Fritz Trautwein baute in die Höhe und in der Tiefe
Zwei Superlative verbinden sich mit Fritz Trautwein. Einer hat nach wie vor Bestand: das höchste Gebäude der Stadt. Der Fernsehturm, benannt nach dem in Hamburg geborenen Physiker Heinrich Hertz, beherrscht mit 279,2 Metern die Skyline. Das nächsthöchste Objekt, die Ruine von St. Nikolai ist 132 Meter kleiner, und auch der Elbtower wäre niedriger geworden.
Mit 21 Etagen auf 43 Metern erhob sich 1969 das höchste Wohnhaus in der Siedlung Osdorfer Born. Den Rang lief ihm vier Jahre nach der Einweihung mit 101 Metern einer der drei Mundsburg-Türme ab. Gemeinsam ist beiden Schöpfungen Trautweins, dass sie einen Spitznamen haben: „Telemichel“ und „Affenfelsen“.
Im 1920 nach Berlin eingemeindeten Charlottenburg wurde Fritz Gustav Trautwein am 19. März 1911 geboren. Sein Vater, ein Arzt, kam schon im ersten Jahr des Weltkrieges um. Die Mutter wurde von Verwandten in Bayern und Holland unterstützt, wo Fritz zeitweise wohnte. Sie selbst hatte in Paris Malerei studiert und begünstigte die künstlerischen Neigungen des Sohnes.
Er schloss sein Architektur-Studium 1936 ab. Die berufliche Laufbahn begann er als Bauleiter bei der Wehrkreisverwaltung in Hamburg und setzte sie fort in den Heeresbauämtern Bremen, Verden und Wien. Danach war er bei einem Augsburger Architekten weiter mit Militärbauten beschäftigt.
Von Geburt an war sein rechter Arm verkürzt; Trautwein zeichnete mit der linken Hand. Durch diese Behinderung entging er zwar der Einberufung zur Wehrmacht, geriet aber in das Visier der Behörden, die ihn „zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zwangsweise sterilisieren wollten. Während das Erbgesundheitsgericht in München 1942 seinen Fall verhandelte, hielt er sich in Bulgarien auf. Erstaunlicherweise gewann Trautwein den Prozess.
Anfang 1943 kehrte er nach Deutschland zurück und heiratete. Er arbeitete in Egon Eiermanns Büro, das sich in den Beelitz-Heilstätten südwestlich von Berlin befand. Eiermann war dort für einen Neubau engagiert, und das Gebiet versprach Schutz vor Bombenangriffen. Als die sowjetische Armee im Frühjahr 1945 anrückte floh Trautwein mit seiner Frau in ihre Heimatstadt Hamburg.

Sieben Architekten erschienen der britischen Armee als hinreichend unbelastet durch den Nationalsozialismus, um 1946 damit betraut zu werden, Arbeits- und Wohnraum für die geplante Hauptstadt der Besatzungszone zu schaffen. Neben Trautwein gehörten dazu Bernhard Hermkes (bei uns 2/2023) und Ferdinand Streb (bei uns 4/2024). Großbritannien und die USA bildeten schließlich einen gemeinsamen Verwaltungsbezirk mit Sitz in Frankfurt am Main.
Der Hamburger Senat setzte das Siedlungsprojekt fort. So entstand bis 1956 zwischen Oberstraße, Grindelberg, Hallerstraße und Brahmsallee die erste Hochhaus-Wohnanlage Deutschlands. Die 12 Blocks waren mit Zentralheizung, fließendem Warmwasser, Müllschluckern und Fahrstühlen für damalige Verhältnisse luxuriös ausgestattet. Apartments in den Grindelhochhäusern, im Volksmund „Klein Manhattan“ genannt, waren sehr begehrt.
In Eidelstedt errichtete Trautwein 1951 bis 1953 die Lohkampsiedlung. Der Ruder-Club „Favorite Hammonia“ ließ ihn 1952 sein zerbombtes Bootshaus an der Außenalster neu bauen. Von 30. April bis 11. Oktober 1953 fand in Planten un Blomen die Internationale Gartenbauausstellung statt. Trautweins Beitrag war ein 23 Meter hoher „Eternit-Baum“ aus Schalen mit Geranien und Petunien, der nach dem Ende der Schau demontiert wurde.
„Eternit“ ist der Markenname für einen Baustoff aus Zement, Wasser, Luft und Fasern. Seinerzeit waren die Fasern das gesundheitsschädliche Asbest. Dessen Herstellung und Verwendung ist seit dem 1. Januar 1993 verboten. Das sollte Auswirkungen auf den „Telemichel“ haben.
Trautweins Geltung zeigte sich 1956, als er die Professur für Architektur an der Hochschule für bildende Künste übernahm. Ab 1955 wurde das U-Bahn-Netz erweitert. Trautwein war wie Friedhelm Grundmann (bei uns 3/23) einer der Architekten, die elf neue Haltestellen gestalteten. Jede sollte einen eigenen Charakter haben, den ein Werk aus dem Programm der „Kunst am Bau“ unterstrich.

