Von der NPD zur SPD und andere braune Bewegungen der Zeitgeschichte in Niederdeutschland

Im Einfamilienhaushaus in Bargstedt hackte Karl Wolfgang Sanner in die Tasten der Schreibmaschine. Der Kapitän verbrachte seine Freistunden damit, das halbe Jahrhundert seines Lebens nachzuzeichnen. Er schrieb über sich in der dritten Person, als von Geburt an in Geschichte verstrickter Jedermann.

Karl kam am ersten Tag des Jahres 1936 zur Welt, was ihn zu prädestinieren schien, im Namen seiner Generation zu sprechen und sein Typoskript Betrogener Jahrgang zu betiteln. Er schwärzte Blatt um Blatt mit dem, was ihm durch den Kopf ging, bis es einen beachtlichen Haufen ergab.

Er war überzeugt, bei seinen Sitzungen an Unaussprechliches gerührt zu haben. Er fühlte sich wie Günter Grass 2012, als er über Israel ganz laut dichtete, was »man« sonst nicht ausdrücken dürfe. »Die Verleger« gaben Karl Recht. »So etwas kann man heutzutage in Deutschland überhaupt nicht veröffentlichen«, zitierte er sie im Vorwort der schließlich 1984 auf eigene Rechnung gedruckten 500 Seiten.

Karls Rede ist weniger unerhört als ungeschrieben. Wie er reden viele Kerle aus der Menge, machen aber kein Buch daraus. Soweit löst er den Anspruch ein, für andere mitzuschreiben. Zur Stimme sonst Schweigender wird er, indem er seinen Worten gerade so weit nachgeht, bis das Blatt vollgetippt ist. Der Ausfall der Bewusstseinszensur macht sein Selbstporträt authentischer als beabsichtigt. Die Leser sehen in eine aufgeklappte Hirnschale.

Gespenster der Kindheit

Der Kapitän auf den Weltmeeren verstand sich als Botschafter. Wo er anlegte, stellte er sein Volk dar. An ihm und seinem Verhalten wurde der Deutsche schlechthin gemessen. Was andere anzog oder abstieß waren nicht seine Eigenheiten; sie reagierten vielmehr auf seine Volkszugehörigkeit, indem er Tugenden verkörperte und Haltungen einnahm, die ihm als deutsch galten.

Dass er freimütig aufschrieb, was andere sich nicht zu sagen trauten, war mehr als Vermessenheit. Karl war kein verbitterter Einsiedler, der mit der Gesellschaft abrechnete. Der Familienvater war zwei Jahrzehnte lang gewählter Volksvertreter und war es noch, als er sich an die Maschine setzte: Gemeinde- und Samtgemeinderatsherr und in der Ortsgruppenleitung seiner Partei.

Im Eröffnungskapitel »Sag immer schön ›Heil Hitler‹« stellte Karl seine »stillen Begleiter« vor, die Feen an seiner Wiege: Franz Josef Strauß, Helmut Schmidt, Adolf Hitler, Adolf von Thadden, Erich Honecker, Josef Stalin, »nicht zu vergessen Rudolf Heß […], ein paar chauvinistische Polen und die Zionisten des Herren Theodor Herzl«. Die Abgrenzung gegen Juden war elementar für Karls Deutschsein, und er spürte das mit Hass Bewunderte immerzu und überall auf, es verfolgte ihn geradezu.

Gleich zu Beginn waren es »zwei jüdische Schwestern, bekannt unter dem Namen Herz«, die ihm auflauerten, »wenn er durch das Treppenhaus kam und versuchten, ihn in ihre Wohnung zu zerren oder doch zumindestens schon auf dem Flur seinen Hosenschlitz zu öffnen.« Als sie die Mutter baten, »ihnen doch immer, wenn der Knabe aufs Töpfchen gegangen war, den Topf mit Inhalt zu überlassen«, machte »die Polizei einen Besuch bei den beiden Schwestern«.

