Ein ganz gewöhnlicher deutscher Massenmörder

Gestapo Ahlem

Am Ende hatte er die Wahl. Den letzten Mordbefehl hätte er verweigern können. Mit 37 Jahren wusste SS-Mann 92901, was eine Entscheidung bedeutet. Die Wahl war leicht. Sein Herr hatte sogar angeboten, aus der Reihe der Mörder ausscheren zu können.

Hans Heinrich Joost war nicht plötzlich zimperlich geworden. Gewissensbisse waren ihm fremd, Skrupel als Charakterzug befördert nicht zum SS-Obersturmführer. Nicht ethische Bedenken oder Einsicht in das Unrecht seines Tuns ließen ihn im April 1945 davor scheuen, den letzten an ihn ergangenen Befehl zu befolgen und die Verantwortung nach unten durchzureichen.

Joost leitete die Ausländerabteilung der Geheimen Staatspolizei in Ahlem, einem Vorort von Hannover. Im Juli 1943 hatte er klein angefangen mit einem Beamten, zwei Dolmetschern und einer Schreibkraft. Am Ende dienten unter ihm 30 Leute, die gleichwohl nicht mit dem wachsenden Pensum mithalten konnten.

Je länger der Krieg dauerte und mehr Menschenleben forderte, desto abhängiger war die Wirtschaft von den Zwangsarbeitern. Jede vierte Arbeitskraft war ein Sklave, in der Landwirtschaft sogar jede zweite. Täglich wurden ein Dutzend »Ostarbeiter«, zuweilen dreimal so viel, im »Polizeiersatzgefängnis« eingeliefert, weil sie gegen die deutschen Vorstellungen von Arbeitsmoral verstoßen hatten. Die »Referate« von SS-Ostuf. Joost folterten und brachten ums Leben.

Aufgeschrieben wurde das so nicht. Die nackte Gewalt war in ein Gewand aus Bürokratismen und Paragrafen gehüllt. Folter und Mord wurden als Strafe ausgegeben. »Delinquenten« nannte SS-Mann 92901 noch 20 Jahre später die von ihm gequälten und umgebrachten Männer, Frauen und Kinder.

Der Überlegene peinigte den ihm Ausgelieferten, simulierte aber ein rechtsförmiges Verhalten. Für jeden Stockhieb gab es eine Vorschrift. Jeder Stockhieb wurde sorgfältig aufgezeichnet. Tat ein SS-Mann einen Schlag mehr als angeordnet, konnte ihm das einen Tadel des Vorgesetzten eintragen, der an den übrigen, verordneten Schlägen nichts auszusetzen fand.

Sofern die bundesdeutsche Justiz sich später mit Tätern befasste, nahm sie sich vor allem diejenigen vor, die einen Schlag mehr als gefordert getan und dabei ihre Lust zu erkennen gegeben hatten. Wer sich an die Vorschriften hielt und Befehle kalt befolgte blieb unbehelligt.

In Ahlem wurden zwar Todesurteile verhängt, die Hinrichtungen erfolgten aber in der Regel im Konzentrationslager Neuengamme bei Hamburg, das in und um Hannover sieben Außenstellen unterhielt, aus denen die »Delinquenten« stammten. Aber auch vor Ort ermordete die Gestapo 400 oder mehr Menschen.

Die Opfer seien »nach ihrem Tode entkleidet, mit Papiertüten eingewickelt und mit einem Etikett um den Hals als Erkennungszeichen mit einem Auto zur Seelhorst gebracht und dort verbrannt worden«, bezeugte Franz Hennies, ein seiner Meinungen wegen eingesperrter Lehrer. Der größte Hannoveraner Friedhof auf der Seelhorst verfügte über ein Krematorium.

Am Ende, als Transporte nach Neuengamme unmöglich waren, aber man dennoch nicht mit dem Morden aufhören wollte, im März 1945 wurde in Ahlem ein Galgen installiert, mit dem wenigstens 72 Menschen »sonderbehandelt« wurden.

»Sonderbehandlung« war einer der Begriffe, um die Morde zu verschleiern. In der Sprache schreckten die Schlächter davor zurück, sich selbst ins Gesicht zu sehen und tarnten ihr Tun mit Verwaltungsjargon. Zur Folter gehörte, andere Gefangene Aufstellung unter dem Gerüst mit den Gehängten nehmen zu lassen. Das Mordinstrument befand sich in der früheren »Laubhütte« der Israelitischen Gartenbauschule.

Die Gestapo hatte sich an geschichts- und symbolträchtigen Ort niedergelassen, einem Markstein für die Emanzipation ihrer bevorzugten Opfer. Nachdem im Königreich Hannover die Ungleichbehandlung formell aufgehoben worden war, wurden in der 1893 gegründeten Gartenbauschule junge Juden für Berufe ausgebildet, die ihnen bis dahin verschlossen gewesen waren.

Zuletzt, bis zur Schließung 1942, dienten die Schulgebäude der »Auswanderung«: während die einen vorbereitet wurden, in Palästina Wüste urbar zu machen, wurden die anderen bereits deportiert. »Abgewandert«, schrieben die Beamten ins Melderegister der Gemeindeverwaltung, »evakuiert auf behördliche Anordnung« – gemeint waren jene, die in Züge verladen wurden.

Zwischen 1941 bis 1944 war das Gelände die zentrale Sammelstelle für die Deportationen aus den Regierungsbezirken Hannover und Hildesheim in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Wie für Juden war Ahlem für Roma, Sinti und andere »Zigeuner« aus Norddeutschland letzter Halt vor dem Tod. Mindestens 4.000 Menschen wurden für die Mordfabriken selektiert.

»Sei stille, sonst kommst du nach Ahlem!« ängstigten Eltern ihre Kinder. Die Gestapo-Dienststelle und das Polizeiersatzgefängnis, in dem zeitweilig 1.200 Menschen eingesperrt waren, bildeten Wahrzeichen des Schreckens, der den deutschen Alltag in den letzten Tagen von allen Seiten beherrschte: durch Angriffe der Alliierten auf heimischem Boden wie durch den Terror im Innern, der mit der Ausrufung des »totalen Kriegs« drastisch zugenommen hatte.

Letzte Selektion

Hans Heinrich Joost hatte hier wie befohlen geherrscht, hatte die Maschine eingerichtet und am Laufen gehalten. Keine Skrupel sondern Einsicht in die Aussichtslosigkeit der Lage ließen ihn den letzten Befehl nicht umstandslos ausführen. Joost war aus dem Blutrausch erwacht.

Drei Wünsche wie im Märchen hatten die Deutschen lange frei, um durchzuhalten: dass die Koalition der Angreifer im Ansturm zerbreche; dass sich die Westmächte zu Feldzug gegen den gemeinsamen Gegner aus dem Osten mit Deutschland verbünden würden; und die »Wunderwaffen«.

Das Zerbrechen der Koalition machte keinen Unterschied mehr. Nicht die Roten, sondern die US-Armee zog den Ring um Hannover enger. Luftangriffe, Scharmützel an den Stadträndern, der Einmarsch stand unmittelbar bevor. Ein Schwenk bei den Kriegszielen käme längst zu spät.

Verbohrte wie verzweifelte Funktionäre klammerten sich noch an Wunderwaffen, andere warteten schon auf den »Werwolf« und dessen Partisanenkrieg nach der Okkupation. Nicht wenige zelebrierten die Lust am Untergang. Manche warteten nichts mehr ab.

Ideologisch zwar gefestigt kalkulierte SS-Mann Joost realistisch. Er sollte einen letzten Massenmord begehen, während die Amerikaner fast schon zuschauten. Dieses Verbrechen könnte sein sicheres Todesurteil sein.

Aus Lahde bei Minden waren einige hundert Gefangene in Ahlem eingetroffen. Das »Arbeitserziehungslager« war aufgelöst worden, kurz bevor die US-Armee es erreichte. In den drei Tagen Fußmarsch bis Ahlem starben viele der entkräfteten Häftlinge, blieben einfach liegen oder bekamen den »Fangschuss«.

Joosts Vorgesetzter, der Chef der Gestapoleitstelle Hannover SS-Obersturmbannführer und Oberregierungsrat Rentsch, befand, er könne »die Freilassung einer Anzahl von … [ungezählten] Häftlingen im Interesse der Zivilbevölkerung nicht verantworten«. Die ausgemergelten Gestalten, die den Todesmarsch aus Lahde überlebt hatten, und die gequälten Insassen des Gestapo-Gefängnisses stellte er als Gefahr hin. Da die Bewachung nicht mehr zu gewährleisten war, kam nur Erschießen in Frage. Rentsch selbst würde sich auf jeden Fall absetzen.

Die Mordbrenner beseitigten nach Kräften ihre Spuren, und sie begannen damit bereits 1943, beim Rückzug aus der Sowjetunion, durch die Auslöschung einiger der umfangsreichsten Massengräber aus der ersten Phase der Judenvernichtung. Mit den »Verbrechen der Kriegsendphase«, wie sie unter Historikern heißen, Massakern an Gefangenen im Angesicht der aufmarschierten Alliierten, wurden Augenzeugen beseitigt.

Begriff der Oberregierungsrat, dass er alsbald nicht mehr er Herr über Leben und Tod sein würde, sondern die Gefangenen Gericht über ihn halten würden, wenn sie überlebten? Der Tod war stets die nächstliegende Lösung für den SS-Mann; eine Rechtfertigung fand sich immer. Ob aus Verblendung, Sturheit oder Angst – die Antwort des Obersturmbannführers war Mord.

»Überall begann aus Furcht vor den nahenden alliierten Truppen das große Reinigen«, beschrieb Häftling Hennies. »Jeden Morgen lag Mordgeruch auf unserem Haus.« Am Abgrund, am Grubenrand kam das Schwarze System zum Höhepunkt.

Ein letztes Mal gab Rentsch den Gerichtsherrn, nahm sich die Akten der Häftlinge vor und »durchblätterte« sie, wie Joost später sagte. »Alle jene Häftlinge, die wegen Roheits- oder schweren Eigentumsdelikten einsaßen, sowie auch solche wegen verbotenen Geschlechtsverkehrs wurden von ihm als todeswürdig rausgesucht«.

Knapp drei Stunden brauchte es, um 155 Todeskandidaten auszusortieren; die meisten waren Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus der Sowjetunion. Der Bolschewismus galt den Nationalsozialisten als jüdische Staatsform, und so entsprach der Mord an Sowjetbürgern dem Programm der »Endlösung«.

Gestapo Ahlem (Fotos: urian

Letzte Wahl

Am Nachmittag des 3. April beorderte Joost zirka 13 SS-Männer zu sich in sein Dienstzimmer. Wer »nicht die Kraft zur Ausführung des Befehls« habe, verkündete er, könne beiseite treten. Einer tat es. Die übrigen bekamen eine Schachtel Zigaretten. Tabak oder Alkohol: Sonderrationen waren die übliche Belohnung für Sonderaufgaben.

Keine Empörung war nötig, um dem Einsatz zu entgehen. Mit voller Billigung, auf Aufforderung durch den Vorgesetzten hätten sie verzichten können. Sie wählten den Mord. Joost mag ihnen als Feigling erschienen sein, der er auch war. Seine späte Einsicht in den Lauf ihrer Geschichte wollten oder konnten sie nicht teilen.

Hofften sie darauf, sich durchmogeln zu können? Ein Führer wie Joost würde vielleicht zur Verantwortung gezogen – aber hätte je der einzelne Soldat für den Vollzug von Befehlen gerade zu stehen gehabt? Als Soldaten begriffen sie sich, in einem Weltanschauungskrieg, den sie nicht erklärt hatten, als ausführende Organe eines fremden Willens. Ob sie gern oder mit Überzeugung taten, was ihnen auferlegt wurde, sei irrelevant, glaubten sie.

Selbst im Moment freier Wahl fragten sie nicht nach dem Sinn ihres Tuns. Bis auf einen erschreckten elf oder zwölf ganz gewöhnliche SS-Männer nicht über das ihnen Zugemutete; es war ihnen längst geläufig geworden. Es dürfte sie kaum irritiert haben, dass ihnen, nachdem sie treu und brav gehorcht hatten, am Ende keine goldenen Berge des Ariertums, nicht die Houri des Paradieses und ähnliche Verlockungen geboten wurden – nur die Wahl und eine Sonderration.

