Edgar Geiss, Michael Kühnen, Christian Worch und andere Anführer

Worchs Waffenkunde — 15. Februar 2007 • »Ich Esel« im Bahnhof — 1978/79 • Stratege der Straße — 15. Februar 2007 • Steine auf der Straße — 5. März 2005 • Mit Gift zu Tisch — 17. März 1978 • Geste am Grab — 13. Februar 1978 • Über das Grab hinaus — 22. April 1994 • »Mafia der nationalen Nachgeburt« — 1978/79 • Stütze des nationalen Widerstands — 2012 • Bedrohung und Enthüllung — 22. Oktober 2005 • Leichensucher — März/September 2012 • Schatzmeister im Schatten — 1973–2012 • Stiller Sekretär — 10. Januar 2006 • Straßentheater — 2004/05

Wiking-Jugend / Schwarze Sonne (Bild: urian)

Worchs Waffenkunde — 15. Februar 2007

Tätowierte und Gepiercte sind längst die »abseits stehenden Deutschen«, die sich nach Christian Worchs Worten einreihen sollen. Erste seiner Anhänger tragen zarte Zeichnungen im Gesicht. Bei Versammlungen behelfen sich die Unsterblichen mit der Maske, die zugleich vermummt und uniformiert.

Worchs Leitbild, das Militär, hat ausgedient. Als er Jüngling war, trug seine Bande schwarze Schaftstiefel, Lederjacken mit Armbinden, weiße oder braune Hemden und Motorradhelme. Sie trat in Zweierreihen an, nach Größe sortiert, der Anführer vorne rechts mit wehendem Schlips und links einer mit »Schiffchen«, der Kopfbedeckung des Bundeswehrsoldaten. Generationen wurden in der Kaserne, auf Stube und im Manöver sozialisiert.

Worch, Gehilfe im Notariat eines späteren Hamburger Bürgermeisters, wurde ab 1977 bei Aufmärschen fotografiert und gehörte nach eigenen Angaben ein halbes Jahr den Jungen Nationaldemokraten an – »eine Ewigkeit her«. Damals musste sich einer peinlichen Gewissensprüfung unterziehen, wer den »Dienst an der Waffe« zu verweigern beabsichtigte – mit geringer Aussicht auf Erfolg. Die Mehrheit der männlichen Jugend lernte gehorchen und den Umgang mit Handfeuerwaffen und Handgranaten, Panzerfäusten und Panzern.

Der Durchsatz mit Uniform- und Waffennarren war groß; Geballer mit Kleinkaliber-Gewehren gehörte zum Alltag von Jugendlichen nicht nur auf dem Land. Die unbedingte Wehrpflicht förderte freilich auch den Abscheu vor Militaria.

Geneigte junge Männer wie Worchs Schüler kennen sich weiterhin virtuell via Videogames mit Waffentypen aus und besitzen Messer, Schlagringe, Zwillen. Statt mit dem Standardgewehr der Bundeswehr gehen sie mit Gaspistolen um. Sie üben in Wehrsportgruppen so gut wie in Paintball-Hallen und bei Schützenvereinen.

Worch nimmt Waffen sehr wichtig. Vor Anschaffung einer illegalen Schusswaffe müsse man eine »Kosten-Nutzen-Kalkulation« anstellen, belehrt er, und die Wahrscheinlichkeit einer Notwehrlage, in der die Waffe brauchbar sein könnte, sei abzuwägen gegen die Gefahr, dass sie bei einer Durchsuchung entdeckt wird.

Er philosophiert über die Treffergenauigkeit eines Maschinengewehr-Schützen im Vergleich zum Scharfschützen und schließt seine Aperçus über Schlachtordnungen mit einem asiatischen Aphorismus: »Wenn der Feind an einen Berg denkt, greife an wie das Meer.« Dann zieht er wieder eine Waffen-Metapher und vergleicht die Schussfrequenzen von Pistole und Revolver. Er hat gründlich über Gummigeschosse nachgedacht.

Eben bildete Worch einen 20-jährigen Hamburger zum »Volkstribun« aus, schickte ihn Samstag für Samstag als Redner zu Kundgebungen in Lübeck wie Leipzig, Essen, Potsdam, Moers und wiederholt in Hamburg-Harburg und im Umland, in Lüneburg und Stade. Unter dem Schutz der Meinungsfreiheit wünschte sein Zögling im März 2005 in Dessau seinen Feinden, dass sie ebenso »gegrillt werden im Feuersturm« wie einst die Bombenopfer. Zuerst und zuletzt trat der bekennende Himmler-Verehrer in Buxtehude auf.

»Ich Esel« im Bahnhof — 1978/79

Worch ist mittelgroß und massig, sein Blick verhangen und verstreut. Er lächelt selten und allenfalls überheblich. Er hält sich für einen überragenden Kopf und sagt es gerne laut.

Beim Tête-à-Tête im Klosterkrug, einer gediegenen Gaststätte am See von Buxtehude-Neukloster, notiere ich wenig. Die allfälligen politischen Ansagen überhöre ich und achte auf Zwischentöne.

Mal scheint Worch nicht mit mir, sondern zu seinen wesentlich jüngeren Gefolgsleuten zu sprechen, und ich bin versucht, ihn daran zu erinnern, dass uns knapp zwei Jahre trennen, eine in unserem Alter abgeschmolzene Differenz. Sein Zeitgeist ist auch meiner, wir teilen politische wie ästhetische Prägungen der Jugend. Ich bin vertraut mit Orten seiner Taten.

Braune Bande (Bild: urian)Ich hätte zufällig zugegen sein können, als er Mai 1978 durch die Wandelhalle des Hamburger Hauptbahnhofs marschierte, hinter ihm Kameraden mit Masken und einem Schild vor der Brust: »Ich Esel glaube noch, dass in deutschen KZs Juden vergast wurden«. Kein Video auf YouTube, aber eine Foto-Serie hat den Augenblick festgehalten. Die Nummer ist vielfach kopiert worden.

»Ich bin ein dummer Esel, weil ich immer noch daran glaube, dass mein Großvater ein Verbrecher war« hieß es 2004, ebenfalls in Hamburg, zur Ausstellung Vernichtungskrieg – Verbrechen der Wehrmacht. 2005 verteilte ein Maskierter an einer Schule in Berlin-Weißensee Schulhof-CDs und trug ein Schild: »Ich Esel lasse mich von meinen Lehrern gegen die NPD aufhetzen«. Wiederaufführung mit dem Slogan »Ich Esel glaube, dass der Euro uns Deutschen nutzt« im Juni 2012 in der Regie der NPD. Einen leibhaftigen Esel setzte einst die NSDAP ein, um »Werbung« für das KZ Dachau zu machen.

1978 gelangten die ersten Flüchtlinge aus Vietnam, »Boat People«, in die Bundesrepublik. Der Hamburger Innensenator zählte an die 600 Personen in 20 Gruppen, die Hakenkreuze zeigten, althergebrachte Uniformteile und bevorzugt Kaiserbärte trugen. Worchs Kameradschaft trat zur Bürgerschafswahl an. Bei der Parteigründungsversammlung filmte das Fernsehen; die Polizei ließ die Aktionsfront Nationaler Sozialisten in schwarzen Kampfanzügen und Reih und Glied durch die Stadt marschieren.

»Die Augen fest geschlossen haben besonders die Behörden in Kanzler Schmidts Hansestadt Hamburg«, notierte eine Illustrierte, die mitunter besser informiert schien als die Behörden. Neonazis schienen im Aufschwung – da erlitten sie einen ihrer schwersten Rückschläge.

Nicht durch einen der von Soziologen und Politologen bevorzugt dargestellten Marksteine der Erinnerungskultur, als da wären: der Eichmann-Prozess 1961 und das Frankfurter Auschwitz-Verfahren 1963, durch die erstmals Einzelheiten der Staatsverbrechen verbreitet wurden; der »Historikerstreit« 1986 um zwei sachlich abwegige Fragen von Ernst Nolte (»War nicht der ›Archipel Gulag‹ ursprünglicher als ›Auschwitz‹? War nicht der ›Klassenmord‹ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ›Rassenmords‹ der Nationalsozialisten?«); die Formel vom »Tag der Befreiung«, die der Bundespräsident zum 40. Jahrestag des Kriegsendes propagierte; der 1996 vom US-Historiker Daniel Goldhagen in seiner Studie über Hitlers willige Vollstrecker behauptete »eliminatorische Antisemitismus« der Deutschen; während der ganzen 1990er die Planungen für das Holocaust-Mahnmal in der Hauptstadt; ab 1997 die Ausstellung über »Verbrechen der Wehrmacht«; 1998 Martin Walsers Rede über die »Auschwitz-Keule«.

Der Rückschlag für Worch und Konsorten erfolgte nicht durch Buch oder Bundestagsdebatte. Weder das Oktoberfest-Attentat noch die NPD-Verbotsverfahren oder die Entdeckung des NSU, nicht wirkliche Vorkommnisse waren vergleichbar verheerend für das Ansehen der Braunen Banden wie die Fiktionen einer Fernsehserie. Holocaust in der Regie von Marvin Chomsky verlieh den namenlosen Verbrechen Gesichter, indem es sie aus der Sicht der Opfer schilderte.

Zugleich versah es sie mit einem dauerhaften Etikett, einem nicht-deutschen Wort, wodurch das Grauenhafte weiterhin fremd bleiben konnte. Der Film ist nicht dokumentarisch, die historischen Verhältnisse werden von ihm grob geschnitzt, und er ist zu wenig Kunstwerk, um seine Zeit überlebt zu haben. Gleichwohl wirkte er einschneidend und »bescherte den Deutschen ein kollektives Erwachen, einen kollektiven Schock über die Geschehnisse im Dritten Reich, von dem sie sich bis heute nicht mehr so richtig erholt haben«. Bis dahin Unerhörtes fand auf dem heimischen Bildschirm statt. »Als ob ein eitriges Geschwür plötzlich aufgeplatzt sei, so wirkte diese kollektive Trauerreaktion.«

Schon im Vorhinein äußerten alte wie nachgewachsene Nationalsozialisten ihre Wut in Schriften und Taten. »Spiel mit das Lied von der Wahrheit«, titelte die Pommersche Zeitung in Anspielung auf einen Italo-Western und lamentierte: »Kein Spur des Gedenkens an die systematische Abschlachtung von Indianern auf dem nordamerikanischen Kontinent, kein Gedanken an die Wehen der Oktober-Revolution in Russland und die Säuberungsaktionen unter Stalin, vergessen, vergessen …«

Der später mit Christian Worch gut bekannte Peter Naumann jammerte nicht, er sprengte Sendemasten und sabotierte die Ausstrahlung im Januar 1979.

Stratege der Straße — 15. Februar 2007

»Leaderless resistance«, kopfloser Widerstand, das Konzept des Schwarms, lautet Worchs Antwort auf das wieder einmal angedrohte NPD-Verbot. Ob als Partei, als Kameradschaft, als Aktionsbüro, in Netzwerken mit Mobiltelefon und Internet – das Milieu hat alle Verbote überlebt und ist gewachsen.

»In der NSDAP steht ihm eine große Karriere bevor«, hieß es 1978 über Worch, »sollte er nicht auch dorthin wandern, wo solche Gestalten landen müssten: hinter Schloss und Riegel.« Er saß insgesamt knapp vier Jahre ein, zuletzt 1997, unter anderem wegen »Fortführung des organisatorischen Zusammenhanges einer verbotenen Organisation«, nämlich der Hansa-Bande.

Im Klosterkrug gibt er sich zuversichtlich: »Der Kreis der Strömungen ist groß genug, um für jede Aktion genügend zu mobilisieren.« Das NPD-Verbot werde Bewegung in die Bewegung bringen wie bereits beim ersten Versuch.