Karls Vater war Kommunist in Köln und bis 1944 Insasse des KL Buchenwald. Die Mutter, ebenfalls Genossin, hatte deswegen viel zu leiden. Der Sohn war überzeugt, dass es dem Erzeuger im Lager nicht so schlecht erging. Er glaubte Paul Rassinier (1906–67), ebenfalls als Kommunist Häftling in Buchenwald. In seiner Variante des Stockholm-Syndroms machte der Franzose sich für die Peiniger stark.

Karl berief sich auch auf eine Fernsehsendung und Mitteilungen eines Waffen-SS-Mannes aus Sittensen: »Ja, da kann man also sagen: Die Amerikaner haben in Dachau die ersten Gaskammern gebaut! – Naja, die tun ja auch wirklich alles für die deutschen Freunde!«

Nationale Fahrwasser

Unter den Lichtgestalten, die Karls Geburt anstrahlen, fällt einer nach Bedeutung und Bekanntheit aus der Reihe. Adolf von Thadden war Gründervater der NPD und ihr Führer im Aufwind, als sie 28 000 Mitglieder zählte und 1966 bis 1968 in sieben Landesparlamente einzog, darunter mit sieben Prozent Wählerstimmen in Niedersachsen.

Karl erlebte Thadden beim ersten Bundesparteitag im Mai 1965 in Hannover mit einer Rede über »Europas Mitte ohne Mauern«, die »auch heute, in den 80er Jahren ihre Bedeutung sozusagen zeitlos behalten hat; ja, ein Bundeskanzler Helmut Schmidt hätte sie heute genauso halten können«. Vergleiche zwischen NPD und SPD stellte Karl oft an. Er kannte sich aus. Er wirkte maßgeblich am Aufbau der niederdeutschen NPD mit – und wurde 1972 Mitglied der SPD.

Männer wie er schreiben keine Autobiografien, während sie im Amt sind, und als Rentner verfassen sie Geschichtsbücher oder Kriminalromane. Karls Erguss ist eine Rarität. Er zeigt einen Funktionär bei der geistigen Arbeit in zwei Parteien, die sich oft und gern feindlich gegenüberstehen.

Karl Wolfgang Sanner

Auf Kurs zur NPD kam der 28-jährige Karl durch einen anderen Adolf. Im Herbst 1964 traf er den drei Jahre jüngeren Dammann. »Nebenbei bemerkte Karl, er wolle sich politisch betätigen und berichtete von seinen DRP-Kontakten«. Adolf lachte, er war ja Mitglied, und lud Karl zur nächsten Versammlung der Deutschen Reichspartei ein.

»Muff, Moder und Karteileichenverwaltung« roch Karl dort, zählte sieben Mitglieder und entschied: »Für solche Mini-Sekte habe er keine Zeit«. Adolf vertröstete ihn, »da sei etwas im Gange«. Nach dem Verbot der Sozialistischen Reichspartei 1952 brauchte die Braune Bewegung ein Jahrzehnt, um sich wieder zu sammeln.

»Wir wenden uns heute an jene an Zahl immer weiter zunehmenden enttäuschten Wähler, die nicht mehr bereit sind, sich dem Machtanspruch der heutigen Bonner Parteien und deren Finanzierung aus Steuermitteln zu unterwerfen«, begann eine Einladung nach Harsefeld, die Karl erhielt.

»Wir wenden uns ebenso an die Deutschen aller Schichten, Konfessionen und Landsmannschaften, die bereit und entschlossen sind, endlich eine deutsche, nationale Politik zu unterstützen. Dem Wunsch entsprechend, der seit langem diese Menschen bewegt, an Stelle der Zersplitterung im nationalen Lager die Einheit zu setzen, wurde am 28. 11. 64 in Hannover von bisher parteilosen Persönlichkeiten, Mitgliedern aus GDP [Gesamtdeutsche Partei], DP [Deutsche Partei], DRP, ja sogar FDP und CDU die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) gegründet.«

Harsefelder Verhältnisse

Am Freitag, 2. April 1965, stand im Hotel Brüggmann in geschlossener Gesellschaft die Gründung des NPD-Kreisverbandes Stade–Bremervörde an. Die Einladung hatten achtbare Männer unterzeichnet: der Rechtsanwalt und Notar in Zeven Dr. Theodor Gerlach, der erster Vorsitzender wurde; ein Kreisvorstandsmitglied des Landvolks und Ratsherr; ein Lehrer und Ortsvorsitzender des Bundes der Vertriebenen; ein Steuerbevollmächtigter und Ratsherr; ein Ehrenvorsitzender des Kreislandvolks; der Bürgermeister von Ostereistedt.

