Der Brunnenweg in Stade

Eigentlich wollte ich meine Erkundung des Brunnenwegs damit abrunden, dass ich erstmals in meinem Leben mit einem Hund an der Leine dort spazieren ginge. Aber ich kam nicht weit. Magda blieb alle paar Meter stehen, drehte sich um und schaute zurück, woher wir gekommen waren.

Sie war mir zum Brunnenweg gefolgt und ein Stück weit voraus gelaufen, aber das tat sie offenbar nur mir zu Gefallen. Sie wollte heim, beziehungsweise in ihr zeitweiliges Heim, um dort auf Frauchen oder Herrchen zu warten oder auf beide. Ich war soweit in Ordnung, aber eben dritte Wahl. Der Brunnenweg war entschieden weniger anziehend als der Garten mit dem Tor, an dem Magda warten konnte.

Der Brunnenweg verläuft an der Grenze der Stadt zum Land. Hier wird spazieren gegangen und der Hund ausgeführt. Eine Idylle. Für manche ist die Strecke eine Abkürzung. Auch für jene, die dort nichts zu suchen haben. Der Brunnenweg ist für den ordinären Automobilverkehr gesperrt.

So kurz mein Ausflug mit Hund war, ergab sich, dass ich wenigstens einmal an der mir ungewohnten Leine herum fummeln musste, als ein Auto entgegen kam. Es handelte sich freilich um einen Anwohner, der weiß, wo er fährt. Anders als die zwei, die mich beim letzten Gang ohne Hund passierten, und, da sonst niemand unterwegs war, schneller fuhren als es mir mit Hund gelungen wäre, ihnen auszuweichen.

Vielleicht war es das, was Magda Abstand nehmen ließ von einer weiteren Begehung des Brunnenwegs? Vielleicht traute sie mir nicht die nötige Reaktionsfähigkeit an der Leine zu und dass ich sie derart in Schwierigkeiten brächte, falls uns etwas Vorhersehbares begegnete?

Es wäre eine ansehnliche Strecke, könnte ich dort achtlos schlendern. Aber es ist zuweilen eine nicht nur unvorschriftsmäßig sondern auch mit Rädern viel befahrene Strecke. Und Radler haben es gemeinhin so eilig wie Autofahrer, obschon sie nicht ganz so viel Schaden anrichten können, wenn sie nicht aufpassen.

Es empfiehlt sich nicht, den Blick allzu sehr schweifen zu lassen und dabei aus dem Tritt zu kommen, denn von hinten kann jederzeit ein Rad an einem vorbei rauschen, einen halben Meter entfernt oder weniger, falls man selbst unvermutet einen Schritt zur Seite abweicht. Die rasenden Radfahrer nötigen Fußgänger dazu, sich spurgetreu zu verhalten, weil sie einen sonst anfahren. Denn dass die Radler vorsichtshalber ausweichen, ist unwahrscheinlich. Lieber klingen sie sich den Weg frei.

Von der Rücksichtslosigkeit ist es nicht weit zum Leichtsinn. An ihn wird am Ende des Brunnenwegs gemahnt.

Brunnenweg Stade (Foto: urian)brunnenweg_09

Am frühen Nachmittag sind Schüler auf Rädern unterwegs auf dem Brunnenweg. Am 15. Oktober 2018 gegen 13 Uhr hat eine 16-Jährige es besonders eilig auf dem Weg nach Hause. Der Bahnübergang am einen Ende des Brunnenwegs war geschlossen. Die Ampel blinkte. Ein Zug Richtung Stade raste durch. Die Schranken blieben unten.

Der Zug in Richtung Cuxhaven kommt stets kurz darauf hier vorbei, Stunde für Stunde. Die Schülerin sah ihn nicht aus der durch Bäume und Sträucher verdeckten Kurve nahen; er war 80 bis 90 Stundenkilometer schnell, und sein Schall erreichte sie vermutlich zu spät. Jedenfalls umkurvte sie die eine Halbschranke, wurde vom Zug erfasst und flog 50 Meter weit in das Gleisbett.

Eine idyllische Ecke, wie gesagt. Aber mit Einschränkungen und Mahnungen.

Brunnenweg Stade im Video auf meinem Kanal bei YouTube

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