Gegner des Nationalsozialismus an der Unterelbe 1931–45

Viel ist nicht erforscht über Widerstand gegen das NS-Regime in der Region. Kein Aufsatz, erst recht kein Buch dazu. Ein Historiker hat Ende der 1980er unter den Titeln »Das Scheitern der antifaschistischen Politik« und »Verfolgung« das Wesentlichste zusammengetragen: Facetten dessen, wie Widerstand konkret aussah. Im maßgeblichen Buch über den Landkreis im Nationalsozialismus gibt es kein Kapitel »Widerstand«, aber ein Beispiel: Rudolf Welskopf.

Ein Archivar nennt einen Bauern in Kehdingen, der die Schwangerschaft einer Zwangsarbeiterin vor den Behörden verheimlichte. Das Kind wurde nicht an eine von vier »Kinderpflegestätten« abgegeben, um dort elendiglich zu verrecken oder ermordet zu werden. Unter den Bedingungen eines totalitären Staates, der geringe Abweichung, zumal je näher der eigene Untergang kam, mit Todesstrafe bedrohte, war die Haltung des Bauern allemal Widerstand.

Man weiß nicht genug über sie, ob Annemarie aus Bremervörde, die ein Kind vom Zwangsarbeiter Stephan aus Polen bekam, in erster Linie Opfer oder jemand war, der seine Art von Widerstand leistete. Ein Lehrer hat ihre Geschichte erzählt. Mit Hilfe der nächsten Umgebung mogelte das Paar sich eine Zeit lang durch, bis der »Rassenschande«-Skandal zu groß wurde. Zwei Tage nach Stephans Hinrichtung vor 600 Leidensgenossen wurde Annemarie verhaftet. Sie verschwand, wurde wahrscheinlich bei Experimenten im KZ Ravensbrück gequält und kam um in Auschwitz.

Viele Geschichten von Abweichung und Widerstand im Alltag werden nie mehr aufgeschrieben werden. Sie »möchte über die Sache nicht mehr reden«, erklärte 1997 die Witwe eines Tischlers aus Harsefeld, der laut Akten der Staatsanwaltschaft als 18-jähriger Lehrling am gewalttätigsten Zusammenstoß von Nazis und Gegnern vor der Machtergreifung, dem »Feuerüberfall von Bliedersdorf«, beteiligt war. Dieser letzte Zeuge war bereits 1990 gestorben.

Der politische, der organisierte Widerstand ist besser überliefert, weil er von Polizei und Gestapo verfolgt wurde und mehr Schriftstücke hervor brachte als die geringfügigen sozialen Abweichungen, die bisweilen nicht weniger grausam geahndet wurden. Echten Terror gab es im Landkreis Stade nur von einer Seite. Viele historisch unersetzbare, zumal die ursprünglich geheimen Aktenbestände sind vernichtet worden. Im Hof der NSDAP-Zentrale in der Harburger Straße in Stade brannte im April 1945 ein Feuer. Papierfetzen, die geborgen werden konnten, verraten, wie gründlich Spuren beseitigt wurden.

Was der Bauer in Kehdingen getan haben mag, um das Kind der Zwangsarbeiterin und diese selbst zu retten, wäre für seine Verhältnisse ein Kampf. Gemeinhin heißen »Widerstandskämpfer« nur jene, die mit vollem Bewusstsein, aus Überzeugung, nötigenfalls blutig der Tyrannei entgegen treten. Solche wie Rudolf Welskopf, der Widerstand nicht nur leistete, weil es sich gerade so ergab. Ihm wäre es kaum auf das Wort angekommen.

Die überlieferten Dokumente zur Gruppe um Welskopf stammen aus einer Zeit, als Hitlers Partei noch nicht alle Federn und Schreibmaschinen beherrschte, vor 1933. Gleichwohl sind sie geschrieben aus dem Blickwinkel der Unterdrückung dessen, wofür Welskopf steht. Es kamen nur solche Züge des Geschehens zu Papier, die ihn und seinesgleichen als Straftäter zeigen. Keine Rede von ihren Motiven. Von ihnen erfährt man in dem Roman Jan und Jutta (1955) von Liselotte Welskopf-Henrich, dem aus berufenem Munde attestiert wird, er sei »wirklichkeitsnah«. Solange eine Studie über Widerstand an der Unterelbe aussteht, wird man sich mit verstreuten Episoden behelfen müssen.