»Karl war der Einladung gefolgt und auf Adolf Dammann gestoßen, der sich höllisch freute, Karl zu sehen«, und ihn sofort als Protokollführer einteilte. Von 20 bis 23 Uhr saßen 250 Personen beisammen, von denen 40 Parteimitglieder wurden. Karl listete auf: »Ex-NSDAP-Mitglieder, ›alte Nazis‹ und alte Nationalsozialisten, Ex-RAD [Reichsarbeitsdienst], HJ [Hitler-Jugend], BDM [Bund Deutscher Mädel], NSKK [Nationalsozialistisches Kraftfahr-Korps], OT [Organisation Todt], Wehrmachts- und nicht zuletzt Waffen-SS-Angehörige«.

»Karl sorgte dafür, dass auf allen NPD-Veranstaltungen vorne am Quertisch die jungen Mitglieder saßen, gewaschen, gekämmt und anständig gekleidet. – Bierflaschen, Schnapsgläser gar, hatten auf diesem Tisch keinen Platz. Klare Linie, Sauberkeit, Fairness; das waren die Prämissen, die für Karl als KV [Kreisverbands]-Vorsitzenden unverzichtbar waren.«

Er baute einen Partei-Ordnungsdienst für den Elbe-Weser-Raum auf. »Karl und seine Männer standen permanent im Sperrfeuer«, wenn »bezahlte Schlägertrupps per Bus, versehen mit Fresspaket, Bier und Spirituosen, sowie Einpeitschern herangekarrt wurden, um ihre primitive Triebhaftigkeit an der NPD auszulassen«. Da langte Karl auch schon mal zu, »verpasste ihm einen rechten Schwinger an den Unterkiefer (es knirschte wie getretener Kiesel) und der DGB-Raufbold wurde per Tragbahre abtransportiert«.

Verfolgte Unschuld

Karl war frischgebackener Pressewart der Partei, als die Verurteilung eines Nachbarn als NS-Verbrecher skandalisiert wurde. Der Fall ist bis heute beliebt unter Revisionisten und Holocaust-Leugnern als vermeintlicher Beleg für eine unrechtmäßige Strafverfolgung von Hitlers, Himmlers und Heydrichs Gehilfen. Karl interessierte sich besonders: als Aufseher in Buchenwald hatte der Delinquent »also auch Karls Vater bewacht«.

Otto Hoppe war seit Eugen Kogons Buch über den SS-Staat als »Exzesstäter« namhaft. Vor Gericht brachte ihn 1950 womöglich der Zufall, dass er und einer der Hauptzeugen in derselben Gegend wohnten. Ein Anwalt, für den Hoppes Frau arbeitete, betrieb erfolgreich die Wiederaufnahme des Verfahrens.

Praktisch bedeutete es nichts. Hoppe hatte mehr als 15 Jahre in Haft verbracht. Inzwischen hatten sich die Bedingungen für »lebenslang« geändert. Hoppe wurde 1970 erneut des mehrfachen Mordes schuldig gesprochen und nicht wieder eingesperrt, weil seine Strafe als verbüßt galt. Aber ein Opfer, das nachweislich noch nach dem ersten Prozess gelebt hatte, wurde von seinem Schuldkonto abgezogen. Karl sah Hoppe daher als Opfer einer Verschwörung aus »Berufszeugen«.

Unter den paar NS-Tätern, die an der Niederelbe vor Gericht gestellt wurden, war kein Eingeborener. Es handelte sich um Männer, die es nach 1945 in die Region verschlagen hatte. Ein Prozess wurde denkwürdig durch die Diffamierung des Hauptbelastungszeugen.

