Religiöse Fortsätze des Nationalsozialismus und die Sektenbildung der AfD im Internet

»So geht man mit uns um. Wir sollen fertig gemacht werden. Das Regime will uns fertig machen.« Spricht so ein Oppositioneller in Südamerika oder ein Dissident im Iran? Vielleicht ein deutscher Reichsbürger, dem ein Gerichtsvollzieher seinen Besuch angekündigt hat?

Nein, es ist einer der Helden des Kreisverbandes der Alternative für Deutschland vor meiner Haustür, der für einen begnadeten Redner gehalten und gern im Video angeschaut wird: Guido Reil, nachdem er als Kandidat für die Europawahl 2019 im Zweiten Deutschen Fernsehen auftreten durfte. Dass er sich dabei als jemand erwies, der zwar nichts weiß und nichts wissen will, aber eine entschiedene Meinung hat, kann weder verwundern noch als AfD-typisch gelten.

Reil äußerte live nichts weiter Verfängliches. Das kommt also im Nachschlag. Der Moderator und ein SPD-Funktionär (den Reil selbst auf altväterliche Art gelobt hatte, als stünde es ihm zu, Noten zu verteilen), hätten sich gegen ihn verschworen. Die ZDF-Redaktion habe im Vorgespräch mit ihm eine Art Gehirnwäsche vorgenommen. Denn unleugbar waren es seine Sätze, die er sagte, und während der Sendung waren keine Fäden zu erkennen, an denen er gezogen wurde. Ob das »Regime« ausschließlich aus ZDF und SPD besteht, die von Reil als Beteiligte genannt werden, ist eine überflüssige Frage.

Im Talk ging es um das Klima und um die Wissenschaft davon. Es war der Moderator, der von seinem »Glauben« an den Klimawandel sprach, während sich Reil mit unbegründeten Zweifeln begnügte, aber seinen Glauben an eine Verschwörung zur Täuschung der Öffentlichkeit durchblicken ließ, den er also im Nachgang betont. Die Täuschung sei so weitreichend, meint er, dass sie seinen eigenen Auftritt in ein falsches Licht zu rücken vermag.

Das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen, war eine beliebte Ausrede von Politikern, die man seltener hören muss, weil inzwischen jede Rede, die zitiert werden kann, in voller Länge in Ton, Bild oder beidem mitgeschnitten wird und wie jeder vollständige Text nur einen Fingerdruck entfernt und niemand auf Zusammenfassungen im Lokalanzeiger angewiesen ist. Was in der ZDF-Mediathek zu sehen und zu hören ist, soll aber nicht das gewesen sein, was ich von Guido Reil seiner Ansicht nach hätte wahrnehmen müssen, sondern das Produkt einer subtilen Bearbeitung des Redenden.

Die Wirklichkeit des Guido Reil ist eine andere, als sie auf dem Monitor erschien. »So geht man mit uns um. Wir sollen fertig gemacht werden.« Das ist der Glaube des Reichsbürgers, der sich selbst einen Pass ausstellt und vorgibt, damit ins Ausland reisen zu können.

Damit hat man es vorwiegend bei der AfD zu tun: mit Glaubenskriegern. Auf Bundesebene stellt die Partei sich besser dar, als sie in der Breite aufgestellt ist; da lassen sie sich auch einmal zu Sachthemen ein. In Niedersachsen und zumal im Kreisverband Stade sind weit überwiegend Überzeugte wie der verehrte Guido Reil unterwegs, deren erstes und letztes Argument ihr Fanatismus ist.

Der Name der facebook-Site könnte missverstanden werden. »Keine AfD im Alten Land« bezieht sich auf Geografie, auf den Namen für das Obstmarschengebiet an der Unterelbe bei Hamburg. Sie versammelt Beobachtungen des KV Stade der AfD. Die Partei wird durchgängig als »Sekte« bezeichnet. Das akzentuiert einen weitgehend unterschätzten Aspekt des Neonazismus.