Joosts Geste war bestenfalls symbolisch. Ein Dank, dessen Schäbigkeit sie nicht einmal ganz begriffen. Zehn, 15, 150 Tote mehr als bereits ihr Gewissen hätten belasten müssen, würden keinen Unterschied machen, vor welchem Tribunal auch immer, einem menschlichen, einem göttlichen. Wären sie Männer gewesen, die eine Wahl zu treffen verstünden, wären sie an jenem Tag nicht vor die Wahl gestellt worden. Sie wären längst nicht mehr in der SS, in der Gestapo. Sie wären nie eingetreten.

SS-Mann 92901 traf seine Wahl, in dem er sie nicht treffen wollte und meinte, keine gehabt zu haben. Später, im Verhör durch die britischen Besatzungsbehörden, ließ er bei seiner Schilderung der Szene in Joosts Dienstzimmer die Wahl aus: »Anlässlich dieser Besprechung wurde u. a. von Krim. Kommissar Joost bekannt gegeben, dass verschiedene Ausländer – später wurde mir bekannt, dass es sich ca. um 150 handeln sollte – erschossen werden sollten, die wegen verschiedener Vergehen zum Tode verurteilt waren. Joost hatte uns nicht bekannt gegeben, wer die Betreffenden zum Tode verurteilt hatte oder wer den Befehl zum Erschießen erteilt hatte.«

Geschäftsinteressen

Über dem Portal des Rathauses der Kreisstadt an der Unterelbe südlich von Hamburg, aus der 92901 stammt, streckt Merkur, Gott der Händler und Diebe, einen Fuß vor, als wolle er den Passanten ein Bein stellen. Rechts daneben stand der Vater von 92901 vor seinem Feinkostladen und lockte Kunden an wie Geschäftsleute es taten, ehe die Reklame erfunden wurde. Vater Karl war mit seinem 1900 eröffneten Geschäft 1931 an die beste Adresse der Stadt, in die Hökerstraße, umgezogen.

Die Kreisstadt war wie die Welt ringsum. Bei immer mehr Gelegenheiten hingen Hakenkreuzfahnen aus den Fenstern über der engen Gasse der Händler, was Höker auf Niederdeutsch bedeutet, ein Name, der aus dem 14. Jahrhundert stammt. Seither war hier eine Schlagader städtischen Lebens und »das wirtschaftliche Rückgrat der Stadt«.

Vater Karl hatte es nach oben geschafft in der Hierarchie der Kleinstadt. Der Sohn eines Lotterie-Kollekteurs hatte in die Familie eines Färbereibesitzer eingeheiratet. Als Hoflieferant der gewählten Repräsentanten im Rathaus gehörte er seit 1926 den ehrenwerten Männergesellschaften der St. Pankratii- und der Rosenkranz-Brüderschaft an.

Man hate viel und wollte es zeigen. Das Geld, das bei den jährlichen Banketten gesammelt wurde, trug eine Abordnung der Herren mit großen Gesten zu einem Armen, der zu stolz war, die öffentliche Fürsorge in Anspruch zu nehmen, und beschämte diesen doppelt.

Was der am 29. März 1908 geborene Sohn des Feinkosthändlers machte wurde in der Enge der früheren Festungsstadt sorgfältig registriert und von den Nachrichtendiensten verbreitet. Natürlich hatte er die Wahl. Er war ein Individuum mit freiem Willen wie alle ringsum. In der gedrängten, geduckten Kreisstadt schienen ihm mehr Grenzen auf als Horizonte.

Man ging freiwillig gleiche und breite, vorgebahnte Wege. Man sehnte sich nach Zugehörigkeit, nach klaren Abhängigkeiten, nach Ein- und Unterordnung. Individualität galt als unanständig. 92901 hatte nie eine Wahl getroffen.

Einen so braven Sohn wünscht sich jeder Patriarch. Nach der Schule wurde er Lehrling im väterlichen Geschäft. Eine zweijährige Beschäftigung in einem Feinkostgeschäft in Altona diente der Verfeinerung seiner Ausbildung; anderes als die Nachfolge des Vaters kam nie in Frage. Wenn es eine alterstypische Rebellion gegeben hatte, war sie eben dies, alterstypisch und ohne Konsequenzen für die weitere Entwicklung.

Nach dem Ausflug in die Mordwelt ging 92901 den vorgesehenen Weg weiter. Bis in die eigenen Familienstrukturen folgte er dem Vater und herrschte bis zum Ende im Geschäft. Wie er blieben sein Sohn und seine Tochter im Elternhaus.

Er wäre aus »Geschäftsinteresse« der SS beigetreten, rechtfertigte ihn nachher ein anderer Kaufmann aus der Hökerstraße. SS-Anwärter wurde er am 30. Juni 1933, SS-Mann am 11. September. Die Hitler-Partei nahm ihn bei den Feierlichkeiten zum 1. Mai 1937 auf. Seine Bekannten nannten ihn »geschäftstüchtig« und »schlau«.

Vor den Polizeibeamten, die ihn in den 1960ern vernahmen, deckte er seine Karten nicht auf und verbreitete Nebel, wo es sich anbot. Distanzierungen oder gar Entschuldigungen hörte keiner von ihm. Er tat schlicht, als ginge ihn die eigene Vergangenheit nichts an.

»Ich bin Anfang 1933 der SS beigetreten und 1937 – ich kann mich nicht genau an das Datum erinnern – der NSDAP beigetreten«, gab er 1946 zu Protokoll. Er hatte vergessen, wann er in die Organisationen eintrat, in denen er zum Mörder wurde. An einem der Tage verlobte er sich.

52.000 Mann stark war die Schutzstaffel, als Hitler Reichskanzler wurde, im Laufe des Krieges wuchs sie auf rund eine Million. »Space Sellers«, Anzeigenverkäufer, karikierte ein Himmler-Biograf die Anfänge der SS, da sie als Propagandatruppe der Hitler-Partei tätig war. Erst mit der »Nacht der langen Messer«, in der der Reichsführer-SS sich Hitler im Sommer 1934 damit andiente, die Führer der konkurrierenden SA auszuschalten, wurden die Schwarzhemden zum Inbegriff des Terrors.

Nach der Machtübernahme wurde es schick, einer der Parteigliederungen anzugehören. Die SS hatte strenge Auswahlkriterien, sie kultivierte den Ruf einer Elite-Einheit. Mit 1,74 Meter Länge, blondem Teint und astreinem Stammbaum war 92901 unbedingt geeignet. Die Anzeigenwerber und der Kaufmannssohn hatten außerdem die engsten Berührungspunkte, Geschäftsinteressen.

Die SS war Stütze des Agitationsapparates und ideologische Speer-Spitze der Nationalsozialisten. Sie verkörperte die Gesinnung der Bewegung. Ein SS-Mann, der unwahrscheinlicherweise beim Eintritt kein Antisemit war, würde es werden.

»Aufgabe der SS. [!] ist es, dem Nationalsozialismus auf allen Lebensgebieten zum Durchbruch zu verhelfen«, formulierte ein Kamerad von 92901 aus dem »Sturm 1/88«. Die SS pflegte nicht den primitiven Judenhass der SA, der sich in Schlägereien äußerte, sondern was die besseren Herrschaften der Kreisstadt für geistige Auseinandersetzung hielten: Die Zementierung von Vorurteilen durch Phrasen, die man sich leicht merken konnte.

Der Hass artikulierte sich zunächst vornehmer als durch Schläge: kalte Missachtung der wenigen bekennenden Juden; Gestichel gegenüber denen, die aus getauften Familien stammten; Aggression bei solchen, deren Habit den Bildern »aus der Werbung« entsprach, mit dichtem Bart, Schläfenlocken, Kippa und »zerlumpt«, die sich kaum je in die Kreisstadt verirrten.

Die Shoah fand in Stadt und Region nicht viele Opfer. Elf mindestens im Stadtgebiet, vorwiegend alte Leute; einige wenige waren bereits früher in die Großstadt, nach Hamburg, ins »Exil« gegangen. Allein von einem, der es schon 1924 nicht mehr aushielt, als »Judenbengel« beschimpft zu werden, sind Zeugnisse überliefert.

»Ich bin ein Judenknecht« – mit einem Pappschild vor der Brust wurde ein Pastor 1935 durch die Gassen getrieben. Die SA kam in Hochstimmung vom Reichsparteitag in Nürnberg und suchte noch am Bahnhof nach einem Opfer. Das Eingreifen des Regierungspräsidenten verhinderte einen Lynchmord. Im Mob dabei: der Sohn des Feinkosthändlers.

Vater Karl, ging in den Gassen der Stadt noch lange das Gerücht, habe während des Krieges hinter der Ladentheke damit geprahlt, sein Sohn habe »Sonderurlaub für Genickschüsse« bekommen. Die Familie war stolz auf die Mitwirkung des Juniors am Feldzug gegen die »semitische Pest«. Und bis auf wenige, die den Laden fortan mieden, war die Kundschaft einverstanden.

Am Grubenrand

Im April 1945, als Obersturmführer Joost ihn und seine Kameraden in Ahlem zu sich rief, um ihnen eine Wahl zu lassen, war 92901 seit fünf Jahren an der Terrorfront. SS-Scharführer war er, der einem Stabsunteroffizier der Bundeswehr entsprechende Rang. Er war treu und verlässlich – aber nicht für höhere Ämter geeignet. »Er war ein sehr ernster und ruhiger Mensch, der sich auch nicht zur besonderen Aktivität vorgedrängt hat«, schätzte einer seiner Befehlshaber ihn ein. Tut was ihm gesagt wird, jedoch ohne Eifer.

»Meine Aufgabe bei meiner Dienststelle waren Vernehmungen von Arbeitsvertragsbrüchigen und gegen solche, die gegen die Arbeitsdisziplin verstießen«, beschrieb 92901 die Tätigkeit, die er zweieinhalb Jahre lang in Ahlem ausübte. »Vernehmung« war eine Maske für Folter.

»Misshandlungen übelster Art [waren] an der Tagesordnung«, fasst ein Historiker zusammen und nennt die Zustände im Gefängnis »verheerend. Mit seinen Funktionshäftlingen, Arbeitskommandos und täglichen Appellen erinnerte es mehr an ein Konzentrationslager als an ein Polizeigefängnis.«

92901 zählte zu den erfahrensten Männern unter dem Kommando von Joost. Er konnte umstandslos auf Befehl töten. Da gab es keine Ausflüchte, dazu musste er nicht überredet werden. Er tat es zügig und effektiv, er wusste, wie. Er hatte mehr Leichenberge gesehen als andere aus der Gestapo-Etappe einzelne Leichen.

Gegen Kriegsende war die Heimatfront des Terrors vernachlässigt worden, und Joost wurden nur kampfuntaugliche Männer zugewiesen. Ohne Leute wie 92901, die in der einschlägigen Vorgehensweise Übung hatten, wäre der Entsetzensbetrieb in Ahlem nicht aufrecht zu erhalten gewesen, sie bildeten das Rückgrat des Mordwesens.

Für die zwölf Mann in Joosts Büro ging die Routine solange weiter, wie ein Befehl vorlag oder bis ihnen jemand in den Arm fiel. 92901 sollte mit einem Unterscharführer für das Massengrab sorgen. 92901 kannte sich mit Gruben aus: wie lang, breit und tief eine sein muss, um 50, 100, 200 Leichen aufzunehmen.

Mit 20 bis 30 Häftlingen aus dem Polizeiersatzgefängnis sowie ukrainischem Wachpersonal fuhren die beiden SS-Männer am 5. April zum Seelhorster Friedhof. Die Friedhofsverwaltung wies einen Platz an, der schon für Massenerschießungen verwendet worden und als »Blutwiese« berüchtigt war.

Früh um sechs Uhr am 6. April holten 92901 und der Uschaf. eine andere Gruppe Häftlinge aus dem Gefängnis, um die Grube zu vollenden – unter ihnen der aus Lahde eingelieferte Pjotr Palnikow. Der 24-jährige Hauptmann der sowjetischen Armee befand sich seit fünf Monaten in deutscher Hand. Er war im Februar aus dem Lager in Nienburg an der Weser geflohen; nach einer Woche wurde er nahe Wien eingefangen.

Bewacht von sechs Männern mit Maschinenpistolen fuhr Palnikow mit zwei Dutzend anderen, darunter »ein russisches Mädchen im Alter von etwa 17 oder 18 Jahren«, auf einem Lastwagen zum Friedhof. Das Mädchen grub nicht. Warum hatte man es überhaupt mitgenommen?

