1915 nahm er am Ersten Weltkrieg Teil. Er versah mehrere Ämter in Stade und gehörte bis 1933 dem Hannoverschen Provinziallandtag an. Von 1926 bis 1929 war er Geschäftsführer der Allgemeinen Ortskrankenkasse, anschließend ging er als stellvertretender Bürgermeister nach Peine. Als »politisch unzuverlässig« wurde er 1933 entlassen und vorübergehend in Schutzhaft genommen. Er war abwechselnd arbeitslos und Leiter einer Milchverteilungsstelle, bis er im September 1939 eine Anstellung beim Finanzamt Stade erhielt. Im August 1944 erfolgte die Einweisung in das »Arbeitserziehungslager« Farge, aus dem er Ende November aus gesundheitlichen Gründen entlassen wurde. Im Februar 1945 wurde erneut verhaftet. Nach Kriegsende leitete er die Stadtwerke Stade, war seit 1946 Landrat des Kreises Stade und Mitglied des Landtages, dem er bis 1959 angehörte.

Nicolaus von Borstel (Foto aus H. Lohmann, Hier war doch alles nicht so schlimm)
Nicolaus von Borstel

Das Internet gibt zu dieser für die Stadtgeschichte offenbar bedeutenden Person nicht mehr her als die Auflistung von Arbeitsplätzen und politischen Funktionen nach einem Landtags-Handbuch von 1996 auf wikipedia (die zu ergänzen ich mir inzwischen erlaubt habe) und einen Satz aus den Sozialistischen Mitteilungen von 1948 über eine gewerkschaftliche Maifeier in London, die »von deutschen Gästen, die als Mitglieder von vier verschiedenen Delegationen (Wilton Park-Kursus, Erziehungs-Delegation der German Educational Reconstruction, Lagerredner für deutsche Kriegsgefangene, Wirtschaftsspezialisten) während des Monats Mai in England weilen, besucht [wurde …] Für die Gäste aus Deutschland sprach der Landtagsabgeordnete Nicolaus von Borstel, Stade. Er dankte im Namen der Genossen aus Deutschland für die Einladungen der deutschen Genossen in England, sprach von dem starken Eindruck, den die Genossen in England gewonnen hätten und von den harten Problemen der politischen Tagesarbeit in Deutschland.«

Mit der Biografie des ersten Bürgermeisters im neuen Deutschland hat sich in Stade anscheinend niemand je eingehender befasst. Nach Hartmut Lohmann (»Hier war doch alles nicht so schlimm«, Der Landkreis Stade in der Zeit des Nationalsozialismus, Stade 1991, S. 406 f.), dessen Quellen ebenfalls ein Landtags-Handbuch sowie ein Zeitungsartikel aus dem Todesjahr Von Borstels sind, war dieser vom 17. Januar bis 14. November 1946 Bürgermeister. Ob sich mit ihm inzwischen jemand beschäftigt, etwa aus besagtem »Beirat«, entzieht sich meiner Kenntnis.

Friedhof Hohenwedel Stade (Foto: urian)Friedhof Hohenwedel Stade (Foto: urian)hohenwedel_apr19_2

Der Friedhof Hohenwedel in bewegten Bildern auf meinem Kanal bei YouTube

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