Die Zerschlagung der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei FAP erzeugte die Freien Kameradschaften und Freien oder Autonomen Nationalisten, die sich vermöge offener Strukturen ohne Vereinsförmlichkeiten, durch Mobiltelefon und Internet vernetzt geschmeidiger in die Gesellschaft einpassten als es Skinheads oder Parteikadern jemals gelungen wäre.

Im Dezember 2012, während die Bundesländer zu einem weiteren Verbotsversuch entschlossen sind, tritt Worch mit der Partei Die Rechte auf. Sie ist vor allem eine Geste in Richtung der NPD-Hierarchen, mit denen er als Einzelgänger seit je im Clinch liegt, ein ausgestreckter Mittelfinger: Worch bereitet sich darauf vor, die Reste der zu zerschlagenden Partei aufzusammeln.

Während Adolf Dammann, der in Neukloster mit am Tisch saß, als Spitzenkandidat für die Landtagswahl antritt und emsig über die Dörfer tourt, um Unterschriften für die Zulassung zu erbetteln, gibt Worch zu Protokoll, dass ihm die NPD nicht rasch genug verschwinden kann. Wie das Verbot symbolische Politik, ist die Debatte insofern symbolisch, als sie als Prinzipienreiterei abseits aller Tatsachen geführt wird. Auf den Verbotsfall ist auch Dammann vorbereitet, und das Tischtuch zwischen ihm und Worch ist nicht zerschnitten.

Beim Date im Klosterkrug kommt Worch bisweilen aus dem Takt. Er zitiert zum zweiten Mal Shakespeare oder einen römischen Philosophen, als handle es sich um besondere Schmuckstücke seines fein ziselierten Hirnkastens.

Bis zu seinem 35. Jahr war er Gefolgsmann des bedeutendsten Kopfes, den seine Kreise hervorgebracht haben; seither versieht er mit Haut und Haar die Rolle eines Anführers unter Leuten, bei denen Tatkraft alles und Nachdenklichkeit nichts zählt. Er gibt sich den Anschein eines Grüblers, aber seine Rolle ist die des »Bewegungsunternehmers«. Er ist ein »Dienstleister für die Organisation von Protest, Spaß und Freizeit-Abenteuern«.

Er hält keine aufrüttelnden Reden, sondern liefert Geschäftsberichte ab. Zwar schreibgewandter als das Gros seiner Kameraden, kreist er stur in einem engen Zirkel von Ideen, die nicht seine sind. Die Konzepte, nach denen er operiert, stammen von seinem einstigen Chef. Der Geist, der beide beseelte, ist wiederum von ihren Großvätern übernommen und ließ sich stets ohne ausgereifte Worte mitteilen.

Shakespeare als Gewährsmann für die nationale Revolution ist eine postmodern beliebige Kombination und eine Verschwendung, an seine Kameraden wie an den Reporter. Nicht dank einer in Gedankengänge gegliederten Ideologie geht Worch seit Jahrzehnten vorne weg, sondern indem er einer Geschäftsphilosophie folgt und eine Marktstrategie praktiziert.

Er hat Immobilien geerbt und kann sich ganz seiner Mission widmen. Müßiggang kennt er zur Zeit des Gesprächs am Esstisch in Neukloster nicht. Alle Tage ist er auf Tour zu Kundgebungen und gibt zwischendurch Stellungnahmen im Internet ab. Nicht zuletzt verfasst er die Schriftsätze im »Rechtskampf« um das Versammlungsgesetz, an dem sein Herz hängt. »Im Rechtskampf ist er ein Genie«, sagt Adolf Dammann über ihn.

Ich frage nach dem Onkel aus Stade, den Worch in einer Rede ebendort als juristisches Vorbild erwähnte. Das Übrige war an mir vorbei gerauscht; beim Onkel horchte ich auf, weil Worch sich wie ein hanseatischer Kaufmann ungern über Privates auslässt. Er antwortet mit einem Namen, der mir nichts sagt. Das Todesdatum 2006 schließt ihn als Erbonkel aus, erklärt aber, dass er gerade gestorben war, als Worch ihm in seiner Rede huldigte, ohne dass seine Zuhörer es merken konnten. Ich finde den Rechtsanwalt in einem alten Telefonbuch; seine Kanzlei lag in Sichtweite des Platzes, an dem Worch ihn würdigte.

Gewohnt daran, sich deutliche Worte aus Sorge um strafrechtliche Ahndung zu verbeißen, ist er auch im politisch Unverfänglichen verkniffen. Am wahrhaftigsten dürfte er in den Romanen gewesen sein, die bei erzwungenem Müßiggang entstanden, »völkische Fantasy, mit Fahnen und Symbolen«, zu der ihm sein Anführer geraten hatte, der selbst im Gefängnis die Schriften verfasste, von denen Worch zehrt.

Als Falk von den Buchen und Martin Neumann veröffentlichte er seine Knast-Storys vom Krieg zwischen Schatten und Licht: Der weiße Ritter aus dem Weltraum, der ein verkappter Söldner aus Südafrika ist, rettet die Erde vor der Invasion einer fremden Rasse. Und wie viele Knackis träumte er, einmal groß rauszukommen. Als er wegen »Fortführung einer für verfassungswidrig erklärten Partei« einsaß, erschuf er für einen Alter-Ego-Shooter auf Papier eine Terror-Map.

Steine auf der Straße — 5. März 2005

»Niederschwellige irische Verhältnisse« könne er sich für den »nationalen Befreiungskampf« in Deutschland vorstellen, sagt Worch im Klosterkrug und lehnt sich lächelnd zurück. Steinewerfen als Alltag wie in Belfast.

Steine flogen, als ich im Dezember 1987 einen Blick auf die Verhältnisse in Harburg warf. Worch könnte an dem Tag dabei gewesen sein; mir fällt im Klosterkrug nicht ein, danach zu fragen. Es war lange bevor Neonazismus unter Wende, ostdeutsche Zustände, steigende Arbeitslosigkeit und stagnierende Wirtschaftskonjunktur abgelegt werden konnte.

Ein Treffen von Worchs Partei, der FAP, war verraten worden. Über 200 Demonstranten bedrängten am alten Bahnhof 30 Kameraden. Die kleine Schar Polizisten war überfordert. Als sie woanders beschäftigt war, wurden Steine und Flaschen geworfen, Knüppel geschwungen.
Im einzigen Zeitungsbericht wurde eine Passage mit Steinen aus Vorsicht gestrichen. Journalisten mussten die Braunen weniger fürchten als die Polizei. Fotos wurden unter Pseudonym gedruckt, um einer Beschlagnahme vorzubeugen, wenn die Polizei gegen Demonstranten ermittelte und Redaktionsgeheimnisse missachtete.

2013 verkündeten entweder ignorante oder verlogene Medien als Neuigkeit, dass der niedersächsische Verfassungsschutz die wenigen Journalisten, die über Neonazis berichten, als Staatsfeinde bespitzelt. Aller Rhetorik der politischen Korrektheit zum Trotz hat sich in einem Vierteljahrhundert nichts geändert: Wer sich die Braunen genauer anschaut, gilt als Linksextremist oder als Sympathisant. Das stellt sicher, dass nicht allzu viele sich bemühen, Bescheid wissen und die ansonsten staatstreuen Bürger, die sich bei passender Gelegenheit vor Kameras als Gegner bekennen, nicht wirklich wissen können, wogegen sie sich eigentlich stellen.

Im Frühjahr 2005 gastierte Worch vier Mal in Harburg. Die Polizei sperrte Teile der Innenstadt und räumte kilometerlange Marschrouten für ihn frei. An einem bitterkalten verschneiten Märztag wird für 50 Kameraden ein Käfig aus Absperrgittern errichtet. Um diesen Zoo drängen sich drei Stunden lang bis zu 300 Gegendemonstranten. Die ersten braunen Bestien, die das Gehege betreten, genießen es wie eine Bühnenshow.

Ein Bürschchen im Outfit eines Halbstarken aus seines Großvaters Epoche, der frühen Nachkriegszeit, gebärdet sich als Popstar. »Gebt den Nazis die Straße zurück – Stein für Stein!«, empfängt ihn die Antifa. Schneebälle fliegen, Knallkörper detonieren, dann bleibt es friedlich.

In den Läden und Cafés ringsum bemerkt man nichts außer Lärm, wenn die Reden in Pfeifkonzerten untergehen. Schon der Kälte wegen ist der Passantenverkehr spärlich, andere meiden aus Angst das Einkaufsviertel. »Mir ist mulmig«, sagt ein SPD-Mädchen, das vor einem Kaufhaus Flugblätter verteilt, und dankt der Polizei, dass sie die Bösen im Zaum hält. Ob sie mit denen persönliche Erfahrungen hat? Nein, das nicht. »Wegen vier Kindern macht ihr so ein Theater?«, schüttelt ein Mann den Kopf.

Ein Transparent der Eingesperrten verkündet: »Wer seine Vorfahren verrät, verrät sich selbst. Wir bleiben uns treu.« Der Versammlungsleiter verliest die Auflagen und sagt, dass er »Ruhm und Ehre der Waffen-SS« nicht laut sagen darf. Die Medien haben sich zu den wilden Tieren begeben. Eine Art Riefenstahl führt Parteitagsregie. Ihr Kamerateam filmt Christian Worch in einem Sonnenfleck.

Eigentlich wäre er längst am Mikrofon der Kameraden dran, aber das TV hat noch nicht genug. Also ein weiteres Lied aus der Plattenkiste der Brüderschaft, bis der Führer mit dem Fernsehen fertig ist. Es zeichnet goldene Worte des Buchhalters der Bewegung zum Versammlungsrecht auf: »Ich denke, man kann damit allenfalls eine winzige Minderheit von Kundgebungen verbieten, wenn man sich überlegt, dass wir im Jahr durchschnittlich zur Zeit 100 Demonstrationen und öffentliche Kundgebungen unter freiem Himmel machen, dann wird das sehr marginal sein, ich denke, dass wird sich im einstelligen Prozentbereich halten.«

Einer brüllt im Lautsprecher: »Wir sind die letzte Kraft, die dem Abgrund entgegen steht.« Für einen anderen existieren Ältere nicht oder gehören zu der schweigenden Mehrheit, die insgeheim seine Visionen billigt. Als seine Gegner sieht er Leute seines Alters, 18, die bei »Mami und Papi« leben, die ihnen »das Geld in den Arsch blasen«. Ohne die verleumderischen Medien, die von einer gewissen Verschwörung angeleitet werden, ohne Polizei und Antifa, stellt er sich vor, würden die volkswilligen Massen die Bühne stürmen, ihm die Flugblätter aus den Händen reißen, ihn auf Händen tragen zum Endsieg.

Es endet mit einem Déjà-vu, einer Verfolgung zum Bahnhof wie 18 Jahre vorher. Die Polizei treibt die Bande durch den Samstagnachmittagsverkehr zur S-Bahn. Die Antifa setzt nach und wird an den Rolltreppen aufgehalten. »Widerstand, Widerstand«, rufen die Abgeführten und schimpfen auf die »Drecksjournaille«, als sie drei Stockwerke tief in die Tunnel steigen. Beamte in Kampfmontur schieben sie in den Zug. Die Türen schließen sich.

Christian Worch muss sich nicht in den Untergrund durchschlagen, nur Mannschaften und Unteroffiziere. Halb drei, der Spuk ist vorläufig vorbei. Im Mai kommt er wieder.