22. Oktober 1931: Saalschlacht in Buxtehude

In den Unterlagen im Staatsarchiv Stade gibt es eine knappe Aussage Rudolf Welskopfs vom 8. Dezember 1931: Er hat keine Hand gerührt. Wie ein Fels in der Brandung muss er mitten im Getümmel gestanden haben, denn dass der »Dollbrägen aus hartem Holz« sich verkrümelt hat, ist auch nicht belegt. Polizei und Gestapo wussten, welche führende Rolle Welskopf bei der KPD spielte. Sie hätten sich eine Aussage wie: »Welskopf ergriff ein Stuhlbein und wollte auf den Versammlungsleiter von der SA los«, nicht entgehen lassen.

Welskopf war am 26. August 1902 in Borstel geboren, hatte als Kind bereits bei fremden Leuten arbeiten müssen, war Zimmermann geworden, ein ziemliches Stück in der Welt herumgekommen auf drei »Tippeljahren« zwischen Bremen, Hannover und Berlin, ließ sich in Buxtehude nieder, arbeitete für Baufirmen in Harburg und errichtete ab 1929 ein Haus in der Ludwigstraße für seine Familie, die schließlich aus Frau und zwei Kindern bestand. Inzwischen 29 Jahre alt hätte er sich in der Welt einrichten können. Wären nicht die Nazis im Vormarsch gewesen.

Die NSDAP hatte zum Vortrag »Der Marxistenverrat am deutschen Volke« mit anschließender Diskussion eingeladen Rund 500 Leute aller politischen Couleur kamen ins Bahnhofshotel. Die ohnehin angespannte Atmosphäre entlud sich, als ein SPD-Redner die SA »Mörderbanden« nannte. Der Versammlungsleiter, Kreisleiter Heinrich Stummeyer, 37, aus Harburg, befahl »SA drauf«. Stuhlbeine und Biergläser wurden Waffen. Trotz Überzahl wurden KPD und SPD aus dem Saal geprügelt. Draußen tobte man weiter, bis das Harburger Überfallkommando für Ruhe sorgte.

29. Oktober 1931: Hinterhalt in Hohebrügge

Die Opposition gegen Hitler empfand die Saalschlacht im Buxtehuder Bahnhofshotel als »Schmach«. Während der folgenden Woche war in linken Kreisen von nichts anderem die Rede. Das Gerede verdichtete sich zu einem Plan. Ausgeheckt und angestiftet von Harburger Kommunisten, meinten Polizei und Gestapo, wurde morgens bei der Zahlstelle des Arbeitsamtes in Horneburg eine Verabredung getroffen: Am Abend sollte eine NS-Veranstaltung in einem Bliedersdorfer Wirtshaus aufgemischt werden. Nachher, in der Dämmerung, sammelten die Landjäger am Tatort Patronenhülsen ein.

60 Rote mieden die erneute Saalschlacht mit den 130 Leuten im Gasthof, von denen 80 SA-Männer aus Apensen, Harsefeld und Stade waren. Vielmehr umgingen sie die Gastwirtschaft und lauerten an der Kreuzung bei Hohebrügge zwischen Harsefeld und Grundoldendorf auf einen Trupp von 14 SA-Männern aus Apensen, die mit ihren Fahrrädern dort auf dem Heimweg vorbei mussten. Mit Knüppeln und Messern, Steinen und Schüssen stürzten die Roten aus der Nacht. Heillose Flucht der SA. Stacheldraht an einer Weide hielt den einen auf. Ein anderer fiel in einen Graben, wurde mit einer Mistgabel gestochen, dann waren vier Mann über ihm, und er verlor die Besinnung. Überfallene berichteten, man hätte ihnen die Taschen ausgeraubt.

Dem Telefonanruf eines Spitzels folgte am 10. November eine Massenverhaftung. In zwei Prozessen verhandelte das Stader Gericht gegen 30 Angeklagte aus Harsefeld, Horneburg, Buxtehude und Harburg und verhängte Haftstrafen zwischen zwei und 10 Monaten. Nach der Machtergreifung wurden einige, von denen man wusste, dass sie aus Überzeugung, nicht aus bloßer Rauflust gehandelt hatten, in »Schutzhaft« genommen. Wie Rudolf Welskopf, 31, arbeitsloser Zimmermann aus Buxtehude und Familienvater, der Keilereien mied. Im März 1933 saß er zusammen mit 25 Genossen im Gerichtsgefängnis Stade.

