Neonazis im Diskurs

Kann, darf oder soll man »mit Rechten reden«? Blöde Frage. Kommt drauf an. Gibt Tage, da rede ich auch nicht mit Linken. Oder nur mit mir.

Wie kann ich überhaupt wissen, ob jemand »rechts« ist, wenn ich nicht mit ihm rede? Die Glatze, die ehedem von den Medien als Erkennungsmerkmal in die Welt gesetzt wurde, war in Wirklichkeit nie eins. Die 88 auf dem Autokennzeichen kann ebenso Zufall sein wie das Shirt einer Marke, die HH abgekürzt wird. Und da selbst AfD-Funktionäre bestreiten, »rechts« zu sein, bedeuten Selbstauskünfte sowieso wenig.

Was genau soll ich außerdem unter »rechts« verstehen – nach dem Willen derer, die die Frage aufwerfen, und nur eine Antwort erwarten. Wer »mit Rechten redet«, verstößt gegen Regeln, die Leute aufstellen, mit denen man aus denselben Gründen, die sie anführen, nicht reden könnte, weil sie, sagen wir mal: Stalinisten sind.

Neuerdings wurde aus dem allgemeinen Verbot ein striktes Gebot – was gleichermaßen grotesk ist. Rederegeln sind zugleich Denkregeln. Für das Denken aber gibt es nur eine Vorschrift, die Sätze der Logik. Alles Übrige ist entweder frei – oder gar kein Denken, sondern Gehorsam gegenüber einem Programm.

»Ich habe nie verstanden, warum man mit Neonazis reden soll. Und ich meine damit rechtsextreme Kader und nicht den Sprüche klopfenden Schwager auf der Familienfeier oder eine Rentnerin auf dem Land, die sich in den Echokammern der Angst verliert, die von der AfD befeuert werden.« Das äußert ein Autor des Deutschlandfunk am 1. November 2018 über eine Homestory des Spiegel mit Björn Höcke.

Neonazis nach Kräften zu ignorieren war jahrzehntelang die Taktik der Medien. Dazu gehörte auch, nicht mit ihnen zu reden. Nicht mit dem NPD-Kader und nicht mit dem Wahlkampfhelfer auf der Straße. Einerseits konnte das gefährlich sein, denn wo die AfD nur schimpft, schlug die NPD bisweilen zu. Andererseits wurde es gar nicht versucht.

Der erwünschte Effekt war, dass die Medienkonsumenten über Motive und Ziele der Neonazis im Unklaren blieben und mit Floskeln des Abscheus abgespeist wurden. Für die Scheuklappen-Träger war der Durchbruch der AfD eine Überraschung, und sie scheinen bis heute nicht begriffen zu haben, dass er dort herkommt, wo sie nie hingeschaut haben: in der Mitte der Gesellschaft. Die mediale Ignoranz hat ihren Anteil daran, dass die alten Anschauungen erstmals seit den 1950er Jahren im Bundestag repräsentiert werden.

Dass Journalisten die NPD, Freie Kameradschaften und sonstige Neonazi-Verbindungen stets nur aus der Ferne betrachtet und sich damit begnügt haben, ihrem Publikum die eigenen Vorurteile und selbst gebastelten Klischees anzubieten, hat eine offene Auseinandersetzung mit den bis zu 25 Prozent der Bevölkerung, die nationalsozialistisch denken, blockiert.

(Auf »zwei Dutzend« wurde 1994 die Zahl der Journalisten und Wissenschaftler geschätzt, die sich mit Neonazismus auskennen, und 2012 wurde der Befund wiederholt und begründet: »Recherchen am rechten Rand sind mühsam, langwierig und werden von Redaktionen, wenn nicht Spektakuläres zutage kommt, selten belohnt.« [Siehe Die NS-Oberfläche])

Die Neonazis wurden als »Rechtsextreme« und »Rechtsradikale« geschminkt und hinter einer Maske der Andersartigkeit und des Randständigen versteckt. Glatzköpfe in Springerstiefeln als Inkarnation des Bösen. Was daran wahr ist, lenkt zugleich ab von dem Befund, der sich ergibt, wenn man hinter die Maske schaut und durchschnittliche junge Männer und Frauen erkennt. Sie leben in einer Filterblase, was nichts Besonderes ist, und glauben, dass diese keine sei. Braune Bande)

Dass die Blase durch das Web wachsen würde, war in Deutschland spätestens seit 2000 erkennbar. Das Störtebeker-Netz und altermedia wurden nach vielen Jahren abgeschaltet – als sie entbehrlich geworden waren. Die Betreiber waren sich der Strafverfolgung bewusst und formulierten vorsichtiger, als es heute auf einer beliebigen AfD-Site bei facebook Usus ist.