Mit Gift zu Tisch — 17. März 1978

An Stelle der Stasi, sagt Christian Worch zum Nachtisch in Neukloster, hätte er den Aufstand, die »nationale Revolution« niedergeschlagen – mit Giftgas. »Eine Million Menschen haben beim Zusammenbruch der DDR mit den Füßen abgestimmt.« Heute, rechnet er vor, wären es vier Millionen, zwei Drittel von sechs Millionen Arbeitslosen, um den Staat auf der Straße zu Fall zu bringen. Sofern die Machthaber nicht seinem Rezept folgen.

Ein anderes Mal, Worch war nach damaligen Recht gerade volljährig, wurde Erbsensuppe aufgetischt. Die Runde spottete darüber, was die Roten essen würden. »Bestimmt rote Grütze!«, schlug einer vor. »Christian Worch strahlt: ›Denen müsste man Zyankali in ihren Eintopf tun, dann wäre die rote Brut mit einem Schlag dahin.‹ Munteres Kopfnicken allerseits.«

Soeben war Worchs Anführer als Leutnant geschasst worden. Seiner politischen Betätigung wegen, heißt es. Die hat die Bundeswehr bei anderen nicht gestört und würde es weiterhin nicht. Michael Kühnen, Jahrgang 1955, machte in mehrfacher Hinsicht Aufsehen und erregte Anstoß. Verlässliche Angaben über diese Figur der Zeitgeschichte sind spärlich.

Rätselraten herrscht bis in neueste Publikationen zu einem Punkt, über den vor seinem Tod im April 1991 Klarheit herrschte, indem daraus eine Bruchstelle seiner »Gesinnungsgemeinschaft« mit Zerwürfnis und Spaltung wurde. Eine verbürgte Quelle für AIDS als Todesursache gibt es anscheinend nicht; über seine sexuelle Orientierung kann indes keiner der Zweifel bestehen, die darüber verbreitet werden.

»Kühnen selbst hat sich neuerdings dazu bekannt, homosexuell aktiv zu sein, was unter der Hand seit langem gemunkelt wurde«, hieß es 1986. »In einem kruden Versuch, die Homosexualität ›nationalsozialistisch‹ zu begründen, erläutert er: Männer hätten nun mal von Natur aus ›überschüssige Sexualität‹, die sie sinnvollerweise in ›nationalen Männerbunden‹ ausleben müssten, derweil die Frauen mit dem Kinderkriegen und -erziehen beschäftigt seien. Männerbünde seien auch besser als der Besuch von Bordellen oder das ›Einbrechen in fremde Ehen‹.«

Die engsten Gefolgsmänner konnten von seinem Outing nicht überrascht worden sein. »Er war der einzige, den ich als Autorität anerkannte, und die Tatsache seiner Homosexualität hielt ich zunächst für übelste Propaganda«, stellt einer seiner letzten Jünger, Ingo Hasselbach, im Nachhinein fest – und schwärmt weiterhin: »Er konnte Privates und Politisches sehr gut voneinander trennen, und man hatte nie das Gefühl, er habe eine vorgefasste Meinung. Er war nicht verbohrt oder in seiner Haltung festgefahren wie seine Anhänger [Gottfried] Küssel und Worch […] Es erschien mir, dass er allen um Längen voraus sei, und seine Überlegenheit war damals für die natürlichste Sache der Welt.«

Worch zeigt sich tolerant dem gegenüber, was andere, und nicht nur seine Kameraden, als »widernatürlich« ablehnen und meint, »niemand sei wegen seiner sexuellen Orientierung aus dem nationalen Lager auszugrenzen«. Eingehender hat er sich dazu so wenig eingelassen wie zu anderen weltanschaulichen Problemen, zu Lebensweisen oder Religion.

Er ist Feldherr, kein Theoretiker. Das Stück ist nicht das Metier des Geschäftsführers in einem Theater, dessen Intendanz lange verstorben ist. Den Führer kann es ohnehin nur einmal geben.

Ich frage im Klosterkrug nicht nach Kühnen, sondern werfe einen näher liegenden Namen ein. Die Erwähnung seines Onkels parierte Worch, so unerwartet sie war. Nach der Beziehung im Einzelnen zu fragen, schloss sich aus. Er ging sofort über zu seinen Eilanträgen beim Bundesverwaltungsgericht und zählte sie auf; einige von ihnen hatte er vielleicht nach Konsultation des Anwalts-Onkels vorgebracht.

Über Edgar Geiss verliert er kein Wort, sieht zum Fenster hinaus und wartet auf die nächste Frage. Dort, wohin sein Blick geht, knapp zehn Kilometer entfernt, wohnte der Coach der Esel-Aktion, mit Kühnen als Untermieter und Worch als regelmäßigem Gast, in Beckdorf hinter Apensen. Drei Monate vor dem Maskenspiel am Hamburger Hauptbahnhof ging ein Foto von Geiss mit Hitler-Bart und gestrecktem Arm durch die Weltpresse.

Wahre Geschichten werden im Verborgenen geschrieben, Mythen wachsen aus demselben Dunkel hervor. Man weiß kaum, welche Figuren ihrer eigenen Ahnenreihe im Pantheon der Braunen Bewegung aufgestellt sind und ist vielfach auf das Zeugnis von Abtrünnigen angewiesen. So unzweifelhaft Worchs Hingabe ist, sind von ihm keine ähnlich hymnischen Sätze über Kühnen bekannt wie die vom »Aussteiger« Hasselbach. Kühnen ist sagenumwoben, hat aber wie sein Nachfolger Worch reichlich öffentliche Spuren hinterlassen. Beider 1992 verstorbener Mentor steht tief im Schatten.

Geste am Grab — 13. Februar 1978

Edgar Geiss ist der unbekannteste unter den einflussreichsten Anführern. Mir geriet er weder politisch noch kriminalistisch sondern über seine Religion in den Blick, bei Recherchen zu einer Anlage aus der Jungsteinzeit.

Ein Schild, das sie als archäologische Sehenswürdigkeit auswies, wurde abmontiert, weil es stets mit verbotenen Zeichen beschmiert war. Auf Karten, die Dutzende von »Hünengräbern«, »Hügelgräbern« und »Steingräbern« verzeichnen, fehlt der Dohrn. Reiseführer und Tourismuswerber übergehen die »Pyramiden der Unterelbe«.

Der Buchenhain mit Steinsetzungen, die vielleicht Gräber oder etwas ganz anderes waren, ist der sagenhafteste Platz der Gegend und seit je ein Treffpunkt für aller Arten Anhänger des Okkulten, für Neuheiden wie Geiss, Roeder und Rieger. So beliebt das Areal als Heiligtum ist, wird sein Kultcharakter beschwiegen – bis auf eine Ausnahme, ein vom Geist der Zeit durchdrungenes Heft zur Heimatkunde, das die Steine 1936 als germanisch deutet und darum eine Sage spinnt von »Wodans Drohung« gegen einen Schänder, der »übermütig und neugierig war«; alte Krieger mit Speer und Streitaxt erscheinen an seinem Bett und schimpfen ihn aus.

So wenig auf den Dohrn bei Apensen hinweist, so mysteriös erscheinen die braunen Flecken auf der geistigen Landkarte. Sie waren unsterblich, bevor sie ewige Aufnahme im Server-Space fanden, waren schon immer da und verschwinden nicht durch Demos oder Polizeimaßnahmen, nicht durch Verbote oder weil Schilder abmontiert werden.

In der Stammkneipe der Aktionsfront Nationaler Sozialisten ANS sitzen 1978 12 Mann um einen Tisch, darunter Michael Kühnen und Christian Worch, sowie ein Spion der Gewerkschaften, der davon berichtet.

»Wir bekommen Besuch von einem Ehepaar, das besonders herzlich begrüßt wird. Es ist Edgar Geiss mit seiner Frau. Ihn hatte ich bereits auf der Veranstaltung der ›Bauernschaft‹ Ende Februar gesehen. Geiss soll den Keller seines Hauses zu einer regelrechten Kultstätte nazistischer Orden, Bilder und Embleme ausgebaut haben. Er gilt als Verbindungsmann der ›Deutschen Bürgerinitiative‹ des Manfred Roeder zur ›Aktionsfront‹, denn er ist in beiden Gruppen in leitender Funktion. Heute ist er dabei, weil es um die Organisierung eines Flugblatteinsatzes am morgigen Samstag in Harburg geht.«

Die Bauernschaft. Für Recht und Gerechtigkeit war die Zeitschrift, als deren Mitarbeiter sich Geiss und Kühnen die Berufsbezeichnung Journalist zulegten. Herausgeber des Blatts war Thies Christophersen (1918–97), als Waffen-SS-Mann in Auschwitz in einer Abteilung für Pflanzenschutz tätig und Autor der Auschwitz-Lüge (Kiel 1973). Er wechselte von der CDU über die Deutsche Partei zur NPD, die ihm immer noch »zu demokratisch« erschien. Er erfand für sich den Beruf des »Agrarjournalisten«.

Auf der Veranstaltung seiner Bürger- und Bauerninitiative in Hamburg, bei der der Gewerkschaftsspion Edgar Geiss beobachten konnte, hielt Karl-Heinz Hoffmann die Hauptrede. Einen Monat vor der Kneipen-Szene, am 13. Februar, hatte Edgar Otto Frank Geiss oder Edgar W. Geiss, wie er selbst seinen Namen schrieb, einen Moment Weltruhm geerntet. Unter großen Andrang wurde in Soltau Herbert Kappler zu Grabe getragen. An der offenen Grube hob Geiss den Arm zum deutschen Gruß. Wie mit der Esels-Aktion bewies er Geschick für mediale Präsentation.

SS-Obersturmbannführer Kappler, Chef des römischen Außenkommandos der Sicherheitspolizei und des SD, befehligte die größte Repressalerschießung in Westeuropa während des Krieges. Einen Tag nach der Landung der Alliierten unweit der italienischen Hauptstadt verübten Partisanen ein Bombenattentat auf eine Einheit der Ordnungspolizei, dem 33 Deutsche zum Opfer fielen. Am 24. März 1944 wurden in den Tuffsteinhöhlen an der Via Ardeatina im Verhältnis eins zu zehn Geiseln umgebracht, plus fünf Personen, die »aus Versehen« zuviel an den Hinrichtungsort transportiert worden waren.

Kappler wurde 1948 von einem italienischen Militärgericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Als Krebspatient ins Krankenhaus verlegt gelang ihm im August 1977 die Flucht. Eine Heilpraktikerin aus Soltau, die er inzwischen geheiratet hatte, soll den abgemagerten Mann in einem Koffer fortgeschleppt haben; aufgeklärt wurde der Vorgang nie.

Rechte wie Linke demonstrierten sofort nach Kapplers Eintreffen vor dem Haus seiner Frau. Dort hielt Lutz Wegener von der Hansa-Bande Wache und verteilte ein Flugblatt: »Wir Nationalsozialisten werden uns eines Tages freuen, dass die KZs zur Erinnerung an nie stattgefundene Gräueltaten so gut erhalten worden sind. Man kann sie eigentlich von einem Tag auf den anderen in Betrieb nehmen.«

In einem Soltauer Festsaal forderte der Chefredakteur von MUT, Bernhard C. Wintzek, »Schluss mit den widerwärtigen NS-Prozessen in Deutschland«. MUT wurde als Jugendzeitschrift im Umfeld der NPD gegründet und bis 1984 in den Berichten des Verfassungsschutzes erwähnt. Das Blatt verschränkte Neonazismus und Konservativismus. 1988 bekannte sich Bundeskanzler Kohl als »ständiger Leser«.