»Als ich dabei war, einen Hungerstreik zu organisieren, ließ man die andern schon wieder frei«, schrieb Jan Möller in einem »selbst verfassten« Lebenslauf in Jan und Jutta. »Mich allein behielten sie noch zurück, weil ich ihnen wohl als der verdächtigste und gefährlichste erschien. Es blieb mir nichts anderes übrig, als den Hungerstreik allein durchzuführen. Als ich drei Tage hindurch nichts zu mir genommen hatte, kam der Oberwachtmeister Tamm zu mir und machte mir freundschaftlich klar, dass er die Sache melden müsse und dass ich dann ins Konzentrationslager käme. Nach den Berichten über die Gräueltaten in den Lagen, die schon zu jener Zeit zu uns drängen, musste ich meine Überführung dorthin so lange wie möglich vermeiden. Ich wollte lebend in meine Heimatstadt zurück, um die Partei dort neu zu organisieren, ehe alles zusammenbrach.«

1932 hatte Welskopf sein drei Jahre altes selbst gebautes Haus verlassen müssen und mit Frau Alma Olga, geb. Bestehorn, und den Kindern Anni, 7, und Rudolf, 3, Zuflucht bei Verwandten am Stavenort nehmen müssen. Die Buxtehuder Widerstandsgruppe bestand aus etwa 100 Leuten. Ein Historiker schätzt: »es ist von einer ebenso starken Stader Gruppe auszugehen«. Weitere Gruppen gab es in Bützfleth, Harsefeld, Horneburg und Jork. Bei Wahlen kamen sie allenfalls auf sieben Prozent; in Kehdingen waren sie am stärksten. Ihren größten publizistischen Erfolg verbuchte die Buxtehuder Gruppe, als sie Ende 1931 nahezu alle Häuser hochrangiger Nazis mit Hakenkreuzen versahen und die Stufen des Rathauses mit »Rot Front«.

11. November 1932: Vor »der Hölle«

Martinimarkt war wie jede Veranstaltung in der Stadt für Rote und Braune eine Gelegenheit sich zu präsentieren. Man traf sich in den Stammlokalen: Die Kommunisten in einer als »die Hölle« bekannten Gastwirtschaft in der Abtstraße, die Nazis zwei Straßen weiter an der Ecke Fischerstraße und Ostfleth. Am Nazi-Lokal gingen kurz nach Mitternacht Scheiben zu Bruch. Die Roten hatten das braune Hauptquartier umzingelt. Unter den neun namhaft gemachten Kommunisten zwischen 21 und 31 Jahren war der arbeitslose Heinrich Alljes, Untermieter bei Welskopf in der Ludwigstraße. Auf der Straße brüllte man sich mit »Rot Front« und »Heil Hitler« an. Die Massenschlägerei blieb aus, sie trieben sich zu Scharmützeln durch die Gassen um die Kirche. Aus dem Dunkel heraus wurde einem SA-Mann das Gesicht verletzt, vermutlich mit einer Waffe – mehr konnte die Polizei nicht ermitteln.

Kripo und Gestapo konzentrierten sich auf einen Vorfall in der Liebfrauenstraße. Hinter drei SA-Männern her jagend traf ein Trupp der KPD auf zwei scheinbar Unbeteiligte. Den einen, Heinrich Fölser, kannten sie und hatten eine ominöse Rechnung mit ihm offen. Sie schrien: »Das sind Spitzel, schlagt sie tot!« und fielen mit Knüppel und Messer über Fölser her, der lebensgefährlich verletzt wird. »Na, de ist jo endlich dot!«, denken sie und lassen von ihm ab. Die Staatsanwaltschaft hat nichts über den speziellen Hass gegen Fölser herausgebracht. Vor Gericht scheinen Täter und Opfer sich einig gewesen, die Hintergründe zu verschweigen. Mit »Widerstand gegen die Nazis« hatten sie kaum zu tun. Das ließe sich eher sagen für die ständigen Rempeleien zwischen SPD und KPD vor dem Arbeitsamt in Altkloster. Zu beiden Seiten der Straße standen die Fraktionen mit Flugblättern und Zeitungen und machten Stimmung unter den Wartenden. Welskopf hatte 1930 die Straßenseite gewechselt, die SPD war ihm im Widerstand zu lasch. Sozialdemokraten und Kommunisten beschimpften und schlugen sich.