Die Geschichte des Nationalsozialismus nach 1945 hat politische, kriminelle und kulturelle Elemente, zu denen auch religiöse gehören. Die Verbrechen machen von Fall zu Fall Schlagzeilen, und es gibt Todeslisten, dennoch bleibt vieles im Dunkeln. (→ Totholz Todeslisten) Politisch erörtert wurde vorrangig das Verbot der NPD. Bei dem, was als kulturell zu gelten hat, stottert der Diskurs, bevor er ganz zum Erliegen kommt. Der religiöse Aspekt ist allenfalls von den sehr wenigen Fachleuten registriert worden.

Dass Thomas Lemke, → der Serienmörder, der kein Neonazi sein sollte, sein Neugermanisches Heidentum als Motiv anführte, wurde vor Gericht und in den Medien ebenso abgetan wie seine vielfache Anbindung an rechtsextremische Organisationen. Die Gerichtspsychiater kamen zu keiner klaren Einschätzung der Persönlichkeit des dreifachen Mörders. Was sie unberücksichtigt ließen und allenfalls ein paar wenigen Büchern und einigen Artikeln in Fachzeitschriften hätten entnehmen können, wären sie auf den Gedanken gekommen, dort nachzuschlagen, war, dass ihr Proband mit seinem Glauben nicht allein stand. Während Lemke 1996 vor Gericht stand, berief sich Kay Diesner bei seinen Morden ebenfalls auf das Neuheidentum.

2011 reklamierte der Anwalt des prominentesten Neonazis im Süden Hamburgs (der dem Vernehmen nach seinen Namen geändert hat, mit dem er als relative Person der Zeitgeschichte in Zeitungsartikeln und Büchern genannt wird), eine Art Religionsfreiheit für seinen Mandanten im Prozess um schweren Landfriedensbruch in Tostedt in der Nordheide am Pfingstmontag 2010. (→ Das Nest in der Nordheide 1 & → 4) In dessen Geschäft für Kameradschaftsbedarf gab es neben Quarzhandschuhen und CDs mit Rechtsrock Hemden mit einem Adler, der einen Fisch in den Fängen hält, und der Aufschrift »No Inquisition«. Auf das Motiv des neuheidnischen Vogels, dem das Symbol für das Christentum zur Beute wird, hatte Jürgen Rieger, 2009 verstorbener Rechtsanwalt und Neonazi-Drahtzieher, zuletzt bei der NPD, das Copyright. Die Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung, der er vorstand, präsentiert sich unangefochten auf facebook.

Der Anwalt des Tostedter Ober-Gangsters verglich die von der Antifa ausgelösten »Angriffe« auf seinen Mandanten mit der Hexenverfolgung. Wie das damalige Handbuch des Terrors, der Malleus maleficarum der Inquisitoren Jakob Sprenger und Heinrich Institoris, der Hexenhammer von 1487, inzwischen als Unrecht gelte, werde es sich (nach der nationalen Revolution) mit den Anklagen des Landgerichts Stade verhalten.

Für die Verkennung der Verbindung von Politik und Religion im neuen Nationalsozialismus steht das Urteil des Verwaltungsgerichts Stade von 1994, das Jürgen Rieger für die Witwe des Neuheiden und Neonazi-Anführers Edgar W. Geiss erstritt. Die Richter hielten die Runen auf seinem Grabstein in Hechthausen weder für eine politische noch religiöse Manifestation. Sie waren beides. (→ Braune Biografien) Das zu seinen Lebzeiten geheime Symbol von Heinrich Himmlers Neuheidentum, ein Kreis aus zwölf Sig-Runen im Nordturm der Wewelsburg bei Paderborn, ist inzwischen eines der beliebtesten Embleme von Neonazis. (→ Hexen und das Heute in Buxtehude)

Die inhaltlichen wie personellen Beziehungen zwischen Nationalsozialismus, Neuheidentum und Esoterik sind offenkundig, sobald man nur hinschaut. Lange bevor ich mich eingehender mit den »Forschungen« von Heinrich Himmlers Steckenpferd, der Kultursektion der SS, befasste, Anfang der 1980er hätte ich im angesagten Esoterik-Buchladen am Campus der Hamburger Universität Abhandlungen über Runenkunde erstehen können, die vom Ahnenerbe beauftragt worden waren. Himmlers Lieblingsbuch Luzifers Hofgesind von Otto Rahn, das der Reichsführer-SS in einer Luxusausgabe herauszubringen trachtete, bevor er die Homosexualität des Autors nicht länger ignorieren konnte, ist bei »reinen« Esoterikern ebenso beliebt wie bei Neonazis. Und sein Sujet, die Suche nach Heiligen Gral, kennen alle übrigen spätestens seit der verfilmten Bestseller von Dan Brown.