Neben Wintzek saß auf dem Podium Udo Walendy. Er »war über viele Jahrzehnte einer der prominentesten Vertreter des ›Geschichtsrevisionismus‹«, zählt »zu den Pionieren dieser Spielart des Rechtsradikalismus« und sicherte seinen Einfluss im Internet. Die Ehrerbietung für Kappler erreichte ihren Höhepunkt im August 1978, als Peter Naumann einen Sprengstoffanschlag auf das Museum in Rom verübte, das dem Gedenken an das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen gewidmet ist.

»Unter dem Unwillen der Trauergemeinde« habe Edgar Geiss den rechten Arm erhoben, behauptete Die Welt und zitierte die Staatsanwaltschaft in Lüneburg, wonach die Geste »›nicht unbedingt aus Überzeugung‹ entboten worden sein« sollte. »›Mehreren Hinweisen zufolge‹ habe der Täter ›Kontakte in Ost-Berlin gehabt‹«, meinte die Anklagebehörde. Geiss als Söldner der DDR ist eine Interpretation im Sinne der Welt: »In der Tat ist Geiss einer jener Wanderer zwischen West und Ost: als ›Krimineller‹ wurde auch er von drüben ›abgeschoben‹.«

»Das war der Gruß der Deutschen Wehrmacht«, begründete Geiss seine Abschiedsgeste, die mit einer Geldstrafe von 9600 Mark geahndet wurde. Im selben Sommer wurde ihm für seine Flugschrift Der Wind schlägt um der Prozess gemacht. So hieß auch das Gedicht einer Kampfgenossin: »Der Deutsche kann nicht mehr in Knechtschaft leben! / Gerechtigkeit beginnt sich zu erheben / nicht jeder Richter macht den Rücken krumm / der Wind schlägt um!« Bei einer Hausdurchsuchung fand die Polizei ein unangemeldetes Kleinkaliber-Gewehr.

»Eine Lappalie«, meinte Geiss zu einem Reporter, der ihn in Beckdorf besuchte. Den Hitler-Bart hatte der 49-Jährige inzwischen abrasiert. Aber ein Führer-Bild hing im Wohnzimmer, und sein Papagei Laura krächzte »Heil Hitler«.

»Es schmerzt uns nicht, wenn Leute wie Buback nicht mehr leben«, ließ Geiss sich über den im Vorjahr von der RAF ermordeten Generalbundesanwalt zitieren. Mit »uns« meinte Geiss den 60 Personen umfassenden Gau Hamburg der ANS.

»Ich bin kein Demokrat im Sinne der heutigen Verfassung«, bekundete Geiss. In Deutschland hätten die von den Siegermächten eingesetzten Parteien das Sagen, mithin sei das Grundgesetz Besatzungsrecht. Er mache »in allen nationalen Organisationen« mit, nur nicht in der NPD: »Die ist ja demokratisch«. Mit der ANS kämpfe er für die »Wahrheit über die Kriegsschuldlüge«, gegen den »Vergasungsschwindel« und für die »Wiederherstellung des Deutschen Reichs«.

Im Dorf, berichtete der Reporter, nehme man Anstoß an den schwarzgekleideten Männern, die häufig zu Besuch seien und über Nacht blieben. Vielleicht auch nicht. Von Journalisten befragt, ergreift niemals jemand die Partei der Neonazis und ist selbstverständlich Antifaschist. Noch lange nachdem Geiss fort war, nach der Jahrtausendwende war Beckdorf eine Quelle kameradschaftlichen Nachwuchses.

Über das Grab hinaus — 22. April 1994

Geboren 1929 gehört Edgar Geiss zur so genannten »Flakhelfer-Generation«, des »Führers letzte Helden«, die nach der Maxime »materieller Reichtum und funktionale Leistungsfähigkeit« den »Aufstieg aus Ruinen« bewerkstelligten: »Zu jung, um ein Nazi gewesen zu sein, aber alt genug, um vom Nazi-System mitgeprägt worden zu sein«. Die Generation, die das 1976 proklamierte »Modell Deutschland« verkörperte: Joseph Ratzinger, Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher, Johannes Rau, Ernst Albrecht, Joachim Fuchsberger, Friedrich Nowottny, Martin Walser, Jürgen Habermas.

1929 wurde auch Anne Frank geboren, mit deren Namen Geiss sich ähnlich nachhaltig verband wie mit dem Kapplers, indem er das Tagebuch des ermordeten jüdischen Mädchens als Fälschung bezeichnete. 1976 zunächst verurteilt, dann in der Berufung freigesprochen, wiederholte Geiss, die Aufzeichnungen seien eine Propagandalüge, und wurde schließlich 1988 mit einer Geldstrafe bedacht.

Auf Freispruch hatte das Amtsgericht Stade 1982 erkannt, weil Geiss ein Flugblatt vor der Verteilung an die Polizei geschickt, diese nichts unternommen und es damit quasi legalisiert habe. Inzwischen war sein Buch über Rudolf Heß als Märtyrer für den Frieden erschienen, das im Internet leicht erhältlich ist.

Für eine 1980 zunächst mit 15 Monaten Haft bestrafte Auschwitz-Leugnung wurde Geiss 1985 ebenso freigesprochen wie in einem 1989 angestrengten Verfahren. Bei einer internationalen Konferenz zum 40. Jahrestag des Kriegsverbrecherprozesses in Nürnberg war er mit seiner Bürgerinitiative gegen Kriegsschuld und antideutsche Greuellügen aufgetreten. Sie riefen »Rotfront verrecke«, »wir bringen euch um« und »wir werden euch vergasen«. Anwalt Jürgen Rieger überzeugte das Gericht davon, es habe sich um eine »Mahnwache« gehandelt.

Nahmen in Beckdorf die Nachbarn Anstoß an seinen Gästen, regten sie sich 1980 in Stade-Schölisch über die Hunde auf, die Geiss auf Kinder gehetzt haben sollte. Während sein Untermieter und Redaktionskollege Kühnen einsaß, wurde bekannt, dass sich dessen im Dezember 1983 verbotene Gruppe als FAP im Elbe-Weser-Raum neu formierte mit Geiss als »Beauftragtem«. Von der in einem Rundbrief angekündigten Gründung des »Gau Niedersachsen« wusste das Ministerium in Hannover im Sommer 1985 nichts: »Vielleicht wird das von Hamburg aus organisiert!«

Die letzte Nachricht über Geiss stammt von 1987. Zwei Tage nach dem Tod von Rudolf Heß am 17. August fuhr ein Auto langsam durch Stade. Die Seitenfenster waren mit Plakaten beklebt: »Alliierte Heß-Mörder«. Neben Fahrer Geiss saß eine Bulldogge.

Noch einmal zog er um, nach Hechthausen, in eine gutbürgerliche Gegend wie Schölisch, aber großzügiger bebaut. Die nächsten Nachbarn bemerkten seine Besucher, aber schon eine Straße weiter kannte man ihn nicht.

Wie er seinen größten Auftritt an einem Grab hatte, machte er noch aus dem Grab heraus von sich reden. Die Kirchengemeinde als Verwalterin des Friedhofs von Hechthausen verweigerte seiner Witwe die Lebens- und Todesrune auf dem Stein. Gertrud Geiss klagte erfolgreich. Ihrem Anwalt Rieger war als Neuheide das Mandat auch ein persönliches Anliegen.

1994 hielt das Verwaltungsgericht Stade für Recht, dass die Runen weder den Friedhof verunstalten noch die Besucher in ihrer Andacht stören. Es konnte »nicht erkennen, dass die hier im Streit befindlichen Runenzeichen, die – soweit ersichtlich – im Nationalsozialismus keine besondere Verwendung erfahren haben, als nationalsozialistisch besetzt und damit anti-christlich einzustufen wären […] Es ist nichts dafür ersichtlich, dass die Verwendung der beantragten Runenzeichen als Ausdruck der rechtsextremen politischen Überzeugung des Verstorbenen dienen solle.«.

Siegesstolz verbreitete Rieger das Urteil im Web. Das Gericht war blind für Runen als politische wie religiöse Manifestation. Auch die Schwarze Sonne fand keine besondere Verwendung im NS-Regime und ist doch ein eindeutiges Zeichen. Der Argumentation des Gerichts nach wären Hakenkreuz und doppelte Sig-Rune nur verboten, weil auch Nicht-Eingeweihte wie die Richter selbst ihre Bedeutung erfassen. Das entspricht der Sichtweise der Staatsanwaltschaft zum Stahlhelm in Jork zwischen Hamburg und Stade: nach Franz Seldte darf der sein Hauptquartier nennen, weil nicht jeder weiß, dass er ein Nazi war.

»Mafia der nationalen Nachgeburt« — 1978/79

Bald nach dem Reporterbesuch bei Edgar Geiss kam dessen Untermieter Michael Kühnen in Untersuchungshaft – zunächst wegen Gründung einer geheimen Werwolf-Organisation. Bis heute ist die Partisanenarmee für die Fortsetzung des Krieges nach der Kapitulation von Legenden umwoben.

Kühnen musste sich schließlich nicht für eine ominöse Untergrundorganisation verantworten, sondern für seine ziemlich öffentlichen Aktivitäten im Rahmen der Aktionsfront Nationaler Sozialisten sowie für die Raubüberfälle, die seine Kameraden begangen hatten. Im »Bückeburg-Prozess«, benannt nach der Strafanstalt, in der das Oberlandesgericht Celle tagte, wurde ausnahmsweise einmal gegen Neonazis als terroristische Bande verhandelt.

Kurz bevor »ANS-Berater« Geiss an Kapplers Grab auftrat, am 5. Februar 1978, überfielen drei maskierte Männer gegen halb drei Uhr nachts das NATO-Übungsgelände in Bergen-Hohne. Mit Maschinenpistolen im Anschlag drangen sie in ein Zelt ein, in dem zwei niederländische Soldaten beim Bier saßen. Zwei weitere Soldaten, die von der Streife kamen, wurden überwältigt. Nach zehn Minuten verschwanden die Räuber mit vier erbeuteten MPs.

Am 2. Dezember 1977 klingelten zwei junge Männer kurz vor Mitternacht an der Tür eines Kaufmanns in Köln. Sie behaupteten, jemand hätte die Reifen seines Sportwagens zerstochen. Der Mann ließ sie ein und wurde mit seiner Freundin im Keller eingesperrt. Die Banditen entkamen mit Jagdgewehren, Schmuck und einer Fotoausrüstung.

Am Nachmittag des 19. Dezember stürmten zwei mit Maschinenpistole und Pistole bewaffnete Maskierte eine Sparkassen-Filiale am Volksdorfer Damm in Hamburg und kassierten 25 000 Mark.

Die Anklagen wegen Volksverhetzung zu beweisen war nicht schwer. Im Gerichtssaal erhielten die Mitglieder der Hansa-Bande Gelegenheit, ihre Ansichten darzulegen. »Die ausgesucht höfliche Art, in der die BRD-Justiz mit der Kühnen-Bande umging, ist charakteristisch für die Behandlung der Neonazis in unserem Land«, bemerkte ein Prozessbeobachter.

»Ich bin kein Antisemit, sondern ein Antizionist«, sagte Kühnen und erläuterte den »Kampfauftrag der arischen Völkerfamilie«. Dem folge die ANS, wenn sie etwa von der »am 16. 10. 1946 vom jüdisch-bolschewistischen Untermenschentum ermordeten Reichsregierung« schrieb: an dem Tag wurden die vom Nürnberger Tribunal verhängten Todesurteile vollstreckt.