Gegen zehn Uhr trafen weitere sechs Wachen ein. Inzwischen waren die übrigen Todeskandidaten auf dem Friedhof angekommen und lagerten außer Sichtweite der Grube. Das Kommando hätte Joost übernehmen müssen. Der blieb in Ahlem und tat krank.

Friedhofsmitarbeiter kamen als Zuschauer an die Grube, von der angrenzenden Kleingartenkolonie aus wurde das Geschehen beobachtet. Palnikow erinnerte sich: »Die Wachmänner standen herum, lachten und unterhielten sich.«

Nachdem die Grube fertig war, sollten die Arbeiter sich 30 Meter abseits sammeln. Sie wurden angewiesen, sich in Viererreihen zu formieren, und dann zurück zur Grube dirigiert. Sie postierten sich mit dem Gesicht zum Grab.

Vor Palnikow stand die junge Frau. Ein Wachmann richtete die Waffe auf sie und schoss. Sie wankte nicht. Der SS-Mann schoss ein zweites Mal, sie blieb stehen. Endlich, nach dem dritten Schuss, stürzte sie. Der SS-Mann war verdattert, auch seine Kameraden waren abgelenkt.

Palnikow erkannte seine Chance. Mit dem Spaten, den sie ihm nicht abgenommen hatten, schlug er nach dem SS-Mann, der auf das Mädchen gefeuert hatte. Er traf ihn am Kopf, der Schlächter fiel neben sein Opfer.

Palnikow rannte, auf ein Gehölz zu, das an den Friedhof grenzte. Ein mit Stacheldraht bespannter Zaun hielt ihn nicht auf. Zwei Gefangene folgten ihm. Einer wurde erschossen, als er gerade über den Zaun steigen wollte; von dem anderen bemerkte Palnikow nichts mehr. Im Getümmel griff ein Gefangener 92901 an. Der Unterscharführer ging dazwischen.

Die Gestapo-Männer ließen Palnikow laufen. Die Bewachung der Häftlinge war, in Anbetracht ihrer üblichen Fügsamkeit, eher sparsam. Niemand entbehrlich, der einem Einzelnen hinterher jagte. Käme Unruhe auf, könnten sie zwar mit den Maschinenpistolen in die Menge hineinhalten, aber das gäbe ein Gemetzel, und sie würden die Leichen eigenhändig in die Grube werfen müssen.

Eine ordnungsgemäße Exekution war eine, die dem Wach- und Schießpersonal wenig Mühe machte. Bei der sie scherzend herumlungern konnten, während die Todeskandidaten ihr Grab selbst aushoben. Bei der die an den Grubenrand Getretenen die vor ihnen Gefallenen mit Erde bedecken mussten, ehe sie sich selbst dazu legten.

Gegen 11 Uhr begann die eigentliche Hinrichtung der von Rentsch Ausgewählten. Gruppenweise wurden sie von ihrem Lagerplatz an die Grube geführt. Sie »mussten sich in das Grab hineinlegen mit dem Gesicht nach unten; dann haben wir diese 25 Mann durch Kopfschüsse erschossen«, beschrieb der Kommandoführer die Prozedur, die sie fünf oder sechs Mal durchliefen. In Zweifelsfällen gab er mit der Pistole den Fangschuss.

Drei Stunden dauerte das. Irgendwann heulten die Luftschutzsirenen auf. Vielleicht schrieen sie die ganze Zeit, beim Graben und Schießen, während Palnikows Flucht. Angeblich setzte der Fliegeralarm ein, als die letzte Gruppe an der Grube stand.

Die US-Armee bombte Hannover sturmreif. Das Geheul hielt an, als das Kommando den Friedhof um 14.30 Uhr verließ. Die Sirenen jammerten, bis 92901 und die anderen nach Ahlem zurückkehrten und darüber hinaus, bis 15.40 Uhr. SS-Scharf. 92901 suchte SS-Ostuf. Joost, um Meldung zu machen.

Er hätte sich buchstäblich versteckt, behauptete Joost später vor dem Militärgericht. Noch am Nachmittag fuhr er von Ahlem nach Braunschweig, wohin die Gestapo-Dienststelle verlegt worden war. Dort warf Rentsch ihm seine Zögerlichkeit vor, verhaftete ihn und drohte mit Standgericht. Die endgültige Auflösung der Gestapo rettete Joost.

Heimkehr

Am 8. April wurde in Ahlem aufgeräumt. Mitsamt Galgen, Leichen, Kleidern der Erhängten und Akten brannte die Laubhütte ab, die »Mordhölle«, wie Häftling Hennies sie nannte: »Ein gewaltiger schwarzer Schleier deckte sich über unsere Landschaft. Die hellen Flammen schrien zum Himmel empor und klagten all die Verbrechen an, die sich die Gestapo in diesem Elendsgebäude aufs Gewissen geladen hatte.«

Vier Tage nach dem Massaker fiel Hannover. Durch Palnikow wurden die US-Amerikaner informiert. Unter verordneter Anwesenheit der Bevölkerung und vor laufenden Kameras mussten am 2. Mai »belastete Nazis« das Massengrab auf der Blutwiese ausräumen. Weit mehr Leichen als befürchtet wurden geborgen, 526 insgesamt. 386 wurden in einem Trauerzug zum Maschsee gefahren und am Nordufer bestattet. 233 Leichen wurden obduziert: Die 154 Toten der letzten Aktion waren durch Kopfschüsse von hinten aus nächster Entfernung getötet worden.

92901 war ein treuer Diener bis zum Schluss oder erweckte den Anschein. »Befehlsgemäß« fuhr er mit dem Fahrrad nach Braunschweig, sagte er aus, ließ sich, in Richtung auf die Rote Armee zu, nach Magdeburg schicken, um dort seine Entlassung nach Hause ins Niedersächsische in Empfang zu nehmen.

Ob er wirklich diesen absurden Umweg nahm? An einem unbekannten Tag im Mai wurde er in der Kreisstadt, die am 1. Mai kapituliert hatte, verhaftet und ins Internierungslager Fallingbostel gebracht. Ein britisches Militärgericht machte ihm und fünf anderen Beteiligten am Seelhorster Massaker im April 1947 beim »Hanover [!] Gestapo Case Nº1« in Braunschweig den Prozess.

Hans Heinrich Joost erhielt zweieinhalb Jahre Haft und machte, unter Anrechnung seiner Gestapo-Dienstzeit, Karriere bei der Sozialbehörde in Hamburg. Drei Todesurteile wurden verhängt, zwei am 26. Juni vollstreckt, eines umgewandelt, der Betreffende im Oktober 1954 entlassen, weiterhin einmal acht Jahre Haft (Entlassung 1950) und ein Freispruch ausgeurteilt.

Der Verteidiger von 92901 bot elf Leumundszeugen aus der Kreisstadt auf: den Zahnarzt; einen Postinspektor a. D.; einen Mann, der mit seiner jüdischen Frau das »Dritte Reich« überstanden hatte. 92901 erhielt 13 Jahre.

Er saß zunächst in Hameln, hernach in Werl, einem Gefängnis, in dem nazistische Kontakte für die Zukunft geknüpft wurden. Wenigstens zwei Mal wurde er 1948 nach Hamburg zugeführt – zu einer Aussage in den »Einsatzgruppen-Prozessen« im Curiohaus.

Zur Einreichung eines Gnadengesuchs meldeten sich weitere fünf Bürger aus der Heimat, um die gar nicht mörderischen Neigungen des Sohns des Feinkosthändlers zu bestätigen. Auch nach seiner Verurteilung wegen »angeblicher Kriegsverbrechen« stritt dieser ab, eine Wahl gehabt zu haben und wiederholte im Gnadengesuch die Argumentation, die ihm sein Anwalt soufflierte:

»Die Verurteilung geht davon aus, dass kein gerichtliches Urteil gegen die exekutierten Häftlinge vorgelegen habe. Nach meiner Überzeugung ist dieser Ausgangspunkt nicht gerechtfertigt. Nach dem Grundsatz ›in dubio pro reo‹ muss von dem Vorhandensein eines Urteils ausgegangen werden. Ich konnte an seine Existenz glauben.«

Im August 1950 vorzeitig entlassen und heimgekehrt schlüpfte 92901 zurück in die Rolle des harmlosen Händlers. Ein seit über 50 Jahren regelmäßig geschändeter Gedenkstein am Hannoveraner Maschsee, eine Stele auf der Blutwiese sowie ein Mahnmal in Ahlem erinnern an seine Taten als SS-Mann.

Alljährlich traf er sich mit anderen Honoratioren zu seltsamen Spielchen. Auf einem Bankett in Frack und Zylinder beschießen sich die Brüder von St. Pankratii mit Papierkugeln. Ertappt ein Getroffener den Werfer, muss dieser Strafgeld zahlen, das an Arme verteilt wird. Gegründet 1414 ist St. Pankratii die älteste Brüderschaft der Kreisstadt. Früher bewarfen sich die Herren mit Resten vom Festmahl. Das ließ man bleiben, denn »mit den Knochen hat man sich doch zu sehr die gute Kleidung bekleckert«.

1956 wurde der Feinkosthändler in die ehrenwerte Gesellschaft aufgenommen, der Stadträte, Sparkassenleiter sowie ein Bundestagsabgeordneter und Ehrenbürger angehören. Die Blutflecken auf seiner Weste übersahen die Mitbrüder geflissentlich. Spätestens seit er Leumundszeugen für seinen Prozess aufgerufen hatte wusste die Stadt Bescheid. Der Eintritt in die Brüderschaft hob das Urteil der »Siegerjustiz« über ihn auf.

Man hielt auch zusammen, nachdem weitere Massaker, an denen er teilgenommen hatte, von deutscher Justiz und Presse aufgegriffen wurden und er im Juni 1962 als »heute wohlbestallter Kaufmann« vor dem Landgericht Berlin im Prozess gegen seine ehemaligen Chefs vom Einsatzkommando 9 der Einsatzgruppe B, Dr. jur. Alfred Filbert und andere als Zeuge auftrat. Die Schwurgerichtskammer vernahm ihn unvereidigt, weil er über eigene Straftaten aussagen sollte.

Deutsches Karussell

Sie fielen auf Kraftwagen in das Dorf ein. Überall drangen die Deutschen ein. Jagten die arglosen Menschen aus ihren Häusern. Wer nicht spurte, dem stießen sie den Karabiner in die Rippen, prügelten und peitschten. Schossen, knallten ab. Die gebrüllten Befehle in ihrer Muttersprache waren rätselhaft, die Gesten mit den Gewehren indes nicht zu missdeuten. Die Sprache des Hasses wurde in den entlegensten Dörfern verstanden: »Juden raus!«

Aus den Häusern, über die Straßen wurden die Opfer auf den Marktplatz getrieben. Eingekesselt von patrouillierenden Bewaffneten hockten sie auf dem Pflaster in der Sommersonne des Jahres 1941. Stunden vergingen, Stunden angstvoller Erwartung. Stunden, in denen die Deutschen sich die Zeit mit Spielchen vertrieben. Warfen blindlings einen Apfel in die Menge am Boden. Wen der Wurf traf wurde erschossen, abgeknallt. Die Toten blieben liegen, im Arm der Ehefrau, an der Seite des Kindes, zu Füßen des Nachbarn.

Mehr Stunden später rollten Lastwagen auf den Platz. Die Juden bestiegen die Ladeflächen und wurden aus der Stadt gekarrt. Sie fuhren nicht weit, ein oder zwei Kilometer über die Landstraße zu einem schütteren Waldstück. Brüllend und mit den Gewehren fuchtelnd befahlen die Uniformierten: Absteigen. Eine Gruppe Juden wurde von den anderen getrennt und in den Wald gebracht. Aus dem Gehölz waren in Abständen Schüsse zu hören, meist kurze Gewehrsalven. Und dann und wann ein Pistolenschuss.

Im Gänsemarsch betraten sie den Wald. Ein Deutscher ging neben dem Juden, Mann, Frau oder Kind, einerlei. Sie erreichten die Waldlichtung mit der Grube. Die Juden wurden mit dem Gesicht zum Grubenrand aufgereiht. Hinter ihren Rücken nahmen die Schützen Aufstellung. Die weite Grube war schon bis an den Rand mit Toten gefüllt.