Seit seinem Auftritt als Zeuge der Anklage in den Nürnberger Prozessen war der Ingenieur Hermann Gräbe verhasst. 1965 wurde er in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als »Gerechter« geehrt und sagte zugleich in Stade gegen Georg Marschall aus, der als Gebietskommissar der Ukraine mehr als ein Verbrechen begangen, aber allein für den Befehl zur Erhängung eines jüdischen Tischlers 1942 angeklagt wurde. Sein Verteidiger wie der Staatsanwalt, früher Sonderrichter in Breslau, attackierten Gräbe im Gerichtssaal, und draußen tat die Presse es ihnen nach.

1979 reiste eine Stader Strafkammer zu Zeugenvernehmungen in die USA und nach Israel. Vieles, wonach im Rückblick gefragt wird, steht nicht geschrieben – wie etwa, was das Gericht im Ausland erfragte. In den Presseberichten sieht man Erich Scharfetter, wie er Juden nacheinander in eine Baracke kommen lässt, mit der Spitzhacke niederschlägt und ihnen dann die Kehle aufschneidet: »Kirkenik«, Spitzhackenmann, hieß er in den estnischen Lagern; 18 Morde wurden ihm im Urteil vom Februar 1980 angelastet.

Scharfetter war verhaftet worden, als er 1977 aus Ägypten nach Deutschland einreiste, um seine Rentenansprüche geltend zu machen. Er war geflohen, als die Polizei sich 1960 über ihn erkundigt hatte. Ein Haftbefehl wurde erst 1966 ausgestellt.

Die Presse wahrte Diskretion. Wo in der Nachbarschaft der Angeklagte zwischen 1945 und 1960 untergekommen war, erfuhr man wie aus Versehen Wochen nach Prozessbeginn aus einer auswärtigen Zeitung: Buchholz in der Nordheide. Nichts weiter über die Flucht und wie es dem Konditor gelang, im Ausland Fuß zu fassen, und welche Unterstützung er genoss.

Etwa die der Stillen Hilfe, die unter der Schirmherrschaft von Himmlers Tochter von Rotenburg/Wümme aus bis 1994 tätig war und für seine Begnadigung eintrat, die schließlich auch gewährt wurde. Erst als eine Journalistin das Kriegsverbrecherhilfswerk ausforschte, kam ans Licht, wovon niemand gewusst haben wollte. Man wusste es vielmehr besser: 2001 verbreitete der Heimatbund seine »Kanada-Lüge«, wonach deportierte Rotenburger Juden in Wahrheit nach Übersee ausgewandert seien.

Von der NPD zur CDU

In ihrem erfolgreichsten Jahr 1968 zog die NPD mit drei Abgeordneten in den Kreistag zu Stade ein. Den einen hatte Karl angeworben, den gleichaltrigen Rechtsanwalt Alfred Behr. Ein anderer erwies sich als fauler Apfel. Heinz Eckhoff, Kartoffelhändler in Apensen, gab als Motiv für sein politisches Engagement an, ein Mandant verschaffe ihm wirtschaftliche Verbindungen. Andere nennen das Korruption.

Sein erster Versuch mit der FDP ging schief. Gegenüber der NPD spielte er seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS aus. Nach der Wahl werde er Parteimitglied, versprach er. Ein Mann, ein Wort; Karl glaubte ihm. Am Tag nach der Wahl nahm Eckhoff sein Mandat mit zur CDU.

Die NPD wütete: »Er hat sein Mandat gegen ein Linsengericht an die CDU verkauft!« Zwei Jahre später wurde Eckhoff Christdemokrat. Drei Jahrzehnte lang repräsentierte der Opportunist die CDU im Kreistag. Von ihm hörte man jenseits von Apensen im November 2000, als es in Anbetracht des vom Kanzler ausgerufenen »Aufstands der Anständigen« Anstoß erregte, dass ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde.

Die Reihen blieben fest geschlossen, auch wenn der einzige Dienst an der Gemeinschaft, der für Eckhoff geltend gemacht werden konnte, seine unerschütterliche Zugehörigkeit zur Führungsriege war. Die Parteifreunde attestierten ihm eine »Läuterung«, die durch seinen Übertritt in ihre Reihen bewiesen sei. Wovon er gereinigt sei, wurde nicht genauer benannt. In die Waffen-SS war er gezwungen worden; er habe gar nicht gewusst, was er unterschrieb, und schon war es zu spät. So lautete seine Legende, und alle Parteifreunde pflichteten ihm bei.