Mit den Überfällen habe er nichts zu tun, beteuerte Kühnen. »Wir haben und wir werden nicht gegen Gesetze verstoßen. Ich bin kein Demokrat, das weiß jeder, der mich kennt. Aber eine Veränderung des Grundgesetzes in unserem Sinne werden wir erst in Großdeutschland vornehmen, wenn das deutsche Volk in freier Selbstbestimmung über seine Zukunft entscheiden kann.«

Angeklagter Lothar Schulte aus Schwarzenbek, 25, wurde von seinen nationalsozialistischen Vorgesetzen in einem Panzerjägerbataillon in Wentorf »politisch geschult«. Die Bundeswehr, sagte er, sei sein »Eintritt in das nationalsozialistische Gedankenleben« gewesen. Doch der Stabsunteroffizier wurde entlassen, nachdem er Untergebene misshandelt hatte.

Der Überfall in Bergen-Hohne fand in Anschluss an ein Wehrsport-Wochenende mit »Lagerfeuer und Heimatkundeunterricht zur deutschen Liedgutpflege« auf dem »Wiking-Hof« in Dörpstedt stattfand. Das Anwesen gehörte dem Angeklagten Uwe Rohwer. Der 40-jährige technische Kaufmann war im Kreisvorstand der schleswig-holsteinischen NPD, »Gauführer Nordmark« der Wiking-Jugend und verwaltete das »Referat für Jugend« des Stahlhelm.

Die Staatsanwaltschaft ging davon aus, dass die Bande vorgehabt hatte, »ihre Anschläge linken Gruppen in die Schuhe zu schieben, um einer verunsicherten Bevölkerung einen Rechtsputsch erträglich zu machen«. Geplant worden seien die Befreiung von Rudolf Heß und ein Anschlag auf die Berliner Mauer. Für die Verteidigung war die Mauer »kein von der bundesdeutschen Justiz zu schützendes Rechtsgut«, und Heß aus der Gefangenschaft zu befreien wäre ein »Akt der Menschlichkeit«.

Die Anwälte kamen aus den Reihen der NPD. Einer war Stadtrat in Soltau, ein anderer Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg gewesen, zwei gehörten zum Kreisverband Stade–Bremervörde: Alfred Behr, ehemaliger Landesvorsitzender in Niedersachsen, Stadtrat und Kreistagsabgeordneter, und Dr. Theodor Gerlach aus Zeven, einst Obertruppführer im NSKK mit der »erstklassigen Kameradschaft« und Gründungsvorsitzender der Niederelbe-NPD. (→ Das Nest in der Nordheide)

Zwar wurden 128 Zeugen gehört, aber einige fehlten und andere zogen »aus Angst vor den Angeklagten ihre Aussagen« zurück. Nach 40 Verhandlungstagen erging das Urteil gegen die »Mafia der nationalen Nachgeburt«. Kühnen wurde lediglich der Volksverhetzung für schuldig befunden und zu vier Jahren Haft verurteilt. Schulte erhielt elf Jahre, Rohwer neun, ebenso der 36-jährige Hamburger Klaus-Dieter Puls. Lutz Wegener, 22, wurde mit acht Jahren bedacht.

Stütze des nationalen Widerstands — 2012

Manfred Börm, Jahrgang 1950, Rohwers Stellvertreter bei der Wiking-Jugend, wurde in Bückeburg zu sieben Jahren verurteilt. Er setzte seine braune Laufbahn ungebrochen fort und heiratete in die Familie Nahrath ein. Raoul Nahrath war Mitglied der Sozialistischen Reichspartei und gründete im Jahr ihres Verbots 1952 die Wiking-Jugend, die danach von seinem Sohn und einem seiner Enkel geführt wurde.

Zu ihrer Blütezeit Ende der 1980er schätzte der Verfassungsschutz sie auf 400 Mitglieder bundesweit – soviel wie andere Beobachter allein für Norddeutschland veranschlagten. Nach dem Verbot 1994 lebt Manfred Börm den völkischen Traum von Mädels mit Zöpfen und Buben in Lederhosen, die mit Bier und Gewehr in der Natur einkehren, in der Heimatreuen Jugend HJ weiter, die sich in Bund Heimattreuer Jugend umbenennen musste.

Börm bringt sich verstärkt bei der NPD ein. Am Ende einer langwierigen Führungskrise des Landesverbandes Niedersachsen übernahm er 2012 den Vorsitz. Er hatte bereits einen »Bundesordnerdienst« der Partei aufgebaut, der durch »entschlossenes, sicheres und diszipliniertes Auftreten anderen Kameraden Beispiel und Vorbild sein« sollte.

Am 16. September 1969 hatte der damalige Chef der Ordner bei einer Versammlung in Kassel zwei Gegendemonstranten niedergeschossen. Der Vorfall lädierte das Ansehen der NPD und trug zu ihrem Scheitern bei der Bundestagswahl bei. Später ließ die Partei ihre Veranstaltungen von den Skinheads Sächsische Schweiz und Blood & Honour bewachen. Für Börm sind »Ordnung und Disziplin« die »Stützen des Nationalen Widerstandes«.

»Er versucht, jedem seine Wehrsportgeschichten aufzudrücken, und die nichts davon halten, gelten für ihn als Feiglinge«, wird in seinen Kreisen gelästert. Von Börms Ordnungsbegriff können vor allem Journalisten ein Lied singen. Bereits vor dem Bückeburg-Prozess war er an einem Überfall auf ein Kamera-Team des Westdeutschen Rundfunks beteiligt. »Dein Haus wird brennen!«, »Ich mach dich fertig, du Sau!« kriegten Berichterstatter von seiner Truppe zu hören.

Bisweilen wurde der Chef selbst handgreiflich. Wie im Dezember 2004 beim Wahlkampfauftakt der NPD im schleswig-holsteinischen Steinburg. Nachdem aus einer Gruppe von 60 Demonstranten Steine gegen das Versammlungslokal geflogen waren, ließen die Ordner alle Disziplin fahren und stürzen sich auf ihre Feinde.

Die rund 100 NPD-Anhänger im Saal standen ihnen nicht nach und jagten die Demonstranten durch den Ort – bis Polizeibeamte in Zivil durch Warnschüsse die Lage unter Kontrolle brachten. Ein Fernsehteam filmte, wie Börm die Angriffe seiner Mannen koordinierte und selbst Steine schleuderte.

Im Übrigen ist der gelernte Hochbautechniker ein geachteter Bürger und erfolgreicher Bauunternehmer in Handorf bei Lüneburg. Im Lokalblatt lesen seine Kunden nichts davon, wenn er in Steinburg Steine schmeißt. Oder was in dem Pamphlet stand, das im März 2002 verbreitet wurde: »Der Luftschlag vom 11. September 2001 ist die Markierung der Globalisten als Aggressoren durch die geschundenen und abgeweideten Völker.«

Zu den Erstunterzeichnern gehörten neben Börm der damalige NPD-Bundesvorsitzende Udo Voigt, Horst Mahler, Manfred Roeder sowie ein Führungskader des Thüringer Heimatschutzes, aus dem der NSU hervorging. »Rechtsextremisten haben – zuweilen deutlicher als andere – die antisemitische Komponente der Anschläge vom 11. September 2001 erkannt«, vermerkte dazu das Bundesamt für Verfassungsschutz.

Braune Bande (Bild: urian)

Bedrohung und Enthüllung — 22. Oktober 2005

Die ersten 23 Lebensjahre von Andreas »Hacki« H. werden im deutschsprachigen Standardwerk über Skinheads als beispielhaft geschildert für den Weg in den organisierten Nationalsozialismus. Als Hacki 14 war, kamen Türkenwitze und »Ausländer raus« in Mode. Sein Großvater erzählte ihm von damals, als die Juden die Deutschen »beschissen haben«.

Aus Landser-Heften lernte Hacki, dass die Soldaten nicht für den Führer gekämpft hatten. Vielmehr hätten sie sich, wenn von dem ein Befehl kam, an die Stirn getippt, denn »die waren schon richtig, aber irrsinnig teilweise«. Die wöchentlich erscheinenden Heftromane, der sich Goebbels’ frühere Propagandisten im Wachtraum am Fließband ihren Schreibmaschinen entschlugen, las Hacki als historische Dokumentationen. Die nachträgliche Rechtfertigung der Autoren nahm er als zeitgenössische.

Tatsächlich waren sie dem Führer blindlings in den Untergang gefolgt und hatten zufälligerweise überlebt. In ihren Kolportagefantasien strichen sie den Wahnsinn des Führers heraus, um dem eigenen nicht ins Auge sehen zu müssen.

»Irgendwas muss man glauben«, sagte Hacki. Die Angebote der Gesellschaft waren kümmerlich. Das Geld sollte man vergöttern. Kritik an der Einrichtung des Staats wurde verfolgt. Wer abseits vorgeschriebener Bahnen dachte, wurde flugs zum »Verfassungsfeind«. Die außerparlamentarische Politik der Epoche hatte sich Frieden und Umweltschutz auf die Fahnen geschrieben und kam für Kämpfernaturen und Kriegslustige nicht in Frage.

»Geprügelt hat sich Hacki seit er sich erinnern kann.« Als Jüngling rief er aus Protest und zur Provokation »Sieg Heil« und entwickelte sich zum überzeugten Nationalsozialisten. Und »wenn Hacki sich nun prügelt, dann in höherem Auftrag. Für Deutschland«.

In Berlin fand das Modell der Hamburger Hafenstraße Nachahmer, und die links-alternative Szene besetzte reihenweise Häuser. Im Sommer 1990 waren auch einmal Neonazis dran und bezogen einen Altbau in der Weitlingstraße im Ost-Stadtteil Lichtenberg.

»Es gab nichts Undeutsches«, stellte ein Besucher fest, »keine Popmusik, keine Cola, keine amerikanischen Zigaretten, nichts. Abends sahen sich die Bewohner fast ausschließlich alte Wochenschauaufnahmen aus dem Dritten Reich an oder Lehrvideos über das richtige Verhalten im Straßenkampf.«

Michael Kühnen requirierte die Hausbesetzer für seine Parteineugründung Nationale Alternative. »Die Skinheads, die sind verrückt und dumm«, schätzte er seine Rekruten ein. »Sie denken nicht mit den Köpfen, sondern mit dem Bauch. Sie können zwar gute Soldaten, aber keine brauchbaren Menschen sein«.

Hacki trat als eine Art Pressesprecher auf und genoss eine Viertelstunde Ruhm. An seiner Seite war Ingo Hasselbach, der seine Medienkarriere als »Aussteiger« fortsetzte. Silvester 1991/92 wurde Hacki wegen Raubüberfalls verhaftet. Da hatte sich die Hausbesetzung schon erledigt, und Kühnen war tot.

»Er ist immer auf dem Sprung, will was tun, sich engagieren«, schrieben seine Interviewer über Hacki. »›Ich misch’ jetzt bei den Freien Kameradschaften mit‹, erzählt er stolz bei unserer vorerst letzten Begegnung im Sommer 2001. ›Die tun wenigstens was, nicht so lasch wie die NPD.‹«

Es ist Samstag in der Eißendorfer Straße wie am 17. Dezember 2011, als → Die Unsterblichen Station machen. Doch nicht im Dunkeln sondern nachmittags marschiert der Freie Widerstand Harburg 2005 durch die Siedlungen um das Stadtzentrum. Die Route ist leergefegt, auch in den umliegenden Straßen bewegen sich weder Mensch noch Fahrzeug. 500 Polizisten begleiten den Umzug der Hundertschaft Freier Nationalisten.

Hackis Kameradschaft in Bremen gehörte zu den ersten, die das neue Label einsetzten, und er ist nicht zum ersten Mal an der Süderelbe dabei. Der Aufmarsch ist die Erwiderung auf eine »Outing«-Kampagne der Antifa. Nachbarn wurden vor »Nazis« gewarnt und Wände an der Wohnung beschmiert, Abordnungen erschienen am Arbeitsplatz.