Heinrich Henne, Jahrgang 1898, gehörte auf Seiten der KPD zu denen, die polizeibekannt wurden und sich mehrmals Tage und Wochen im Gefängnis einhandelten. Bei Henne, der am wenigsten verdächtig war, mit der Polizei zu konspirieren, klopfte Rudolf Welskopf an, als er und zwei Mithäftlinge im August 1936 aus einem Arbeitslager im Moor bei Zeven entkommen waren und in der Heimat Zuflucht suchten. Henne verriet die Genossen an die Polizei. Im Keller des Buxtehuder Rathauses erwarteten sie ihren Rücktransport ins Lager. 1936 wurde ein Arbeiter aus Harsefeld wegen »Feindsenderhörens« zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, Elisabeth Meyer aus Stade desselben Delikts wegen ins KZ Ravensbrück deportiert, wo sie umkam. Auch Henne kam möglicherweise ins KZ.

25./26. März 1935: Hochverräterprozess

Der erste »Hochverräterprozess« hatte schon 1933 stattgefunden, mit ihm wurde die Widerstandszelle in Stade aufgelöst. Am 12. April schlugen Polizei und Gestapo mit einer Serie von Razzien zu. Den erhofften Anlass lieferten jugendliche Kommunisten, die Flugblätter in den nächtlichen Stader Gassen verteilten. Quartiere, in denen KPD-Mitglieder wohnten, wurden abgesperrt, die Geheimdruckerei ausgehoben, 24 Genossen verhaftet und angeklagt. Der Maurer Johann Kuhlmann bekam mit 18 Monaten Gefängnis die Höchststrafe. Dasselbe Vorgehen in Altkloster im Oktober 1933. Schon das Lesen und Verbreiten der Norddeutschen Zeitung galt als schweres Verbrechen.

»In Harburg wurden viele Genossen gefasst«, sagt Jan Möller in Jan und Jutta, »während bei uns in B.[uxtehude] nur ab und zu einer ›hoch ging‹. Vor jedem Abstimmungstag 1933 und 1934 wurde ich zwar verhaftet, aber man konnte mir nie etwas nachweisen. Die ›Nein- Stimmen‹ in B. erhöhten sich von 400 auf über 800. Da holten die Faschisten am 20. August 1934, dem Tag nach der Abstimmung, zum großen Schlag aus.« 200 Verhaftungen in Harburg. Folterungen, weitere Mittäter wurden verraten. Ein gepeinigter Zeitungslieferant nannte Namen aus Buxtehude. Noch am 20. August 1934 wurde Welskopf mit 15 anderen verhaftet. Die Buxtehuder Gruppe war ungewöhnlich alt: sie waren wie Welskopf schon länger dabei, über 30, verheiratet, Familienväter. »Es war fast nichts mehr zu retten. Ich ging dazu über, alles auf mich zu nehmen«, so Jan Möller. »›Was in B. geschehen ist‹, sagte ich, ›habe ich alles gemacht.‹ Die Gestapo suchte die Leitung. ›Die Leitung‹, sagte ich, ›war ich allein.‹ […] Ich brachte es schließlich zustande, dass sie nicht weiter suchten, sondern mich zum Hauptangeklagten machten.«

»Die höchste Strafe erhielt Welskopf, weil er der Führer war«, notierte eine Zeitung über den Ausgang des Prozesses im März 1935 gegen 26 Widerständler. Zur Tagung im Schwurgerichtssaal in Stade reiste extra das Kammergericht aus Berlin an, um das Exempel an der Buxtehuder Bande zu statuieren. »Das Gericht hat nicht zu sühnen, sondern auch auszumerzen«, stellte der Staatsanwalt klar. Ein paar Jahre später wäre die Todesstrafe gewiss gewesen; man beließ es bei fünf Jahren Zuchthaus. Noch am selben Tag der Transport in die berüchtigte Haftanstalt Celle. Genosse Julius Hey, 46, aus Königreich hatte den Prozess schon nicht erlebt. Erhängt in der Zelle im Stader Gefängnis, sagen die Akten.

Ein paar Jahre später ließen die Nazis Welskopf dann einfach nicht mehr frei. KZ Sachsenhausen, Arbeitskommando Berlin-Lichterfelde. Eine bürgerliche Intellektuelle aus gutem Hause, Liselotte Henrich, entdeckte die Judenverfolgung, kümmerte sich um das Leid Gefangener und richtete einen illegalen Hilfsdienst ein, von dem Welskopf profitierte, indem sie ihn ausstattete, damit er in einer falschen Uniform an den Wachen vorbei zur Tür heraus spazieren konnte. Fräulein Dr. Henrich versorgte ihn außerdem mit Wohnung und Arbeit. Er reparierte das bei Bombenangriffen beschädigte Dach des Hauses, in dem sie wohnte, mitten in Berlin. Auf der Straße, vor dem Haus gegenüber parkten auffällig oft schwarze Limousinen. Ernst Kaltenbrunner residierte dort, der letzte Chef des Reichssicherheitshauptamtes.