Womit sich der Bogen zur YouTube-Universität schließt, wo Spiritismus mit Science-fiction montiert wird (wie schon bei den dianetischen Scientologen des L. Ron Hubbard) und angereichert um Fantastereien aus dem realen Reich der Finsternis. Kein Gruselkabinett im Hamburger Freihafen kann mit dem Grauen einer NS-Gedenkstätte mithalten. Und die dümmste Illuminaten-Spinnerei wird brandgefährlich, wenn sie in den Bannkreis der Shoah eintritt.

Nichts Neues soweit. Allein: das Gewicht dieser Weltanschauung ist gewachsen. Das braune Gestammel, das ich soweit ziemlich exklusiv aus dem Mund von NPD-Anhängern und sonstigen Kameraden vernehmen konnte, schlägt mir inzwischen täglich ins Gesicht als in Massen- und Sozialen Medien weit verbreitete Äußerung von AfD-Funktionären. »Das Regime will uns fertig machen.« Wie viele der Mandatsträger in Bund, Land und Kommune traditionelle Rechtsextremisten, Weltverschwörungs-Adepten, Reichsbürger, Rassisten, Anti-Islamisten oder Antisemiten sein mögen – es handelt sich allemal um eine Zahl, von der die NPD selbst in ihrer Blütezeit Ende der 1960er nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Seit Soziologen und Politologen sich in den 1980ern erstmals damit befassten, wurde der »fruchtbare Schoß« auf 15 bis 25 Prozent veranschlagt. NPD, Neonazi-Kameradschaften und ihre bürgerlichen Verwandten bei den Republikanern oder der Hamburger Schill-Partei, die mit 19 Prozent den Pool noch weiter ausgeschöpft hatte als die AfD, waren sich stets näher, als sie in der öffentlichen Wahrnehmung erschienen. Der zeitweilige Erfolg der Republikaner war an die Person des früheren Journalisten Franz Schönhuber geknüpft, der sich an den Kanon des damals gerade noch Sagbaren hielt und damit im TV um ein Vielfaches präsenter war, als NPD-Funktionäre je hätte sein können. Diese sah man erstmals vermehrt auf dem Bildschirm, als sie in den noch neuen Bundesländern in die Parlamente einzogen. Mehr als ihre ausweichenden Antworten auf Fangfragen nach Hitler wurde nicht kommuniziert. So konnte es erscheinen, als hätte die AfD andere oder neue Aussagen zu machen.

Mit dem Internet sind nicht nur Blasen vergrößert, sondern auch Nischen aufgelöst worden. Was unter dem Ladentisch gehandelt worden war, kam im Netz, als es selbst noch eine Nische war, zuerst groß heraus: Pornos und Hakenkreuze. Das Internet hat den öffentlichen Raum nicht nur erweitert, sondern mit dem privaten verschmolzen. Fremdenhass war stets so international wie Pädophile; indes war es umständlicher und erforderte Ressourcen, um sich mit den Netzen zu verknüpfen, die inzwischen einen Klick entfernt sind.

Während Guido Reil seine Blamage als Resultat einer Verschwörung deutet, meldet sich beim Kreisverband Stade jemand zu Wort, von dem während der bald drei Jahre, die seine Partei in Amt und Würden ist, nichts zu hören war und über den dem Internet nicht mehr als seine Selbstdarstellung zu entnehmen ist. Er stellt den seiner Ansicht nach »einfache[n] Zusammenhang zwischen Willkommenskultur und Wohnraumknappheit« her. An mehreren Stellen seiner Publikation ist fraglich, ob er Fake News in die Welt setzt oder sich in satirischer Überspitzung versucht. Das »Bundesamt für framing«, das er erwähnt, gibt es zwar nicht, aber man kann nicht sicher sein, ob Eric Kruse nicht doch glaubt, dass es existiert. Womöglich hat er davon ebenso in seiner Filterblase gehört wie von den »Millionen Gästen«, für die »Mega-Bauprojekte« in Angriff genommen werden sollen.