Auf einem Hügel ausgehobener Erde hoch über dem Loch mit Leichen stand ein Mann mit einem Notizblock. Der Bleistift in seiner Hand verharrte über dem Papier. Er rührte sich beim Klacken der Karabinerverschlüsse. Als die Salve ertönte, begann die Hand zu schreiben.

»Es kommt mir nach dieser langen Zeit nicht mehr in Erinnerung«, sagte der Mann am Grubenrand 20 Jahre danach im Polizeiverhör. »Ich weiß nicht«, sagte er, »ich erinnere mich nicht. Ich glaube gehört zu haben«, sagte er, »so glaube ich jedenfalls. Ich weiß vom Hörensagen, aber mehr weiß ich ebenfalls nicht mehr. Das weiß ich heute nicht mehr, ich glaube aber«, sagte er. »Das weiß ich auch nicht, ich habe auch keine Vorstellung darüber, ich kann auch nicht mehr sagen«, sagte er.

»Haben Sie keine Albträume?«

»Albträume? Wovon?«

»Von den Leichenbergen!«

»Ich weiß nicht«, sagte er, »ich erinnere mich nicht.«

»Soll ich es Ihnen erzählen? Soll ich Ihnen vorlesen, was in den Ereignismeldungen des Reichssicherheitshauptamtes steht?«

»Von den Ereignismeldungen des Reichssicherheitshauptamtes«, erwiderte der Beschuldigte, »habe ich nie etwas gehört.«

»Sie haben die Daten geliefert für diese Berichte! Sie haben die Toten gezählt, die dann per Funk nach Berlin gemeldet wurden.«

»Ich weiß nicht, ich erinnere mich nicht.«

»Hier, Ereignismeldung UdSSR vom 25. Oktober 1941: dreitausend Juden aus dem Ghetto von Witebsk vom Einsatzkommando 9 getötet.«

»Davon ist mir nichts bekannt beziehungsweise heute in Erinnerung.«

»Aber Sie waren doch in Witebsk?«

»Ich glaube mich zu erinnern.«

»Und Sie haben nicht mitbekommen, dass jeden Tag Juden aus dem Ghetto geholt und erschossen wurden, Tag für Tag, wochenlang?«

»Ich weiß nicht«, sagte der Mann am Grubenrand, »ich erinnere mich nicht.«

Aus dem Gedächtnis

Der Reporter einer Gerichtsverhandlung gegen die Befehlshaber des Mordkommandos, in dem der Mann am Grubenrand Befehlsempfänger war, entrüstete sich 1962: »Unberührt kehrten diese subalternen Henker später in ihr Urmilieu beflissener Dienstleistung zurück. Exzesse waren und sind ihrem Wesen fremd. Nahtlos fanden diese Beamten, die Tausenden gehorsam den Tod gereicht hatten, den Anschluss an ihre harmlosen Kollegen, die nur Sparkonten durch Schalter reichen.«

40 Jahre später: Der Feiertags-Betroffenheit zum Trotz bestimmen Gleichgültigkeit, klammheimliche Freude oder offenes Einverständnis den Umgang mit den NS-Verbrechen. Der Mann am Grubenrand wird nicht nur nicht geächtet sondern hoch geachtet. Seine Gräueltaten sollen nie gewesen sein.

Der Mangel an Wissen begünstigt das Verschweigen. Nicht einmal eine Zahl der in den diversen Mordinstitutionen Beschäftigten ist gesichert. Die deutsche Geschichtswissenschaft hat sich die längste Zeit nicht um die Vollstrecker der Vernichtung gekümmert.

Lebensbeschreibungen von Tätern sind im Land ihrer Nachfahren Raritäten. Gelegentlich erscheinen sie als Importe aus den USA, Großbritannien und Israel. Literatur in Fülle über die »Kinder der Nazis« oder die »Frauen der Nazis« – fast nichts über die Mehrheit der »Nazis« selbst.

Abhandlungen erwähnen bestenfalls noch Kommandeure, SS-Sturmbannführer. Die einfachen SS-Männer, Polizisten und Soldaten, die eigenhändig töteten, sind keine Zeile wert. Historiker haben Befehlsstrukturen untersucht, aber den Alltag der gewöhnlichen Mörder und ihre Erlebniswelte kaum beachtet. Viele Fragen werden unbeantwortet bleiben, weil es zu spät ist, sie den Betreffenden zu stellen. Was Justiz und Presse fragten, haben sie hinterlassen; es ist kaum ins Blickfeld der Forschung geraten.

Erst die wütenden Reaktionen auf das Buch von Daniel Goldhagen über »Hitlers willige Vollstrecker« und die Ausstellung über die Beteiligung einfacher Soldaten am »Vernichtungskrieg« machten diese »schamvolle Wissenslücke in der deutschen Historiografie« deutlich. Längst hatte sich der Eindruck verfestigt, die Judenvernichtung gleiche einer gigantischen Maschine, in der die Killer nur Rädchen waren, selbst Opfer der Haupttäter Hitler, Himmler und Heydrich, von denen sie hypnotisiert und wie Marionetten benutzt wurden.

Genau so haben die Täter sich dargestellt, als sie, selten genug, vor Polizei oder Gericht aussagten: Sie hätten nur unter Zwang Befehle befolgt. »Innerlich« seien sie sogar gegen das Morden gewesen, aber sie konnten nicht anders.

Tatsächlich war die Mehrzahl mit ganzem Herzen dabei. Sie verhöhnten und plagten ihre Opfer und fotografierten sich beim Blutbad. Nach dem Krieg brüsteten sie sich ihrer Teilhabe am »großen deutschen Werk«, und sie nährten den Antisemitismus ihrer Enkel, die Friedhöfe schänden und Anschläge auf Synagogen begehen.

Die gemeinen Verbrecher, die am Beginn der »Endlösung der Judenfrage« Dörfer und Städte mit Karabiner und Maschinengewehr »judenrein« machten, sind selten dem Namen nach bekannt. Und ist der Name, wie in diesem Fall, ein offenes Geheimnis, darf er nicht genannt werden, sind Nachforschungen unerwünscht und werden behindert.

Das Porträt beruht wesentlich auf einer Ermittlungsakte, deren Verwendung datenschutzrechtlichen Beschränkungen unterliegt. Dadurch wird die Sicht auf den Kern der Geschichte befördert. Der Lebenslauf von 92901 wird ohne Mühe zum Modellfall. Statt einen Namen, der nicht erwähnt werden soll, durch einen anderen zu ersetzen, trägt der Unnennbare jene Nummer, mit der er bei der Schutzstaffel registriert war. SS-Mann 92901 steht stellvertretend für Hunderttausende anderer, die der Aufmerksamkeit entgingen.

Fotos in der Strafakte zeigen ein rundes, rosiges Gesicht, überwölbt von einer hohen Stirn, die ein Kranz kurzer heller Haare umschließt: 92901 kurz vor seinem 40. Lebensjahr. Nicht die Spur einer Verwüstung in diesem Antlitz, das sich lächelnd der Kamera zuwendet.

Er hatte keine Albträume. Er hatte die Leichenberge vergessen. In Wahrheit war er gar nicht da. Den Zeugnissen seiner Anwesenheit zum Trotz war er nicht wirklich in Wilna, Witebsk und Wjasma. Er hatte nie ein Ghetto von innen gesehen und konnte sich kaum an die Judenerschießungen erinnern, bei denen er selbst anlegte und abdrückte. Der freundliche Mann mit den rosigen Wangen hatte komplett verdrängt, wie es war, Juden »umzulegen«.

»Es kommt mir nach dieser langen Zeit nicht mehr in Erinnerung« war eine der Redewendungen, mit denen er in Vernehmungen nichts sagte. »Mir ist es beim besten Willen nicht mehr möglich, den Zeitpunkt dieser Erschießungen anzugeben. Ich kann nicht sagen, zu welcher Jahreszeit sie stattfanden, wie lange die Exekution dauerte, zu welcher Tageszeit sie stattfand und wer sie leitete oder an ihr teilgenommen hatte, weiß ich nicht mehr. Ich kann auch die oder den teilnehmenden Führer nicht nennen. Auch eine Personenbeschreibung kann ich für den oder die Führer nicht abgeben.«

Das Militär schleift die Individualität, Dienstränge orientieren über Personen. Davon erinnerte 92901 gelegentlich ein paar: SD-Hauptsturmführer, SS-Obersturmbannführer, Kommandeure also. Es spielte keine Rolle, wie sie aussahen, wenn sie den richtigen Rang und zu befehlen hatten.

Das Militär verwischt die Namen, betont die Dienstränge und lässt als einziges Individuelles, an das menschliche Verhältnisse sich knüpfen, das Gesicht um so stärker vortreten. 92901 konnte sich nicht nur nicht mehr besinnen, wie einer der Männer hieß, mit denen er eineinhalb Jahre verbrachte, fern der Heimat, in einer mobilen Einheit von überschaubarer Größe. In dem ihm vorgelegten Foto-Album erkannte er niemand wieder.

92901 hatte nichts gesehen und gehört. Ihm war entfallen, wie es war, im Visier des Karabiners eines jener Wesen zu haben, die seinen Führern als Ungeziefer galten. Sah er sie ebenso und konnte er deshalb so leicht vergessen, wann und wie er sie liquidiert hatte? Nein, seine Führer und was sie umtrieb, hatte er nie kennen gelernt.

»Es hat sich nach meiner Erinnerung so zugetragen, dass wahrscheinlich Dr. Filbert uns mitgeteilt hat, dass auf höheren Befehl sämtliche jüdische Bewohner im Einsatzraum des Kommandos zu erfassen seien und getötet werden müssten. Von wem der höhere Befehl kam, weiß ich nicht mehr, ich kann auch nicht sagen, ob uns das überhaupt mitgeteilt wurde.«

Von wem kann bloß der höhere Befehl gekommen sein – von Hitler gar oder von Himmler, die 92901 vergessen hatte, obwohl er zwölf Jahre lang ihren Truppen angehörte?

Als Weltanschauungskrieger

Eine der eindrücklichsten Szenen entsann 92901 nicht mehr, den Tag, als er und die anderen 3.000 Männer der Einsatzgruppen vom Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) auf den Rassenmord eingeschworen wurden. Der nicht mehr junge Sohn des Feinkosthändlers war einer der »zuverlässige[n] Beamten« von Gestapo, Kripo, Sipo, Orpo und Waffen-SS, aus denen in der Grenzpolizeischule Pretzsch an der Elbe die Einsatzgruppen gebildet wurden.

Im Vorfeld hatte es Bedenken gegeben, ob ihnen das grausige Geschäft, täglich massenhaft Juden zu erschießen, überhaupt zumutbar wäre. 92901 hatte ab Mai 1941 eine weltanschauliche Sonderschulung erhalten; er war zum zweiten Mal in Pretzsch.

Seine Dienstlaufbahn ist in Teilen unklar, vorhandene Unterlagen sind unvollständig. Von März bis Herbst 1940 habe er einem Infanterie-Regiment der Waffen-SS angehört, sagte er aus. Polizei und Staatsanwaltschaft haben nicht nachgeprüft, wo. Auf Grund einer Namensähnlichkeit mit einem Wärter des KZ Ravensbrück erneut einvernommen verriet er es selbst: Krakau und Warschau.

Während er in Warschau war wurde in Warschau die Einrichtung des Juden-Ghettos begonnen. »Wache stehen, allgemeine Dienste verrichten« beschrieb er seine Tätigkeit. Er wurde nie gefragt, ob er Palmiry kennt und würde sich »nach dieser langen Zeit« gewiss nicht erinnern, dass in dem Vorort die Deutschen »die polnische Intelligenz« eliminierten.

Im September 1940 war er kurz zu Hause, um alsbald erstmals nach Pretzsch einberufen zu werden, »wo wir eine Ausbildung auf militärischem, polizeilichem und auch auf allgemeinbildendem Gebiet (wie Erdkunde, Geschichte und Deutsch) erhielten. […] Dieser Kursus zog sich bis Anfang des Jahres 1941 hin. Im Anschluss daran kam ich nach Hildesheim, wo ich bei der dortigen Gestapo-Dienststelle als ›Kommandierter der Waffen-SS‹ Dienst in der Kartei verrichtete.«

Um was für eine Kartei es sich handelte, wusste er nicht mehr; Polizei und Justiz fragten nicht nach. Unbekannt, ob er in Hildesheim Verbrechen verübte. Kurz vor seinem Eintreffen wurden die ersten Juden deportiert.

