Das Nachleben des Nationalsozialismus an der Unterelbe

Spaziergang mit einem Verfemten / Wikinger und Wiking-Jugend im warmen braunen Nest

Heimatbande — 1954

Zum letzten Mal betritt Niels Hoyer Heimaterde und streift durch die Innere Stadt. Alles ist unverändert, als wäre die Zeit wie Regen an den Fassaden herabgeronnen. Gebäude kamen und gingen, aber die Züge der Gassen blieben. Das Gesicht der Stadt scheint alterslos.

Heimat ist Hoyers Lebensthema. Ein deutsches Mysterium wie Gemütlichkeit, Schadenfreude, Rausch, Sehnsucht – ein deutsches Martyrium. Heimat als Utopie, als verlorene Geliebte, als gefundenes Land, als eins im anderen: drei Mal ist Hoyer verheiratet, mit einer Einheimischen in Norwegen, Dänemark und Schweden. Haltbarste Zuflucht ist die Sprache, er schreibt sieben und übersetzt 70 Bücher.

Unbehaustsein ist das Thema seines Bestsellers mit einer US-Auflage von einer Million: Man into woman dokumentiert eine Geschlechtsumwandlung. Als Lili Elbe 1931 erscheint, hat Hoyer seine erste Irrfahrt beendet.

Er hatte sich zum Dichter berufen gefühlt. Seine Heimsuchung begann, als er seiner Wirtin in Weimar das Essensgeld schuldig war und floh. Gestrandet in Frankfurt am Main schoss er sich eine Kugel in die Brust; das Blei blieb im Rücken stecken. Ein Arm gelähmt, Morphium sein Gefährte. »Die Kugel im Rücken drückte. Die Brust pfiff. Der Wundkanal brannte bei jedem Atemzug.«

Hunger trieb dem Streuner das Schreiben aus. Er nahm in München ein Zimmer auf Kredit und wusste, dass er nicht zahlen konnte. Im Betrugsprozess sagte ein Onkel gegen den »Lumpenhund« aus: Bildet sich ein, Schriftsteller zu sein; keiner in der Familie hat künstlerische Neigungen, alles ordentliche Menschen. Der Onkel bedrängte ihn, der Juristen-Karriere der Brüder zuliebe ins Ausland zu gehen.

Nächste Station Wien. »Die Lunge pfiff. Die Kugel drückte.« Männerwohnheim, Betteln auf dem Ring; ob er es nicht bei »bei den Liebhabern von jungen Männern« im Prater versuchen sollte? Als Irrläufer wie er war in der Stadt der Mann unterwegs, der sein und das Schicksal Europas wurde.

Adolf Hitler hauste im Dritten Bezirk, wo in Metternichs Begriff »der Balkan« begann, wo die Juden wohnten. Der Berber schürte seinen Hass mit den Ostara-Heften des entlaufenen Zisterziensernovizen Adolf Josef Lanz, genannt Lanz von Liebenfels, und schrieb sie in Mein Kampf nach: »Arier« im ewigen Rassenkampf gegen »Sodomschratten«. In jenem Jahr 1907 hisste Lanz auf der Burg seines Orden des Neuen Tempels eine Hakenkreuzfahne.

Ernst Harthern (Zeichnung: urian)

Niels Hoyer war sieben Jahre auf der Rolle. »Ich fand mich aus dem Labyrinth nicht mehr heraus. Ich spielte mit dem Revolver. Ich weinte. Ich hatte Heimweh.« Die Stationen verwischten. Berlin, Solingen, Halberstadt, Brüssel, Paris.

»Wieder Morphium. Die Kugel im Rücken.« Als sein Zug auf dem Abstellgleis stand, im Hamburger Hafenkrankenhaus, sehnte er sich nach der Stätte seiner Kindheit, »die keiner so liebt, wie ich, die keinem so gehört, wie mir, in der keiner so tief wurzelt wie ich«. Sie war nah, die »kleine Stadt vor der Elbe«, am anderen Ufer.

Hoyer kam davon. Inzwischen Lektor für skandinavische Literatur und Familienvater zeichnete er seinen Notschrei auf. Der Titel stammt von Thomas Mann, der die Veröffentlichung vermittelte. Hoyer lüftete darin das nordische Pseudonym, hinter dem er sich als Vorbestrafter versteckte und mit dem er noch als alter Mann seine Briefe unterschrieb.

Geboren wurde er als Ernst-Ludwig Harthern-Jacobson; als Ernst Harthern kehrte er mit Frau, Sohn und Tochter 1919 heim an die Unterelbe. Bis 1924 hielt er aus, dann ließ er das geliebte »Holpergassengewirr« endgültig hinter sich, unerwünscht als Schriftsteller wie als Jude, schon bevor seine Abstammung lebensgefährlich wurde.