Kruse holt mit großen Worten aus, Sozialismus, Kapitalismus, Demokratie, die er weder im Einzelnen noch im Zusammenhang begriffen hat und wild durcheinander würfelt. Auffälliger als die Worte ist, wie energisch er mit ihnen umspringt. Als wüsste er nicht nur genau, wovon er redet, sondern auch noch besser als andere, die er über ihren Verblendungszusammenhang aufzuklären meint. »Verblendet« ist sein Lieblingswort; das sei es, was die »Sozialisten in den oberen Kreisen« mit dem Volk anstellen. »Das Regime will uns fertig machen.«

screenshot Homepage AfD KV Stade

Von »braun« ist die Rede, zwar im Titel, aber irgendwie verschämt, und der Autor kommt auch nicht mehr darauf zurück. »Braun« soll demnach der Inhalt einer »bunten Verpackung« sein: »Somit ist die ›Verpackung‹ des Ganzen augenscheinlich für einen guten Zweck, behandelt aber den selben Inhalt, wie ihn die AfD dauernd anspricht, nämlich die Realität ohne Beschönigungen.« Ein Fehler in der Logik oder eine Freudsche Fehlleistung? Denn wenn der Inhalt braun sein soll und derselbe, den die AfD meint, ist dann die AfD nicht auf der braunen Seite?

Der krause Text des Eric Kruse steht als Wahlwerbung auf der Homepage des KV Stade. Dafür ist er völlig unbrauchbar; er wendet sich an niemanden, der nicht bereits entschlossen ist, AfD zu wählen und schlägt zudem einen Ton verstiegener Intellektualität an, der manchen in den eigenen Kreisen Probleme bereiten dürfte. Widerspruch ist gegen Kruse nicht möglich, denn sein Text enthält keine Aussagen, sondern Glaubenssätze. Er argumentiert nicht, er predigt.

Darin ist er nicht geübt. Das ist nicht sein Ding, jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Eigentlich will er gar nicht reden. Der Text ist eine Ersatzhandlung. Dass seine aufgestaute Wut ihn dazu bewegt, etwas zu tun, was er selten zu tun scheint, einen Text zu posten, sollte insofern beruhigen: noch geht er nicht handgreiflich daran, mit der sozialistischen Pseudo-Demokratie aufzuräumen und die Verhältnisse herzustellen, die er sich wünscht, aber mit keinem Wort vorstellt. Das muss er auch nicht für seine Mitgläubigen, und für alle anderen soll die Magie der Silben reichen, die an deren eigene Weltbilder anklingen. In Anbetracht seines bisherigen Schweigens ist es freilich eine Eskalationsstufe, dass dieser Funktionär der AfD einen Text schreibt.

»Sekte« bezeichnet das Verhalten des KV Stade der AfD nicht nur als Glaubensgemeinschaft, sondern auch im Verhalten gegenüber der Außenwelt. Von amtlichen anerkannten Kirchen unterscheidet Sekten lediglich der Rechtsstatus. Sie werden nicht als solche verfolgt, sondern nur, wenn sie mit Straftaten in Verbindung gebracht werden können. Eine Sekte kennzeichnet jedoch die Abdichtung gegen die Umwelt, das Einrichten in der Filterblase mit Echokammer; mit der Dämonisierung der Außenwelt legen die Anführer den Grundstein ihrer Macht.

Die AfD ist an der Unterelbe und auf der Geest eine geschlossene Gesellschaft. Bis dato ist über ihre Anhänger, Mitglieder und Funktionäre wenig mehr bekannt, als ich an dieser Stelle im Oktober 2017 feststellte: fast nichts. (→ Gestalten im Schatten) Mit zwei Fälschungen hat sie zwei Mal von sich reden gemacht (→ Wiederholungstäter), und sie beklagt sich unaufhörlich über alles Mögliche. Aber wofür sie eintritt, was sie will und weshalb man sie wählen sollte, müssen Außenstehende sich aus einem wirren Mosaik zahlloser Links und spärlicher eigener Stellungnahmen zusammenreimen.