Kein gewöhnlicher Medienkonsument kannte die Neonazi-Homepages. Von dem, was dort und anderswo ausgetragen wurde, erfuhr er so wenig, dass ihm die ersten Ausrufe der PEgIdA wie Geburtsschreie klangen – während sie doch nur das Gegreine verstorbener Greise fortsetzten.

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In einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft bleibt es der Bürgerschaft selbst überlassen, ob sie »mit Rechten redet«. Dass dies aber von Journalisten als Vorwurf an Journalisten formuliert wird wie im Deutschlandfunk bezeugt eine weit verbreitete Berufsunfähigkeit, die nicht als solche begriffen wird.

Als Journalist, der nicht nur nachplappert, was ihm andere vorsagen, lässt man sich schließlich mit Neonazis nicht ein, um politische Diskussionen zu führen, sondern zur Informationsbeschaffung. Etwa um die Stärke des nationalsozialistischen Netzwerks abschätzen zu können, indem man sich ein Bild von den Persönlichkeiten verschafft, die es unterhalten oder sich darin verfangen.

Wenn Journalisten nicht mit Neonazis reden – mit wem sonst ist es für sie überflüssig? Mit Verbrechern oder Obdachlosen? Reden Journalisten nur mit Ehrbaren und Gebildeten, mit den Reichen und Schönen? Und über alle, die ihnen nicht genehm sind, bestenfalls mit Verbandsvertretern? Nicht mit Flüchtlingen, sondern nur mit Flüchtlingshelfern? »Ich habe nie verstanden, warum man mit Neonazis reden soll.« Das muss ein Missverständnis sein.

Homestory und Interview sind journalistische Formen, aber längst nicht die einzigen Möglichkeiten des Umgangs mit denen, über die man sich auslässt. Journalisten, die ausschließlich Termine abarbeiten, kämen freilich nicht auf den Gedanken, mit Neonazis zu reden, ohne das Gespräch unverzüglich als Interview zu veröffentlichen, sondern um zu hören, was sonst vielleicht ungesagt bliebe.

Den Anstoß des DLF-Autors erregt vor allem die Inszenierung des Interviews mit Björn Höcke. Ihn auf einem Spaziergang im Deutschen Wald reden zu lassen, ist allerdings wie ein Heimspiel. Warum hat Der Spiegel sich mit ihm nicht unweit der Redaktion auf dem Hamburger Steindamm verabredet? Wäre gewiss eine spannendere Geschichte geworden: wenn die Passanten Höckes Sprüche gehört und darauf reagiert hätten und wie er wiederum damit umgegangen wäre, weitab von seiner Waldspießerkammer.

Höcke hätte nicht mitgespielt, und das »Nachrichtenmagazin« keine Geschichte gehabt. »Mit Rechten reden« ist kein Problem – wohl aber der Umgang mit dem, was sie sagen. Ob es so todernst genommen wird, wie es gemeint ist, oder feuilletonistisch moderiert.

Der Vorwurf mangelnder Objektivität, den die AfD pauschal gegen die Medien als »Lügenpresse« erhebt, trifft sie jedes Mal zu Recht, wenn sie, statt sich mit ihren Gegenständen unabhängig auseinanderzusetzen, diese nur in Formeln und Floskeln abbilden. (Medien im Zerrspiegel) Wenn eine Story mit Höcke im Wald sich liest, als sei sie mit der Pressestelle der Partei abgestimmt worden. Oder wenn die Medien ohnehin nur »berichten«, was eine Partei, eine Behörde oder sonstwer ihnen als Thema mundfertig anbietet.

Freundlich geschätzt 80 Prozent der durchschnittlichen Medienerzeugnisse bestehen aus Material, das lediglich umgearbeitet wird. Die Theaterkritiker sind oft die einzigen, die leibhaftig zu sehen bekommen, worüber sie schreiben.