Das »Aufschlussreichste meiner Herkunft« nannte er die Episode mit dem Korkenschneider, der in einem Kinderwagen Verpflegung für die Arbeiter zur Glashütte fuhr, den er als Knabe begleitete: »da hörte ich zum allerersten Mal: ›Du verfluchter Judenbengel‹«. Eine Jugendfreundin entsann sich eines Ausflugs: »Und wie wir wieder zurück kamen, da war so eine Horde und schrie hinter uns her. ›Juden raus‹ hieß es da, das war ja der berühmte Ruf. Da hat er sich furchtbar aufgeregt und wollte hinterher.«

Der Außenseiter Harthern arrivierte als Kopenhagener Korrespondent eines Pressekonzerns, der 200 Zeitungen mit seinen Nachrichten und Feuilletons belieferte. Harthern machte sich aus der Ferne lange viel vor. Noch im März 1933 erläuterte er einem dänischen Kollegen »Hitlers historische Aufgabe, die großen Massen dem Kommunismus fernzuhalten«. Dem anderen und sich versicherte er: »Dass ich aus einer jüdischen Familie stamme, die schon seit 400 Jahren Deutsche Familie ist, ist meine Privatangelegenheit.«

Dem Reichsverband der deutschen Presse erwiderte er auf sein Berufsverbot: »Muss ich auch aufhören, deutscher Journalist im Sinne der neuen Gesetzgebung zu sein, so höre ich doch nicht auf, Deutscher zu sein.« Er war soeben zurück von einer Reportagereise auf Auswandererschiffen ins Gelobte Land und fragte sich: »Habe ich denn eine andere Heimat als Deutschland mit den vielen Gräbern meiner Ahnen?«

Sein Urgroßvater predigte als erster jüdischer Geistlicher auf Deutsch und wurde »wegen seines Deutschtums« Ehrendoktor. Auf ihn berief sich der Nachfahre: »Wenn man von mir etwas Gutes sagen will, dann soll man nur sagen, dass ich ein treuer Deutscher gewesen bin.«

In Palästina sah Harthern kein Zuhause. Mit Zionismus konnte der Melancholiker nichts anfangen. »Ich habe zu viel mit einem anderen Lande zu tun gehabt, mit dem Lande, für das ich so etwas wie ein Menschenleben voll Arbeit und Liebe hergeben habe, von dem, mag es mit mir tun, was es will, nie und nimmer mit dem Herzen loskommen kann.«

 

 

Seine Unrast war älter als das Exil. Er war ein ewig Landflüchtiger und ungebetener Gast als Gaukler und Dichter. Die Verletzungen, die er in Notschrei nachzeichnete, galten dem als »Lumpenhund« aus der Art Geschlagenen mehr als dem Juden.

Bevor die Deutschen in Dänemark einmarschierten, setzte er sich nach Sigtuna in Südschweden ab, wo er bis zu seinem Tod 1969 sesshaft wurde. Ein Betrug war noch zu gestehen. Mit Wissen des Verlages hatte er Haldor Laxness nicht aus dem Isländischen übersetzt, sondern die norwegische Fassung verdeutscht. Kein Verrat an der Sprache, aber an den Lesern.

Nach 30 Jahren ist an der Heimstatt alles unverändert; nur die Reklame in der Straße der Händler hat gewechselt. Alles wie damals, als die ersten Hakenkreuzfahnen aus den Fenstern hingen. Alles gleich geblieben – bis auf die Juden.

Es waren immer wenige. Die ersten, die das Bürgerrecht erwarben, konvertierten zugleich zum Christentum und blieben »getaufte Juden«. Zur Deportationszeit waren es elf oder 13 der 15 000 Einwohner. Einige hatten sich nach Hamburg abgesetzt, wo sie auch nicht sicher waren. Alleinstehende alte Leute harrten aus, bis die Gestapo vor der Tür stand.

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Jüdischer Friedhof Stade im März 2018

In aller Wiederkehr des Immergleichen ist die Stelle, die der 70-jährige Hoyer auf seiner sentimentalen Reise zuerst ansteuert, verändert: der Jüdische Friedhof ist eine Leerstelle. Die paar Steine waren zerschlagen und zu Mörtel vermahlen worden; Trümmerstücke mit Resten von Zeichen gingen ein in die Umfassungsmauer eines Spazierwegs.

Harthern erfährt den Verbleib des Steins seiner Mutter: »Ich will Dir nicht sagen, wo«, schrieb er in einem Brief über den Besuch in der Heimat. Zwei Steine haben überdauert. Einer gedenkt des Onkels, der den »Lumpenhund« ins Ausland abschob. Sie waren noch nicht wieder aufgestellt, als der Neffe seine Stippvisite machte. Vielleicht ließen Spaziergänger damals ihre Hunde im Gebüsch auslaufen. Jedenfalls taten sie es, nachdem die Grabsteine zurück waren.

Gegen die aus religiösen Gründen geziemende Einzäunung des Areals machte der Magistrat bis über die Jahrtausendwende Einwände geltend. Das Ringen um drei Stelen, stellvertretend für die zertrümmerten Steine, füllte Aktenordner mit Schriftwechseln, von denen niemand erfahren sollte. Diese Erinnerung sollte sich auf eingeweihte Kreise beschränken.

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Der erste Hinweis auf nationalsozialistische Geschichte im Straßenbild war 1996 eine versteckt angebrachte Tafel am Geburtshaus des Literaten, an dem die Fremdenführerinnen nie Halt machen. Harthern wurde mittelbar Opfer der Shoah, von Auschwitz muss nichts da stehen. Die Namen der in Konzentrationslagern Ermordeten wurden nach erbittertem Streit 2001 verzeichnet.

Bei der Einweihung der Erinnerungstafel kündigte der Magistrat ein Buch mit Hartherns Werken an. Das war 1998 erarbeitet, bis zum Druck verging noch ein Jahrzehnt. Es war nie in einer Buchhandlung erhältlich; beim Herausgeber, im Stadtarchiv, standen die Kartons seit der Anlieferung in einem Winkel. Auf den 400 Seiten fehlt der Brief vom August 1959 mit Hartherns Erinnerungen an seine letzten leibhaftigen Eindrücke von der Heimat.