Eckhoffs Kreistagskollege Alfred Behr bereitete Karl die Niederlage, die seinem Parteiaustritt voranging. 1969 schien der NPD ein Erfolg in Bonn zu blühen, Karl erträumte sich einen Parlamentssitz. Statt seiner wurde Behr zum Bundestagskandidaten gekürt. Im Buch begründete Karl seinen Abgang: »Unsachlichkeit, Kopflosigkeit, z. T. Rabaukentum und Sektiererei wurden zu Parteiinhalten.« Als der Kapitän das Schiff verlässt, ahnt er nicht, dass es sinkt und er zu den Ratten gehört.

Alfred Behr wurde anlässlich einer erneuten Kandidatur zum Bundestag 1976 interviewt. Ob die NPD »rechtsradikal« sei, beantwortete er schlicht mit »Ja.« Klare Kante auch zur Shoah: »Die Amerikaner haben die Indianer bestialisch umgebracht. Stalin hat Millionen seiner Landsleute umgebracht und verschleppt und Mao Tse-tung noch viel mehr, und der wird jetzt als großer Staatsmann gefeiert. Warum soll man nur dem deutschen Volk Episoden aus seiner Geschichte vorwerfen? So etwas passiert eben mal, so traurig es ist.«

Es kann immer wieder passieren, wenn die Juden nicht aufpassen: »Wenn ein Jude sich nicht als Deutscher fühlt und meint, ein Internationalist sein zu müssen, dann mag er das tun. Ich habe was dagegen, dass allein die Blutfrage jahrhundertelang hier ansässiger Juden eine Rolle gespielt hat im Dritten Reich. Ich halte es für eine Idiotie, wenn zum Beispiel ein Vierteljude, der vielleicht noch evangelisch war, von der Front abgezogen wurde. Aber wenn die Juden selbst meinen, in Deutschland ein Fremdkörper zu sein, dann müssen sie auch dementsprechend behandelt werden.«

Die Juden meinen es nicht nur: »Wissen Sie, Juden, Gastarbeiter und deutsche Rasse – das hat miteinander nichts zu tun, sie sind Fremdkörper vom Sprachlichen her, vom Kulturellen her, von ihrer anderen Lebensauffassung her.«

In wohlmeinenden Anekdoten über Behr erstickt ein politischer Gegner beim Essen an seinen Worten, oder sie singen nacheinander betrunken die Internationale und das Lied der Deutschen. Vom öffentlichen Engagement für die Gemeinschaft zog er sich zurück, sobald sein Sohn die Laufbahn eines Berufspolitikers einschlug. Filius wurde CDU-Kreisvorsitzender und hätte erster hauptamtlicher Bürgermeister oder Landrat werden sollen.

Eine von seinen parteiinternen Gegnern öffentlich gemachte Parteikassenaffäre warf ihn 2004 aus dem Rennen; sein Landtagsmandat behielt er. Inzwischen verwaltete er die Gelder einer staatlichen Lotterie. Den Parteifreund Eckhoff verteidigte er als »untadelig und hart in der Sache. Er habe sich 30 Jahre lang um die Demokratie verdient gemacht und verdiene es, dafür geehrt zu werden«.

Von der NPD zur SPD

»Hier schreibt einer, der sich betrogen fühlt, weil er damals nicht mitmarschieren durfte«, stellte der Lokalanzeiger Karls Autobiografie vor und fragte: »Sitzt das braune Gedankengut noch in so weiten Kreisen ganz tief, dass auch die SPD auf dieses Wählerpotential nicht verzichten kann?«

Ob die engsten Genossen bei der »gut besuchten Versammlung« in Harsefeld, auf der Karl sein Opus rechtfertigte, Selbstkritik übten, war geheim. Es wurde lediglich verlautbart, dass das Aufnahmeverfahren 12 Jahre zuvor »insgesamt ordnungsgemäß« gewesen sei: sie hätten nicht gewusst, wen sie an Bord holten.