Der gewöhnliche Journalist geht ständig mit denselben Leuten bei ähnlichen Gelegenheiten um. Mit dem Plebs auf der Straße haben vorwiegend die Auszubildenden zu tun, wenn sie für Umfragen ausgeschickt werden. Als fertige Journalisten treiben sie sich nicht mehr herum, sondern suchen die angesagten Adressen auf. In einer derart eintönigen Landschaft ragt ein Höcke im Wald heraus.

Die »Ausgewogenheit«, auf die die öffentlich-rechtlichen Anstalten eingeschworen sind und die von der AfD für alle Medien gefordert wird, ist unter Hand längst zu einer freiwilligen Gleichschaltung geworden. Zumal das Gros der Zeitungen, die lediglich die Masken ausmalen, die ihnen vorgehalten werden, sind im Internet-Zeitalter entbehrlich geworden und können durch Apps ersetzt werden.

So klafft zwischen dem Waldspaziergang mit dem medienerfahrenen Höcke im Spiegel und dem Bodenpersonal seiner Partei vor meiner Nase ein Abgrund, den kein Medium schließt. Mit Höcke wollen alle reden, und er erweist nicht jedem seine Gunst. Mit den ordinären Wählern, Mitgliedern und Amtsträgern seiner Partei redet keiner. Sie brauchen nicht einmal eine Maske aufsetzen – das erledigt Höcke im Wald gleich mit.

Über Motive und Ziele des gemeinen AfDlers weiß man heute so wenig wie früher vom NPD-Kandidaten bekannt wurde: höchstenfalls die eigenen Verlautbarungen. Wie sich die Programm- und Propagandasätze zu den Personen verhalten, hat im Landkreis Stade vor den Toren Hamburgs seit drei Jahren kein Journalist nachgefragt. Keine einzige Homestory.

Dass das Sachhaltigste, das dazu bei google gelistet wird, Beiträge auf diesem Blog sind, sagt weniger über ihn aus, als es ein Urteil fällt über jene, die vor meiner Nase als Journalisten umherfahren. (Gestalten im Schatten & Die Flyer-Leier der AfD)

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Das Argument gegen die Spiegel-Story, sie habe Höcke zu viel Aufmerksamkeit zukommen lassen, ist eine eingeübte Variante der Ignoranz wie das Rede-Verbot. Ein Ergebnis ist, dass allenfalls Spezialisten die personellen Kontinuitäten des Neonazismus von 1945 bis Chemnitz 2018 den diesbezüglich dürftigen Hauptnachrichten entnehmen können, die braune Drahtzieher nicht beim Namen nennen, »um sie nicht prominent zu machen«. (Braune Biografien & Braune Eminenz)

Das hat die jüngste Generation der »Rechten« ihren Vorgängern voraus: die Medien stehen an, damit sie ihre Gesichter in die Kameras halten. Höckes Prominenz hat längst alle anderen Neonazis überstrahlt. Dem bricht kein Zacken mehr aus der Krone; es sei denn, er tut es selbst.

Allein der kurze TV-Ruhm von Michael Kühnen kurz vor seinem Tod 1991, während der Wendezeit, als die Szene erstmals auf allen Kanälen präsent war, bietet einen Vergleichsmaßstab. Selbst Neonazi-Terroristen sind kaum namhaft, bis auf die Drei aus Zwickau; ihr Mentor Manfred Roeder gehört schon zum Spezialistenwissen.

Später einmal wird vom »Phänomen Höcke« geschrieben werden, und wie die traditionellen Medien dabei den Sozialen Medien nachgelaufen sind, ohne recht zu wissen, wohin. Um im Wald zu landen.

Apropos: Wie geläufig noch ist der Mythos des Waldes als urdeutscher Landschaft und wie wirksam die Metapher? Wird deutlich, wie abgegriffen und wie fürchterlich zugleich »Höcke im Wald« ist?

Der Plot für einen Horror-Film. Schreiende Opfer, die zwischen den Bäumen rasend vor einem unsichtbaren Grauen fliehen … das einen Karabiner K98 trägt … und die Stämme Säulen einer Kathedrale wie in Fritz Langs Nibelungen, worin Siegfried Kracauer den Nationalsozialismus vorflimmern sah …

Was immer beim Spiegel dazu gedacht wurde: das Bild sitzt und wird hängen bleiben, als Karikatur (Rotkäppchen, Wolf etc.) oder Vorschein des Schreckens.

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