In dem Jahr berichtete die internationale Presse über eine Serie von Schändungen jüdischer Friedhöfe und Synagogen, und eine Nachfolgerin der NSDAP, die Deutsche Reichspartei, zog mit neun Prozent der Wählerstimmen in den rheinland-pfälzischen Landtag ein. Harthern schrieb: »Nach Stade habe ich eigentlich wenig Sehnsucht. In der Gegend soll es noch eine Anzahl ›Unverbesserlicher‹ geben.«

Foto: urian
Mitbrüderschaft — 1962–66

Geraunt wurde von dem, worüber zu schweigen man verschworen war. Wohl hörte Harthern bei seiner vorübergehenden Heimkehr vom Schriftleiter des Lokalanzeigers, in dessen Beilage mit historischen Geschichten Der Heimatfreund er veröffentlicht hatte. Das Blatt war auf Parteilinie, bevor Hannover und die Braunschweig-Lüneburgischen Lande als erste Regionen vor 1933 von Nationalsozialisten regiert wurden. München war die »Hauptstadt der Bewegung«, ihre breiteste Basis aber hatte die NSDAP in Norddeutschland.

Der Schriftleiter bis 1945, ein »Wegbereiter dieses verbrecherischen Systems«, wie ihn ein Verfolgter nannte, gab seiner Redaktion unverändert die Richtung vor. An Männer von Rang wie ihn dachte Harthern als »Unverbesserliche«: Geschäftsleute, die von der Arisierung profitierten; der SS-Mann, der unbefragt zu dem, was er »im Krieg« gemacht hatte, als mustergültiger Bürger umging.

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Ehemalige Dienststelle der Gestapo in Stade im März 2018

»Ich konnte da nicht mehr einkaufen«, sagt eine Dame ein halbes Jahrhundert später noch unter dem Siegel der Verschwiegenheit, als gerade wieder einmal nicht von der Vergangenheit geredet werden sollte. Sie betrat den Feinkostladen neben dem Rathaus nicht mehr, nachdem sie wusste, was die Hände getan hatten, die ihr den Aufschnitt reichten.

Sie hörte davon etwa zu der Zeit, als Harthern »wenig Sehnsucht« nach der Heimat verspürte. Zwei Kriminalmeister waren aus Berlin zu einer Vernehmung in der »kleinen Stadt vor der Elbe« gewesen, und das hatte sich herumgesprochen. Die Dame stellte sich Gustav Wolters statt im weißen Kittel mit Salatschale in Uniform mit Karabiner vor.

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Männer von Rang, die wussten, was die Hände angerichtet hatten, waren bemüht, zu vergessen, möglichst nichts zu erinnern, gar zu verinnerlichen, und wollten auch bei anderen keine Vorstellungen aufkommen lassen. Der Chef des Lokalanzeigers stand Wolters bei, als dessen Ansehen befleckt werden sollte.

Sie waren seit 1956 Mitbrüder. Alljährlich trafen sie sich auf einem Bankett in Frack und Zylinder und beschossen sich mit Papierkugeln; ertappte ein Getroffener den Werfer, musste dieser Strafgeld zahlen, das an Arme verteilt wurde. Die Brüderschaft St. Pankratii bestand seit 1414. Früher bewarfen sich die Herren mit Resten vom Festmahl. Das ließ man bleiben, erläuterte ein Bruder, denn »mit den Knochen hat man sich doch zu sehr die gute Kleidung bekleckert«.

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Man hörte, las aber in seiner Heimat nichts davon, dass der frühere SS-Scharführer Wolters 1962 als »heute wohlbestallter Kaufmann« vor dem Landgericht in Berlin gegen die Kommandeure des Einsatzkommando 9 der Einsatzgruppe B des Sicherheitsdienstes im Reichssicherheitshauptamt zeugte.

Der Anklagevertreter schrieb mit, als die Stütze der Stader Gesellschaft über die Teilnahme an drei Massakern in Witebsk aussagte: »100 bis 150 Opfer seien aus dem Keller auf LKWs verladen, darunter Männer und Frauen, jedoch keine Kinder. Sie seien weggefahren und dann zu einer Mulde geführt worden. Die zum Absperr- und Schießkommando eingeteilten Leute hätten sich abgewechselt. Litauische Hilfspolizisten wären auch dabei gewesen. Die Augen der Opfer seien nicht verbunden worden. Sie hätten auch ihre Kleidung anbehalten. Nur zuerst sei Feuerbefehl gegeben worden, nachher nicht mehr. Die jüdischen Frauen und Männer hätten aufrecht gestanden, je 1 Schütze habe auf 1 Opfer gezielt. Auch er habe auf den Körper gezielt. Fangschüsse habe er nicht gegeben. Er habe 5 bis 10 Menschen erschossen.«

Säuglinge wurden an den Beinen gepackt und an Türpfosten erschlagen. Spritzte den Mördern das Blut ins Gesicht, prahlten sie bei ihrer Sonderration Alkohol: »Judenhirn, das schmeckt gut.« Sie ließen sich mit den Leichenbergen ablichten wie Jäger mit ihrer Strecke von Wild und klebten die Bilder in Alben.

»Partisanen« nannten sie die Opfer in ihren Todeslisten. »Ich habe von keinem Fall der Befehlsverweigerung gehört«, erklärte ein Ex-Kommandeur als Angeklagter. Ein früherer Unterführer wandte sich an den Richter: »Was meinen Sie wohl, was wir für üble Leute im Einsatzkommando hatten«.

