Zu den Nachrufen auf Alfred L., den Förster, Jäger und NS-Verbrecher aus Harsefeld

Dem Stader Tageblatt ist zu entnehmen, dass der »rechtskräftig verurteilte NS-Kriegsverbrecher«, der pensionierte Förster und Ehrenvorsitzende des Jagdgebrauchshundevereins Alfred L. aus dem Harsefelder Ortsteil Ohrensen, mit 93 Jahren verstorben ist.

Seine Geschichte habe ich → hier erzählt – und auch, dass er sich in seiner Heimat nicht für seine Verbrechen verantworten musste. Dass er 2011, 2012 und 2013 in Italien für Massaker an Zivilisten im März und April 1944 in Abwesenheit zu lebenslanger Haft »rechtskräftig verurteilt« wurde, ist zu seinen Lebzeiten von höchster niedersächsischer Stelle bestritten worden.

De mortuis nihil nisi bene – darin ist man beim Tageblatt gespalten. Einerseits lässt man sich von Angehörigen und Freunden des Verblichenen für Todesanzeigen bezahlen; andererseits ruft man ihm seine Verbrechen nach, als diese Annoncen bei Nachfahren der Opfer für Empörung sorgen.

Eine Schizophrenie mit langer Tradition. Zu dem Artikel vom 7. August 2018 (»Todesanzeige für Kriegsverbrecher aus Ohrensen löst Entsetzen aus«) gibt es eine Art Vorbild vom 8. Mai 1985, auf das ich → in anderem Zusammenhang bereits eingegangen bin.

Zum 40. Jahrestag des Kriegsendes meditierte eine Redakteurin über das Lesezeichen in ihrem Exemplar eines Buchs von Elie Wiesel: eine Todesanzeige aus ihrer Zeitung vom Dezember 1982 für Hans-Ulrich Rudel († 66), erst »Hitlers Lieblingsflieger«, dann Fluchthelfer in Lateinamerika und mit seinem »Kameradenwerk« unter anderem »Mengeles Engel«.

Den mit Lebens- und Todesrune verzierten Nachruf auf Rudel unterzeichnete und bezahlte der NPD-Kreisverband: »Seine Ehre hieß Treue! Alles für Deutschland!«

Als Kind fragte sich Wiesel angesichts eines anderen Kindes am Galgen: »Wo ist Gott?«, und erhielt zur Antwort: »An diesem Galgen hängt er.«

Die reuige Redakteurin: »Ich fühle mich schuldig, weil ich den Gott Elie Wiesels nicht von dem Galgen herunterhole, solange ich solcher Verherrlichung der grauenvollen Vergangenheit sprachlos gegenüberstehe.«

Sprachlos wohl, aber nicht mittellos; immerhin wird die NPD ihre Rechnung beglichen haben.

Blut floss, als Rudel im Mai 1977 im Curio-Haus in Hamburg auftreten sollte. Neonazis prügelten auf Studenten der nahen Universität ein, die den Veranstaltungsort besetzt hielten. Hier war in Prozessen gegen Leiter der Einsatzgruppen nach der Wahrheit gesucht worden, die Rudel verleugnete. Als Zeuge war 1948 auch Gustav Wolters aus der Zelle vorgeführt worden.

Nachdem der von einem britischen Militärgericht verurteilte 94-jährige Mörder 2002 vom Stader Bürgermeister mit einem Brief des Bundeskanzlers für seine »Lebensleistung« geehrt worden war, zeigte sich die ehedem zur Sprachlosigkeit beschämte Redakteurin äußert redselig, als es galt, Gerüchte darüber abzuwiegeln.

Mit der Etikettierung als »Meinungsbeitrag« entzog sich ihr Artikel der Aufgabe, die Leser gehörig zu informieren. Wolters’ Verbrechen wurden falsch beschrieben oder gar nicht genannt; der Kanzlerbrief kam überhaupt nicht vor. Stattdessen prangerte die Redakteurin ungehörige Fragen aus den Reihen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft an. Der Magistrat, hieß es in seinem Namen, wolle »keinen Eklat um SS-Mann«.

Man solle sich gefälligst nicht über die Ehrerbietung für den Judenmörder aufregen, verlautete von der Redakteurin als Sprachrohr derer, die den Mitbruder ausgezeichnet hatten. 17 Jahre vorher hatte sie geschrieben: »Solange faschistische Saat aufgeht, tragen wir am Erbe der Vergangenheit«.

Bevor sie sich für das Schweigen über die Verbrechen des Feinkosthändlers aussprach und es vormachte, hatte sie in einem Artikel zur Aufgabe seines Geschäfts Wehmut über die guten alten Zeiten verbreitet und goldene Sätze des Greises aufgezeichnet. »Es war schön«, sagte er, »und das Leben geht weiter.«

Geht es, vorläufig wie stets; auch für den Autor des aktuellen Artikels. Dass er keine Beschämung heuchelt wie seine Kollegin vor über 30 Jahren – macht das einen Unterschied?

Interessanter als die Stimmen der Empörung aus der Fremde gelesen zu haben wären Bekenntnisse der Einheimischen gewesen, die Alfred L. wie er sich selbst für »unschuldig« halten und davon in Zeitungsannoncen künden. Lauter angesehene Leute, versteht sich, denen kein Redakteur des Tageblatt ungehörige Fragen stellt.

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