Die Verteilung eines Handzettels mit Informationen, die längst im Internet abrufbar waren, verbot die Polizei: Aufzeichnungen über öffentliche Betätigungen, die schließlich von Zeitungen aufgegriffen wurden. Wie die über einen 39-jährigen Familienvater, der in der FAP und in der Führungsriege des Stahlhelm tätig war, in dessen »Ehren- und Disziplinausschuss« und als »Ortgruppenführer« für Harburg.

Seine Waffenliebe pflegte er inzwischen im Eißendorfer Schützenverein als Verantwortlicher für den Schießstand. »Mir hat er gesagt, dass er tatsächlich eine braune Vergangenheit hat, dass das aber lange vorbei sei«, behauptete der Vereinsvorsitzende. Da war sein Schützenbrüder seit Monaten als Kreisvorsitzender der NPD unterwegs, gut sichtbar mitten in der Stadt, von Demonstranten und Polizei umlagert. Nur für die Presse waren er und seine Kameraden weitgehend gesichts- und namenlos.

Der Braune Block, wie sich die Harburger im Internet nannten, suchte die Öffentlichkeit und reklamierte zugleich Anonymität für sich. Die paar Journalisten, von denen sie kontinuierlich beobachtet wurden, galten als »Drahtzieher« und »Hetzer«. Die Braunen erfanden Straftaten von Reportern, auf deren Verfolgung sich Behörden sogar einließen. Manchmal durchschaute der Staatsschutz die Denunziation, manchmal kam sie ihm Recht; nicht »eingebettete« Journalisten berichten nämlich auch kritisch über Polizeistrategien.

Der Hamburger Anführer eines Aufmarsches in Himmelpforten im Mai 2004 wollte nicht fotografiert werden. Auf sein Geheiß griff ein Polizist nach der Kamera eines Journalisten. Dass ein vermummter NPD-Funktionär fleißig Aufnahmen machte, auch von dieser Szene, ging für die Sicherheitskräfte in Ordnung.

Ein halbes Jahr nachher fuhr eben jener Funktionär einen Fotografen mit dem Auto an, als dieser eine Flugblattverteilung vor einer Schule bei Verden ablichtete. Für Polizei und Justiz war das keine Attacke auf die Pressefreiheit, sondern der Angriff auf einen politischen Gegner. Wer über Neonazis nicht nur vom Schreibtisch aus berichtet, gilt diesen wie den Behörden als Linksextremist.

Einer Geouteter vom Braunen Block ist der 19-jährige Frank, seiner Statur wegen »the tank« genannt. Der Typ Klassenclown, der in Aufmerksamkeit badet. Er geht bei Hacki in die Lehre. Sie umschleichen die Kampfplätze und fertigen Feindbilder an: »Anti-Antifa«-Jagd mit der Kamera.

Die soll älter als das Outing sein. Ein hervorragender Kenner datiert es auf August 1992, »das Ausspähen von politisch Andersdenkenden, die Veröffentlichung von Namen, Adressen, Fotos und Lebensumständen, einhergehend mit Bedrohung und Gewaltaufrufen bis hin zu Gewalttaten. Ausspioniert werden neben politischen Gegnern (z. B. Gewerkschafter) auch Polizisten, Staatsanwälte, Richter, Mitarbeiter der Verfassungsschutzbehörden und Journalisten«. Das Outing würde demnach einige, manchmal alle Aspekte kopieren und an den Absender zurückschicken.

»Antifa – neun Millimeter« und »Antifaschisten, Terroristen« skandiert der Braune Block unter der Autobahnbrücke gegen die unsichtbaren Feinde. Für ein kurzes Stück des langen Marsches treffen die Neonazis auf die Bürgerschaft, die von der Polizei nach Kräften ferngehalten wird.

»Aufhören, aufhören!« Eine Dame, die nur ihre Einkäufe nach Hause bringen will, überschreit die Rede eines NPD-Granden aus Lüneburg.
»Öffnet nicht die Büchse der Pandora!«, warnt Hans-Gerd Wiechmann, 56, denn »Faustschlag folgt auf Faustschlag«. Auf Kommentare der Passanten reagieren die Kämpfer dünnhäutig.

»Haut ab! Ihr habt doch kein Gehirn«, ruft eine Frau vom Straßenrand und wird von der Polizei zur Personalienangabe aufgefordert – der »Veranstalter« hat Anzeige wegen »Beleidigung« gestellt. Umstehende springen der Frau bei: »Schreiben Sie mich auch gleich auf. Ich habe das auch gerufen.«

Woche für Woche werden ihnen Marktplätze und Straßen freigeräumt. Meinungsfreiheit genügt ihnen nicht. Sie beklagen die Einschränkung ihrer politischen Rechte, weil der Widerspruch nicht schweigen will. Behandelt man sie demokratisch kritisch, schreien sie »Verleumdung«, »üble Nachrede«, »roter Terror«, und fordern ein Sonderrecht für öffentliche Auftritte mit Anspruch auf Geheimhaltung. Das gestehen ihnen die Ordnungskräfte weitgehend zu. Unsterblich sind sie sowieso, aber auch noch unsichtbar und wie unverwundbar, jedenfalls unansprechbar.

Hacki kennt alles und jeden zwischen Bremen und Hamburg. Er ist als Fotograf und Ordner bei Aufmärschen und Kundgebungen, geht als Hooligan ins Bremer Weser-Stadion und umkreist den Wahlkampfstand der NPD in Buxtehude. Er hört einem Ex-General zu, der sich als »Opfer links-imperialistischer Pressehetze« ausgibt.

Er ist bei einem illegalen Konzert auf Hamburg-St. Pauli, das von der Polizei gesichert wird, und er sitzt im Publikum beim Prozess gegen einen alten Kameraden, einem Arzt aus Verden/Aller, NPD-Bundestagskandidaten und Reichsbürger der ersten Stunde, der im Gerichtssaal wiederholt, dass die Fotos der »angeblichen Leichenberge von Auschwitz« in Wahrheit die Bombenopfer von Dresden zeigen und der Zweite Weltkrieg »eindeutig gegen das deutsche Volk mit dem Ziel seiner Vernichtung« gerichtet war.

Hacki marschiert durch Lüneburg unter dem Motto »Gott mit uns«, dem Spruch auf den Koppeln der Wehrmachtssoldaten. Um Hacki mache man besser einen Bogen, hieß es. Er sei überall und nirgends und fotografiere alles und jeden und das möglichst heimlich. Und er soll sich handgreiflich verwahren, wenn er selbst ohne Einwilligung aufgenommen wird.

Leichensucher — März/September 2012

Aus dem Skin Stefan S. wurde ein gediegener Geschäftmann in Tostedt. Straftäter zwar und Neonazi, sonst ohne bürgerlichen Fehl und Tadel, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft. Kein Außenseiter wie Hacki oder »Andreas B.«: der chauffierte 1992 S. und seinen Komplizen Stephan K. nach der Tat am Busbahnhof Buxtehude im März 1992 und alarmierte anonym den Notarzt für Gustav Schneeclaus. Der trotzdem starb. Eine Leiche wurde. (→ Das Nest in der Nordheide)

Andreas B. sucht Leichen, berichtet eine Zeitung kurz vor dem 20. Jahrestag des Totschlags. Der 43-Jährige tritt als Hundelehrer auf und fingiert ein Amt beim Deutschen Roten Kreuz. Vergeblich hat er seine und die Dienste seiner Leichenspürhunde den Rettungsgesellschaften angeboten.

Nun hat ein 12-Jähriger seinem Vater erzählt, wie ihn der Onkel durch den Schlamm kriechen ließ. Warum er nur mit Jungs loszieht? »Im Bereich Leichensuche sind Mädchen weniger geeignet«, erklärt der arbeitslose Fachmann.

Seine Skinhead-Vergangenheit wird im Bericht ausgespart, einheimische Polizei und Staatsanwaltschaft äußern sich nicht. Scheinbar eine Pädophilen-Geschichte.

Dann aber verurteilt das Landgericht Hamburg B. zu drei Jahren Gefängnis. In der Fischbeker Heide am südlichen Rand der Metropole hat er wenigstens drei Jungen von 14 und 15 mit einem Sturmgewehr, das unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fällt, hantieren lassen. Waffe und Munition bewahrte einer seiner Lehrlinge auf.

»Wehrsport mit Kindern« steht nicht in der Zeitung. So lässt sich Andreas B. nicht mit dem Amtsrichter aus Stade assoziieren, der in den 1970ern an der Walkmühle in Harsefeld Krieg spielte ( →Braune Heimatkunde), oder mit dem Scharnhorst-Bund des Stahlhelm aus den 1990ern, dessen Minderjährige in einem Buxtehuder Wald den »Kinderfeldzug« nachvollzogen, mit dem der Zweite Weltkrieg auf deutschem Boden endete. ( →Mission Friedensplatz)

Schatzmeister im Schatten — 1973–2012

Neonazis haben das Ausspionieren nicht erfunden. Die ersten Auftritte des obersten Anführers von Harburg, Christian Worch, wurden 1978 in einem Buch dargestellt, das auf verdeckter Recherche basiert. Der Redakteur eines gewerkschaftlichen Jugendmagazins begab sich nicht als Journalist, sondern als Gegner auf Spurensuche und bereitete seine Beobachtungen demgemäß auf.

Das Outing hat Worch nicht abgeschreckt. Einer, den das Buch anstrahlte, zog sich allerdings aus der ersten Reihe zurück. Neben den »Terroristen« Karl-Heinz Hoffmann, Uwe Rohwer und Manfred Roeder wird der »stellv. Bundesvorsitzende der JN und Landesvorsitzender in Niedersachsen« im Bild vorgestellt: »Fritz-Ulrich Bundt dirigiert die Schlägertruppe der ›Jungen Nationaldemokraten‹ in Göttingen«.

Bundt war eines der markantesten Gesichter der NPD zwischen Elbe und Weser. Mit noch nicht 20 Jahren verankerte sich der Zeitsoldat 1973 als Kreisvorsitzender der JN in der Partei, deren Landeskasse er jahrzehntelang führen wird. Nach abgeschlossenem Jura-Studium ist er in einer Bank beschäftigt. Der laute Beginn seiner Laufbahn lässt die nachherige Stille dröhnen.

Bevor der Gewerkschaftsautor ihm begegnete, war Bundt an einer Rangelei während einer DKP-Veranstaltung zur Erinnerung an die NS-Zeit in Stade beteiligt. Seine Bande stand im Verdacht‚ vor einer Kranzniederlegung auf dem Friedhof des Lagers Sandbostel Steinplatten herausgerissen und auf ein Mahnmal geworfen zu haben. ( → Zog Sux)

1977 ließ Bundt sich in Hamburg über »Nationale Jugend für ein besseres Deutschland« aus. Eine »ältere Dame« fragte: »Warum macht die JN nicht so Tanzveranstaltungen wie die SDAJ [Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend, West-Ableger der DDR-Staatsorganisation]. Da kommen immer viele Jugendliche hin.«

Bundt erwiderte: »Aber Sie sehen doch heute wieder – die Kommunisten lassen uns nicht in Ruhe, stören unsere Veranstaltungen. Und wenn es dann zu Auseinandersetzungen kommt, lassen die Mütter ihre Kinder nicht mehr zu unseren Veranstaltungen, weil sie Angst haben, dass etwas passiert. Aber Sie haben Recht, und in Niedersachsen haben wir mit Erfolg schon so etwas praktiziert.«

»Wir machen es wie die NSDAP – wir erobern die Städte vom Land aus!« Die NPD machte es lange vor 2004, als sie die Parole ausgab und das Vorbild unverblümt gestand. Der Gewerkschaftsautor schrieb nicht, was Bundt mit »Erfolg« gemeint haben könnte; das Umland kam in seinem Buch kaum den Namen nach vor.

