Wenn schon, dann richtig: Zur Debatte um die Ostmarkstraße in Stade gehört die Widmung an Diedrich Speckmann

In den letzten Monaten bin ich täglich in Blickweite der Straße vorbeigekommen oder habe sie betreten, ohne den Namen auch nur zu registrieren. Erst die erneute, in der in Stade üblichen verlogenen Manier geführten Debatte um die Ostmarkstraße (→ Vogelschiss in Stade), hat mich stutzen lassen. Eine Leiche mehr im Keller der Kultur, die seziert gehört.

Diedrich Speckmann (Hermannsburg 1872 – 1938 Fischerhude) studierte Theologie, arbeitete als Hauslehrer und Erzieher unter anderem am »Rauhen Haus« in Hamburg. Bis 1908 war er Pfarrer in Grasberg bei Bremen. Dann ließ er sich beurlauben und zog nach Fischerhude. Von 1915 bis 1918 nahm er am Ersten Weltkrieg Teil. Mit seinen Romanen erwarb er sich den Ruf eines »Heidedichters«.

Im Oktober 1933 gehörte Speckmann zu den 88 [!] Schriftstellern, die dem neuen Reichskanzler Adolf Hitler als Führer »treueste Gefolgschaft« gelobten. Bis auf wenige wie Gottfried Benn, Oskar Loerke, Otto Flake oder Arnolt Bronnen handelt es sich um vollkommen vergessene und lange ungelesene Autoren wie Speckmann.

Gelöbnis Oktober 1933

Das Gelöbnis steht in einer Reihe mit anderen Maßnahmen der nationalsozialistischen Regierung, mit dem Staat auch die kulturelle Verfassung des Landes umzuwälzen, wie die Bücherverbrennungen. Ebenfalls im Oktober 1933 wurde das Schriftleitergesetz erlassen, mit dem die Gleichschaltung der Presse begann.

Abgesehen davon, dass zwei von Speckmanns Büchern in der Sowjetischen Besatzungszone auf den Index gesetzt wurden, beeilte man sich in seiner Heimat, den Gefolgsmann des Führers reinzuwaschen. Bereits 1945 wurden in Bremen-Vegesack, in Lilienthal und Grasberg Straßen nach ihm benannt. Wann er in Fischerhude, Stade, Müden, Hermannsburg und Celle auf diese Art geehrt wurde, weiß ich nicht. Die Würdigung des heute vergessenen Heimatdichters dürfte zu der Zeit stattgefunden haben, als die verschiedenen deutschen Heimaten sich in Konkurrenz befanden. Wovon bis heute eben so gern geschwiegen wird wie über die NS-Zeit.

Zumal Stade wurde als zweite Verteilerstation nach Lübeck bei Kriegsende von Flüchtlingen aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien überschwemmt, die sich in der BRD Heimatvertriebene nannten und deren Partei der CDU Konrad Adenauers die Macht sicherte. Die Vertriebenenverbände lehnten sich an die CSU und noch weiter rechts an, bis zur Kooperation mit Neonazis, auch in Stade. Zur Integration in der neuen Heimat trugen die alten Verbindungen ebenso bei wie die gemeinsame Hitler-Verehrung.

Unter den Orten, in denen Speckmann geehrt wurde, fällt Stade auf, weil keine biografische Verbindung des Autors zu der Stadt bekannt ist. Es ist überfällig, solche braunen Traditionslinien aufzuklären. Und wenn man damit anfängt: wie war das mit Hans Wohltmann und all den anderen, die ihr Auskommen mit den Nationalsozialisten fanden und nach 1945 weiter machten, als seien sie frei von dem Blut, das andere an den Händen hatten, mit denen sie gleichwohl vorher wie nachher in bestem Einvernehmen standen? (→ Braune Heimatkunde)

Diedrich-Speckmann-Weg Stade (Foto: urian)
Blick in die Sackgasse des Speckmann-Wegs

Apropos Fischerhude, wo Speckmann sein Leben beschloss: dieser Tage erschien in der → taz ein Interview mit Hannes Heer, in dem er über seine Erfahrungen in der Ortschaft zu der Zeit berichtet, als in Deutschland die Neonazi-Welle anbrandte, die bis heute anhält.