Reden und Schweigen auf der Geest

Ich bin seit vielen Jahren nicht mehr in Harsefeld gewesen. So viel zum folkloristischen Heimatgetue. Worin immer die Verbindung mit meinem Geburtsort besteht, hat sie nichts mit den gegenwärtigen Verhältnissen zu tun. Oder doch? Im Lokalanzeiger lese ich zwei Mal von dem, was mich dem Flecken entfremdet. Eben jetzt einen umfangreichen Artikel über eine Debatte im Rat der Samtgemeinde, die eines größeren Gegenstandes würdig gewesen wäre.

Es ging um einen »Grünschnitt« am Ortsrand, der »rabiat«, bzw. »rigoros« ausgefallen sein soll. Die Gruppe Grüne/Linke und die Fraktion der Freien Wählergemeinschaft machten auf den Skandal aufmerksam. Lebensraum für Wild wie Insekten sei vernichtet, ein »ökologisch wertvolles Biotop« zerstört worden. In der Nähe sei auch ein teuer angelegter »Laubfroschkorridor« der Heckenschere zum Opfer gefallen. »Dresden 1945 ist nicht weit davon ab«, hieß es in der Ratssitzung. Wie bitte? So steht es in der Zeitung.

Der »Grünschnitt« hätte nicht ohne Einwilligung der Gemeindeverwaltung stattfinden dürfen, aber deren Chef sah keinen Anlass zur Ahndung. Der Schaden sei unbestimmt, es wären Gutachten nötig, und Nachpflanzungen täten es wohl auch. »Das wächst alles wieder nach«, verlautete auch von Seiten der CDU. Einem Bürger genügte das in der Einwohnerfragestunde nicht; er zeigte sich »entsetzt« über die »Baum-Vergewaltigung« und forderte, dass der Verantwortliche bestraft werde.

Haben die keine wichtigeren Probleme? Vielleicht nicht. Vielleicht reden sie über die bloß nicht so laut und freimütig in einer Ratssitzung, so dass mitgeschrieben werden kann. Was mich verstört ist weniger die Debatte, die geführt, als jene, die nicht geführt wird.

Grünschnitt, der nachwächst, wie Dresden 1945 … In der Vorzeige-Mitte von Harsefeld, im Klosterpark, soll es ein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus geben. Am 19. März sollte darüber in nicht-öffentlicher Sitzung beraten werden. Stattdessen lese ich also in der Zeitung von der Aufregung über den Naturfrevel.

»Harsefeld und der Nationalsozialismus« ist ein leeres Blatt. Und dabei soll es bleiben, wenn ich den Zeitungsartikel, der meine einzige Quelle ist, richtig verstehe. Es gibt eine wie vom Himmel gefallene »Opferliste«; sie wurde von demselben Politiker erstellt, der 2018 in Stade eine gleichartige Stele anregte (→ Gezerre um Gedenken), das Mahnmal wird errichtet – und Ruhe ist. Wie die Opfer Opfer wurden, wer die Täter waren und überhaupt, wie es sich mit der Diktatur in Harsefeld verhielt, bleibt wie gehabt jenen überlassen, die sich bisher mit Verschweigen und Apologien dazu gemeldet haben. Eine Aufarbeitung der Geschichte ist nicht geplant.

Für manche Forschungen ist die Zeit längst abgelaufen. Als in Stade ein Auswärtiger Ende der 1980er seine Untersuchungen vornahm, konnte er noch Zeitgenossen zu dem befragen, wovon keine Akte mehr zeugt und nie gezeugt hat. In Harsefeld ließ man die letzte Gelegenheit, sich des Themas anzunehmen, nicht nur verstreichen, sondern hüllte 2012 den Mantel des Schweigens über den Nationalsozialismus nicht nur in der Geschichte, sondern ebenso über die Stellen, an denen er sich in die Gegenwart fortsetzte. (→ Braune Heimatkunde) Davor ging es um NS-Geschichte, indem ein Lehrer die Lebenslügen eines SS-Mannes ungefiltert in einer Publikation des Heimatvereins verbreitete.

74 Jahre nach dem Untergang ließen sich die Geschehnisse während des Dritten Reichs in Harsefeld nurmehr äußerst bruchstückhaft rekonstruieren. »Harsefeld und der Nationalsozialismus« ist inzwischen ein lohnenderes Sujet für Zeitgeschichtler und Anlass für Reflexionen über Erinnerung und Gedenken. Wie ist in sieben Jahrzehnten mit dem NS-Vermächtnis umgegangen worden; was ist davon im Gedächtnis? Wie kommt es, dass unter Aufarbeitung der eigenen Geschichte ein Stein mit Namen verstanden wird, der von einem Politiker aus Stade aufgedrängt wird? Was soll auf diese Weise begraben werden?

26. März 2019

Siehe auch → Die Landjäger kamen zu Fuß

Fluchtpunkt Harsefeld

50 Jahre später: Fremdenführerinnen geleiten Touristen durch den Klosterpark. Die sehen die NS-Gedenkstele und fragen. Mangels etwelcher Kenntnisse wird ins Blaue fabuliert oder analogisiert – wie etwa heute in Stade, wo man nicht genug über die Hanse-Zeit in der Stadt weiß, um verlässliche Auskünfte zu geben, aber aus dem, was man sich aus allerhand Büchern über andere Städte zusammen gelesen hat, die eine und andere farbige Episode im Angebot hat. Die Gäste merken den Unterschied nicht. (→ Der Hanse-Hoax) Bei NS-Geschichtsklitterung muss gegenwärtig mit Widerspruch gerechnet werden (wenngleich nicht in Harsefeld); in 50 Jahren wird da kaum noch wer empfindlich sein.

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