Wie immer drückt sich die politische Klasse um eine Haltung zur Ostmarkstraße, um die Wählerschaft nicht zu verprellen, die darüber wie die AfD denkt

In Stade ist man auf den Stillstand stolz. So eilig die Eingeborenen im Raum rasen und nie schnell genug an ein Ziel kommen können, so behäbig sind sie im Geist und bewegen sich nach Möglichkeit nicht nur nicht, sondern halten dies für eine Tugend. Das Beharren auf ihrer Starre zeigt sich daran, wie sie auf Anstöße reagieren: indem sie umso hartnäckiger auf der Stelle treten.

Irgendwann in der zweiten Hälfte der 1990er hörte ich erstmals von der Ostmarkstraße; eine überregionale Zeitung vermerkte, dass die 1938 zur Feier des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich umbenannte Straße seither nicht wieder neu gewidmet worden war. Wie in zahllosen Orten zahllose Straßennamen, die an die NS-Geschichte erinnerten, ausgelöscht wurden. Viel geholfen hat es bekanntlich nicht.

Bemerkenswert ist an der Stader Ostmarkstraße nur die anhaltende Weigerung der Zuständigen, irgendeine Haltung zu beziehen. Man kann die Straßen umbenennen oder die Schilder mit Hinweisen auf die Historie versehen, oder man kann beides lassen. Sollte man nicht immerhin sagen, warum man diese oder jene Variante für angemessen hält?

Ich habe nicht mitgezählt, um den wievielten Anstoß in 20 Jahren es sich aktuell handelt und zum wievielten Male der Ausschuss für Kultur, Tourismus und Freizeit im Rathaus sich mit der Umbenennung der Ostmarkstraße befasst. Zuletzt war das offenbar im Anfang 2014 der Fall.

Wie heute hatte der pensionierte Augenarzt Dr. Peter Meves (der Stadt und Kreis unter anderem die Aufstellung von zwei Stelen zum Gedenken an NS-Opfer am Rande des Platzes Am Sande abgetrotzt hat, welche jene Herrschaften seither als ihre Idee reklamieren), auf eine Revision der »schändlichen Namensgebung« der Ostmarkstraße gedrängt.

Und heute wie ehedem und stets eiert der Rat herum (→ Gezerre um Gedenken / → Gedenken statt Erinnerung). Statt Stellung zu beziehen, sollen nun die Hausbesitzer befragt werden. »Bürgermeisterin Silvia Nieber«, meldet die Kreiszeitung, »will in dieser Sache nicht über die Köpfe der Anwohner hinweg entscheiden.« Die Dame war 2014 bereits im Amt. Warum ist sie damals nicht auf diesen Gedanken gekommen? Sie saß ihre Haltungslosigkeit aus und kam damit durch. Bis heute.´

Vor fünf Jahren hatte ihre Partei, die SPD, sich Meves‘ Kritik zueigen gemacht. Ergebnis? Siehe oben. Übrigens regte die SPD namens ihres Großmoguls Kai Holm damals eine »Initiative gegen Verdrängungsmechanismen« an. Was daraus geworden ist? Verdrängt.

Was die Einwohner sagen werden, muss ich nicht abfragen. Sie werden sich dem Vertreter der Erlebnisgeneration in der Alternative für Deutschland, Alexander Gauland, anschließen und »Vogelschiss« sagen. Haltungslosigkeit, wohin man blickt. Und das, nicht der Name irgendeiner Straße, ist das Problem im Hanselstädtchen.

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