Bald darauf abermals in Pretzsch lernte er in Geografie, wo die Ost-Juden wohnten; in Geschichte, warum sie ein Verderben seien; und in Deutsch, wie hoch die weiße Rasse stehe, damit er verstünde, dass er in höherem Auftrag ausgeschickt würde auf einen Feldzug gegen das Böse. Sie würden geradewegs auf das Herz des Ungeheuers zu marschieren. Wenn sie Greise, Frauen und Kinder ermordeten, begriffen sie es als Heldentat im Abwehrkampf des deutschen Volks gegen den Weltverderber.

Beim Städtchen Düben am Fluss Mulde lauschte 92901 am 20. oder 21. Juni 1941 Reinhard Heydrich. Ein Historiker: »In der Pose des Feldherrn stand der Chef der Sicherheitspolizei und des SD vor seinem im Viereck angetretenen Todesbrigaden. Er holte zu einer markigen Rede aus, die freilich vage blieb: er sprach von einem Einsatz, der unerhörte Härte verlange.«

Den Offizieren gegenüber war er deutlicher: »Heydrich persönlich erklärt«, berichtete einer von ihnen, »dass der Russlandfeldzug bevorstehe, dass Partisanenkrieg zu erwarten sei und dass in diesem Gebiet viele Juden lebten, die durch Liquidierung ausgerottet werden müssten. Als einer der Versammelten ihm zurief: ›Wie sollen wir das machen?‹, sagte er: ›Das werden Sie schon sehen.‹ Er erklärte weiter, das Ostjudentum sei als Keimzelle des Weltjudentums zu vernichten. Es war nicht anders zu verstehen, als dass alle Juden ausgerottet werden sollten, ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht.«

Mordroutine

Mit dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni war die Zeit reif für die »Endlösung der Judenfrage«. Nach Diffamierung, Ausgrenzung und Ghettoisierung folgte nun die Auslöschung. Vier Einsatzgruppen A, B, C und D wurden aufgestellt, die unmittelbar hinter der Front operieren sollten. Hatte die Wehrmacht ein Gebiet militärisch eingenommen, fielen die Einsatzgruppen mit ihren Sonder- und Einsatzkommandos in Städte und Dörfer ein, um sie »judenrein« zu machen.

92901 kam zum Einsatzkommando (Ek) 9 der Einsatzgruppe B, dessen Stärke zwischen 120 und 150 Mann schwankte. Die Führung hatten 12 bis 15 SS-Offiziere. 30 bis 40 SD-Beamte bildeten den Organisationsstab, dazu kamen 15 bis 20 Kraftfahrer, Dolmetscher, Funker und sonstiges Trosspersonal. Die Festnahme- und Erschießungsaktionen wurden in der Regel durchgeführt von einem Zug mit zirka 30 Reservisten der Waffen-SS und einem Zug des Reservepolizeibataillons 9 der Ordnungspolizei Orpo.

Erster Einsatzort war Wilna. Er sei »bis Wilna über die Aufgaben und Tätigkeiten des SD-Einsatzkommando 9 nicht unterrichtet worden,« beteuerte 92901. Die Historiker sind uneins darüber, wie ausdrücklich der Befehl zum Judenmord gegeben wurde und wann. Schriftlich fixiert wurde anscheinend nichts, und die SS-Führer, die dazu befragt wurden, machten widersprüchliche Angaben.

Wie konnte es also ins Werk gesetzt werden, dass die Einsatzgruppen so erfolgreich Jagd auf fünf Millionen Juden im Einsatzgebiet machten und zwischen Juni 1941 und Ende 1942 wenigstens 600.000, vielleicht 1,4 Millionen umbrachten? Papier und unmissverständliche Anweisungen waren offenbar nicht erforderlich. Nach Jahren der Judenhetze verstand man sich wortlos, in den oberen Etagen von SS, Polizei und Militär wie an der Mordfront, auf der Grundlage des gemeinsamen »eliminatorischen Antisemitismus«.

Sie gaben sich als Polizisten auf Verbrecherjagd aus, die ein Gebiet »sicherheitspolizeilich durcharbeiteten«, »überholten«, »säuberten« und »Ordnung« schufen. »Zigeuner, Banditen, Kommunisten, Kriminelle, Geisteskranke, Asoziale« hießen die Opfer in den Berichten der Einsatzgruppen.

In ihren Aufzeichnungen erfanden die Mörder Vorwände, um sich den Anschein von Legalität zu geben: Todeswürdig war ein Jude, der außerhalb des Ghettos angetroffen wurde, der seinen Stern nicht trug – jeder, der, nach einem Wort Hitlers, »schief schaut«. Die Juden waren Todfeinde. »Diese Feinde sind aber keine Menschen mehr im europäischen Kultursinn, sondern von Jugend auf zu Verbrechern erzogen und als Verbrecher geschulte Bestien. Bestien aber müssen vernichtet werden.«

Unterstützt durch ein Kommando von 150 litauischen Hilfspolizisten erschoss das Ek 9 im Juli im Wald von Ponar bei Wilna täglich bis zu 500 Menschen, insgesamt 4.000 bis 5.000, vermutlich sogar 10.000. Alles, was 92901 dazu einfiel, war: »Ich glaube gehört zu haben, […] dass mehrere Erschießungen jüdischer Bürger aus Wilna an verschiedenen Tagen erfolgt sein sollen.«

92901 arbeitete im »Polizeireferat« des Ek 9, das die Erschießungen organisierte. Sobald die mobile Todesschwadron in eine Ortschaft einrückte, oblag es dieser Abteilung herauszufinden, wer Jude war, wobei sich die nichtjüdische Einwohnerschaft behilflich zeigte. Das Polizeireferat selektierte die Opfer.

Es bereitete die Erschießungen vor, indem es geeignete Orte wie Marktplätze aussuchte, um die Juden zusammenzutreiben, und es sondierte, wo Gruben ausgehoben werden konnten für die Leichen oder geeignete Panzergräben und Bombentrichter vorhanden waren. Die Angehörigen des Polizeireferats zählten die Toten und führten Buch über die Bluttaten.

Die Bilanzen des Todes hießen »Ereignismeldungen«. 11.449 »Stück« reportierte das Ek 9 von Juni bis Oktober 1941 an das RSHA. Das Gerichtsurteil gegen den Kommandeur Alfred Filbert veranschlagte die juristisch sichere Zahl auf 6.800 Ermordete ; in seiner mündlichen Begründung schätzte der Vorsitzende Richter tatsächliche 15.000. Ab Oktober wurden auch Frauen und Kinder »zur Strecke gebracht« und ganze jüdische Gemeinden ausgemerzt.

92901 war ahnungslos. »Überwiegend habe ich mich mit der Partisanentätigkeit und deren Bekämpfung beschäftigt«, behauptete er; »ob in der Stadt Juden erfasst worden sind oder aus Lagern kriegsgefangene Juden ausgesucht und getötet wurden, weiß ich nicht.« Darauf beharrte er: »Auf Frage ist mir nicht bekannt, dass dem Polizeireferat die Erfassung der jüdischen Bevölkerung sowie die Planung der Vernichtung derselben oblag. Von den Ereignismeldungen des Reichssicherheitshauptamtes habe ich nie etwas gehört.«

Polizei und Justiz ließen ihm die Lügen durchgehen. Sie hinterfragten nicht, was er mit »der Partisanentätigkeit und deren Bekämpfung« meinte. Sie setzten voraus, dass daran nichts strafrechtlich relevant war. Untergrundkämpfer, Freischärler zu bekämpfen war auf jeden Fall in Ordnung. Ob er sie persönlich tötete interessierte nicht.

Die Vernehmer hätten wissen können, dass »Partisan« als Deckbegriff fungierte. Himmler hatte verfügt, dass »grundsätzlich jeder Jude als Partisan anzusehen« sei. »Wo der Partisan ist, ist der Jude, und wo der Jude ist, ist der Partisan.«

Einsatzkommando-Prozesse

Mit dem Karabiner

Befürchtungen, die Männer könnten dem Massenmord nicht gewachsen sein, erwiesen sich als unzutreffend. Kommandeur Filbert erklärte vor Gericht: »Ich habe von keinem Fall der Befehlsverweigerung gehört«. Im Gegenteil. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters: »Stimmt es, dass es beim Kommando hin und wieder Leute gab, die Erschießungen ausgesprochen gern durchführten?«, antwortete der Chef des dem Kommando beigegebenen Waffen-SS-Zuges: »Ich glaube schon.«

Und er ergänzte: »Was meinen Sie wohl, was wir für üble Leute im Einsatzkommando hatten«. Männer, die gern mordeten, Männer im Blutrausch. Mittelmäßige Charaktere, die genossen, zu Herren des Todes aufgestiegen zu sein. Über eine Erschießung berichtete ein Zeuge: »Ein SD-Führer zwang die jungen Mädchen sich auszuziehen.« Auf Nachfrage des Richters: »Welchen Sinn sollte das haben?«, antwortete er: »Der SD-Führer wollte sich wohl ergötzen. Es war Sadismus.«

Gleichwohl verschwand diese Mordlust aus der Mitte der Gesellschaft wie Spuk, sobald ihr der staatliche Schutz entzogen wurde. Gewalt entlud sich und legte sich wieder schlafen.

Es war ein Schützenfest. Kinder wurden an den Beinen gepackt und an Türpfosten erschlagen. Wurden in die Luft geworfen und wie Tontauben abgeknallt. Noch vor Gericht erzählten die Täter rührungslos davon. Wie sie denn kleine Kinder erschossen hätten? »›Na, wie die Katz.‹ Der Richter starrte ihn an und ersuchte nach einigen Sekunden des Schweigens um nähere Erläuterung. In ruhigen Ton sprach der Zeuge weiter: ›Na, sie wurden mit der einen Hand am Genick gepackt und mit der anderen erschossen.‹«

Wenn das Gehirn der Erschossenen den Mördern ins Gesicht spritzte, prahlten sie hinterher bei ihrer Sonderration Alkohol: »Judenhirn, das schmeckt gut.« Sie ließen sich mit den Leichenbergen ablichten wie Jäger mit Wild und klebten die Bilder in Alben.

Habgier kam als Motiv hinzu. Einer gestand: »Wir wollen uns doch nichts vormachen, bei den Judenaktionen gab es etwas zu holen!« 92901 sagte aus: »Mir ist auch dunkel in Erinnerung, dass bei den Durchsuchungen den jüdischen Bürgern Wertsachen (Fotoapparate, Schmuck und sicherlich auch Geld) abgenommen wurde, über den Verbleib vermag ich jedoch nichts zu sagen.«

Ein Schütze mit Skrupeln und weichen Knie war ein unzuverlässiger Mörder. Ihn zur Tat zu zwingen war unproduktiv. Solange genug Willige vorhanden waren, wurden die Zaudernden in Ruhe gelassen. Allein um den Zusammenhalt der Truppe zu garantieren übten die Kommandeure Zwang aus.

Obersturmbannführer Filbert vor Gericht: »Es gab einen Befehl, nach dem jeder Kommandoangehörige, vom Koch bis zum Führer, mindestens einmal persönlich an einer Massenerschießung teilnehmen musste« – also auch die Mitarbeiter des Polizeireferats. Schließlich war 92901 dran.

Anfang August 1941 bezog das Ek 9 in Witebsk Quartier im Gebäude eines Polytechnikums. Die Kellerräume wurden als Zellen genutzt. »Ich erinnere mich daran, dass diese fast ständig voll belegt waren«, gab 92901 Auskunft. Mehr war von ihm nicht zu erfahren: »Ich habe die Zellen selbst auch nie gesehen, nehme nur an, dass im Keller welche waren. Wir hatten lediglich vorn im Keller einen Luftschutzraum, den ich auch betreten habe. Weiter bin ich nicht gewesen.«

Haben Sie nicht das Jammern und Wehklagen aus den Zellen gehört?, wurde er nicht gefragt. Ebenso will er das Ghetto nie betreten haben: »Das in Witebsk errichtete Ghetto habe ich nie von innen gesehen, ich wusste nur, dass es sich dort befand.«

Täglich wurde das Ghetto »durchkämmt«, wurden Juden in die Kellerzellen gesperrt, »verhört« und am nächsten Tag erschossen, mehrere Wochen lang. Abends wurde am Schwarzen Brett vor der Schreibstube die vom Polizeireferat verfertigte Liste mit den Namen der Schützen der »Sonderaktion« vom nächsten Tag ausgehängt.