Der Kreisvorsitzende und Bundestagsabgeordnete entschuldigte die Genossen: »In den 70er Jahren galt verstärkt die Devise, Leute, die sich an den Rändern der Demokratie bewegt hatten, zu integrieren, an den demokratischen Meinungsbildungsprozess heranzuführen.« Gemeint waren die »Sympathisanten« des Terrors mit linker Ideologie; den rechten Rand hatte die SPD sich nie erklärtermaßen anverwandelt sondern scharfe Abgrenzungen vorgenommen.

Kam nicht darauf an. »Entscheidend ist vielmehr, wie eine Partei auf Fehler eines Mitglieds reagiert.« Das ganze Buch ein Fehler oder ein paar Sätze, die sich auf die Schnelle zitieren lassen? Karls ganzes Weltbild ein Ausrutscher oder gar ein »Reifedefizit«, wie die Justiz es Neonazis zu Gute hält, wenn sie als junge Männer vor Gericht stehen? (Siehe zum Letzteren: Unsterbliche)

Karls Bekenntnisse schilderten auch den Umgang der Genossen mit seiner NPD-Vergangenheit. Seinen »Fehler« hatten sie ihm verziehen, bevor das Buch heraus war. Probleme machten ihnen nur die Presseberichte. Karls Ausschluss wurde binnen sechs Wochen vollzogen, eine Begründung nicht veröffentlicht, und der Lokalanzeiger fragte nicht nach. Karl rief die Bundesschiedskommission an, deren Votum man erfahren durfte: Karl habe mit der »unverhohlenen Propagierung einer neonazistischen Weltanschauung erheblich gegen die Grundsätze der SPD« verstoßen.

Während des Sturms in der Heimat meldete sich der »deutsche Seefahrtexperte und Politiker« in einem Fragebogen der National-Zeitung, dem Organ der Deutschen Volks-Union, zu Wort: »Ihr größter politischer Wunsch?« – »Tatsächliche Freiheit für alle Menschen deutscher Zunge.« Nach der Ächtung durch die Genossen machte Karl bei der DVU mit.

Wie Franz Schönhubers Republikaner beackerte die Privat-Partei des Verlegers Gerhard Frey das parlamentarische Feld zeitweilig erfolgreicher als die NPD. Karls Mitstreiter organisierten sich zuletzt in einem niederdeutschen Ableger der Partei des Hamburger Amtsrichters Ronald Schill. Die Medien-Marionette »Richter Gnadenlos« war 2001 mit über 19 Prozent in das Stadtparlament eingezogen. Sein Stern verglühte im Kokain-Partyrausch rascher als sich im Umland Parteistrukturen bilden konnten.

Karls Zeit lief ab. Er schrieb noch ein Buch, Odyssee einer Barkasse, eine Weltkriegsgeschichte. Darin kommen nebenbei die jüdischen Bankhäuser vor, die Hitler den Sieg bei der Reichstagswahl 1933 finanziert haben sollen.

Quellen und Literatur

K. W. Sanner: Betrogener Jahrgang, Bargstedt 1984 | Spiegel 31/1965 | J. H. Slawig, Stade 2013 | V. F. Drecktrah/J. Bohmbach (Hg.): Justiz im Nationalsozialismus im Landgerichtsbezirk, Stade 2004 | Presse-Slg. im Bundesarchiv VVN-BdA, Hamburg | O. Schröm/A. Röpke: Stille Hilfe für braune Kameraden, Berlin 2001 | U. R. in blick nach rechts 25–26/2001, Zevener Zeitung 10.12.2001, Weser Kurier 13.12.2001 | Stader Tageblatt 27.9., 30.9.1976, 21.10., 6.11.2000 | Berliner Zeitung 14.11.2000 | Hamburger Abendblatt 15.11.2000 | NPD-Einladung zum 25.11.1969 [Privatarchiv A. D.] | U. R. in blick nach rechts 22/2000, Weser Kurier 20.9.2004 | Stader Tageblatt 7.8., 9.8., 16.8., 28.8., 20.9., 26.9.1984, 19.1.1985 | Deutsche National-Zeitung 21.9.1984 | K. W. Sanner: Odyssee einer Barkasse, Bargstedt 1985

© Uwe Ruprecht

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