Mordgier aus der Mitte der Gesellschaft verschwand wie ein Spuk, sobald ihr der staatliche Schutz entzogen war. Gewalt entlud und verlief sich, scheinbar ohne Spuren. Über die Zeugen des Tages, als Gustav Wolters an der Reihe war, regte sich ein Zeitungsreporter auf: »Unberührt kehrten diese subalternen Henker später in ihr Urmilieu beflissener Dienstleistung zurück. Exzesse waren und sind ihrem Wesen fremd. Nahtlos fanden diese Beamten, die Tausenden gehorsam den Tod gereicht hatten, den Anschluss an ihre harmlosen Kollegen, die nur Sparkonten durch Schalter reichen.«

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»Da lag der goldene Daumen drauf«, sagte mir ein Polizist und meinte »höchstes Wohlwollen«, als er schilderte, wie Wolters im Dezember 1964 wegen »mehrfacher Beihilfe zum Mord« vorläufig festgenommen wurde. Seit dem Geständnis im Gerichtssaal hatten vorgesetzte Dienststellen den zuständigen Staatsanwalt, der eine eigene braune Vergangenheit hatte, mehrfach angemahnt, Ermittlungen aufzunehmen, bis er sich dazu bequemte. Die Polizei kam zur Geschäftszeit und führte den 56-jährigen Feinkosthändler vor zahlreichen Schaulustigen ab. Nach sechs Tagen verschonte die Justiz ihn von der Haft; das Weihnachtsgeschäft stand an.

Die Gerüchteküche brodelte, und der Lokalanzeiger sah sich Wochen später genötigt, auf den Deckel zu drücken. Er erfand eine »Verhaftungswelle« und widerlegte diese umständlich. Die eine Festnahme »erfolgte nicht unter dramatischen Umständen – weder in der Dunkelheit der Nacht noch mit Handschellen«.

Es geschah am helllichten Tag und sollte mysteriös bleiben. »Einstweilen – das sei noch einmal betont – ist aber nur ein neues Verfahren, dessen ungewisses Ergebnis auch erst einmal abgewartet werden sollte, angelaufen.« Zum Tatvorwurf keine Zeile; über Judenmord wurde nicht geredet.

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Wie 100 000 vergleichbare Verfahren wurde dieses 1966 eingestellt, mit einer juristisch unhaltbaren Begründung, von der niemand außer dem Beschuldigten und seinem Anwalt erfahren musste. Gustav Wolters wurde noch einmal in Berlin als Zeuge in einem Prozess gegen seine früheren Chefs gebraucht. Die Verhandlung drohte an einer Aussageverschwörung zu scheitern. Die war nicht schwer zu bewerkstelligen: wenigstens ein Viertel der ehemaligen Angehörigen des Einsatzkommando stand im Polizeidienst; ein Kriminalrat streckte zur Vereidigung aus alter Gewohnheit den rechten Arm.

Gustav Wolters EK 9 (Zeichnung: urian)

Gustav Wolters Ahlem (Zeichnung: urian)

Gustav Wolters Ehrung (Zeichnung: urian)

In den Parlamenten der Bundesrepublik fanden die heimischen NS-Prozesse ein widersprüchliches Echo. 1965 verlängerte der Bundestag die Verjährungsfrist für NS-Verbrechen um vier Jahre und erkannte an, dass sie »gegen die Menschheit« gerichtet waren, wie es bereits 1946 das Nürnberger Militärtribunal befunden hatte. 1966 errang in Hessen die Partei ihr erstes Landtagsmandat, die bis heute für Verkleinerung, Verharmlosung und Verleugnung der Gräuel einsteht. Wie verstohlen und verschlüsselt auch immer war der Anschluss der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands NPD an den Nationalsozialismus stets für 15-Jährige unmissverständlich.

(Mehr zur Causa Wolters hier: → Zog Sux und → Ein ehrenwerter SS-Mann sowie → Werdegang eines SS-Mörders)

 

 

Die Ahnenreihe der »Unverbesserlichen« ist eine ununterbrochene Kette von persönlichen Verbindungen. Eine Stafette, weiter gereicht von den Händen der Täter, Beihelfer und Mitläufer an Söhne, Enkel und Urenkel. Und noch ist die ursprüngliche Kette intakt. In lebendigen Händen verschränken sich Geschichte und Gegenwart. Und sie halten, damals wie heute, ein Gewehr.

Während Politik und Medien auf den ersten Jahrestag der Entdeckung des Nationalsozialistischen Untergrunds aus Zwickau und seiner Serie von wenigstens zehn Morden starren, wird in Niederdeutschland Vergessenes aufgerührt und verkörpert sich in dem 87-jährigen Jäger und ehemaligen Förster Alfred L.

Walkmühle — 1. Dezember 2012

Auf dem platten Land ist wie auf dem Meer der Horizont stets in Sicht. Eine Aussicht wie vom Mühlenberg ist selten. Berg ist zu viel gesagt, 40 Meter über Normalnull, der Abhang einer Senke. Man überschaut das Tal des Flusses Aue und die Ortschaft Harsefeld.

Eine Gemeinde unter anderen im »Elbe-Weser-Dreieck« oder »Nassen Dreieck«, dem Lebensraum von rund 600 000 Menschen. Die Bevölkerung einer Großstadt, verstreut über das flache Land aus Marsch, Geest und Moor im Einzugsgebiet von Hamburg und Bremen. Die Ortschaften sind Inseln in der windigen Weite, »Straßendörfer«, zwischen denen Automobile hin und her rasen.