Nur in einem Punkt ist die Haltung der Partei klar: zu allem, was in ihrem Wahlbezirk geschieht, geschehen sollte oder unterlassen wird, zu Problemen und Möglichkeiten in dem Gebiet, in dem sie selbst leben und tätig sind, hat sie praktisch nichts zu sagen. Die Handvoll dessen, was sie dazu in drei Jahren an die Öffentlichkeit brachte, betrifft Belanglosigkeiten oder hysterische Projektionen aus dem Sektenbauch.

Die jüngste der wenigen Wortmeldungen, die kein Link zu einem überregionalen Thema ist, die von Eric Kruse, demonstriert diese spezifische Ausblendung. Zur Wohnungsknappheit in seinem Revier verliert er kein Wort. Falls es den von ihm pauschal beschworenen Zusammenhang mit den Flüchtlingen gibt, unterlässt er jeden Hinweis auf lokale Zustände. Und nicht nur er: die Vertreter seiner Partei in den Stadt- und Gemeinderäten hätten doch unweigerlich von »Mega-Bauprojekten« für Zuwanderer erfahren und sie skandalisieren müssen. Der Umkehrschluss scheint derselbe wie seinerzeit, als die AfD in Buxtehude ein Kriminalitätsproblem, von dem sie aus ihren Lieblingsmedien erfahren hatte, vor die Haustür verlegen wollte und die Polizei mit Tatsachen widersprach: die Flüchtlinge haben also keinen Anteil an der Wohnungsknappheit vor Ort?

Vielleicht doch. Aber wäre es so, wäre von der Parteisekte keine Aufklärung zu erhalten. Mit der Außenwelt gibt sie sich nicht ab. Und muss es eigentlich auch nicht. Sind sie doch bis dato ohne sonderlichen Widerspruch durchgekommen. Mir ist nicht bekannt, dass sich lokale AfD-Vertreter öffentlich für den verquasten Humbug, den sie kontinuierlich in die Welt setzen, hätten rechtfertigen müssen – außer indem sie Stellungnahmen per E-Mail versandten, die in einer einzigen Zeitung anstandslos zitiert wurden. Bei den drei Veranstaltungen der Partei in Buxtehude, die ich besuchte, gab es einmal Widerworte aus dem Publikum (→ Angsthasen in Buxtehude).

Und nur einmal, im Januar 2016, kam es zu einer Protestkundgebung samt Polizeieinsatz, als die Partei sich zu einem Stammtisch in Stade versammelte. Ihre jüngste öffentliche Veranstaltung fand an einem entlegenen Ort statt, der erst kurz vorher bekannt gemacht wurde, als hätte man mit ungebetenen Gästen zu rechnen, die ebenso ausblieben wie es die Partei unterließ, denen, die nicht anwesend waren, etwas darüber mitzuteilen, was sie getrieben hatte. AfD-Anhänger wie -Funktionäre haben keinen ihrer Glaubenssätze jemals einer kritischen Überprüfung unterziehen müssen.

Der KV Stade der AfD weiß nichts aus eigener Kenntnis mitzuteilen, und er ist durch keine Person präsent. Immerhin scheint diese Sekte keinen Guru zu haben. Aber sie bleibt unter sich und tut nicht mehr, als außer auf den braunen Zeitgeist zu vertrauen, auf die weitgehend anonyme Zustimmung von YouTube-Studenten, verstreuten Reichsbürgern und Hardcore-Neonazis.

Eine Handvoll Glaubenssätze haben der AfD zum Einzug in die Parlamente genügt. »Die Flüchtlinge sind Schuld« ist einer; »das Regime will uns fertig machen« ein anderer. Beide reichen über sich hinaus. Mit den Flüchtlingen sind schließlich alle Muslime gemeint, und im »uns«, die vom System drangsaliert werden, kann sich jeder wiederfinden, der für seine Verhältnisse unbedingt andere verantwortlich machen und beschimpfen will, alle ideologisch nicht gefestigten Wutbürger.

