Betrachtungen zur Wahrnehmung von Kriminalität
Auf X wird mir ein Video mit „Jagdszenen“ in Großbritannien angezeigt: „Jugendliche prügeln im Rudel auf ein einzelnes Mädchen ein.“ Der deutsche Poster schreibt dazu: „Ein Hoch auf die wunderbare Willkommenskultur und den sozialen Frieden, den man uns versprochen hat! Diese Früchte der Bereicherung schmecken von Tag zu Tag bitterer.“
Ich kann die Verhältnisse in Großbritannien nicht einschätzen. Und ich verstehe nicht, wieso das, was in dem Video, das ich mir nicht angesehen habe, dem widersprechen kann, was man „uns“, also hierzulande, „versprochen hat“.
In den Sozialen Netzwerken werden mir täglich Aufnahmen krimineller Vorgänge angeboten, die von den Verbreitern als Indiz dafür gemeint sind, dass „früher alles besser war“ oder der Zuzug von Ausländern schuld an den gezeigten Vorkommnissen sei.
Ganz gewiss war es früher anders. Von dem vergleichsweise marginalen Geschehen in Großbritannien, das in dem Video dokumentiert wird, hätte ich vor 15 oder 20 Jahren nichts erfahren. Etliches anderes, das hierzulande passiert, wäre früher nicht einmal in der Lokalzeitung berichtet worden. Schon gar nicht hätte es Videos davon gegeben.
Ich habe zehn Jahre als Polizei- und Gerichtsreporter gearbeitet, zu einer Zeit, als die Polizei keine Website hatte, durch die sie die Medien mit Meldungen versorgte, und das Gericht keinen Pressesprecher, der den Journalisten vorsagte, was sie über Prozesse zu schreiben hatte, bei denen diese, obzwar sie öffentlich stattfinden, nicht zugegen waren. Um kompetent über Kriminalität zu berichten, musste ich damals die Schauplätze selbst aufsuchen, mit mehreren Leuten reden oder viel Zeit in Gerichtssälen verbringen.
Insofern ich der einzige Journalist im Berichtsgebiet war, der nicht nur die „großen“ Prozesse am Landgericht aufsuchte, sondern auch mitunter mehrmals in der Woche die Verhandlungen von Alltagskriminalität am Amtsgericht, verfügte ich außerhalb von Polizei und Justiz über exklusive Einblicke in das kriminelle Geschehen. Meine Notizen waren die einzigen einschlägigen Veröffentlichungen. So gut wie nie entstanden Videos der Ereignisse. Die Sozialen Netzwerke waren zwar bereits im Entstehen, aber noch verfügte nicht jeder Zeuge eines Geschehens über ein Smartphone, um ein Video aufzunehmen, und einen Account, um es in die Welt zu setzen.
Mein Wissen über aktuelle kriminelle Ereignisse, das ich durch Gespräche oder im Gerichtssaal erhielt, wurde ergänzt und erweitert durch Recherchen über historische Kriminalfälle und das Studium der einschlägigen Literatur. Ich war ein Verbrechensversteher. Und zu dem meisten, was schon damals auf der Straße über Kriminalität erzählt wurde, konnte ich nur den Kopf schütteln. Die vermeintlichen Kenntnisse, mit denen ich konfrontiert wurde, beruhten weit überwiegend auf dem, was in TV-Serien und Kino-Filmen anhand der Fantasie von Drehbuchautoren über Kriminalität verbreitet wurde. True-Crime-Podcasts gab es noch gar nicht, und diese werden heute oft anhand unzulänglicher Quellen erstellt von Leuten, die noch nie einem Verbrecher persönlich begegnet sind.
Vieles, das heute durch Videos große Aufmerksamkeit erhält und als besonders empfunden wird, ist es nicht. Es gab dergleichen auch schon früher, aber nur die wenigsten bekamen es mit. Und wer überhaupt davon erfuhr, wusste gerade einmal das, was ein einziger Zeuge der Tat erzählt hatte, beziehungsweise das, was jemand, der dessen Erzählung gehört hatte, davon weiter verbreitete. Im Gericht, wo die Tat womöglich stundenlang aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet und Stück für Stück ausgeforscht wurde, war meist niemand – außer mir, der davon in wenigen Zeitungszeilen Zeugnis ablegte.
Vorfälle, die heute per Video in den Sozialen Netzwerken Zehn- oder Hunderttausende erreichen, vergingen nahezu unbemerkt und wurden überhaupt nicht dem Bestand dessen zugerechnet, was als Realität anzusehen wäre. Über Kriminalität konnte ehedem jeder irgendetwas behaupten, ohne Belege dafür anzuführen. Heute könnte er zwar auf ein Video verweisen. Aber die daran geknüpfte Behauptung, wonach es so etwas früher nicht gegeben habe, beruht allein darauf, dass es von früher keine Videos gibt.