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Grausiges hat eine Schar Schwarzgekleideter auf den Mühlenberg geführt, und es war einmal die weithin finsterste Aussicht. Hier oben stand ein Findling, der Rabenstein. Der letzte Blick der Hinzurichteten, bevor eine schwarze Binde ihre Augen verdeckte, ging hinab zum Tal des Flusses, der sie von der Gemeinde trennte wie der Styx vom Totenreich.

1842 wurde zum letzten Mal öffentlich ein Kopf abgeschlagen, begleitet von einem Festzug der Einwohnerschaft samt singender Schuljugend. »Als die Zuschauer wieder auseinander gingen, war der ganze Weg von dem Richtplatz bis zum Markte schwarz von Menschen«, schrieb ein Teilnehmer. »Es war nicht anders, als wenn sie zur Hochzeit wollten und hin gewesen waren, mit Jubeln gingen sie nach Harsefeld hin.« Seither hat kein Umzug mehr den Mühlenberg erklommen. Nun geht es wieder um Verbrechen, um Hinrichtungen, ist aber kein Volksfest.

Der Schützenverein marschiert alle Jahre durch den Marktflecken – doch gab es je einen politischen Aufmarsch unter demokratischen Bedingungen? Polizisten und Reporter, die an diesem bitterkalten Wintertag auf dem Randstreifen der Kreisstraße herum stehen, zucken die Achseln: seit Menschengedenken nicht. Kundgebungen gab es wohl, Auftritte in der Festhalle und Wahlkampfstände, aber keinen Zug um die Häuser bis hinauf auf den Hügel.

Die Demonstranten braucht man nicht fragen, sie sind sämtlich nicht von hier. Die Mahnung muss aus der Fremde kommen. Vor Ort wird anders gedacht und geredet über die alten Geschichten als von den jungen Leuten aus Bremen, Hamburg, Kiel und Lüneburg.

 

 

Das unzerbrochene Band der Kameradschaft ist eine Telefonkette. In der Heimat hörte man von ihr über einen Umweg. Italienische Ermittler hatten sich eingeklinkt und Gespräche mitgeschnitten. Der Jäger von der Harsefelder Geest soll darüber geplaudert haben, »dass wir auch Kinder und Frauen erschossen haben und dass wir keinen Unterschied machten und alle niedergemäht haben«. Ebenfalls am Telefon beteuerte L. gegenüber Journalisten im November 2012: »ich bin unschuldig« und »hatte nie ein schlechtes Gewissen«.

Er ist das Opfer: »Ich werde als unbescholtener Mann mit Dreck beschmissen.« Er war fußkrank und nahm nicht Teil an den Massenerschießungen, Brandschatzungen, Menschenjagden, Vergewaltigungen, Plünderungen. Er hat keine Säuglinge wie beim Tontaubenschießen in die Luft geworfen und abgeknallt; er war nicht dabei, als das Dorf Monchio dem Erdboden gleichgemacht wurde. Damit hat es sich: »Meine Geschichte interessiert niemanden.«

In Verona interessierte sich ein Militärgericht. Es soll einen »Schrank der Schande« gegeben haben mit 700 von den Alliierten angelegten Akten zu deutschen Kriegsverbrechen. Er stand mit den Türen zur Wand, bis ein römischer Staatsanwalt ihn 1994 umdrehte und öffnete. In Abwesenheit der Angeklagten wurden an über 50 Verhandlungstagen bis Juli 2011 die von der Fallschirm-Panzer-Division Hermann Göring verübten Massaker untersucht. Die Wehrmachtseinheit tötete geschätzte 1500 Zivilisten. Stehende Begründung: »Sühne für Partisanenüberfälle«.

Für die Mitwirkung an der Erschießung von mindestens 390 Menschen im Frühjahr 1944, darunter drei- bis zehnjährige Kinder, wurden sieben Greise zu lebenslanger Haft und Entschädigungszahlungen verurteilt. Zum Beweismaterial zählten deutsche Akten, die in der Heimat nicht für eine Anklage ausgereicht haben sollten.

Das Veroneser Urteil wurde im Oktober 2012 von einem Gericht in Rom bestätigt. Alfred L. musste sich nicht sorgen. Ein Sprecher des Landesjustizministers sprang ihm bei und bezeichnete das Urteil als »nicht rechtmäßig«. Der Minister selbst hielt das Strafrecht als Mittel der »Vergangenheitsbewältigung« für ungeeignet. Ohne die Prozesse im befreundeten Nachbarland hätte die Geschichte nie auf der Agenda gestanden und wäre mit dem Uralten begraben worden.

 

 

Sobald die Verbrechen bekannt wurden, sorgte man sich in seiner Heimat ausschließlich um die Abwehr des von außerhalb eingeschleppten Protestes, der sich auf dem Mühlenberg vor der Zufahrt zum Haus des Jägers artikuliert. Alfred L. sei nicht daheim, heißt es. Er mag sich selbst oder andere ihm Schrecken ausgemalt haben, einen Sturm, eine Invasion, was er kennt und selbst getan hat. Alle raus, abzählen, in einer Reihe an der Mauer aufstellen, anlegen, feuern, fertig.

L. hat zehn genehmigte Waffen im Schrank. Die Staatsschutz-Abteilung der Polizei hat ein Auge darauf geworfen. »Es gibt zu viele Waffen«, sagt der zuständige Beamte, sagen alle Polizisten, können es nicht oft genug wiederholen und lassen sich damit anstandslos zitieren.