»Die Häftlinge wurden unter Begleitung durch Polizeilastwagen zur Exekutionsstelle gefahren«, beschrieb 92901 seinen vermeintlich ersten »Sondereinsatz«. »In einem hügligen Gelände, welches mit Sträuchern bewachsen war, hielten wir vor der Stadt an. Ich bemerkte dort eine Mulde. […] Ich gehörte zuerst zum Absperrkommando. […] Von meinem Standpunkt konnte ich die LKWs, es waren wohl einige, mit den Häftlingen ankommen sehen. In der Nähe der Erschießungsstelle wurden sie gruppenweise, es können jeweils 25 Personen gewesen sein, vom LKW heruntergeholt und durch Bewachungsposten zur Mulde gebracht. Dort mussten sie sich in die Mulde begeben. Das Schießkommando, es waren wohl ebenfalls 24 Mann, schoss vom Rand der Mulde auf die unten aufrecht stehenden Opfer. […] Das Schießkommando wurde nach der dritten Exekution mit dem Absperrkommando ausgetauscht, so dass auch ich schießen musste. […] Die Opfer waren meiner Ansicht nach Juden. Dieses schloss ich aus ihrem Aussehen und ihrer Kleidung. […] Ich musste an diesem Tage 3-mal schießen […] Eine Woche nach dieser Erschießungsaktion wurde ich erneut zu einer solchen befohlen. Diese wurde ebenfalls wieder vor der Stadt in der Mulde, in der Nähe der ersten Erschießungsstelle, vorgenommen.«

Die Mulde war ein Panzergraben. Nach Erkenntnissen des Gerichts mussten sich die Juden »an einem Sammelplatz der Oberbekleidung entledigen und wurden dann in Gruppen von zehn Personen zur Exekution geführt, die bei der ersten Aktion mit Karabinern, bei der zweiten möglicherweise mit Maschinenpistolen in unregelmäßigem Feuer durch Genickschuss erfolgte. Auf das Verbinden der Augen der Opfer wurde jetzt verzichtet; ebenso wurde nicht mehr darauf Bedacht genommen, die Erschießungsstätte außer Sichtweite vom Sammelplatz zu halten.«

Mehr als 4.000 Menschen fielen dem Ek 9 in Witebsk zum Opfer. Als das Kommando Ende Dezember in die Stadt zurückkehrte wurde 92901 zum dritten Mal als Schütze eingesetzt. »Wenn ich gefragt werde, warum ich mich an diesen Erschießungen beteiligt habe, erkläre ich, ich konnte nicht anders«, beschied der Feinkosthändler die Polizisten im Verhör.

Zeugnisse

Die Täter hatten nichts zu bereuen, sondern gaben sich den Anschein von armen bedauernswerten Leidtragenden. Massenmörder als Jammerlappen. Kameraden von 92901 im Ek 9:

»Wir hatten unter uns gemurrt, aber keiner hatte den Mut, sich zu weigern. Wir hatten Angst, dass wir wegen Befehlsverweigerung Nachteile haben würden.« – »Wir waren alle nicht damit einverstanden, hatten jedoch keine Möglichkeit, uns den gegebenen Befehlen zu widersetzen.« – »Wir waren alle innerlich gegen diese angeordneten Maßnahmen, sahen aber keine Möglichkeit, uns den Befehlen zu entziehen.«

Der »Befehlsnotstand«, den sie geltend machten und die Justiz ihnen zubilligte, hat nie bestanden. Kein einziger Fall ist bekannt, in dem passiert wäre, was sie zur Entlastung anführten: dass sie selbst erschossen worden wären, wenn sie nicht hätten schießen wollen. Verweigerer mussten nicht einmal unbedingt mit Nachteilen rechnen. 92901 wählte nicht den Ausweg eines Angehörigen des Ek 9, der erfolgreich Wahnsinn simulierte, um sich dem Mordgeschäft zu entziehen.

Unter den Völkermördern kursierte eine Geschichte, die belegen sollte, wie viel Mut es erforderte, sich Befehlen zu widersetzen: »Wir hatten damals Juden, die bei unserer Dienststelle arbeiteten, aus unserer Gulaschkanone einen Topf Kaffee gegeben. Hiervon bekam der Kommandoführer des EK 9, Dr. Filbert, Kenntnis. Es war über den Vorfall äußert erregt und drohte und damit, dass er den Schuldigen streng bestrafen würde, wenn so etwas nochmals vorkommen sollte.«

Eine zweite Version lautete: »Ich erinnere mich, als wir noch in Wilna waren, dass meine Kameraden mir erzählten, dass Dr. Filbert den Koch des EK 9 […] einsperren wollte, weil dieser Koch 2 jüdischen Frauen, die in der Küche mit Kartoffel schälen beschäftigt waren, Tee zum Trinken gegeben hatte.«

Ob Tee oder Kaffee – es geschah nicht mehr, als dass die Männer angeschnauzt wurden. Offenbar gab es kein Beispiel, in dem wirklich jemand »streng bestraft« wurde, um es in den Vernehmungen anzuführen.

Aus den Zeitungen, die seinerzeit allwöchentlich vergleichbare Verfahren vermeldeten, hatten die Beschuldigten gelernt, dass stures Festhalten am »Befehlsnotstand« genügte, um straffrei auszugehen. Die Vernehmer hakten nicht nach. Kein Protokoll in der Akte von 92901 lässt Zweifel an den Aussagen erkennen. Man wollte nichts anderes hören.

Die Mörder versteckten sich hinter ihren Führern. »Ich kann mich heute noch erinnern«, sagte einer von ihnen aus, »dass Dr. Filbert bei einer Begrüßungsansprache, ich glaube es war in Wilna, u. a. geäußert hat, die Verantwortung für alles, was hier geschieht, übernehme ich.«

Ein anderer zitierte eine Rede Himmlers am 15. August 1941 in Minsk im Anschluss an eine Schauhinrichtung: »Er brachte zum Ausdruck, dass die Verantwortung für die Erschießung er persönlich tragen würde, und dass keinesfalls von uns die Verantwortung getragen zu werden brauche.«

In seiner mündlichen Urteilsbegründung konstatierte der Vorsitzende Richter des Berliner Prozesses von 1962: »Wir müssen uns von dem Gedanken frei machen, das Einsatzkommando 9 sei etwa eine Ansammlung eingeschüchterter und verängstigter Uniformträger gewesen, die mit Gewalt und Drohung zur Teilnahme an den Erschießungsaktionen getrieben werden mussten.« Der Richter betonte: »Sie waren Anhänger des NS-Regimes und Antisemiten.«

Der Erkenntniswert der Einlassungen der Mörder ist begrenzt. Anders als in den Konzentrationslagern bestand für die zur Erschießung vorgesehenen Opfer keinerlei Chance zu überleben und gegen ihre Peiniger Zeugnis abzulegen. Zeugenberichte von den Unternehmungen der Einsatzgruppen betreffen das Randgeschehen, die Grausamkeiten im Umfeld der Hinrichtungen auf Marktplätzen oder von ihnen selbst dokumentiert: Wie sie die Bärte der Männer anzündeten, Bock springen oder kriechen ließen; wie sie auf ihre Opfer urinierten.

In den Ermittlungen gegen 92901 kam nur ein Unbeteiligter zu Wort. In Witebsk traf der Sohn des Feinkosthändlers einen Bekannten aus der Heimatstadt, einen Architekten der Organisation Todt, der beauftragt war, die durch einen Fliegerangriff am Quartier des Ek 9 entstandenen Schäden zu reparieren. Er sei gerade von einem längeren Einsatz aus den Sumpfgebieten zurückgekommen, erzählte 92901 dem Architekten. Worum es sich handeln könnte, geht aus der Literatur nicht hervor, die Justiz forschte sowieso nicht nach.

Die beiden trafen sich häufiger, plauderten. 92901 erzählte vieles, von dem weder er noch der Architekt nachher etwas wissen wollten. Seine Vernehmer konfrontierten 92901 damit, der Architekt habe angegeben, »von Ihnen erfahren zu haben, dass sich SD-Angehörige zum Schießkommando freiwillig gemeldet haben und Sonderurlaub erhielten«. 92901 bestritt: »Mir ist kein Fall bekannt, dass sich jemand freiwillig gemeldet hat oder dass es dafür Sonderurlaub geben sollte.«

Aus Neugier wurde der Architekt Augenzeuge eines Massakers. »Vorm Fenster meiner Unterkunft beobachtete [ich] im Winter des Jahres 1941/42, es lag Schnee, dass ein LKW mit offener Pritsche, auf dem sich etwa 30 Personen befanden, in Richtung Stadtausgang fuhr. […] Es können vielleicht 4 – 5 Kinder, 7 – 8 Frauen, von denen eine noch ein Kleinkind auf dem Arm trug, und der Rest Männer gewesen sein. […] Ich setzte mich in meinen PKW und fuhr hinterher. Der Lastwagen hielt am Stadtrand, die Leute stiegen ab und wurden hinter einen Hügel eskortiert. Als ich nach etwa 10 Minuten die ersten Schüsse hörte, kehrte ich nach Witebsk zurück. Etwa eine Stunde später kam der LKW leer zurück. Auf der Ladefläche lagen Kleidungsstücke.«

Erscheinen die Zustände in Witebsk in den Aussagen der Mörder selbst blutleer und klinisch sauber, eröffnete der Architekt einen Blick hinter diese Fassade. Ein SS-Hauptsturmführer von einem anderen Kommando, mit dem er das Zimmer teilte, prahlte, acht russische Kriegsgefangene, die ihren Bewacher angriffen, erschossen zu haben. »Am Nachmittag des gleichen Tages als er mir dieses erzählt hatte«, so der Architekt, »habe ich die erschossenen russischen Kriegsgefangenen noch auf der Straße liegen sehen.«

Leichen in der Landschaft waren ein gewöhnlicher Anblick in den Städten und Dörfern in Litauen und Weißrussland, die das Ek 9 verheerte. Ein Historiker: »Im November 1941 lagen beispielsweise in Wjasma und der näheren Umgebung der Stadt so viel Leichname auf den Wegen, dass der Kommandant des rückwärtigen Gebietes besorgt äußerte, dies könnte der feindlichen Propaganda neue Nahrung geben.«

Trotzdem die Einsatzgruppen, unterstützt durch einheimische Hilfspolizei und Wehrmacht, so viele Menschen umbrachten wie sie konnten, wurde der Mord per Gewehr der Mission nicht gerecht. Effizientere und die Ausführenden weniger belastende Tötungsmethoden wurden ausprobiert; man experimentierte mit Sprengstoff und setzte Gaswagen ein. Nach der Einrichtung der Konzentrations- und Vernichtungslager verlagerten sich die Operationen der Einsatzgruppen von der Eliminierung zur Deportation.

Mit dem Rückzug aus der Sowjetunion begann 1943 die Beseitigung der Spuren der Schandtaten, die »Enterdung«: Die Massengräber, mit dem Decknamen »Wasserstellen« bezeichnet, wurden vom Sonderkommando 1005 im gesamten Ostraum geöffnet, die Leichen verbrannt, die Knochen zermahlen und die »Enterdungskommandos« ebenfalls vernichtet und mitverbrannt. Vorher, im November 1942, war 92901 zur Gestapo nach Ahlem versetzt worden.

Im Verfahren

Nach dem er vor dem Berliner Landgericht zugegeben hatte, »fünf bis zehn Menschen erschossen« zu haben, konnte die Justiz 92901 nicht einfach laufen lassen. Immerhin zweieinhalb Jahre vergingen, ehe die Staatsanwälte in der Kreisstadt Ermittlungen aufnahmen – auf Drängen übergeordneter Instanzen.

»Mehrfache Beihilfe zum Mord«: Hinsichtlich der Schwere des Vorwurfs gehörte es sich, ihn am 15. Dezember 1964 vorläufig festzunehmen. Gegen Kaution und die Auflage, sich zwei Mal die Woche bei der Polizei zu melden, wurde er nach sechs Tagen von der Haft verschont. Im Feinkostladen stand das Weihnachtsgeschäft an.