Was im Persönlichen keinen Sinn macht, ist im Politischen verheerend. Es zeigt sich an der Epoche der Geschichte des Landes, für das die Rechtgläubigen einen Alleinvertretungsanspruch geltend machen, die gerade deshalb von ihnen zum »Vogelschiss« reduziert wird. In den Spiegel dessen, wohin sie unterwegs sind, wollen sie partout nicht sehen.

Während ich dies schreibe, wird, wie das Hamburger Abendblatt berichtet, auf dem Dag-Hammarskjöld-Platz am Bahnhof Dammtor demonstriert. Neonazis hatten eine Kundgebung angemeldet gegen Migrationspolitik und den »CO2-Wahnsinn«. Dag-Hammarskjöld-Platz klingt unverdächtig. Dort steht der »Kriegsklotz« und verbindet seit 1936 nationalsozialistische Geschichte mit der Gegenwart. (→ Der Klotz steht noch) Nach Polizeiangaben 750 linke Gegendemonstranten zogen von St. Georg aus über Mönckebergstraße, Rathausmarkt und Gänsemarkt zum Dammtor, wo sie von Wasserwerfer und Räumpanzer erwartet wurden.

Was das mit der AfD zu tun hat? Dass Neonazis nicht in die Parlamente eingezogen sind, hat nicht zuletzt auch mit dem Widerspruch zu tun, der ihnen begegnete, wo immer sie öffentlichen Raum beanspruchten. Es war weder schick noch angenehm, bei der NPD mitzumachen. Mit PEgIdA wurde das anders. Da eilten sogar SPD-Vorsitzende herbei, um mit den Wutbürgern zu parlieren, die nicht nur nichts anderes sagten und forderten als die NPD, sondern dies auch noch unverschämter taten. Bei der AfD gewöhnte man sich an Äußerungen, für die ein NPD-Funktionär eine Strafanzeige zu gewärtigen hatte. Die AfD hatte vergleichsweise fast nichts auszustehen außer Unhöflichkeiten, auf die sie stets noch grober erwiderte. Einen nicht unbeträchtlichen Teil ihrer Öffentlichkeitsarbeit erledigten Talkshow-Redaktionen, die von den Braunen mehr Farbe auf der Unterhaltungspalette erwarteten.

Obwohl die AfD ihren Opferstatus pflegt und dabei wie Guido Reil vor keiner absurden Volte zurückschreckt, haben sie im öffentlichen Raum im Süden Hamburgs so gut wie keinen Widerspruch erfahren. Vielmehr konnte unlängst ein Funktionär in einer Veranstaltung unwidersprochen behaupten, Anhänger seiner Sekte würden verfolgt, weil sie der Sekte angehörten. (→ Männerfantasien) Kein solcher Fall ist von der Partei selbst veröffentlicht worden oder sonstwie bekannt geworden.

Nachdem der KV Stade mit einer Fälschung auf facebook aufgeflogen war, gab er an, weder die Fälschung erkannt zu haben noch zu wissen, wer diese gepostet hatte. Zu fragen, wie ich wissen kann, dass die Fälschung nicht als Fälschung erkannt wurde, wenn ich nicht weiß, wer sie gepostet hat, ist eine so überflüssige Frage wie die Feststellung, dass nicht das »Regime«, sondern Guido Reil selbst für seinen Auftritt verantwortlich ist.

Mit Politik in der Demokratie hat die AfD nicht das Geringste zu tun. Mehr mit Religion, indes mit keiner, für die besondere Freiheiten bestehen, denn dazu müsste die AfD sich mindestens zu ihrem Sektierertum bekennen. Und täte sie es, befände sie sich im Bereich der Nachfolgeorganisationen der NSDAP und ihrer Untergliederungen, die hierzulande schlicht und einfach verboten sind. Oder sie müsste ein Verfahren erwarten wie das das gegen die NPD gescheiterte – durch das man erführe, wie viele V-Leute unter den AfD-Abgeordneten sind.