Die Lokalität ist beziehungsreicher, als die Fremden ahnen und Einheimische wissen oder wahrhaben wollen, ein Knotenpunkt von Fäden aus der Zeitgeschichte bis in die Gegenwart. Harsefeld ist ein »warmes braunes Nest«. In einem Hotel, das der Protestzug passiert, wurde am 2. April 1965 die niederdeutsche Sektion der NPD gegründet.

Die Partei hatte in den Gemeindeparlamenten über kurz oder lang immer einen Sitz, hat hier ihr Stammlokal und ihre Wahlhochburg mit zuletzt 15 Prozent und unterhält einen der bundesweit ältesten Treffpunkte der Braunen Banden, wo seit 1990 für Ost-Einsätze geschult wurde. Die alten Jägergeschichten waren ein offenes Geheimnis. Lebenslügen eines Schwarzen Schergen wurden als Schullektüre geeignet gefunden: »Fegelein war ein netter Kerl, der nur Pferde im Kopf hatte, Heydrich war brillant«.

Wäre das Land hier so flach wie üblich und kein Wald dazwischen sähen die Demonstranten in einem Kilometer Entfernung, mitten im alten Revier des Försters L., die Walkmühle aus dem 17. Jahrhundert. Ausnahmsweise wurde 1985 aufgeschrieben, worüber sonst nur gemunkelt werden kann.

Nachdem er über die »maßlos aufgebauschte« Judenvernichtung schwadroniert hatte, wurden die Freizeitbeschäftigungen eines Zivilrichters am Amtsgericht Stade beleuchtet. Er hatte die Fahrtengruppe Walkmühle geleitet, die Anwohner als »Wiking-Jugend« und »Nachwuchsorganisation der NPD« kannten.

Bei den Ämtern waren Beschwerden eingegangen über »Plakate mit dem großdeutschen Reich« und »wehrsportähnliche Übungen« im Wald – und unbeachtet geblieben. Einladungen unterzeichnete der Richter mit »Heil Euch, Euer Dietrich« und verzierte sie mit der Odals-Rune.

Die war auch in die Balken der Walkmühle geritzt: sie war das Emblem der 1952 gegründeten Wiking-Jugend. Die »volkstreue nordländische Jugendbewegung« in der Tradition von Waffen-SS und Hitler-Jugend wurde 1994 förmlich verboten.

Ahnenerbe — 1958

Das Testament der Nazis wird von den Neonazis zwar vollstreckt, Erben aber sind alle Deutschen. Worin die Hinterlassenschaft besteht, ist stets neu zu verhandeln. Generation für Generation setzt »Bewältigung« ein, wird Geschichte umgewälzt und durch die Bewusstseinsmühle gedreht.

Es sei wichtig, sich der Verbrechen des Nationalsozialismus zu erinnern, beteuert am Tag vor der Demonstration in Harsefeld der niedersächsische Ministerpräsident bei einer Feierstunde in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Bergen-Belsen. »Nun sollte mal langsam Schluss sein«, kommentiert ein Passant den Aufmarsch in der Herrenstraße, die nach dem Kaiser dem Führer gewidmet war. Der Satz gilt, seit die Briten abgezogen sind. Sie waren die letzten, die unliebsame Fragen stellten. Seither ist abgeschlossen, womit nie angefangen wurde.

»Kein Vergeben, kein Vergessen / Nazis haben Namen und Adressen« skandieren die 50 Frauen und Männer, die an diesem Samstagnachmittag im Winter niemandes Frieden stören können und in den Einkaufsstraßen zu wenig mehr Ohren predigen als auf dem Mühlenberg.

Ein Auto hält, ein Mann in seinen Sechzigern steigt aus. Als einziges Publikum außer Polizisten und Presse schimpft er »Verleumdung« und stellt sich als »Jagdgenosse« von Alfred L. vor. Nichts ist zu vergeben, es war alles anders: »Fegelein war ein netter Kerl, der nur Pferde im Kopf hatte«.

Foto: urian
Zwei Wochen später am Wahlkampfstand der NPD in Stade. Auf die vermeintlichen Verbrechen des Jägers angesprochen, zuckt Landtagskandidat Andreas H., 33, Bäcker, die Achseln: »Das haben die Alliierten auch gemacht.« Das Völkerrecht deckt Geiselerschießungen, sofern sie nicht »grausam« sind; die Alliierten erschossen keine Kinder. Stumm hebt H. nochmals die Schultern.

An Kandidat Martin Z., 27, Uhrmacher, prallt die Frage ganz ab: »Damit habe ich mich nicht befasst.« Einen Monat danach steht er neben einem Transparent auf dem Marktplatz: »Sturmfest und erdverwachsen«, ein Zitat aus der offiziellen Hymne der Niedersachsen. Neonazis schreiben Ahnenkunde ganz groß. Mit dem Slogan »Opa war kein Verbrecher« zogen sie Jahre lang allenthalben durch die Straßen und protestierten gegen die Ausstellung Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht.

Sie fühlen sich im Stammbaum fest verwurzelt und erdichten sich Wikinger und Germanen als Vorfahren. Sie sind verwachsen in Blut und Boden. Machen sich aber keinen Kopf darüber? Ob er sich damit befasst hat oder nicht, befindet sich der Kandidat, als er seine Ignoranz bekundet, an der Wirkungsstätte eines Leitbilds der Braunen Bewegung. Und andere als er und seine Parteigenossen oder ein mutwilliger Chronist haben eine Brücke über die Zeit geschlagen.