Tanzveranstaltungen sind nicht belegt, aber so rege wie in Hamburg war die NPD auch vor Bundts Haustür mit Aufmärschen, Kundgebungen, Versammlungen, Schlägereien. Zwei Mal in der Woche vier Stunden geöffnet war 1974 das »Informations-Zentrum« der JN im Stader Vorort Bützfleth, im Keller der Kanzlei des Rechtsanwalts und NPD-Funktionärs Alfred Behr. ( → Sanners Schelmenroman) Anzeigen und Veranstaltungshinweise erschienen im Lokalanzeiger.

Als Vertreter des weniger redegewandten Landtagskandidaten nahm Fritz-Ulrich Bundt 1978 an einer Diskussionsrunde Teil. Auf Einladung des Kreisjugendrings unter einem späteren Gymnasialschuldirektor und Kreistagspräsidenten bewältigte der Neonazi das Gespräch mit dem CDU-Kandidaten, der Bürgermeister und rechtspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion werden würde, offenbar anstandslos. Damals redete man noch mit Neonazis; wer es heute tut, gilt Parteipolitikern, Antifaschisten, Polizisten und Journalisten sofort als Sympathisant.

Bundt war allenthalben im Lande zugange, vor allem in Göttingen, der »linken Hochburg«. Er und die Partei rangen 1978 mit Behörden, Polizei und Justiz um die Genehmigung und Durchführung von Kundgebungen in Bückeburg, Celle, Delmenhorst, Hameln, Hannover, Osnabrück und Rinteln. »Eierregen, Tränengas und Prügel« war eine typische Bilanz, Bundt meist der Hauptredner.

Sein Auftritt mit der größten Resonanz war einer seiner letzten. Die Gelegenheit war bezeichnend: Nazis, gibt’s die noch? fragte ein Film vor 100 Leuten im Jugendzentrum von Rotenburg/Wümme. 20 Mann erhoben sich wie auf Kommando, als auf der Leinwand das Deutschlandlied angestimmt wurde, sangen mit und zeigten den deutschen Gruß.

Die Polizei warf sie raus, der Film lief weiter. Draußen gab es Zoff. In den Autos der Störer wurden Waffen gefunden; im Kino lagen Farbbeutel bereit. Dass es sie noch gab, bekräftigte die NPD postwendend mit der Anmeldung einer Protestkundgebung vor dem Rotenburger Rathaus.

»Im Übrigen meine ich, dass die Juden nicht Feind, sondern Vorbild für uns sein sollten: Wie sie zwei Jahrtausende in der Diaspora unerschütterlich zu ihrem Volk und ihrer Kultur gestanden haben, ist für uns Deutsche, die wir begierig jeder ausländischen, vorzugsweise exotischen Modetorheit hinterherlaufen, wirklich vorbildlich.«

Eine der letzten Wortmeldungen Bundts, ein Leserbrief vom Februar 1979 in einer Affäre um Holocaust-Leugnung. Mit 25, als er ein einziges Mal strafrechtlich in Erscheinung trat, war er bereits in der Versenkung verschwunden. Dafür, dass er einen Autokonvoi von Stade zur »NPD-Mauer« in Neu Wulmstorf anführte, wurde er wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz zu einer Geldstrafe verurteilt. ( → Das Nest in der Nordheide)

Großenwörden im Land Kehdingen liegt weitab vom Schuss im Moor. Nur von einer bestimmten Stelle am Deich der Oste lässt sich mit dem Feldstecher auf ein Stück von Bundts Anwesen spähen. Ringsum Straße und Wiese; die Observation der Zufahrt wäre allenfalls mit Tarnanzug halb eingegraben im Gebüsch machbar.

Wenn der Wind richtig steht, ist von ferne die Musik zu hören. Der Staatsschutz war in den 1990ern bei einem Konzert zugegen, zuckt aber die Achseln, was das Eingreifen bei und Unterbinden von Veranstaltungen anbelangt. Die Antifa hat zwei oder drei Mal den Betrieb beobachtet, Journalisten wenigstens zwei Mal.

Für den »sehr engen Schulterschluss zwischen langjährigen, geschulten NPD-Funktionären und rechter Jugend-Szene« wurde ein Konzert im Juni 1998 angeführt, »bei dem zugleich die Jugendlichen ihre Musik hören konnten und das ›Bündnis Rechte‹ sich zu einem ›Kameradschaftsabend‹ traf«.

Bündnis Rechte war eine Tarnorganisation der NPD, in der Parteimitglieder zusammen mit honorigen Bürgern zu Wahlen antraten, die 1996 in Person des Kreisvorsitzenden in den Kreistag einzog. Obwohl die »Wählergemeinschaft« in ihrem Stammgebiet in Harsefeld 2001 ihren Stimmanteil erhöhen konnte – in Wangersen betrug er über 15 Prozent – reichte er kreisweit nicht mehr zum Mandat.

Fritz-Ulrich Bundt trat kurz aus dem Schatten und kandidierte neben einem Professor der Technischen Universität Harburg und einem Protagonisten des Vereins für deutsche Sprache, der seit 1997 gegen die »Sprachpampe« des »Denglisch« zu Felde zieht. In ihm sammeln sich im Niederdeutschen vor allem Rechtgläubige, die sich reichlich in Leserbriefen und Internet-Foren Luft machen und sagen, »was sich sonst keiner zu sagen traut«.

Nach zwei verlorenen Weltkriegen und infiziert durch Hollywood-Filme, meinte ein Wortklauber auf einer Versammlung in Bremervörde, wolle die Jugend auf der Siegerseite stehen und sauge deshalb alles Amerikanische begierig auf. Mitschuldig seien Werbung und Medien. Die wahren Hintermänner der »Verschwörung gegen das Deutsche« aber wollte er nicht nennen, »weil die Zeitung da ist«.

Stiller Sekretär — 10. Januar 2006

Niemand sieht dem jungen Mann an der Theke des Uhrmachers im Kaufhaus an, dass er seine Wochenenden auf Kundgebungen und an Wahlkampfständen verbringt, bei konspirativen Schulungen und als Adjutant des obersten regionalen Anführers. Martin Z., Jahrgang 1985, stets korrekt und verbindlich, ist der Typ des Sekretärs, als der er fungiert.

Er wird am Arbeitsplatz entdeckt und bittet, ihn nicht zu verraten. Er war schon ins Gerede gekommen, als er seinen Zivildienst bei einer sozialen Einrichtung versah, die sich um jene Ausgegrenzten kümmerte, die seine Partei weiter aussondern möchte. Der Vorstand fand den Zivi »ausgesprochen zuverlässig, hilfsbereit und ›überhaupt nicht verbohrt‹«; man verfahre nach der Devise »einfangen statt ausgrenzen«.

Drei Tage, nachdem es so in der Zeitung stand, im Februar 2005, fand in der Stammkneipe der NPD in Wangersen eine vom Sekretär mitorganisierte Veranstaltung statt, auf der Jürgen Rieger referierte. Udo Pastörs und Bombenbastler Peter Naumann waren andere Male zu Gast. Martin Z. war unverbohrt weiter dabei, als sein früherer Zivildienst-Vorgesetzter, ein Ratsherr der Grünen, mit ihm am Stand der NPD plauderte, kurz vor dem Anti-Outing-Marsch des Braunen Blocks in Harburg.

Der freundliche Uhrmacher hat noch eine andere Seite. In einer Dezembernacht 2004 rechneten er und ein als Schläger mehrfach verurteilter Kamerad mit einem früheren Freund ab, der immer »Nazi, Nazi« rief, sobald er sie sah. Der 18-Jährige entkam zunächst einer Rempelei am Eingang einer Diskothek. In Z.s Auto setzten sie ihm nach und stellten ihn; der Kamerad schlug und trat zu.

Im Prozess zeichnete ein Jugendgerichtshelfer das Porträt des 20-Jährigen. Er hatte weniger über Z. zu sagen als Antifa und Journalisten wussten: Hauptschulabschluss, Gesellenprüfung, Vorstand der Elbe-Weser-NPD. Dass der Proband zu DDR-Zeiten in Anklam geboren wurde, ließ der Vortrag ebenso aus wie die sonstigen Familienverhältnisse, die bemerkenswert genug wären.

Z. war außerdem wegen Beleidigung und Verunglimpfung des Staates angeklagt, gemeinschaftlich begangen mit dem fast fünf Jahrzehnte älteren Organisationsleiter der Niedersachsen-NPD Adolf Dammann. Sie saßen nebeneinander im Saal, man konnte sie Dutzende Male auf der Straße Seite an Seite gesehen haben. Im Bericht des Jugendgerichtshelfers kam ihre Beziehung nicht vor.

Als »Adlatus«, »Zögling« und »politische[r] Dammann-Ziehsohn« war Z. längst namhaft. Während eines halben Jahrhunderts hat Dammann ungezählte junge Männer geschult. Zum Zeitpunkt des Prozesses war Z. eine bewährte Kraft und ist es geblieben.

Einiges wusste der Jugendgerichtshelfer nicht besser, anderes rührte er wohlweislich nicht an. Er war auch Politiker und würde Bürgermeister im Alten Land werden. Er brachte für den Probanden »gewisse Reifedefizite« in Anschlag, ohne sie zu benennen; die Justiz schrieb sie obligatorisch der Weltanschauung gut. ( → Unsterbliche)

Gerade für diese hätte sich der Blick umso mehr auf den Ziehvater zu richten. Martin Z. ist freilich auch nicht der vom Großvater am Gängelband Geführte. Seine eigenständige Rolle in der Parteiorganisation war längst definiert und gefestigt. An dem angeklagten Meinungsdelikt war er insofern mitschuldig, als er die erste Homepage der regionalen NPD installierte und betrieb, auf der Dammanns inkriminierter Text platziert werden konnte.

Z. war kein austauschbarer Mitläufer, sondern gehörte zum harten Kern der Braunen Banden zwischen Elbe und Weser. Er betrieb an vorderster Front den Anschluss an die »sozialen Netzwerke« des Computers. 2008 loggten seine Kameraden sich in Portalen wie studi-vz ein, und sie trafen sich von Anfang auf facebook. Inzwischen operiert Z., seinem scheuen Wesen gemäß, ganz vom Zimmer aus und vermeidet Auftritte in der Nachbarschaft. Was der stille Uhrmacher an den Wochenenden anderswo unternimmt, erfahren seine Kunden nicht.

Straßentheater — 2004/05

Martin Z. wurde verwarnt und musste eine Geldstrafe entrichten. »Es war mir eine Lehre«, sagt er im Dezember 2012 am Wahlkampfstand. Das sagt er jedes Mal, wenn die Rede auf Gewalt kommt, und das ist jedes Mal, wenn es um seine Partei geht. Die Rede war von Terror, von Überfallen, Attentaten, Morden, von plan- und bandenmäßiger Begehung – damit hatte sein Gewaltausbruch doch nichts zu tun?

Bereut er die Entgleisung selbst oder dass es zum Strafprozess kam? Beschämt ihn die Schande oder ihre Offenbarung? Mit der Gewalt, die sich mit seiner Partei verbindet, hat das alles nichts zu tun. Eine Lehre aus dem Meinungsdelikt musste er nicht ziehen. Den bestraften Text hatte er nicht verfasst und war nur förmlich für die Veröffentlichung verantwortlich.