Die Architektin und Autorin Sabine Kock beklagt, dass „die Stationen heute nicht sensibel erhalten oder denkmalgerecht saniert“ werden. Trautwein habe „die Möglichkeiten von Farbe, Fläche, Punkt und Linie konsequent durchgespielt und bis ins Detail ausgearbeitet“, schreibt sie. Renovierungen haben vieles vernichtet.

Trautwein war von 1961 bis 1975 verantwortlich für die Bahnhöfe Lohmühlenstraße, Wandsbeker Chaussee, Alter Teichweg und Burgstraße sowie den Knotenpunkt Jungfernstieg. Bereits 1959/60 versah er gemeinsam mit Hans L. M. Loop den Eingang zur U- und S-Bahn an den Landungsbrücken mit Kupferdach und Treppen.

Trautweins unterirdische Bauten sind vielen Hamburgern so vertraut wie sie sein Hauptwerk von etlichen Stellen der Stadt aus sehen können. Erste Planungen für einen Fernmeldeturm datieren auf 1958. Zwei Jahre vorher hatte der Ingenieur Fritz Leonhardt in Stuttgart den ersten Spannbetonturm der Welt fertig gestellt und sollte auch den Hamburger „Telespargel“ übernehmen.
Proteste aus der Architektenschaft gegen die „langweilige Betonröhre“ führten zur Ausschreibung eines Wettbewerbs, den ein Entwurf von Trautwein und Rafael Behn gewann. Leonhardt konstruierte den 204 Meter hohen Stahlbetonteil als Sockel für das Antennengerüst, Adolf Böhringer besorgte das Design des Restaurants in 127 bis 132 Metern Höhe, das sich in einer Stunde um die eigene Achse drehte. Baubeginn war im April 1965.
Besucher konnten die Aussichtsplattform zwischen 124 und 128 Metern ab dem 12. April 1968 betreten, die feierliche Eröffnung war am 1. Mai. Anfang der 1980er-Jahre wurde die „Betonnadel“ weiß: Der Anstrich soll die Bausubstanz vor der Luftverschmutzung schützen. Zum 1. Januar 2001 erfolgte die Schließung von Aussichtsplattform und Restaurant, bei denen für den Brandschutz Spritzasbest eingesetzt worden war.

Im Winter 2004/05 platzten infolge der Korrosion des Stahls kleinere Betonstücke ab und stürzten aus 160 Metern in die Tiefe. Ob und wann der Turm wieder für die Öffentlichkeit zugänglich wird, ist ungewiss. Ausstehende Sanierungen sollen frühestens 2028 beginnen, die Neueröffnung wäre dann 2031.
Fritz Trautwein tat sich 1967 mit Gustav Burmester und Egon Pauen zusammen, um die Aufträge zu bewältigen, darunter Verlagsgebäude für Rowohlt in Reinbek (1968–70), die Erweiterung der Hochschule für Musik und Theater im Stadtteil Rothenbaum (1969–82) und zuletzt das Hochhaus im Ensemble am Osdorfer Born. Die isolierte Lage dieser „Stadt im Grünen“ trug dazu bei, dass sie sich zum sozialen Brennpunkt entwickelte. Das Vorhaben einer S-Bahn-Anbindung wurde 2025 gestrichen. Die neue U-Bahn-Linie 5 wird das Areal nicht vor 2040 erreichen.
Angeblich befremdet von den Studentenunruhen legte Trautwein 1973 sein Lehramt an der Hochschule vorzeitig nieder. Die Arbeit im Architekturbüro erledigten ab 1977 vornehmlich seine Partner Manfred Rieck und Kurt Spohr. Nach einem Schlaganfall starb Trautwein am 4. April 1993 im Alter von 82 Jahren.
(→ bei uns, Zeitschrift der Hamburger Lehrerbau-Genossenschaft, Sommer 2026)
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