Schwarze Sonne (Foto: urian)

Das erste schriftliche Zeugnis der Siedlung verdankt sich den Wikingern, die 994 nach einer Schlacht auf der Elbe Geiseln nahmen. Ein Gefangener konnte fliehen, und auf seiner Spur fielen die Seeräuber in Stethu ein, »raubten den Frauen gewaltsam die Ohrringe und kehrten dann missmutig um«, wie der als Austauschgeisel vorgesehene Thietmar als Bischof von Merseburg in seinem Chronicon festhielt. Bei der Feierstunde zur 1000. Wiederkehr des Überfalls wurde Feinkosthändler Wolters im Rathaus als ein Ehrengast begrüßt.

Mit dem Einsatzkommando hatte er in Weißrussland und im Baltikum wie die Wikinger gewütet. »So hätten das auch die Wikinger gemacht. Das hätte auch Erik, der Wikinger, mit so einer Frau gemacht. […] Wir haben schon immer gesagt, dass wir auch Frauen schänden müssten, wenn wir alles genauso wie die Wikinger machen wollen.« So redet Bert, sagt Axel. So hat es ein Gerichtspsychiater aufgeschrieben, nachdem die beiden in Halle an der Saale eine Kameradin gemeuchelt und begraben hatten, »unter einer Trauerweide. Im Stehen oder halb stehend, wie die Wikinger das auch gemacht haben.«

Habe ich mich nicht mit befasst, sagt der NPD-Kandidat. Ein gewaltgeiler Säufer ist er wohl nicht; insoweit gehen Bert und Axel ihn nicht näher an als den aufdringlichen Fragesteller. Ob er Kappler kennt? Von dessen Handlanger Erich Priebke wird einige Monate später anlässlich seines Todes zu hören sein. Auch wenn er die eigene Ahnenreihe nicht überblickt stand Kamerad Kandidat oftmals wie gerade jetzt im Wahlkampf wenige Meter neben denen, die 1978 in Soltau Herbert Kappler, den Kommandeur der Geiselerschießung vom 24. März 1944 in den Tuffsteinhöhlen an der Via Ardeatina in Rom, als Märtyrer der italienischen Justiz ausriefen.

Trotz Drohungen angesehener Bürger, die von Politik und Presse Neonazis zugeschrieben wurden, wurde im Juni 2013 in Harsefeld ein Dokumentarfilm über die Massaker von Alfred L.s Einheit gezeigt. Ein Offizieller beeilte sich klarzustellen, dass es »sicher nicht um individuelle Schuldzuweisungen« gehen könne. Zwar solle man die Erinnerung pflegen, damit die Taten sich nicht wiederholen mögen – aber die Verantwortung des Ehrenvorsitzenden des Jagdgebrauchshundevereins möge unausgesprochen bleiben.

Geht die Chose nicht ganz abstrakt ab, als hätten Strukturen, nicht Menschen gehandelt, werden immerhin den Opfern, den Fremden oder zu Fremden Erklärten, Namen gegeben und manchmal auch ein Gesicht. Die Täter aber bleiben andere: die „Haupttäter Hitler, Himmler, Heydrich“, wie die juristische Standardformel der 1960er lautete, nach der alle anderen Unbekannten mit verjährter Beihilfe davon kamen.

20 Jahre vor dem Marsch auf den Mühlenberg notierte Bodo Morshäuser in Hauptsache Deutsch, einem unverändert aktuellen Essay über Rechtsradikalität und Fremdenhass: »Nur wenige verstehen hier unter politischer Kultur, deutsche Vergangenheit als persönliche, sich selbst als jemanden aus deutscher Vergangenheit anzunehmen.«

Er sprach von seiner Generation der 40-jährigen, rundum aufgeklärten Deutschen im Berlin der Wendezeit. »Nach ihren Eltern befragt, schweigen sie oder tun so, als könnten sie sich kaum noch erinnern. Nur wenn ein Elternteil stirbt, fällt ihnen die Frage ein, die nicht mehr gestellt werden kann. Wenn du nicht zu dem Problem gehst, kommt das Problem zu dir.«

»Sich selbst als jemanden aus deutscher Vergangenheit anzunehmen« ist ein Leitgedanke bei meiner Beschäftigung mit der neonazistischen Art und Weise, die Geschichte fortzuschreiben. Der Satz warnt vor Selbstgefälligkeiten beim Betrachten der Braunen Banden. Das Mühlrad dreht an eine ihrer Brutstätten, die zugleich meine ureigenste Quelle ist.

Der Demonstrationszug zum Haus von Jäger L. streift Stätten meiner Kindheit und schließlich die wahrhaft hohle Gasse mit dem Haus, in dem ich geboren wurde. Im Wald auf dem Mühlenberg war mein Großvater Holzfäller; er wird mit dem Förster gut bekannt gewesen sein.

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Opa starb 1974, Dokumente sind verloren oder nicht verfügbar. Über seine Kriegsgeschichte kenne ich nur die Kinderlegenden seiner Tochter: »als Koch und Sanitäter in Italien«. Nach mehreren Rückstellungen als fast 40-Jähriger doch noch eingezogen, hantierte er wahrscheinlicher mit Kochtopf und Verbandszeug als mit dem Gewehr. Alfred L. schoss in einer Elite-Einheit. Dennoch könnten sie Erinnerungen an Italien geteilt haben; auch Fallschirmspringer brauchen Köche. Das Dunkel ist nicht mehr aufzuhellen.