22./23. August 1944: Aktion »Gewitter«

Immer mehr Gegner und Unliebsame sollten, je näher es dem Ende zuging, mit gerissen werden in den Untergang. Nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat auf Hitler, am 22. und 23. August 1944 griff das Regime bei der Aktion »Gewitter« mit einem einzigen Hieb in das, was ihm als Widerstand galt. Festgenommen wurde auch der 57-jährige Ludwig Jürgens, später Bürgermeister und Ehrenbürger von Stade. Er leistete Zwangsarbeit im Bunker von Bremen-Farge. Wie Welskopf war er Zimmermann gewesen, sechs »Tippeljahre« bis nach Österreich und in die Schweiz. Jürgens entdeckte Bücher für sich. Er, der nur einen Volksschulabschluss hatte, setzte sich vehement ein für das was damals »Volksbildung« hieß. Öffentliche Bibliotheken beispielsweise.

Er »grüßt nie mit dem deutschen Gruß und verkehrt nur mit ehemaligen SPD-Mitgliedern von Stade«, fiel der Kripo Mitte 1935 an ihm auf. Nachzuweisen, dass Jürgens illegal politisch tätig war, gelang den Behörden nicht. Was immer aber er unternahm, um am Leben zu bleiben, stolperte er über Verdächtigungen, wurde zu Verhören geladen, musste einsitzen. »Gefährdung der öffentlichen Sicherheit«, das passte immer bei einem, der den Mund nicht hielt, Meldungen aus der »Feindpresse« verbreitete, abfällig über das Regime redete, wenn die Gestapo nicht offenkundig lauschte. Im Zuge von Aktion »Gewitter« wurden wie Jürgens bisher ungezählte andere, verbliebene, noch nicht in Lager gepferchte Abweichler inhaftiert und umgebracht, seien sie politisch motiviert oder wurden nur dafür gehalten, sowie alle diejenigen, die anderen Aktionen unter anderen Vorwänden bis dahin entgangen waren. Jürgens kam nach Ahlem bei Hannover, wo ein Mann aus Stade bei der Gestapo diente, den ein Bürgermeister 2002 für seine »Lebensleistung« ehrte.

»Volksschädling« und heimtückischer Kauz

Widerstand oder Torheit? War es Torheit, hatte sie Methode. Ludwig Jacobi war auf irgendeine Weise absonderlich. Genaues geben die Akten nicht her, die ein Stader Amtsrichter über seinen Kollegen gefunden und ausgewertet hat. »Eine gewisse gesellschaftliche Ungewandtheit scheint vorzuliegen«, hielt eine Beurteilung der Staatsanwaltschaft Hildesheim Ende 1928 fest. Jacobi war 32, Sohn eines Amtsjuristen aus Northeim, hatte in Göttingen und Leipzig studiert und sein Referendariat in Celle absolviert. So weit es ging, entzog sich Jacobi der Gesellschaft. War in keinem Verband, keinem Verein, nicht in der NSDAP, dem NSRB und was es noch gab, damit eben keiner in die Nische entkam, in der Jacobi sich eingerichtet hatte.

Er war nicht vorsichtig, er hatte ein loses Maul. In einem Gespräch über den »deutschen Gruß« sagte er, der sei von den italienischen Faschisten geklaut, und »dann könnte ich mir ja auch einen Ring durch die Nase ziehen.« Er wurde denunziert und vorläufig amtsenthoben. Zum 1. September 1933 trotzdem zum Amtsgerichtsrat ernannt wurde er immerhin »strafversetzt« nach Stade. Jacobi, der Hagestolz von 37 Jahren, bezog ein Zimmer in der Neuen Straße, schimpfte über das Wetter, die Stadt an sich und wünschte sich in den Süden. An eine Tante in Chicago schrieb er: »Besonders schlimm sind die Juden dran. In einigen Jahren wird wohl kaum noch einer in Deutschland sein.« Der Brief wurde abgefangen. Die Gestapo wollte ihn verhaften, Landgerichtspräsident Franz Wieacker verhinderte es. Trotzdem kursierte die Geschichte zwischen Amt, Partei und Presse, wurde Schlagzeile: »Ein Amtsgerichtsrat als Volksverräter«. Der Landgerichtspräsident schickte Jacobi fort zu seiner verwitweten Mutter nach Hannover. Drei Monate dauerte der Aufenthalt in Stade, der sein Ende einleitete.