Die Verhaftung sprach sich herum, das Geraune in den Gassen der Altstadt verdichtete sich, die Gerüchteküche brodelte schier. Die Lokalzeitung, die bereits vor der Machtübernahme den Nationalsozialisten gehuldigt hatte und nach wie vor von einem »Wegbereiter dieses verbrecherischen Systems« geleitet wurde, sah sich genötigt, mit einem Artikel zu reagieren, der statt aufzuklären noch mehr vernebelte.

Wie mit 92901 verfuhr man mit den meisten seinesgleichen. Nach lässigen Untersuchungen stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren am 24. Februar 1966 ein. Sie hegte »keine Bedenken gegen die Glaubwürdigkeit des Beschuldigten […]. Die Erschießungsbefehle waren verbrecherisch. […] Dem Beschuldigten war aber nicht zuzumuten, die Ausführung dieser ihm erteilten Befehle zu verweigern.«

Er habe »unwiderlegbar in einem schuldausschließenden Putativ-Nötigungsstand (§ 52 StGB) gehandelt.« Es genügte, dass 92901 sich eingebildet hatte, die Befehlsverweigerung sei gefährlich. Einem Urteil des Bundesgerichtshofs aus dem selben Jahr zufolge reichte das zwar nicht aus zur Entschuldigung, aber mit der Einstellungsverfügung entfiel jede Kritik und Kontrolle des staatsanwaltlichen Verdikts, von dem nur erfuhr, wen man es wissen lassen wollte.

Der Haftbefehl wurde am 4. März 1966 aufgehoben, wenige Tage bevor in Berlin ein zweiter Prozess gegen Führungsoffiziere des Ek 9 eröffnet wurde, in dem erneut die Aussage von 92901 gebraucht wurde.

Das Verfahren drohte an einer Zeugenverschwörung zu scheitern. Diese ins Werk zu setzen war nicht schwer. Ein Viertel der ehemaligen Angehörigen des Ek 9, deren Berufe bekannt sind, waren weiterhin im Polizeidienst. Zwei gehörten zur »Sicherungsgruppe Bonn«, zuständig für den Schutz ausländischer Prominenz. Ein Kriminalrat zeigte zur Vereidigung im Gerichtssaal aus alter Gewohnheit den Hitlergruß. In den Staatsanwaltschaften saßen Juristen mit brauner Vergangenheit; das Verfahren gegen 92901 leitete ein früherer Sonderrichter.

Im weißen Kittel, der Uniform des Einzelhändlers, gerierte sich 92901 »schleimig« dienstbeflissen. Hinter der Ladentheke dienerte er mit jener kriecherischen Zuvorkommenheit, die gerade nicht uneigennützige Freundlichkeit ist. Sie ist den Kunden nicht wohlgesonnen, sondern auf ihr Bestes, ihr Geld aus.

Wie sein Vater stand er vor dem Laden, um Kunden anzulocken. Sein Lächeln war eine Ware, die der jedem offerierte, die Freundlichkeit eine Maske, die bezahlt werden sollte. »Despotisch dienend« fand eine ehemalige Kundin sein Gebaren.

Der Feinkosthändler habe sich geschmeichelt, vor allem die »besseren Kreise« der Stadt zu bewirten. Schon Anfang der 1970er Jahre galt der Laden manchen als »Gruselkabinett«, glich der Einkauf einer »Gespensterstunde«. Ohne das Wohlwollen der Stammkunden aus der Oberschicht, das sich in Aufträgen aus dem Rathaus für Büfetts zu offiziellen Anlässen niederschlug, hätte der Feinkosthändler schließen müssen. »Die Geschäftsbeziehungen waren normal«, verlautete dagegen vom Bürgermeister.

92901 ist der »Mann der Menge«, den Edgar A. Poe porträtiert hat, der Wesenskern des Verbrechens in der Mitte der Gesellschaft. So tief war die Durchdringung vom Judenhass, dass er mitmachen konnte, dessen Maxime ist, nie aus der Rolle zu fallen, aus der Reihe zu tanzen, dessen Maxime Dienstbarkeit ist.

92901 ist einer von uns, sagen die Leute, und es schaudert sie nicht. Am Ende wurde er von den Mächtigen der Kreisstadt aus der Masse herausgehoben. 1994 wurde das tausend Jahre zurückliegende Ereignis gefeiert, dem die Stadt ihre erste schriftliche Erwähnung verdankt: Von der Elbe her waren die Wikinger mordend und brandschatzend über die Stadt hergefallen. Hätte es einen passenderen Ehrengast geben können als den SS-Mann?

Am Fenster

Gewöhnlich schrieb ich auf, in welche Geschichten andere sich verwickelten. Allenfalls bestand mein Beitrag zu den Geschehnissen eben darin, dass ich laut über sie sprach; bisweilen auch in Schweigen. Mitunter verzichtete ich darauf, eine schmutzige Geschichte zu erzählen.

Bei dieser Story war ich Akteur geworden. Sie war zu einer Geschichte vom Totschweigen geworden und sie zu berichten hieß, sich einzumischen. Ich verließ meinen Fensterplatz und ging auf die Straße. Schrieb nicht nur still im Zimmer, sondern betätigte mich als Ausrufer.

Ein Anlass ergab sich, die Geschichte erneut aufzusagen. Die Fassung war fertig, bei der die einzige Arbeit darin bestand, aus den diversen Aspekten eine Handvoll auszuwählen, um mit dem Umfang des Zeitungsartikels auszukommen – da erhielt ich ein Buch, das einen weiteren Blickwinkel hinzufügte.

Der polnische Journalist war ein Jahr älter als ich, als er begann Buch zu führen über die Bluttaten vor seinem Fenster. Er arbeitete in Wilna und wohnte mit seiner Frau in einem Haus an einem Waldgebiet zirka zehn Kilometer von der Hauptstadt Litauens entfernt, in der Siedlung, die auf jiddisch Ponar heißt, Paneriai auf litauisch und in deutschen Dokumenten und der Literatur Ponari oder Ponary genannt wird.

Durch Gespräche mit Tätern, Opfern und Zuschauern, vor allem aber von einem Versteck auf dem Dachboden seines Hauses aus studierte der Journalist drei Jahre lang den Mordverkehr in seiner Nachbarschaft. Aus Papiermangel machte er seine Notizen auf winzigen Zetteln, ausgerissenen Seiten, am Rand anderer Schriftstücke.

Die rasch hin gekritzelten, mit Abkürzungen und schwer zu enträtselnden Andeutungen gespickten Aufzeichnungen steckte er in Limonadenflaschen, die er in seinem Garten und im Mordwald vergrub. Ein Teil wurde gefunden und lag jahrzehntelang mit dem Stempel »unleserlich« in einem Wilnaer Archiv. Womöglich wurde er als Zeuge entdeckt: Unbekannte schossen ihn am 5. Juli 1944 an und verwundeten ihn tödlich.

Ponar war ein beliebtes Ausflugsziel gewesen, gut zu erreichen mit Auto und Bahn. Nun war da die mit Zaun und Stacheldraht gesicherte aufgegebene Baustelle eines Heizöllagers. Es gab Gruben, fünf bis acht Meter tief und bis zu 32 Meter im Durchmesser, die Treibstoffbehälter hatten aufnehmen sollen. Die Grubenwände waren teilweise schon vermauert. Für die Bauarbeiten waren hölzerne Rampen angebracht worden, die vom Rand auf den Grubenboden führten.

Über diese Stege liefen die Opfer zur Erschießungsstelle. Auf dem Sammelplatz hatten sie sich selbst mit Handtüchern die Augen zu verbinden oder sich das Hemd über den Kopf zu ziehen. Sie bildeten Gruppen zu zehn, die sich hintereinander aufstellten und an den Händen hielten. Der Vordermann bekam einen Stock, dessen anderes Ende ein litauischer »Hilfswilliger« hielt und die Gruppe über die Rampe in die Grube führte. Zuerst mordeten die Deutschen nur Männer.

Am 12. Juli 1941 begann der Journalist seine Notizen. Am Vortrag hatte er Schüsse gehört und gedacht: »Anscheinend finden dort Übungen statt.« Dann erfuhr er von einem Passanten auf der Landstraße nach Grodno, »dass man viele Juden in den Wald getrieben hat. Und plötzlich schießt man [auf] sie.«

Mordroutinen schliffen sich ein und wandelten sich. Der Journalist protokollierte: »19. August 1941: Für gewöhnlich [er]schießt man Gruppen von jeweils zehn Personen; nur denen, die es wollen, verbindet man die Augen. Die nachfolgende Gruppe sieht die [Leichname der] vor ihnen Getöteten, da die Erschossenen nicht sofort mit Erde bedeckt werden. Nein! Über die Leichen gehen die zukünftigen Leichen.«

»2. September 1941: Bei den Hinrichtungen ging man so vor, dass sich die [zur Erschießung vorgesehene] Gruppe auf die Körper der vorher Getöteten stellen musste. Sie gingen und gingen über die Leichen! Die Gräber wurden gleich am nächsten Tag zugeschüttet.«

»30. Juli 1942: Angeblich wurden viele Schwerverletzte [lebendig] begraben, da [den Soldaten] die Arme von den Schlägen und Erschießungen wehtaten, und sie deshalb nicht mehr schießen, nicht mal mehr einen Fangschuss geben wollten.«

»14. November 1942: Zwei Wagen mit Polen aus dem Gefängnis in Lukiszki. Sie versuchten zu flüchten, doch die Litauer jagten sie und schossen. Die Verwundeten wurden jedoch nicht erschossen, um sie nicht zu den Gruben schleppen zu müssen, [man ließ sie] selber … kriechen …«

»5. Mai 1943: Heute wieder ein Wagen, wieder dieselben Vorsichtsmaßnahmen bei der Erschießung. Es ist bemerkenswert, dass über den Gruben ständig Krähen und Raben kreisen. Man sieht genau, dass sie in der Grube eintauchen. Offensichtlich werden die Ermordeten nicht eingegraben. Das bedeutet, man wird die Grube noch brauchen.«

Was anderes hätte er tun können als berichten? Hunderttausend sollen es gewesen sein zwischen dem 4. Juli 1941, der ersten dokumentierten Erschießungsaktion, bis zum 13. Juli 1944, der Befreiung Wilnas durch die Rote Armee, die von deutschen SS- und Polizeikommandos und ihnen unterstellten litauischen »Hiwis« in den Gruben von Ponar ermordet wurden.

Ein gigantischer, alles verschlingender Mordbetrieb. Lange vor seinem Ende verschlang er auch seinen Chronisten, gleich aus welchem scheinbaren Grund. Wer so lange wie der Journalist Tuchfühlung mit dem Grauen hat, verringert seine Chance auf Entkommen. Dass er nicht verschwand sondern ausharrte war sein Widerstand.

Vor meinem Fenster wurde einer, der an den Gruben von Ponar Dienst tat, mit höchsten Ehren bedacht.

SS-Mann Stade

Ehrensache

Bei der Tausendjahrfeier begegnete 92901 wieder dem Ministerpräsidenten. Erstmals waren sie 1990 am »Tag der Niedersachsen« zusammengetroffen, als der Chef der Landesregierung sein Amt frisch angetreten hatte. Ein weiteres Treffen mit den »netten alten Herrn« soll es 1998 gegeben haben, als der Mann aus Hannover nahe der Kreisstadt Urlaub machte.

Hinter der Theke des Feinkostladens hing ein Porträt des hohen Gastes, behaupteten Kunden. Zur Auflösung des Geschäfts im Juni 2002 überbrachte der Bürgermeister ein persönliches Schreiben des inzwischen zum Bundeskanzler Aufgestiegenen als Würdigung seiner »Lebensleistung«.

»Das könnte dem Kanzler schaden«, ist alles, was über den Inhalt des Kanzler-Briefs bekannt ist. So ließ sich 92901 gegenüber dem Herausgeber des Magazins »Gazette« ein, der sich als Mitarbeiter der rechten Wochenzeitung »Junge Freiheit« ausgegeben und gebeten hatte, ihm das Schreiben zu faxen.

Die Verbrechen von 92901 waren ein »offenes Geheimnis«, stellte ein Historiker fest, der Ende der 1980er Jahre die NS-Zeit in der Stadt recherchierte. Mehrere Lokalpolitiker räumten ein, vor der Übergabe des Kanzlerbriefs im Bilde gewesen zu sein – und als Justizbedienstete Einsicht in die 40 Jahre alte Strafakte gehabt zu haben.