Er hatte sich schon vorher auf die Lippen gebissen und benötigte die gerichtliche Mahnung nicht. Nationalsozialistische Bekenntnisse sind aus seinem Mund nicht zu erwarten. Worin immer seine Lehre bestehen mag, betrifft sie nicht seine Parteizugehörigkeit.

Er steht, die Hände hinterm Rücken verschränkt, aufrecht, in unveränderter Haltung wie vor dem Gerichtsprozess neben dem Klapptisch mit den Broschüren. Zeitweilig trug er Hitler-Frisur; er hatte rabenschwarzes und wasserstoffblondes Haar, und er variierte seinen Bekleidungsstil.

Dandyistisches Gebaren ist unter Neonazis verbreitet. Als Männer achten sie überdurchschnittlich sorgfältig auf ihr Aussehen und wechseln alle Nase lang die Bärte, Haartracht und Haarfarbe. Die Besessenheit der Skinheads für ihr Outfit ist nicht mehr im Schwange, Neonazis prunken nicht in Uniform oder mit Zeichenorgien wie Punks. Aber sie üben Selbstdarstellung bis in die Gesten. Sie verhalten sich stets wie vor einer Kamera, die sich auf sie richtet, sobald sie mit einem Transparent auf die Straße treten.

Das Gefühl ständigen Gesehenwerdens wird inzwischen alltäglich gesucht durch laufendes Fotografieren und weltweites Verstreuen der Aufnahmen; niemand ist in größerer Gesellschaft vor ungewolltem Gefilmtwerden sicher. Neonazis mussten sich seit je um ihr Bild sorgen und auf kritische Beobachtung gefasst sein bis hin zur Verfolgung als Kriminelle. Sie waren prädestiniert für die Verhaltensweisen des Internet-Zeitalters und daran gewohnt, sich in möglichst knappen Zeichen und Gesten auszudrücken.

Niemandem sind Fahnen und Embleme bei der Verständigung wichtiger. Ihre Botschaften sind dementsprechend bis zur Unkenntlichkeit verschlüsselt: »14 words« besagen nur dem etwas, der den Satz bereits kennt. Nicht Gedanken sind das Anziehendste sondern Gesten. Wenn sonst nichts zieht, verfangen Hitlergruß und Hakenkreuz: auf einen Schlag öffnet sich der ganze schwarze Horizont.

Neonazistische Haltungen sind Vorstellungen von Lebensart ebenso wie politische Grundsätze. Martin Z. vertritt einen gemäßigten Nationalsozialismus, der durch die Institutionen zur Revolution marschiert. Er ist glaubwürdig, wenn er für sich das »Nationaldemokratische« betont, und sei es aus strategischen Erwägungen, indem er seit einem Jahrzehnt unter dem Parteischirm in Fußgängerzonen und auf Marktplätzen antritt.

Und er ging durch eine harte Schule. Wie keine Partei oder Glaubensrichtung vorher und nachher wurde seine NPD-Gliederung mit demokratischen Spielregeln vertraut gemacht und bei ihrem Erscheinen keine Sekunde aus den Augen gelassen von Polizei, Antifa und Presse. Totale Transparenz für die NPD, sobald sie vor die Tür trat.

»Prima Nazi-Propaganda« ruft der 19-jährige Jan, als ein NPD-Mann sich mit einem Packen Zeitungen ins Getümmel des Wochenmarktes traut. Jan übernimmt die lautstarke Werbung für den Parteimann, der entnervt und gedemütigt zurück zum Wahlkampfstand schleicht. Keiner wagt es, Jan nur schief anzusehen. Die NPD will sich als »völlig normal« darstellen; Jan ist der leibhaftige Gegenbeweis. Ein rotes Tuch wie das Hemd, das er anhat.

Bei einer NPD-Kundgebung im März 2004 auf dem Pferdemarkt von Rotenburg schlug ein Gleichaltriger ansatzlos mit dem Plakatträger zu: Jochbeinbruch, das Augenlicht in Gefahr, zwei Metallplatten an den Knochen geschraubt, 12 Nähte und 24 Stiche.

Eineinhalb Jahre später, auf dem Pferdemarkt von Stade, zur Erinnerung eine markante Narbe an der rechten Schläfe, beschämt Jan die feindlichen Jünglinge mit entwaffnendem Lächeln und brüderlicher Umarmung. Die Ironie, mit der er den Gleichaltrigen begegnet, kann so schmerzlich sein wie ein Faustschlag.

Die »Has-und-Igel-Fraktion« der Antifa lässt die NPD so alt aussehen wie das ist, wofür sie steht. Deren Lehrgangs-Unterlagen geben als Formel für internen Zwist aus: »Humanitätsduselei und Herumpsychiatern löst das Problem nicht – Müll muss umgehend zur Tonne gebracht werden.« Auf Schritt und Tritt werden die Wahlkampfhelfer von jungen Frauen abgefangen, die braune Papiere umgehend in blauen Säcken entsorgen.

In Diskussionen über die Frauenrollenbilder ihrer Vordenker verstrickt kriegen die »Meinungskrieger« rote Ohren. Erheben sie die Stimme, werden sie bestimmter zurechtgewiesen. Demokratie ist duldsam. Viele Passanten begnügen sich mit einem abfälligen Wort oder bösem Blick. Die extra angerückten Bereitschaftspolizisten gehen Eis essen.

Die NPD normal zu behandeln, schreibt das Gesetz vor. So beansprucht sie es für sich selbst und ginge dabei am liebsten konspirativ vor. Ihre Wahlkämpfer treten namenlos auf. Sie huldigen einem »Verbrecherstaat« und scheuen wie Gangster vor Gericht das Blitzlicht. Kein Abgesandter der von ihnen verächtlich gemachten »Systemparteien« würde die Kameras fliehen – bevor er erwischt wäre.

Wo sonst die Ausrufer von Patent-Gurkenreiben Kunden anlocken bildet sich eine Menschentraube. »Hitler war ein guter Mann«, platzt einer der Jungen heraus. Auf Widerspruch schwächt er ab: »hat viel Gutes gemacht«. Den Krieg haben die Engländer angefangen, trotzt er. Das darf man nicht sagen, das ist verboten. Oder doch nicht?
Sie spielen »verfolgte Unschuld« und halten Geschwätz für »unterdrückte Wahrheit«. Martin Z. möchte sein Gesicht verbergen. Er kandidiert als Bürgermeister in seinem Wohnort Himmelpforten. Und würde sich als Amtsträger eine Maske vorbinden?

Widerspruch wird nicht einfach nieder geknüppelt. Jan lässt sie nicht aus dem Auge, das sie ihm fast ausgeschlagen hätten. Toleranz kann für die, die sie abschaffen wollen, äußerst quälend sein. Jan stimmt ein in den höhnischen Beifall, als die NPD abräumt und die »Gute Heimreise«-Plakate nach fünf Stunden im Kofferraum verstaut. Sie wurde ertragen, ihr der Aufenthalt aber so unangenehm wie möglich gemacht.

Martin Z. hat es überstanden. Außer der Polizei hat ihn niemand mehr im Auge. Seine Überzeugungen muss er umso weniger in Frage stellen, als sie nicht so verwegen sind, wie jene meinen, die sie nicht kennen. Sein Lieblingsbuch ist 1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte. Das Werk wird nicht nur außerhalb der NPD viel gelesen und in einer Hörbuch-Ausgabe konsumiert. In Buxtehude, wo der Autor wohnt, haben seine Ansichten hochoffizielle Zustimmung gefunden. ( → Mission Friedensplatz))

Quellen und Literatur

Worchs Waffenkunde – Internes Forum freier-widerstand.net 3.6.2004 | U. R. in blick nach rechts 22/2005

»Ich Esel« im Bahnhof – J. Pomorin/R. Junge: Die Neonazis, 6. Aufl. Dortmund 1979 | A. Röpke/A. Speit (Hg.): Braune Kameradschaften, Berlin 2004 | Stern [Febr.] 1978 | R. C. Schneider: Fetisch Holocaust, München 1997

Stratege der Straße – J. Pomorin/R. Junge: Die Neonazis, 6. Aufl. Dortmund 1979 | A. Klärner/M. Kohlstruck (Hg.): Moderner Rechtsextremismus in Deutschland, Hamburg 2006 | A. Röpke/A. Speit (Hg.): Braune Kameradschaften, Berlin 2004

Steine auf der Straße – U. R. in die tageszeitung 14.12.1987, Hamburger Abendblatt 7.3.2005

Mit Gift zu Tisch – J. Pomorin/R. Junge: Die Neonazis, 6. Aufl. Dortmund 1979 | Deutsche Volkszeitung 31.10.1986 | B. Rommelspacher: »Der Hass hat uns geeint«, Frankfurt/M. 2006 | A. Klärner/M. Kohlstruck (Hg.): Moderner Rechtsextremismus in Deutschland, Hamburg 2006

Geste am GrabBuxtehuder Heimatbücher, Buxtehude 1936 | J. Pomorin/R. Junge: Die Neonazis, 6. Aufl. Dortmund 1979 | T. Grumke/B. Wagner (Hg.): Handbuch Rechtsradikalismus, Opladen 2002 | Stern [Febr.] 1978 | Böhme Zeitung/Soltauer Kreisblatt 27.6.1977 | W. Gessenharter: Kippt die Republik?, München 1994 | Die Welt22.4.1978, Stader Tageblatt 21.7.1978

Über das Grab hinaus – H. Bude: Deutsche Karrieren, Frankfurt/M. 1987 | die tat 31/1982 | Stader Tageblatt 27.8.1985, 19.8.1987

»Mafia der nationalen Nachgeburt«Die Zeit 13.7.1979 | J. Pomorin/R. Junge: Die Neonazis, 6. Aufl. Dortmund 1979

Stütze des nationalen Widerstandsdie tageszeitung 16.9., 2.10.1987 | Weser Kurier 7.4.2005 | A. Röpke: »Wir erobern die Städte vom Land aus!«, Braunschweig 2005 | T. Grumke/B. Wagner (Hg.): Handbuch Rechtsradikalismus, Opladen 2002 | P. Gessler: Der neue Antisemitismus, Freiburg im Breisgau 2004

Bedrohung und Enthüllung – K. Farin/E. Seidel: Skinheads, 5. Aufl. München 2002 | K. Farin/E. Seidel: Krieg in den Städten [1991], Berlin 2012 | Hamburger Morgenpost 13.10.2005 | Hamburger Abendblatt 4.7.2005 | T. Grumke/B. Wagner (Hg.): Handbuch Rechtsradikalismus, Opladen 2002 | blick nach rechts 25–26/2004, 12/2005

LeichensucherKreiszeitung Wochenblatt 7.3., 10.3., 15.9., 29.9.2012

Schatzmeister im Schatten – J. Pomorin/R. Junge: Die Neonazis, 6. Aufl. Dortmund 1979; Stader Tageblatt 12.5.1975, 10.4.1978, 3.2., 27.2.1979, 25.4.1980 | Neue Hannoversche 10.4.1978 | BILD 1.2.1979, Hamburger Abendblatt 1.2.1979, Rotenburger Kreiszeitung 1.2., 2.2.1979, Zevener Zeitung 3.2.1979 | U. R. in Hamburger Abendblatt 26.9.2000, Neues Deutschland 7.11.2002

Stiller SekretärStader Tageblatt 1.2.2005 | U. R. in GEW aktuell Stade, Herbst 2004, Herbst 2005 | Sie marschieren wieder, Sonderausg. Weser Kurier 2005 | A. Röpke: »Wir erobern die Städte vom Land aus!«, Braunschweig 2005

ÜBERSICHT Braune Bande. Neonazismus in Niederdeutschland

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