Die Kriterien für Kriminalitätsstatistiken werden aus politischen Motiven immer wieder geändert, so dass auch sie kein verlässlicher Maßstab sind. Eines kann ich aus meiner Erfahrung betonen: Verbrechen haben mit den sozialen Verhältnissen zu tun, in denen sich die Verbrecher befinden. In der von den beiden ehemaligen SS-Männern Herbert Reinecker als Drehbuchautor und Horst Tappert als Hauptdarsteller geschaffenen TV-Serie „Derrick“ ist der Schauplatz der Verbrechen bevorzugt ein gehobenes Milieu. In der Wirklichkeit ist der Tatort eines Mordes kaum je eine Villa, sondern vielmehr der Wohnblock im „sozialen Brennpunkt“. In den besseren Vierteln finden allenfalls Einbrüche statt oder sie sind der Aktionsraum von Hochstaplern und Betrügern. Aber auch bei Eigentumsdelikten ist bemerkenswert, dass zum Opfer oft Leute werden, bei denen keine horrende Beute zu erwarten gewesen war.
Die Täter jedenfalls sind weit überwiegend Personen aus den unteren sozialen Schichten. Wenn die Statistiken ausweisen, dass bei der Kriminalitätsrate Menschen mit Migrationshintergrund einen höheren Anteil haben als es ihrer Verteilung in der Gesamtbevölkerung entspricht, ist das die Erklärung: Migranten gehören häufiger der Unterschicht an. Aus welcher Weltgegend sie stammen oder welche kulturellen Prägungen sie mitbringen mag außerdem eine Rolle spielen. Ein wesentlicher Faktor dafür, dass sie straffällig werden, ist jedenfalls, dass sie sozial abgehängt sind. Das teilen sie mit anderen, bio-deutschen Straftätern, denen man ebenso häufiger in den Gerichtssälen begegnen kann als gut situierten Bürgern.
Als ich Ende der 1990er-Jahre begann, regelmäßig Prozesse zu beobachten, gab es eine Tätergruppe, die inzwischen völlig vom publizistischen Schirm verschwunden ist: Deutsch-Russen, Russlanddeutsche oder Spätaussiedler (über die politisch korrekte Bezeichnung gab es Unstimmigkeiten). Ich entsinne mich eines jungen Mannes, der vor Gericht ausdrücklich erklärte, er sei von seinen Eltern geradezu gezwungen worden, seine Heimat zu verlassen und habe nie wirklich in Deutschland ankommen wollen. Mir schien das eine plausible Begründung dafür, warum er bereits als Jugendlicher mit Polizei und Justiz zu tun bekam.
Als ich, angeregt durch die Häufung von Tätern aus dieser Bevölkerungsgruppe, mit Recherchen über das Milieu begann, musste ich feststellen, dass Aufklärung unerwünscht war. Seitens der Behörden erhielt ich keine Angaben; die Betreffenden wollten nicht mit mir reden. Obwohl sie als deutsch galten und ohne weitere Umstände eingebürgert wurden, sprachen die Älteren oft kein Deutsch. Ich stellte fest, dass es zwei, drei Gegenden gab, in denen sie sich gezielt ansiedelten, um unter sich zu bleiben. Von der Polizei erfuhr ich und konnte eigene Beobachtungen dazu machen, dass die Verfolgung von Straftaten in diesen Wohnvierteln so gut wie unmöglich war. Niemand kooperierte mit der Polizei.
Ähnliche Beobachtungen konnte ich später in anderen migrantischen Milieus machen, zu denen ich freilich leichter Zugang fand. Meine Eintrittskarte bestand stets darin, dass man mich aus dem Gerichtssaal kannte. Für viele der Männer in ihren 20ern war ich der einzige ältere Bio-Deutsche, mit dem sie überhaupt näheren Umgang hatten. Sie blieben nicht unter sich, weil sie es wollten, sondern weil ihr sozialer und kultureller Status dies mit sich brachte. Die inzwischen sowohl viel gerühmte wie geschämte „Willkommenskultur“ gab es noch nicht. Die Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien oder dem Libanon erfuhren vor allem Ablehnung und Ausgrenzung. Die Begeisterung für Zuwanderung setzte erst ein, als ab 2015 massenhaft Syrer und Afghanen ins Land kamen.
Ein Satz blieb bei mir hängen: „Das sind keine Menschen“, sagte mir ein längst eingebürgerter im Libanon Geborener über die neu eintreffenden Syrer. Dass Hass auf Juden im arabischen Raum als normal galt, war mit bereits klar. Welche weiteren Verwerfungen es zwischen denen gab, die in der Politik und von den Medien pauschal als Migranten angesehen werden und ob der Vielfalt, mit denen sie das Land bereichern würden, beklatscht werden, war mir nicht klar gewesen. Ich lernte, dass die deutschen Sinti die rumänischen Roma verachten oder sogar hassen, und dass die relevanteste Clan-Kriminalität in meiner Nachbarschaft nicht arabische sondern bulgarische Familien betraf.
Solche Feinheiten finden in den öffentlichen Debatten keinen Niederschlag. Es wird wie in den Hochzeiten des Neonazismus in den 1990ern pauschal von „Ausländerkriminalität“ geredet oder es wird grundsätzlich abgewiegelt, einen Zusammenhang zwischen Migration und Verbrechen herzustellen. Offenbar ist ein genaueres Hinsehen unerwünscht. Sozialarbeiter, Polizisten, Staatsanwälte und Richter verfügen in der Regel über Einblicke. Bis in den Journalismus dringen diese selten vor. In den Medien werden politische Agenden nach Maßgabe von Haltung und Gesinnung abgearbeitet, die meist weit entfernt von der Wirklichkeit sind. Und dem entspricht, was in den Sozialen Netzwerken kursiert. So dass ein Video aus Großbritannien zum Beleg für deutsche Verhältnisse herangezogen werden kann.

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