Das Kanzleramt versicherte, man habe im Rathaus rückgefragt, ob etwas gegen die Ausfertigung des Ehrenbrief spräche; selbstverständlich bei jemand vom Jahrgang 1908. Der ehemalige Rechtsanwalt des Feinkosthändlers, später Bürgermeister und rechtspolitischer Sprecher einer Bundestagsfraktion, fand nichts dabei, 1981 der Brüderschaft des Massenmörders beizutreten und erhob keinen Einspruch gegen die Ehrungen.

Ein für »Israel-Kulturwochen« im Mai 2003 geplanter Vortrag über die Gartenbauschule in Ahlem, der über die dort untergebrachte Gestapo und das Massaker, an dem der geschätzte Mitbürger beteiligt war, schweigen sollte, brachte den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Harnisch; prompt verleumdeten ihn Politik und Presse.

Tatsachenbehauptungen über die Schuld des Feinkosthändlers verdächtigte der Lokalanzeiger der »üblen Nachrede«. »Man muss auch verzeihen können« und »man muss auch vergessen können«, verlautete vom Bürgermeister, der den Kanzler-Brief überbracht hatte. Leidenschaftlich verteidigt wurde die Ehrenbezeigung durch 30-Jährige in politischen Führungspositionen. Sie erklärten, die Judenvernichtung sei »60 Jahre her« und abgeschlossen.

Der Verfassungsschutz hält die Region um die Kreisstadt für einen Schwerpunkt rechtsextremistischer Umtriebe in Niedersachsen, wo der Schulterschluss stattgefunden hat zwischen alten Nazis, der Generation der Pimpfe und jungen Hitler-Bewunderern. Wie für 92901 zeigte die Justiz ausnehmendes Verständnis für Neonazis.

Im selben Jahr 2000, in dem besagter Bundeskanzler einen »Aufstand der Anständigen« gegen fremdenfeindliche Anschläge und Übergriffe proklamierte, verlieh der Landrat einem früheren Waffen-SS-Mann und NPD-Abgeordneten das Bundesverdienstkreuz. Der Fall erregte international Aufsehen, weil er ein Schlaglicht auf Kontinuitäten in der Gesellschaft warf, die vorwiegend empört zurückgewiesen oder verschwiegen werden.

Fünf Jahre Streit und Diffamierung des Initiators brauchte die Kreisstadt, bis sie die Aufstellung zweier Steinstelen für die ermordeten jüdischen Mitbürger zuließ. Die Partei der Verhinderer bildeten jene, die 92901 rühmten, voran sein ehemaliger Rechtsbeistand.

Ein Nachbardorf leugnete den Mord an Zwangsarbeiterkindern und diffamierte die Opfer als »Hurenkinder«. In der Nachbarstadt wurden Fakten verbogen, um einen Gedenkstein für zwei NS-Kriegsverbrecher einweihen zu können.

Das Kanzleramt hatte die Enthüllungen über 92901 »mit großem Ernst zur Kenntnis genommen«, den Ehrenbrief indes nicht kassiert. In der Kreisstadt wurde das Schweigen über die Angelegenheit nur unterbrochen, um Kritiker zu schmähen.

Im Oktober 2003 wurde im Rathaus eine Wanderausstellung eröffnet über die Deportation von Sinti und Roma aus Niedersachsen, die vor allem via Ahlem nach Auschwitz führte. Ein Verbandsvertreter der Sinti brachte sanft seine Verwunderung über die Ehrung für den Mann aus dem Folterkeller zum Ausdruck. Der Bürgermeister brauste auf, bestritt die Ehrung und verließ den Saal. Vom Verbandsvertreter und seinen »Zuträgern« verlangte er nachher eine Entschuldigung.

»Den Mördern kann ich nicht verzeihen, sie sind Mörder geblieben«, sagte eine Frau, die als junges Mädchen den Gruben von Ponar knapp entkommen war und Konzentrationslager überlebte, als sie mit einer Lesung aus ihrem Tagebuch in der Kreisstadt zu Gast war.

Mit 96 Jahren verstarb 92901 im Dezember 2004. Mit rund 70 Trauergästen war die Friedhofskapelle gut besetzt. Ein ehemaliger Stadtdirektor und nachheriger Ministerialbeamter, der Erste Stadtrat und weitere Honoratioren gaben das letzte Geleit.

»Hat er bereut?« wird gefragt, wer die Geschichte erzählt. Er erinnert sich nicht. Was sollte er bereuen? Nie etwas gewesen, sekundieren seine Freunde und ihre Söhne.

Grab von SS-Mann 92901 (Fotos: urian)

Quellen

Strafakte 92901: 9 Js 494/64 der Staatsanwaltschaft Stade (1964–66) im Nds. Staatsarchiv Stade, Rep. 171 a Stade, Nr. 819, Bd. I–V
Vernehmung 92901 in Stade 16.3.1966 (StA Hannover 2 Js 12/65); Vernehmung in Stade 19.8.1969 durch LKA Nordrhein-Westfalen: BA Ludwigsburg [Archiv A. R.]
Urteil Landgericht Berlin 22.6.1962, 3 PKs 1/62; Urteil LG Berlin 6.5.1966, in: A. Rüter-Ehlermann und C. F. Rüter (Hg.), Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945–1966, Amsterdam 1968, Bd. XVIII, XXII
Stader Tageblatt 13.12. u. 14./15.12.1935
SS.-Sturm 1/88 Stade, in: Die NS-Bewegung im Kreise Stade, Zum 1. Kreistreffen in Stade am 20. u. 21. Juni 1936 (Beilage im Stader Tageblatt)
P. v. Allwörden: Viel Wirbel um »Klamauk«, Stader Tageblatt 4.6.2003
K. Bohlmann: »Ordnungsgemäße« Erschießungen, Der Kurier, Berlin 17.5.1962; Der Zeugenaufmarsch hat begonnen, Kurier 24.5.62; Einer spielte den Geisteskranken, Kurier 2.6.62; Die Willkür eines Größenwahnsinnigen, Kurier 23.6.62
J. Freyenhagen: Wenn die Papierkugeln fliegen, dpa März 2003
F. Hennies: Aufzeichnungen über das Gestapo-Gefängnis Ahlem 1946, Mahn- u. Gedenkstätte Ahlem
W. Hönig: Beamtete Henker, Christ und Welt, Stuttgart 2.6.1962
lm: Angeklagter: Damit werde ich mein Leben lang nicht fertig, Augsburger Allgemeine 23.5.1962
mil.: Jetzt fordern sie die Gnade des Vergessens, Der Abend, Berlin 22.5.1962
N. N.: Im Berliner »Einsatzkommando«-Prozeß haben die Zeugen das Wort, Mühldorfer Anzeiger 29.5.1962
N. N.: Auch Kleinkinder ermordet, Die Neue Zeit, Berlin (Ost) 5.6.1962
N. N.: Befehlsnotstand lag nicht vor, Stuttgarter Zeitung 23.6.1962
S. Quäker: Feinkost Wolters schließt, Stader Tageblatt 22.6.2002; Stadt Stade will keinen Eklat um SS-Mann, Stader Tageblatt 20.11.2002
H. Quell: Verhaftungswelle in Stade?, Stader Tageblatt 6.1.1965
H. Reinecke: Der Bundeskanzler erinnert sich gern, neue stader Wochenblatt 26.6.2002
G. Roth: Urteil im Berliner Einsatzgruppenprozeß, Die Welt, Hamburg 23.6.1962
Neues Deutschland, Berlin (Ost) 20.5.1962; Westdeutsches Tagblatt, Dortmund 24.5.1962; Der Tag, Berlin 29.5.1962; Osterholzer Kreisblatt 29.5.1962; Mühldorfer Anzeiger 29.5.1962. Der Abend, Berlin 21.3.1966; Der Kurier, Berlin 27.3.1966; Der Tagesspiegel, Berlin 24.4.1966

Literatur

W. Bartoszewski: Der Todesring um Warschau 1939–1944, o. O. 1969
J. Bohmbach: 575 Jahre St. Pankratii-Brüderschaft 1414–1989, Stade 1989
Braunbuch. Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik, Hg. Nationalrat d. Nationalen Front d. DDR, Berlin (Ost) 1965
H. V. Dicks: Licensed Mass Murder. A Socio-psychological study of some SS killers, Edinburgh 1972
H.-J. Döscher: Der Fall »Behrens« in Stade. Eine Dokumentation zum Verhältnis Kirche – Partei – Staat im Dritten Reich, Stader Jahrbuch 1972
J. Friedrich: Die kalte Amnestie. NS-Täter in der Bundesrepublik, München 1994
W. Frischauer: Himmler. The Evil Genius of The Third Reich, London 1953
D. J. Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996
H. Heer/K. Naumann (Hg.): Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944, Hamburg 1995
R. Henkys: Die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen. Geschichte und Gericht, Stuttgart-Berlin 1964
H.-J. Hermel: Nach Hannover in den Tod. Auf den Spuren 154 ermordeter Zwangsarbeiter, TV-Dokumentation, Norddeutscher Rundfunk 1991
H. Höhne: Der Orden unter dem Totenkopf. Die Geschichte der SS, München 1984
F. Homeyer: Beitrag zur Geschichte der Gartenbauschule Ahlem 1893–1979, Hannover 1980; 100 Jahre Israelitische Erziehungsanstalt – Israelitische Gartenbauschule 1893–1993, Hannover 1993
H. Jäger: Verbrechen unter totalitärer Herrschaft. Studien zur nationalsozialistischen Gewaltkriminalität, Freiburg/Br. 1967
E. Klee/W. Dreßen/V. Riess (Hg.): »Schöne Zeiten«. Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer, 3. Aufl. Frankfurt/M. 1988
P. Klein (Hg.): Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42. Die Tätigkeits- und Lageberichte des Chefs des Sicherheitspolizei und des SD, Berlin 1997
S. R. Koch: Die langfristige Kirchenpolitik Hitlers beleuchtet am »Fall Behrens« in Stade, Jahrbuch d. Gesellschaft f. nds. Kirchengeschichte 85/1987
H. Krausnick/H.-H. Wilhelm: Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1938–1942, Stuttgart 1981
H. Lohmann: »Hier war doch alles nicht so schlimm«. Der Landkreis Stade in der Zeit des Nationalsozialismus, Stade 1991
P. Longerich: Politik der Vernichtung, Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen Judenverfolgung, München/Zürich 1998
H. Margolis/J. G. Tobias (Hg.): Die geheimen Notizen des K. Sakowicz. Dokumente zur Judenvernichtung in Ponary, Nürnberg 2003
A. S. Markovits: Störfall im Endlager der Geschichte, in: J. H. Schoeps (Hg.), Ein Volk von Mördern?, 3. Aufl. Hamburg 1996
H. Obenaus: Die Erschießungen auf dem Seelhorster Friedhof in Hannover April 1945, Hannoversche Geschichtsblätter NF 35/3–4, 1982; »Sei stille, sonst kommst du nach Ahlem!«, HG NF 41, 1987; Das Standesamt Ahlem und der Massenmord der Gestapo im dortigen Polizeiersatzgefängnis, HG NF 42, 1988
R. Ogorreck: Die Einsatzgruppen und die »Genesis der Endlösung«, Berlin 1996
G. Paul (Hg.): Die Täter der Shoah. Fanatische Nationalsozialisten oder ganz normale Deutsche?, Göttingen 2002
R. Rhodes: Die deutschen Mörder. Die SS-Einsatzgruppen und der Holocaust, Bergisch Gladbach 2004
M. Rolnikaite: Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941–1945, Berlin 2002
T. Segev: Die Soldaten des Bösen. Zur Geschichte der KZ-Kommandanten, Reinbek 1992
H.-D. Schmid: Die Geheime Staatspolizei in der Endphase des Krieges, Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 51/9, Offenburg 2000
M. Wildt (Hg.): Nachrichtendienst, politische Elite und Mordeinheit. Der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS, Hamburg 2003
B. Wirtgen/J. Bohmbach: Die Stader Straßen, Plätze und Bastionen, 3. Aufl. Stade 1980

••• Weiteres zur Causa 92901 auf diesem Blog:

Über die Biografie des Ek-9-Kommandeurs Filbert von Alex J. Kay: Werdegang eines SS-Mörders

Ein ehrenwerter SS-Mann

Braune Heimatkunde

Zog Sux und das Rowdytum

••• Artikel von mir zur Causa 92901:

Neues Deutschland

jungle world

Die Gazette

Ossietzky

Advertisements