Aus dem Blickwinkel der »Heimtückeverordnung« hatte Jacobi belastendes Material ans Ausland versandt. Es stimme ja nicht, was den Juden in Deutschland drohe. Das Sondergericht Hannover urteilte am 7. Februar 1934 mit gewissem Maß und sprach Jacobi frei: Was er über die Juden geschrieben habe, sei »keine unwahre Behauptung im Sinne des § 3«. Ein paar Sätze lang gibt sich das Gericht auch mit Jacobis sonderbarem Gebaren ab. Er sei »in seinem Auftreten und seiner Ausdrucksweise oft unbeholfen und ungeschickt. Er gebrauchte auch in seinem mündlichen Vortrag […] an einer Stelle das Wort ›einfach‹, wo es nach normalem Sprachgebrauch gar nicht anzuwenden war.« Kein einleuchtendes Beispiel. Dem Richter behagte vor allem nicht, dass Jacobi »trotz seiner Bildung und Stellung zu einer auffallend derben und burschikosen Ausdrucksweise« neigte. Am selben Tag, an dem viele Juden, mit denen er sympathisiert haben soll, ihre Arbeit verloren, dem 1. April 1934, wurde der Kauz zwangspensioniert.

Ab 1935 lebte er in Weil am Rhein. Durch eine Heiratsannonce fand er seine spätere Frau Martha Gammeter, eine Schweizerin. Im Juli 1938, Jacobi galt auch in Weil als »Halbjude«, ließ er sich hinreißen zu der Äußerung: »die Bonzen in Berlin machen die Preise immer teurer«. Nach erneuter Denunziation wurde sein vermeintliches »Halbjudentum« ergebnislos geprüft. Sein altes Urteil zu dem Brief aus Stade wurde aufgehoben, der Fall neu verhandelt; die Justiz arbeitete sich an dem Abweichler aus den eigenen Reihen lange ab.

Mittlerweile war ein verschärftes Gesetz gegen Heimtücke in Kraft. »Er war eben ein bisschen auffallend«, gaben die Zeugen unbestimmt zu Protokoll. »Der Angeklagte hat auch früher schon öfter mal was auszusetzen gehabt. Mal hat es keine Zitronen gegeben und mal war sonst was nicht recht.« Jacobi sei ein »verschrobener, querköpfiger und dem Leben recht unbeholfen und fremd gegenüberstehender Mensch, der nach Überzeugung des Gerichts die Tragweite seines Geschwätzes nur unvollkommen übersehen hatte«.

Schlussendlich verurteilt wurde Jacobi im Juni 1939 zu drei Monaten Gefängnis. Haftantritt 11. September in Lörrach. Nach einer Woche die vorzeitige Entlassung, eine Aussetzung von 83 Tagen, 21 Stunden und 20 Minuten, hielten die Juristen befriedigt fest. Die »Gnade« währte nicht lange. Im folgenden Sommer, am 15. Juni 1940 wurde Jacobi umstandslos verhaftet: KZ Dachau. Bei aller Milde der Berufskollegen trug er seit den Schlagzeilen aus Stade das Stigma »Volksschädling«. Ihm wurde vorgehalten, er fahre oft in die Schweiz zu den Eltern seiner Frau. Am 14. August 1940 um 8.20 Uhr wurde der 44-Jährige in Reichweite eines Arztes »auf der Flucht erschossen«.

Quellen und Literatur

Strafakten und andere Unterlagen im Staatsarchiv Stade und den Stadtarchiven Stade und Buxtehude | V. F. Drecktrah, J. Bohmbach (Hg.): Justiz im Nationalsozialismus, Stade 2004 | H. Lohmann: »Hier war doch alles nicht so schlimm«, Stade 1991 | D. Müller-Stats in Stader Jahrbuch 1993/94 | U. R. in Hamburger Abendblatt 21.5.1997, 8.8.2001; Geschichte und Gegenwart 1997; GEW aktuell Stade Herbst 2002; Neues Deutschland 21.2., 1.8.2002, 20.4.2005; Neue Osnabrücker Zeitung 26.4.2005 | H. Schartau in Stader Jahrbuch 1978 | L. Welskopf-Henrich: Jan und Jutta, Halle–Leipzig 1965

© Uwe Ruprecht

Advertisements