Die AfD ist vor allem psychopathologisch zu begreifen. Aber den Anhängern der Partei und ihren Amtsträgern Therapiestunden zu verordnen ist nicht nur nicht möglich, sondern behebt das Problem so lückenhaft wie die Auflösung einer Sekte, indem die Angehörigen in alle Winde verstreut werden. Die Gurus machen weiter. Die AfD hat zwar keinen Führer, aber offenbar ausreichend Machthungrige in ihren Reihen, die den Betrieb lenken und nicht selbst so verblendet sind wie Guido Reil und seine Bewunderer im KV Stade. Leute wie Alexander Wolf, der kürzlich im Verein mit dem Hamburger Abendblatt eine Anti-Antifa-Kampagne um die Ida-Ehre-Schule inszenierte. Wolf ist kein Gläubiger, er steuert diese. Und er kennt die Punkte, an denen der ganz normale AfD-Wahnsinn sich mit politischen Positionen der CDU schneidet und reale Machtoptionen bietet.

Dass bei der Verteufelung der Antifa, die sie betreiben, die Neonazis Pate gestanden haben, die vom Verfassungsschutz bezahlt worden waren, und Björn Höcke bei der Chose im Hintergrund grinst, ist, fürchte ich, Alexander Wolf bewusster als dem Chefredakteur des Abendblatts, nehme ich dessen zur Schau getragene Ahnungslosigkeit in einem TV-Statement zum Anhalt, nachdem dem NDR die Unstimmigkeiten in Partei- und Zeitungsberichten aufgefallen waren. Es war keine ganze, nur eine halbe Fake News, aber die Richtung ist klar: wer in Hamburg gegen Neonazis antritt, setzt sich dem Verdacht des Linksterrorismus aus.

Dag-Hammarskjöld-Platz kann man schreiben. »In Sichtweite des im Nationalsozialismus errichteten Kriegerdenkmals« kann man auch sagen, wenn man nicht so tun will, als ginge es bloß um die paar Hansel, deren genau Zahl im Abendblatt ungenannt bleibt (100 laut NDR), die sich dort versammelt haben. Ansonsten nur das übliche Demo-Geschehen nach Polizeibericht. Wozu überhaupt der Aufwand? Gegen Migrationspolitik und den »CO2-Wahnsinn« sind auch andere. Was soll das mit Nationalsozialismus zu tun haben? Im Spiegel dieser Presse nichts. Da hat Rechts noch nie mit Nazis zu tun gehabt.

Es ist eines der gelungensten Kunststücke des intellektuellen deutschen Exportschlagers, der Vergangenheitsbewältigung: dass die heimischen Neonazis viel mit denen in Frankreich oder Italien zu tun haben, dass sie sogar Faschisten sein könnten, aber bitte nicht als buchstäbliche Erben des Nationalsozialismus aufgefasst werden sollen. Rechte, Rechtsextremisten, Rechtsradikale oder zuletzt Rechtspopulisten wird in den Medien und den einschlägigen Wissenschaften gern genommen und Nazis als Schimpfwort bei allen anderen, worüber die Gemeinten sich herzlich freuen, solange sie nichts von dem getan haben können, wofür ihre Vorfahren berüchtigt sind.

Aber es gibt einen Fortschritt. In früheren Demo-Berichten des Abendblatt wird man das eine oder andere abwertende Adjektiv über die Gegendemonstranten finden und einen mehr oder weniger versteckten Hinweis darauf, dass der komplette überzogene Polizeieinsatz nur diesen zuzurechnen ist. Wären die nicht besser zu Hause geblieben und hätten die Verkehrsprobleme vermieden? Die Neonazis marschieren wie eh und je, die AfD sitzt im Bundestag, doch immerhin wird man im Hamburger Abendblatt nicht auch noch dafür geächtet, dass man das nicht klaglos hinnimmt.

Auf den Fotos ist kein Schwarzer Block zu sehen. Vielmehr scheinen den Kameraleuten die Schilder mit »Omas gegen Rechts« besonders gefallen zu haben. Dass der Protest gegen Neonazis nicht den unter 30-Jährigen überlassen wird, ist allerdings neu.

Demo Hamburg-Dammtor April 2019

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