Erinnerungen sind trügerisch. Von der Walkmühle wusste ich als Jugendlicher, dass man sie besser mied, etwelcher »Gruppen« wegen, die das Areal beanspruchten. Ich könnte die Fahrtengruppe des Amtsrichters gesehen und vergessen haben; unweigerlich werde ich bei Streifzügen in seinem Revier dem Förster begegnet sein. Ich bin der italienischen Justiz und den angereisten Demonstranten dankbar für die Verbindung, die sie stiften.

Indem ich Harsefeld ein »warmes braunes Nest« nenne, könnte ich mir nur selbst ins Hemd machen. Der Nestbeschmutzer erzeugt den Dreck zwar nicht, er liest ihn auf; immerhin könnte er befangen sein und nur finden, wonach er gesucht hat. Doch dafür, wie mein Dasein durch den Nationalsozialismus bestimmt werden sollte, habe ich einen handgreiflichen Beleg.

Als Bodo Morshäuser sein Memento zum Ahnenerbe schrieb, wälzte ich, 34-jährig im Berlin der Wendezeit, Familiengeschichte um, vornehmlich die meines Vaters, und sammelte die spärlichen Dokumente, Fotos oder Postkarten, die Flucht und Vertreibung überstanden hatten. (Fluchtpunkt Harsefeld)

Manches schien nicht zum Thema zu gehören wie ein Büchlein, 15 mal 21 Zentimeter, 24 Seiten in blaues Leinen gebunden, darauf in weißer Prägung eine Blumenvase und der Titel Meine Kinderjahre in Sütterlin. Auf Seite eins »Dieses Buch gehört« und in Vaters Handschrift mein Name. Die Vordrucke für Taufe, Schule, Lehr- und Dienstjahre sind leer, aber im Stammbaum sind Vater, Mutter und Kind eingetragen.

»Zum Geleit« heißt es: »Es gab eine Zeit, liebes Kind, in der jeder einzelne ohne Glauben an Deutschland nur seinem Erfolg nachjagte. […] In diesem hoffnungslosen Elend stand ein Mann auf, der den Glauben an die Kraft des deutschen Blutes wie eine Fackel vor sich hertrug. […] Mit besonderer Freude geben wir Dir heute diese Anregung auf Deinen Lebensweg mit. Unsere herzlichen Wünsche begleiten Dich in eine arbeitsfrohe Zukunft im Dienste unseres geliebten Vaterlandes. Heil Hitler«.

Darunter ein Stempel »Spar- und Darlehenskasse Harsefeld, eingetragene Genossenschaft mit unbeschränkter Haftpflicht« und zwei Unterschriften. Angeblich war das Dritte Reich seit 13 Jahren vorbei.

heimatkunde_kinderjahre

Quellen und Literatur

N. Hoyer: Notschrei, Süddeutsche Monatshefte 1913/14 | Lili Elbe: Ein Mensch wechselt sein Geschlecht, Hg. N. H., Dresden 1932 | N. H.: Heimwärts, Wien-Den Haag 1936 | Briefe 1959: Archiv J. Bosse | Interview ca. 1988: Unterlagen H. Lohmann im Stadtarchiv Stade | H. Lohmann: »Hier war doch alles nicht so schlimm«, Stade 1991 | H. Müssener in: Impulse, Stockholm 1985 | U. R. in Frankfurter Rundschau 19.2.1994, Hamburger Abendblatt 15.2., 19.12.1996 | E. H., Journalist, Autor, Übersetzer, Stade 2008 | J. Freyenhagen in dpa-lni März 2003 | Strafakte Wolters, Rep. 171a Stade, Nr. 819, Bd. I–V im Staatsarchiv Stade | Der Kurier 17.5.1962 | Augsburger Allgemeine 23.5.1962 | Mühldorfer Anzeiger 29.5.1962 | Christ und Welt 2.6.1962 | Die Neue Zeit 5.6.1962 | Stader Tageblatt 6.1.1965 | H. Heer/K. Naumann (Hg.): Vernichtungskrieg, Hamburg 1995 | G. Schwarberg: Die Mörderwaschmaschine, Göttingen 1990 | U. R. in Neues Deutschland 2.12.2002, 13.11.2003, blick nach rechts 3/2003, Die Gazette 15.3.2003, Ossietzky 8/2003, jungle world 20/2003, Kreiszeitung Syke 5.9.2009 | Jagdgebrauchshund 8/2010 | Tagesspiegel 17.7.2011 | Mai piu faschismo, hg. Autonome Antifa-Koordination Kiel u. a. [Okt. 2012] | Stader Tageblatt 13.10., 30.10.2012 | Neue Stader Wochenblatt 24.10., 3.11.2012, 12.6.2013 | G. Steinacher: Nazis auf der Flucht, Innsbruck 2008 | K. Isensee in Geschichte und Gegenwart, Harsefeld 1999 | Stader Tageblatt 26.1., 30.1., 4.4., 6.7.1985 | A. Marneros: Blinde Gewalt, Frankfurt/M. 2005 | B. Morshäuser: Hauptsache Deutsch, Frankfurt/M. 1992 | U. R. in Die Zeit 9/1993, Hamburger Abendblatt 16.6.1997, Geschichte und Gegenwart 1998, Neues Deutschland 1.2., 30.8.2001, Elses Lachen, Bremen 2009

© Uwe Ruprecht

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